11.9 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Fremdheit zwischen Ost und West: Arne Born erkundet die „Wende“-Literatur von 1989 bis 2000

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Da nähert sich unaufhaltsam der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution, ein Jahr später kommt der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Zeit, mal Bilanz zu ziehen, dachte sich der Literaturwissenschaftler Arne Born. Denn augenscheinlich diskutiert die Republik noch immer über die Spaltung zwischen Ost und West. Als schrieben wir immer noch das Jahr 2000, als wir alle noch hofften, die Spaltung würde irgendwann verwachsen.

    Ist sie aber nicht. Und deshalb passiert etwas Sonderbares, wenn Arne Born die 74 wichtigsten Bücher, Dramen, Großgedichte zur Deutschen Einheit, die zwischen 1989 und 2000 erschienen, noch einmal liest. Eine Mammutaufgabe. Sind das wirklich alle, fragt man sich beiläufig. War da nicht mehr? Gut möglich, dass es noch mehr gab. Das Beispiel des (westdeutschen) Autors Jan Groh, dessen Roman „Colón“ Born fast zum Schluss zusammen mit Ingo Schulzes „Simple Storys“ und Bernd Wagners „Paradies“ bespricht, zeigt, dass es auch starke „Wende“-Romane oft genug schwer hatten, einen namhaften Verlag zu finden.

    Und es war zwischen 1990 und 2000 nicht anders als heute: Wer sein Buch nicht in einem namhaften Verlag unterbringen konnte, bekam auch kaum ein Fünkchen Aufmerksamkeit in den Medien, Buchpreise schon gar nicht. Und damit auch kaum eine Kritik in einer Zeitung. Und wo das große Feuilleton nicht anspringt, gibt es auch keine Leserneugier.

    Da ist es schon beinah verblüffend, dass die meisten der von Born gewürdigten Autoren und Autorinnen aus dem Osten kommen. Gefolgt von ostdeutschen Autoren, die in den Westen gingen.

    Dass die Verteilung so ist, wird nach und nach klar, denn das sind die beiden Autorengruppen, für die das Ende der DDR, die „Wende“ und die Deutsche Einheit elementar waren. Es berührte ihr Leben, ihre Weltsicht und das Bedürfnis, sich unter völlig veränderten Verhältnissen neu zu verorten und zu befragen. Oder zu rechtfertigen. Was nicht jedem gelang. Oder aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers nicht gelang, der nun versucht, diese ganz spezielle Literatur irgendwie auf einen Nenner zu bringen. Und nur anfangs ist er überrascht, dass das augenscheinlich das Thema Fremdheit ist.

    Genau das Thema, das im Jahr 2019 so offenkundig wieder da ist, als wäre gar nichts passiert, als wären diese Ostdeutschen noch immer in ihrem alten Denken verfangen, unfähig, den Schritt in die Demokratie und die Freiheit zu tun. Just die grauen, schwabbeligen Gestalten, die Jan Groh seinen Helden erleben lässt, der noch kurz vor dem Mauerfall in den Osten geht, um eine Dissidentin zu heiraten und damit freizubekommen – und dabei nicht nur die Prenzlauer-Berg-Szene kennenlernt, sondern auch der Stasi in die Fänge gerät.

    Genug Stichworte, um das Buch gleich wieder zuzuschlagen. Man kann’s nicht mehr hören. Kann man es wirklich nicht mehr hören?

    Gerade die drei letzten Romane, die Born bespricht, und die alle rund zehn Jahre nach dem Mauerfall entstanden, sind – vielleicht auch durch die Distanz bedingt – die wohl stärksten Bücher zur Deutschen Einheit. Auch die analytisch stärksten, weil sie nichts mehr rechtfertigen müssen, die drei Autoren schon gar nicht. Sie können sich auf ihr schriftstellerisches Handwerkszeug verlassen und die Held/-innen ihrer Geschichten einfach erleben lassen, was ihnen passiert.

