Vor einem Jahr rollte es als Empörungswelle durch deutsche Medien: Erst gab es einen Shitstorm gegen den Ravensburger Verlag, der zum Kinofilm „Der junge Häuptling Winnetou“ eine Buchreihe herausgebracht hatte, zu der dem Verlag rassistische Stereotype vorgeworfen wurden. Der Verlag zog die Buchreihe wieder zurück. Die Empörungswelle schwappte weiter. Gleich wurde vom Sendeverbot für Karl-May-Verfilmungen orakelt. Aber ganz offensichtlich hatte das alles mit Karl May nichts zu tun. Mit Indianern auch nicht.

Aber es empört sich ja so schön in heutigen Zeiten, wo der Skandal immer nur einen Klick weit entfernt ist. Dazu muss man kein einziges Buch von Karl May gelesen haben. Und auch nichts wissen über die Rezeptionsgeschichte von Mays Büchern und auch nichts darüber, wie die zeitgenössischen Leser Karl Mays eigentlich über den Kolonialismus oder die Geschichte der Natives in Amerika informiert waren. Das ist das Verstörende an vielen dieser heutigen Diskussionen über Literatur der Vergangenheit: Man tut so, als hätten die Autoren all das schon wissen müssen, was wir heute wissen.

Und schüttet dabei gleich noch das Kind mit dem Bade aus. Und wirft ausgerechnet jenen Autoren und Autorinnen Rassismus vor, die erst dazu beigetragen haben, die Leser überhaupt für Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Diskriminierung zu sensibilisieren. Dazu gehört auch Karl May (1842–1912), der ganz gewiss kein Waisenknabe war. Ein großer Märchenerzähler war er sowieso – auch was sein eigenes Leben betrifft.

Was Literatur kann

Das brachte ihm schon zu Lebzeiten heftige Angriffe ein, boshafte auch, die seine letzten Lebensjahre überschatteten. Aber Thomas Kramer ist Literaturwissenschaftler. Anders als der in seinem Buch immer wieder zitierte Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer, der vor einem Jahr mit seinen Urteilen über Karl May überall präsent zu sein schien, hielt er sich in der entfesselten Debatte lieber zurück und setzte sich stattdessen hin, um noch einmal einen riesigen Stapel Bücher zu durchforsten.

Denn als Literaturwissenschaftler weiß er, dass man Autoren schlichtweg nicht gerecht wird, wenn man sie aus ihrer Zeit reißt und falsche Maßstäbe an sie legt. Schon gar solche, die zu ihrer Zeit niemand an Literatur gelegt hat. Das gehört schlicht zur Ehrlichkeit, auch das geistige Klima jenes Landes mitzudenken, in dem Karl May seine Abenteuerromane schrieb, die in Millionen jungen Lesern nicht nur die Sehnsucht nach dem „Wilden Westen“ oder den erstaunlichen Welten des Orients wachriefen, sondern sie auch animierten, sich mit Helden wie Winnetou oder Old Shatterhand zu identifizieren.

Und gleichzeitig entfachte er – wie Kramer feststellt – auch ein riesiges Interesse der Deutschen für die indigene Bevölkerung Nordamerikas, das bis heute anhält.

Natürlich kann das Literatur.

Aber wie ist das mit den Stereotypen, die man ja in Mays Romanen trotzdem findet? Jener stillschweigend vorausgesetzten Überlegenheit des weißen Mannes? Der Verächtlichmachung von Schwarzen? Der Arroganz den Bewohnern des Orients gegenüber? Und auch den auffindbaren Judenklischees, die es in einigen Büchern gibt?

Großkapital und Wilder Westen

Kramer spürt dem geradezu akribisch nach. In diesem Buch zitiert er wahrscheinlich zehnmal mehr problematische Stellen, als 2022 in der völlig haltlosen Diskussion überhaupt zitiert wurden. Auch Zimmerers Vorwürfe waren fast durchweg plakativ und allgemein, selten wirklich konkret. Wie man halt kritisiert, wenn die eigene Meinung fest steht und man seit Jahren nicht in die Gesamtausgabe des Karl-May-Verlages hineingeschaut hat.

