Es gibt Bücher, die tatsächlich erst viele Jahre nach dem Tod ihres Autors erscheinen. Aber selbst in dieser Beziehung ist diese Unternehmensgeschichte aus dem Jahr 1870 etwas Besonderes, denn tatsächlich lag sie schon in gedruckten Stapeln vor, hätte also nur noch gebunden und ausgeliefert werden müssen. Und dann geschah genau das nicht. Die gedruckten Papierstapel wurden makuliert. Und lange galt dieses Buch als ein Geist im Kosmos der verschwundenen Bücher. Hätten da nicht doch zwei gebundene Exemplare, versteckt in Bibliotheken überlebt.
Und auch wenn Verleger Mark Lehmstedt ganz und gar aus der Perspektive des Buchwissenschaftlers auf dieses Fleißwerk schaut, ist die Arbeit von August Potthast mehr als nur die Geschichte einer Buchdruckerdynastie. Obwohl schon das in dieser Opulenz etwas Seltenes ist. Auch August Potthast, der seit 1862 als Bibliothekar an der Königlichen Bibliothek in Berlin arbeitete, hatte sich nicht träumen lassen, dass ihn dieses Buch viele Jahre beschäftigen würde.
Eigentlich wollte er nur ein Buch zum großen Firmenjubiläum der Deckerschen Hofbuchdruckerei schreiben – oder genauer: zur Ernennung Georg Jacob Deckers zum königlich-preußischen Hofbuchdrucker im Jahr 1763.
Das war der Urgroßvater von Rudolf von Decker, der die Druckerei zu Potthasts Zeit in dritter Generation führte. Erfolgreich. Was für eine Berliner Druckerei im 18. Jahrhundert nicht ganz selbstverständlich war. Worauf Mark Lehmstedt im Nachwort recht ausführlich zu sprechen kommt.
Denn dass der Großvater in Berlin Fuß fassen und zum Hofbuchdrucker werden konnte, hat auch mit der Qualität zu tun, die er als Sprössling einer erfolgreichen Baseler Verlegerfamilie mitbrachte an die Spree. Und Potthast ließ es sich nicht nehmen, die große Verlegergeschichte von Anfang an zu erzählen.
Eine richtige Verlegerdynastie
Man merkt schnell, wie in diesem fleißigen Bibliothekar die Begeisterung wuchs, weil er auch das Deckersche Verlagsarchiv nutzen konnte. Und da wird eben nicht nur sichtbar, wie Georg Jacob Decker aus einer kleinen heruntergewirtschafteten Berliner Druckerei mit Fleiß und Sachkenntnis ein Unternehmen machte, das schon bald den Neid der Berliner Kollegen hervorrief.
Erst recht, als Decker sich mit emsigem Vorsprechen beim König – und das war immerhin Friedrich II. – letztlich den begehrten Hofbuchdrucker-Titel sicherte. Was eben auch bedeutete, dass er fortan ein Monopol auf alle amtlichen Schriften der preußischen Staatsregierung hatte.
Was übrigens auch dazu führte, dass nach dem Tod des Enkels Rudolf von Decker im Jahr 1877 das Deutsche Reich die Deckersche Hofbuchdruckerei kaufte, mit der königlich preußischen Staatsdruckerei zusammenlegte und zur Deutschen Reichsdruckerei machte. Wovon Potthast natürlich nicht mehr erzählt. Sein Buch endet in den 1860er Jahren, blieb Fragment.
Und bietet trotzdem einen selten umfassenden Einblick in die Höhen und Tiefen eines Druckereibetriebes, der eben nicht nur amtliche Schriften verlegte, sondern immer wieder auch – naja – Belletristisches. So wie die gesammelten Schriften Friedrich II., der zwar von der deutschen Literatur so gar nichts hielt, selbst aber nur zu gern zur Feder griff.
Was freilich für ein zeitnahes Verlegen seiner gesammelten Schriften, wie es Georg Jacob Decker kurz nach Friedrichs Tod im Jahr 1786 begann, nicht sonderlich förderlich war. Denn Friedrich schrieb zumeist auf Französisch.
Und wenn er mal auf Deutsch schrieb, war der Text vor lauter Rechtschreibfehlern kaum lesbar. Entsprechend harsche Kritiken erntete diese erste, 25-bändige Gesamtausgabe. Anders war es dann beim 30-bändigen Pracht-Projekt, das dann Deckers Enkel auf die Beine stellte. Stolz vor allem auf die hohe typografische Qualität seiner Druckerei.
Eine Staats-Zeitung in der 1848er Revolution
Aber nicht nur die Innovationsfreude der Deckers hat Potthast begeistert, der wohl unter etwas litt, was Forscher, die sich in ein Thema vertiefen, nur zu gut kennen. Denn ab 1841 erschien auch die „Allgemeine Preußische Staatszeitung“ in der Deckerschen Hofbuchdruckerei. 1848 wurde daraus der „Preußische Staats-Anzeiger“.
Und auch wenn das Blatt vor allem staatliche Verlautbarungen druckte, war es eine der Zeitungen, die den Berliner Zeitungsmarkt in dieser Zeit prägten. Und so lässt sich Potthast am Ende nicht nehmen, auch noch die ganze Berliner Zeitungsgeschichte zu erzählen.
Ein Thema, das nicht ganz unwichtig war, denn zu dieser Zeit fluteten immer neue Zeitungstitel den Markt, wurde die Zeitung zum zentralen Debattenmedium der Politik, die seit dem Jahr 1848 aufgehört hatte, eine simple Staatsangelegenheit zu sein.