    Gerade Ingo Schulz’ Geschichten in „Simple Storys“ aus dem kleinen thüringischen Altenburg haben ja bekanntlich für Sensation gesorgt, auch weil sie nicht nur auf den prägnanten Erzählstil von Raymond Carver zurückgriffen, sondern weil sie auch die auktoriale Besserwisserei unterließen, sondern den Personen in den 29 Storys all das, was ihnen geschah, wirklich „nur“ passieren ließen.

    So, wie Leben passiert, völlig unsensationell, widersprüchlich, übermächtig und unberechenbar. Was übrigens den Eindruck verstärkt, den auch die Auswahl all der anderen Titel (von Heiner Müller über Fritz Rudolf Fries, Erich Loest, Günter Grass und Monika Maron bis Elke Erb, Wolf Biermann und Kurt Drawert) schon vermittelte: Es gibt nicht den einen gültigen „Wende“-Roman. Und es gibt auch nicht die eine gültige Sichtweise, weder auf den SED-Staat, der im Herbst 1989 so gründlich abgewirtschaftet hatte, noch auf das eigene Verwickeltsein oder die Einschätzung, was der Mauerfall denn nun wirklich bedeutete.

    Und besonders erstaunt natürlich, dass es so wenige Bücher von Westautoren gibt, die sich mit dem Thema beschäftigten. Vielleicht, so lassen auch Borns Analysen der wenigen Vertreter dieser Spezies vermuten, hat das mit einem großen Desinteresse des Westens an der DDR zu tun. Bei Jan Groh wird das wohl sehr bildhaft geschildert, wenn sein Held diesen grauen, tristen Osten erkundet, als würde er irgendein fernes und mythisches Land besuchen, in dem ihm nicht nur die Verhaltensweisen der Eingeborenen fremd sind, sondern auch die Art zu sprechen oder gar das Lebenstempo. Ein Lebenstempo, in dem eben nicht alles vorüberjagt wie im hochtechnisierten Westen, sondern selbst die Sätze der Sprechenden länger sind, die Prenzlauer Dichter unendlich viel Zeit haben zum Reden, und dabei so intensiv im Jetzt leben, dass der Besucher regelrecht fasziniert ist.

    Gerade Wagner und Groh zeigen, dass Fremdheit ihren Grund in Abschottung hat. Was nicht überrascht. Was aber im Moment des großen Einheitsrausches 1990 augenscheinlich völlig unterging, im politischen Blitzlichtgewitter jedenfalls kein Thema mehr war. Es dominierten die Bilder sekttrunkener Menschen aus der Nacht der Maueröffnung. Jetzt wurde wieder eins, was irgendwann mal zusammengehörte. Und es brauchte sichtlich die ganzen frühen 1990er Jahre, dass wenigstens aufmerksame Autor/-innen beschrieben, wie fremd sich die beiden Landesteile tatsächlich in den vergangenen 45 Jahren geworden waren.

    Und das nicht nur, weil die SED den Osten auf ihre Weise geformt und geduckmäusert hatte – wozu ja ab 1990 auch die schmerzliche Erkenntnis vieler ostdeutscher Autoren kam, dass mit dem Fall der DDR auch ihre persönliche Verortung mürbe geworden war. Die Zensur war weg – aber so manches (auch damals emsig diskutierte) Buch kann nicht verleugnen, dass der Autor noch immer den eingebauten Zensor im Kopf hatte. Manche bemühten sich redlich, dagegen anzuschreiben, andere versuchten, ihre lebenslang geübte Haltung auch in das vereinigte Deutschland zu retten.

    Da blieb – gerade bei gestandenen ostdeutschen Autor/-innen – wenig Platz, die tatsächlichen Fremdheiten des neuen Landes zu erkunden, unvoreingenommen beide Teile zu besichtigen. Wobei – das darf auch nicht vergessen werden – das westdeutsch deklinierende Feuilleton auch bestimmte, worüber jetzt diskutiert wurde und welche Bücher von Ostautoren als relevant überhaupt wahrgenommen wurden.