Aber das macht niemanden klüger. Schon gar nicht über die Zeit, in der May seine Bücher schrieb und veröffentlichte. Eine Zeit, als mit dem deutschen Nationalismus auch der deutsche Kolonialismus und der moderne Antisemitismus entstand. Nur findet man diesen nicht bei Karl May, sondern erschreckenderweise eher bei Karl Marx und Friedrich Engels, die in ihren journalistischen Beiträgen für die „New York Tribune“ das Bild des weltweit vernetzten jüdischen Großkapitals malten, das bis heute in antisemitischen Verschwörungsideologien lebendig ist.

Herausgeber der „New York Tribune“ war Horace Greeley, ein Mann, der insbesondere dadurch bekannt geworden ist, dass er auch den Slogan „Go West, young man!“ popularisierte – und damit die zunehmende Besiedlung des amerikanischen Westens befeuerte, die dann zum Vor-Bild all der modernen amerikanischen Legenden über den „Wilden Westen“ wurde.

Eine nicht ganz zufällige Begegnung mit Karl May, dessen „Wilder Westen“ sich aber, wie Kramer feststellen kann, deutlich von jenem Westen unterschied, den dann amerikanische Romanautoren und Filmregisseure entwarfen. Genauso, wie sich seine Stereotype über Juden deutlich unterschieden von den Bildern, die damals im deutschen Antisemitismus tatsächlich wirkmächtig wurden.

Erfundene Protokolle

Kramer geht dabei auf einen Autor ein, den heute kaum noch jemand ließ, der aber eines der verhängnisvollsten Stücke Literatur verfasste, die bis heute in antisemitischen Kreisen zirkulieren. Es ist ein Mann, der sich als Autor John Retcliffe nannte, aber tatsächlich Hermann Ottomar Friedrich Goedsche hieß. In seinem Roman „Biarritz“ war jene Stelle enthalten, die später herausgelöst und als „Protokolle der Weisen von Zion“ immer wieder veröffentlicht wurde, ganz so, als handelte es sich um eine reale Begebenheit. Ein Thema, das ja dann Umberto Eco in seinem Roman „Der Friedhof in Prag“ aufgriff.

Kramer schont seinen Karl May nicht. Dass es etliche problematische Stellen im riesigen Werk des Radebeuler Vielschreibers gibt, ist ihm nur zu bewusst. Aber selbst die problematischsten davon ordnen sich völlig anders ein, wenn man auf den Zeitgeist des Wilhelminischen Reiches eingeht. Oder sich – wie Kramer – auch fragt, wie Karl May tatsächlich zum Kolonialismus stand. Ein Loblied auf den gewalttätigen Zugriff der europäischen Großmächte auf Kolonien in aller Welt wird man bei ihm nicht finden.

Auch sein Kara Ben Nemsi ist kein Kolonialmensch auf Reisen, sondern eher ein strahlender Held, der mit christlichem Edelmut durch die wilden Gegenden des Orients reist. Eine Figur, die ganz andere Schattierungen bekommt, wenn Kramer ihn mit dem von Rudyard Kipling geschaffenen „Kim“ vergleicht oder den Weisheiten, die Karl Marx über die Orientfrage zu schreiben wusste, obwohl auch Marx sein Wissen nur aus zweiter und dritter Hand hatte – genauso wie Karl May, dem Kritiker nur zu gern vorwarfen, er hätte ja all die Reisen selbst nicht gemacht.

Reisen im Kopf

Aus Mitteldeutschland kam Karl May ja tatsächlich erst spät heraus.