Und der Leser wird auch ein wenig überrascht sein, mit welcher Ausführlichkeit Potthast auf die Ereignisse im Jahr 1848 einging, als auch die Buchdruckergesellen in Berlin sich der Revolution anschlossen und ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen auf den Tisch packten.
Potthast schildert die Ereignisse aus der Perspektive der Druckereiinhaber, die tatsächlich ernsthaft mit ihren Gesellen über bessere Konditionen verhandeln mussten. Immerhin stand die ganze Zeit im Raum auch die durchaus berechtigte Drohung, dass in Berlin überhaupt nichts mehr gedruckt werden würde.
Auch keine königlichen Verlautbarungen mehr, Plakate und Aufrufe, die im heißen März 1848 eine ganz zentrale Rolle spielten. Sogar den Einsatz des jungen Rudolf Decker schildert Potthast, der selbst mit zupacken musste, als eine solche königliche Verlautbarung dringend gedruckt werden musste, aber nur zwei Setzer für den Einsatz gefunden werden konnten.
Eine Druckerei in den Wirbeln der Geschichte
So kommt – ganz unverhofft – pralle Zeitgeschichte in ein Buch, das scheinbar nur von der 100-jährigen Existenz einer preußischen Hofbuchdruckerei und dem Leben und Wirken dreier engagierter Verleger erzählt. Aber schon in den krisenhaften Zeiten während der französischen Besatzung ab 1806 wird deutlich, wie schnell selbst eine Hofbuchdruckerei in die Wirbel der Geschichte geraten konnte.
Wie selbst das windige Treiben eines Partners, der die eigentlich funktionierende Baseler Dependance leitete, ein Unternehmen wie das Deckersche in die Krise treiben konnte, das erzählt Potthast in den vorhergehenden Kapiteln ebenfalls ausführlich. Das Material dazu dürfte er in den bereitwillig bereitgestellten Unterlagen des Verlages selbst gefunden haben. Und das war so umfangreiches Material, dass an eine Fertigstellung des Buches im Jubiläumsjahr 1863 gar nicht zu denken war.
Vielleicht gingen mit Potthast am Ende auch die Pferde durch, als er den „Staats-Anzeiger“ einfach mal zum Anlass nahm, jetzt auch noch die ganze Berliner Zeitungsgeschichte zu erzählen. Wer weiß das schon? Die schon gedruckten Kapitel wanderten jedenfalls erst mal auf den Boden und wurden später makuliert. Die Existenz des Buches wurde zu einem Gerücht, das die Buchwissenschaft über 100 Jahre beschäftigte.
Ein Verlag und seine Autoren
Nun ist das Buch doch noch gedruckt worden, gespickt mit Quellenhinweisen und Anmerkungen und einem ordentlichen Personenregister. Und mit Mark Lehmstedts Hinweis, dass es im Deckerschen Nachlass noch viel mehr zu entdecken gibt.
Etwa die Briefwechsel mit Autoren des Verlages wie dem Dichter Gottlob Wilhelm Burmann, der geradezu symptomatisch für jene armen Autoren steht, die mit einer geradezu fließbandartigen Textproduktion irgendwie versuchten, von der Schriftstellerei zu leben. Da musste sein Verleger immer wieder mit einigen Talern Unterstützung helfen.
Aber wo findet man aus dieser Zeit schon mal solche tiefen Einblicke in das Verleger-Autoren-Verhältnis? Oder das der Verleger zu den Kritikern? Auch dafür gibt es im Deckerschen Nachlass Belege, die wiederum Potthast nicht ausgewertet hat. Vielleicht, weil ihm die großen historischen Ereignisse erzählenswerter erschienen. Wen kümmern denn diese privaten Geschäftsbeziehungen? Naja: Wohl nicht nur Mark Lehmstedt, der als Verleger selbst weiß, wie wichtig diese persönlichen Arbeitsbeziehungen sind. Und manchmal auch: wie aufregend. Selbst dann, wenn den Autoren – wie Burmann – kein großer Nachruhm beschieden war.
Aber gerade dadurch wird sein Beispiel exemplarisch, merkt Lehmstedt an. Denn auf einmal bekommt man einen sehr persönlichen Einblick in die Autorenwelt der Aufklärung. Denn heute werden eigentlich nur die Berühmten zitiert. Aber was ist mit den 5.000 anderen, die – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg – den damaligen Buchmarkt bedienten?
Aber diese Forschungen im Bestand des Deckerschen Nachlasses müssen nun andere leisten. Sofern sie die Zeit und die entsprechende Förderung für ihre Projekte bekommen. Die große Geschichte der Deckerschen Hofbuchdruckerei aus der Feder August Potthasts jedenfalls liegt jetzt gedruckt vor, Lesestoff für jeden, für den die Geschichte von Büchern, Verlegern und Druckern nicht langweilig erscheint.
Schon gar nicht, wenn immer wieder auch die große Weltgeschichte hineinfunkt und der Autor voller Lust auch diese Ereignisse beschreibt. Aus einer bislang ungewohnten Perspektive. Was wäre aus der 1848er Revolution geworden, wenn die Drucker tatsächlich alle die Arbeit verweigert hätten? Wer hätte dann die Proklamationen des Königs gesetzt und gedruckt? Eine schöne Frage, die so manchen Historiker interessieren dürfte.
August Potthast Die Deckersche Hofbuchdruckerei in Berlin 1751-1850 Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 64 Euro
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