    Das fehlt mir in Borns echter Fleißarbeit wirklich. Denn eine Frage taucht dabei auf: Kann es sein, dass auch der Kanon dessen, was zur „Wende“-Literatur werden konnte, durch die beiden speziellen Sichtweisen der (geschrumpften) ostdeutschen und der (bis heute) dominierenden westdeutschen Medien definiert wurde? Denn dass man „für den Markt“ schreiben musste, das war gerade den jüngeren Autoren im Osten schnell klar. Dass irgendein Namhafter im Feuilleton fordert, jetzt müsse doch endlich jemand den großen „Wende“-Roman schreiben, bedeutet ja noch lange nicht, dass es dafür irgendein Bedürfnis bei den Autoren gibt. Und wenn es das Bedürfnis gibt, dann wird zuweilen etwas völlig anderes daraus und eben kein „Buch zur Deutschen Einheit“, das die Erwartungen erfüllt.

    Und die meisten der von Arne Born analysierten Bücher erfüllen die Erwartungen nicht, sondern thematisieren – im Lauf der 1990er Jahre sogar immer stärker – die unübersehbare Fremdheit zwischen den beiden Landesteilen. In den zuletzt behandelten Romanen dann sehr greifbar anhand recht wirklichkeitsnaher Schilderungen von Personen, bei denen man miterlebt, wie das unterschiedliche Sehen direkt aus unterschiedlichem Erleben kommt.

    Während sich für den Westen tatsächlich so gut wie nichts änderte – und der Osten augenscheinlich genauso fremd blieb, wie er vor dem Mauerfall gewesen war – machten alle Ostdeutschen, egal, ob sie dablieben oder nun auch in den Westen gingen – eine radikale Umwertung und Umkrempelung ihres Lebens durch. Es blieb nichts mehr, wie es war. Jeder musste sich neu orientieren. Die Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der gescheiterten Diktatur kam dann noch obendrauf. Eigentlich verwundert es nicht, dass auch die Romanautoren um 2000 noch sehr anschaulich feststellen konnten, wie fremd sich die Ost- und Westdeutschen noch immer waren.

    Wobei man auch den wichtigen Nebensatz von Arno Born nicht überlesen darf: Den Westdeutschen miteinander ging es nicht anders. Die Nord- und die Süddeutschen sind sich ganz ähnlich fremd, bis in die Mentalität und die Vorurteile hinein. Die Ostdeutschen kehrten 1990 in ein föderales Land zurück, wurden aber als etwas nicht Dazugehörendes behandelt. Als etwas Fremdes, das nun erst einmal beweisen müsste, dass es dazugehören darf. Die Erklärungsmuster vom (westdeutschen) Kolonialismus sind nicht neu. Sie gehörten damals zum Interpretationsrepertoire.

    Wobei in mehreren der analysierten Bücher auch die Tatsache zum Bild wird, dass westdeutsche Besucher den Osten als ein „wie aus der Zeit gefallenes Land“ betrachten. Ihnen kam der grau gewordene Osten wie eine Reise in die grauen 1950er Jahre vor. Und das lag nicht nur an den grauen Fassaden, Himmeln und Gesichtern. Selbst die unterschiedliche Mentalität wird als „veraltet“ interpretiert. Und das hat – so stellt ja Wagner zu Recht fest – mit dem völlig anderen Lebenstempo zu tun. Der Westen hatte ja nicht nur wirtschaftlich beschleunigt, er hatte auch die Art zu leben drastisch beschleunigt. Wobei man wahrscheinlich, wenn man heute ins Jahr 1990 zurückfliegen könnte, denselben Effekt erleben würde.

    Aber es sind eben sensible Autoren, die so etwas merken und aufschreiben. Und zumindest nachempfinden können, was es bedeutet, wenn Menschen aus zwei so unterschiedlichen Welten nun zusammenkommen. Der Osten hat sein Tempo seitdem auch rasant beschleunigt. Aber den Westen holt er nicht ein. Und irgendeinen Unterwegsbahnhof, wo beide mal aus ihren Zügen aussteigen und in der Mitropa ein Bierchen zusammen trinken könnten, gibt es nicht. Wenn der Eilzug aus Frankfurt/Oder in den Bahnhof von Frankfurt/Main einfährt, ist der Westzug schon in Köln oder Stuttgart.

