Wie erzählt man die Geschichte eine Galopprennbahn? Möglichst lebendig, anschaulich, menschlich? So, dass deutlich wird, dass in der 162jährigen Geschichte der Galopprennbahn im Scheibenholz lauter menschliche (und tierische) Schicksale stecken? Das geht natürlich – mit Phantasie und Lust am Erzählen. Und im Präsidium hat ja der Leipziger Rennclub einen, für den das Erzählen Profession ist: den Schriftsteller Clemens Meyer. Er hat sich auch noch zwei Mit-Erzähler gesucht. Und auf ging es.
Wahrscheinlich sogar schon 2017, als die Rennbahn Scheibenholz 150jähriges Jubiläum feiern konnte. Denn sie wurde dort 1867 eröffnet, vier Jahre nach der Anlage einer ersten Rennbahn in den Postwiesen in Schönau. Die hatte damals Carl Heine direkt an den 1863 gegründeten Rennclub verpachtet. Aber sie waren zu trocken und zu hart. Auch wenn das gut betuchte Leipziger Publikum in Scharen hinausströmte zu den Renntagen, mit denen sich Leipzig unter den konkurrierenden Städten Deutschlands positionieren wollte. Eine Konkurrenz. Die gleich die ersten Beiträge in diesem Buch als Motiv durchzieht, mit denen Corinna Schulze, Clemens Meyer und Enrico H. Ruge die ganze Geschichte als stimmungsvolle Geschichten erzählen.
Angefangen mit Ottomar Spangenberg und Wilhelm Seyfferth, die die ersten Jahre des Rennclubs prägten. Der eine schwer traumatisiert durch ein Eisenbahnunglück auf dem Dresdner Bahnhof in Leipzig, der andere selbst begeisterter Eisenbahn-Pionier und Mitfinanzierer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn. Aber eins teilten beide: die Begeisterung für den Pferderennsport, der damals aus England und Frankreich auch nach Deutschland schwappte. Kaum eine Stadt, die nicht ihre eigene Rennbahn haben wollte. Aber kaum eine hatte ihre Rennbahn so schön city-nah und im Grünen.
Ein Ort der entfesselten Leidenschaften
Ein Ort für gewaltige Emotionen. Ob nun für die Pferdebesitzer, die Jockeys oder das Publikum, das schon bald das zusätzliche Vergnügen hatte, auf die Siegerpferde zu wetten. Weshalb sich einige der Geschichten ganz auf Spiellust und Totalisator konzentrieren. Freilich auch auf die negativen Folgen. Denn es gab auch in Leipzig die Typen, die mit der Wettfreude anderer Leute glaubten, ordentlich Reibach machen zu können.
Menschliche Leidenschaften – ein Stoff für die Ewigkeit. Selbst der Totalisator selbst erzählt, der scheinbar so demokratisch alle Chancen mathematisch sauber verteilte. Und dennoch nur die Hoffnungen der Leute kanalisierte, die glaubten, mit dem richtigen Einsatz auf das richtige Pferd noch an diesem Tag mit einem fetten Gewinn nach Hause gehen zu können.
Dass das freilich all die Zeit unberechenbar war und blieb, auch das erzählen die drei. Denn mit Gewicht wurden die Fähigkeiten der Pferde ausgeglichen, werden sie bis heute. Ein bekannter Name als Jockey und ein sieggewohntes Pferd waren keine Garantie dafür, dass das Pferd tatsächlich als Sieger durchs Ziel ging.
Menschliche Schicksale
Aber geht es nur um dunkle Leidenschaften? Nicht wirklich. Zur Geschichte der Rennbahn im Scheibenholz gibt es einen Berg von Bildern und Fotografien, die geradezu herausfordern, die Geschichten dahinter zu erzählen. Ob es die Geschichte eines Gewinners ist, der sein Geld dann in die Entwicklung eines neuartigen Luftschiffs steckt, sei es das Leben eines Jockeys, der in Leipzig zur Legende wurde (und zu einer Erzählfigur bei Clemens Meyer), der es aber nie in die Riege der wirklich erfolgreichen Jockeys schaffte.
Dafür gibt es jede Menge Blicke hinter die Kulissen, in die Wettbüros, die Stallungen, die Gastwirtschaften. Denn die Leipziger strömten ja nicht Wochenende für Wochenende nur auf die Rennbahn, um ihre sauer verdienten Groschen zu verwetten. Sie wollten auch was erleben. Und sich zeigen. Und irgendwann gab es dann auch die ersten Modenschauen, so dass auch ein Model erzählen kann, wie das so war, zwischen den Pferderennen auf den Laufsteg zu klettern .
Und selbst die Stasi bekommt am Ende eine Geschichte, in der dann auch das Wettfieber zum Aufhänger wird, da Menschen nun einmal über ihre Leidenschaften verführbar und erpressbar werden. Beinah erwischt es auch einen Pferdetrainer, der irgendwie in den 1950er Jahren mit Pferdefleisch dealte, aber für die Leipziger Polizei eine Nummer zu clever war.
Eine Rennbahn fürs Auge
Für die Leser wird das Buch so ein Blick in eine Welt, wie man sie nur erlebt, wenn man tatsächlich Teil dieses Kosmos ist. Wenn man die handelnden Akteure kennt und die vielen Legenden, die sich über einstige Berühmtheiten erzählt werden. So blättert sich eine Reihe von Geschichten auf, die das Phänomen Pferderennen emotional erfahrbar machen. Und weil auch das Auge Vergnügen haben möchte, ist das Buch nicht nur mit lauter Fotos gespickt, die die geschilderten Ereignisse bebildern. Für jedes Kapitel hat der Künstler Hans Aichinger auch eine Aufmacher-Illustration geschaffen, ein bisschen surreal, ein wenig mit Hintersinn. Denn wenn es schon um Leidenschaften geht, dann gehören sie auch ins Bild.
Und weil man so schön im Fluss ist, gibt es zum Abschluss noch einen schönen Bildteil für alle, die eintauchen wollen in die Geschichte der Rennbahn und auch die Höhen und Tiefen, von denen der Rennclub nach 1990 nicht verschont blieb. Aber immer wieder fanden sich Leipziger, die ihr Herzblut in die Galopprennbahn und den Weiterbetrieb investierten. Damit auch diese Faszination erhalten blieb, wenn mal wieder ein Renntag das aufgeregte Publikum ins Scheibenholz zieht.
Corinna Schulze, Clemens Meyer, Enrico H. Ruge „Renntag in Leipzig“, Passage-Verlag, Leipzig 2026, 28 Euro
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