Den Orient und Amerika bereiste er erst spät auf gesicherten touristischen Pfaden. Aber im Nachwort, das Kramer nicht als Nachwort gelesen haben will, merkt er auch an, wie falsch viele heutige Maßstäbe sind, die an das turbulente Leben des armen Webersohnes aus Ernstthal gelegt werden, der in seiner Jugend selbst erlebte, wie schnell falsche Verdächtigungen nicht nur das Ende einer Karriere bedeuten konnten, sondern die komplette Existenz zerstören konnten. Die ersten 40 Jahre seines Lebens lebte May in Armut. Dass er sich mit Büchern einen gewissen Wohlstand erarbeiten konnte, war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Und in Kramers sehr dichtem und kenntnisreichen Essay wird auch deutlich, dass die Stellen, die wir heute als problematisch empfinden, zu seiner Zeit eher nicht aufgefallen sein dürften. Im Gegenteil: Man findet bei Karl May etwas, was im späten 19. Jahrhundert in der deutschen (und auch der angelsächsischen) Literatur ganz und gar nicht zum Standard gehörte: Ein – christlich geprägtes – Verständnis für alle indigenen und farbigen Menschen, denen Karl May seine eher preußisch edlen Helden begegnen lässt.

Und dass der Begriff Indianer keineswegs dieselben negativen Konnotationen wie das N-Wort hat, arbeitet Kramer auch heraus. Natürlich zuallererst mit Blick auf die Vertreter der American Indians und First Nations in Nordamerika, die natürlich diejenigen sind, die über ihre Selbstbezeichnung selbst bestimmen dürfen. Das ist ja meist das Peinliche an den Skandalen, die in deutschen Medien angezettelt werden – dass die eigentlich Betroffenen gar nicht gefragt werden. Sondern immer nur alle mögliche Experten stellvertretend für diese sprechen und sich empört geben. Und Autoren wie Karl May einfach schon mal deshalb verdammen, weil seine Bücher auch auf dem Bücherbord eines Adolf Hitlers standen.

Weltreisen in der Fantasie

Karl Mays Romane also gleich mal als Vorbild für den Völkermord der Nazis? Da kann auch Kramer nur noch den Kopf schütteln und die Unbelesenen von heute sanft auf völlig andere Vorbilder verweisen, die tatsächlich in die Geisteswelt der deutschen Nationalsozialisten Eingang fanden – neben Retcliffe zum Beispiel den damals viel gelesenen Felix Dahn, dessen Goten-Saga insbesondere Heinrich Himmler begeisterte, der den Krieg der Deutschen in der Sowjetunion mit dem Kampf (und Untergang) der Goten verglich.

Dass auch Karl May nicht gefeit war dagegen, die Stereotype deutscher Politikpropaganda zu übernehmen, zeigt Kramer am Beispiel der Armenier. Und empfiehlt als Gegengift natürlich Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Thomas Kramers Schrift ist keine Apologie Karl Mays geworden. Das ist das Schöne daran. Auch wenn er immer wieder lustvoll die Argumente Jürgen Zimmerers in der Luft zerreißt und zeigt, dass es zwar leicht und billig ist, Karl May unter Feuer zu nehmen. Aber das verkennt nicht nur Karl Mays zeitgenössische Mitwelt. Es verkennt auch seine Rolle als Türöffner für Millionen Leser, die mit seinen Büchern tatsächlich erst die Faszination fremder Länder und Völker für sich entdeckten. Auch wenn es fantasierte Welten waren – aber nicht ganz erfunden.

Denn so nebenbei zeigt Kramer Karl May auch als fleißigen Abschreiber aus damals populären wissenschaftlichen Büchern. Im Kopf hat er die Länder, die er schilderte, ja tatsächlich bereist. Nur selber kam er erst im hohen Alter hin.

Aber das ging ja seinen Lesern auch nicht anders. Die meisten kamen erst aus Deutschland heraus, als sie für Wilhelm Nummer Zwei in den Krieg geschickt wurden. Was Karl May nicht mehr erlebte. Aber eines wird klar nach Kramers belesener Reise durch all die Vorurteile, mit denen Karl May in letzter Zeit (wieder) überhäuft wurde: Wer diesen sächsischen „Märchenerzähler“ einordnen will, sollte zumindest das geistige und literarische Umfeld seiner Zeit kennen. Und zumindest ein paar seiner Bücher tatsächlich gelesen haben.

Der Rausch der schnellen Urteile

„Sah es mit den meisten Kritikern in den sozialen Medien bis in erwähnten Expertenkreisen mit der Textkenntnis eher bescheiden aus, so hatte doch jeder irgendwann einmal einen ‚Karl-May-Film‘ gesehen. Oder zumindest einmal etwas darüber gehört – ‚nationalistisch‘, ‚rassistisch‘ und so -, was auf Twitter & Co. auch in diesem Fall kein Ausschlusskriterium selbstbewusst artikulierter Meinungsäußerung war“, schreibt Kramer als kleines Zwischenfazit zur 2022er-Diskussion.

Ein Fazit, das wahrscheinlich für die meisten all dieser durch „Twitter & Co.“ ausgelösten Skandale und Debatten gilt. Denn um wirklich kompetent mit streiten zu können, sollte man zumindest gelesen haben, worüber man urteilt. Aber dann geht es halt nicht so schnell, mit einem Tweet ganz flott für Stimmung zu sorgen. Dann braucht man schon ein paar Wochen, um wenigstens mal die inkriminierten Stellen zu finden. Oder überhaupt erst einmal herauszufinden, wie sich die Bücher eines Autors lesen, der vor 120 Jahren ein Millionenpublikum begeisterte und heute immer noch gelesen wird.

Von Leserinnen und Lesern, die sich von Mays Superhelden nur zu gern faszinieren lassen.

Helden, die es heute sogar noch viel zahlreicher gibt in Comics und Fantasy-Romanen. Auch das erwähnt der Literaturwissenschaftler natürlich. Aber auch diese Linie in der Literaturgeschichte sieht man nur, wenn man sich selbst wieder eins der grünen Bücher schnappt und selber liest, was Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi eigentlich so treiben.

Die Heldenreise Karls

Beides Helden mit enzyklopädischem Wissen im Kopf, als hätten sie geradezu auf Abenteurer studiert. Was noch eine Seite des sächsischen Romanautors zeigt, die gern übersehen wird: Wie ihn Wissen über die Welt faszinierte und er sich dieses Wissen aus Büchern besorgte, wo immer er diese fand. Es ist eben auch die Geschichte eines Aufsteigers, der nie studieren durfte, der aber sein eigenes Leben auch gern als Heldenreise inszenierte.

Und genau das bannt seine Leser bis heute. Kramer erwähnt diesen uralten literarischen Topos natürlich. Aber nachempfinden können ihn wahrscheinlich nur all jene, die sich selbst mühsam aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und sich zum Helden ihres eigenen Lebens gemacht haben. Aber da kommt man eher nicht auf die Idee, sich an Schlammschlachten auf Twitter zu beteiligen, als würde man dadurch erst Geltung und Profil gewinnen. Noch so ein Gedanke, der wie beiläufig auftaucht. Vielleicht fehlt gerade das heute immer mehr Menschen: das Gefühl, ihr Leben zu einer eigenen Heldenreise gemacht zu haben. Wohin also mit all dem Frust?

Einem unbelesenen Frust, wie wir nun sehr detailreich erfahren haben. Lest, Leute, kann man da nur sagen. Lest möglichst das Original. Ob danach noch dieselbe Wut lodert, darf man bezweifeln. Aber das Verständnis dürfte wachsen für die wilden Abgründe der Literatur.

Thomas Kramer „Karl May im Kreuzfeuer“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023, 19 Euro.

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