    Nur so als ergänzendes Bild. Denn das bedeutet auch, dass beide Teile logischerweiser aneinander vorbeireden müssen. Man ist nicht nur nicht am gleichen Ort, man steckt auch in unterschiedlichen Tempi und Zeiten fest. Und während die Ostdeutschen im etwas langsameren D-Zug versuchen zu erklären, wie es ihnen geht bei der nun seit 29 Jahren dauernden Aufholjagd, wird vorn im Westzug noch mal Gas gegeben und irgendjemand ruft: Hört auf zu jammern!

    Noch so ein Missverständnis. Das eben auch mit der fehlenden „Wende“-Literatur aus dem Westen zu tun hat: Man hat keinen Nerv für das, was die da im Osten über sich selbst zu sagen hätten. Es interessiert nicht. Ein Effekt, den auch ostdeutsche Verleger kennen, wenn sie im heimeligen Westen mal in eine dortige Buchhandlung gehen. Titel aus ostdeutscher Produktion findet man dort praktisch nicht. Und ostdeutsche Autoren auch nur dann, wenn sie es in die Bestsellerlisten geschafft haben.

    Das heißt auch: Der Diskurs um eine diagnostizierte Fremdheit, wie er in den „Wende“-Büchern der 1990er Jahre nachlesbar ist, ist heute noch genauso aktuell. Nur wird er wahrscheinlich niemals stattfinden, weil wohl auch Borns Analyse stimmt: Es interessiert die meisten Westdeutschen einfach nicht. Nicht mal Mauerfall und Einheitsfeier haben bei ihnen besondere Euphorie ausgelöst. Dass die Ostdeutschen nun wieder dabei waren – na gut, sollten sie mitmachen. Ärmel hochkrempeln und weiter geht’s.

    Nur in den Medien leben die alten Stereotype weiter. Und bei etlichen Leuten, die gern ihre alten Weltbilder bestätigt sehen und – nun gegen neue Fremde – immer wieder reproduzieren.

    Was anklingt, wenn Born gleich in der Einführung begründet, warum „Fremdheit“ für ihn der umfassende Begriff für diese „Wende“-Literatur ist: „Ist Indifferenz so eine Art Nichtreaktion, so zeichnet sich Ausgrenzung durch aktives Abweisen des Fremden aus. Ursache scheint zunächst kognitive Trägheit des Einheimischen zu sein: Sie haben sich vom Fremden ein stereotypes Bild geschaffen und neigen dazu, dieses vage Vorwissen zirkulär zu reproduzieren. Die kulturelle Andersartigkeit des Fremden verleitet zusätzlich zur Lernverweigerung. Erscheint es doch bequemer, den Umgang mit dem Fremden zu vermeiden und ihn von der eigenen Gruppe fernzuhalten, als die Anstrengung zu unternehmen, sich dem Fremden mit der Intention des Verstehens zu nähern.“

    Das gilt für Ostdeutsche genauso wie für Westdeutsche.

    Für die „Wende“-Literatur bescheinigt Born ein deutliches Überwiegen der Ausgrenzung gegenüber der Annäherung. Ein Phänomen, das auch 2019 noch zu beobachten ist. Man pflegt seine Fremdheiten und Vorurteile. Und ist ganz zufrieden, wenn man den anderen ordentlich in eine Schublade stecken kann. Für Faulpelze wird die Welt damit erklärbar und einfach. Auch wenn die Stereotype gar nichts erklären. Außer die Tatsache, dass man lieber nichts wissen will über die anderen da draußen.

    Oder die Leute gleich nebenan, die sich so komisch benehmen. Die Diagnose steht. Und die aufregendsten Bücher sind jene, in denen die Helden losziehen und erkunden, was sie als fremd empfinden. Die werden bleiben. Der Rest ist heute schon in großen Teilen unspielbar und ungenießbar. Außer bei Leuten, die Mauern vorm Fenster für eine gute Aussicht halten.

    Born Arne Literaturgeschichte der deutschen Einheit 1989-2000, Wehrhahn Verlag, Hannover 2019, 39,80 Euro.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige