Verlage wie der Engelsdorfer Verlag sind kleine Schatzkisten. Hier landen Autoren und Bücher, die in die Verkaufsstrategien der großen Verlage einfach nicht hineinpassen. Manchmal einfach, weil sie nicht berühmt genug sind, nie Teil der Mainstream-Erzählungen geworden sind, mit denen Medien sich und ihren Lesern die Zeit und das Land erzählen. Und natürlich fragt man sich vorm Aufblättern: Wer ist Timm Stütz? Und wer ist Adalbert?

Dabei hat sich Timm Stütz alle Mühe gegeben, wieder einen zugkräftigen Buchtitel zu finden. Es ist ja nicht das erste Buch, das er im Engelsdorfer Verlag veröffentlicht hat. Und auch nicht nur dort.

2019 erschien im Karl-May-Verlag sein Buch „Der Winnetou kannte“, ein Buch, in dem er den Freunden Karl Mays einen Mann vorstellte, den die meisten gar nicht kannten, obwohl er für die Karl-May-Editionen eine wichtige Rolle spielte: seinen Onkel Adalbert Stütz – oder eigentlich Großonkel, den er selbst nie kennenlernte, auch weil selbst die Großmutter nicht bereit war, über ihn zu sprechen. Obwohl er noch bis 1957 in Bischleben lebte.

Die Kinder Manitus

Was er tatsächlich neben seinem Leben als Mitarbeiter der Erfurter Stadtwerke und Frührentner trieb, das konnte auch Timm Stütz erst nachlesen, als er die Korrespondenz seines Großonkels mit dem Karl-May-Verlag in die Hände bekam.

Denn in seinem Leben abseits der Arbeit war Adalbert Stütz Sammler aller Literatur über die Ureinwohner Nordamerikas, hatte sich wie kein Zweiter tief hineingearbeitet in die Kultur und die Sprachen der Menschen, die ja auch Karl May in seinen Büchern auftreten ließ. Kennengelernt hat er Karl May wohl nicht. Der war 1912 gestorben.

Zum „Korrektor der indianischen Ausdrücke“ in den Büchern Karls Mays wurde Stütz ab 1918. So gesehen „kannte“ er natürlich Winnetou. Oder eben die vielen nordamerikanischen Kulturen, die viel zu lange unter dem völlig falschen Begriff „Indianer“ versammelt wurden.

Mit „Onkel Adalbert“ beschäftigt sich der erste längere Essay in diesem Buch, in welchem Timm Stütz einerseits von der Suche nach seinem Großonkel erzählt – und auch seinem Bedauern darüber, ihn nie besucht zu haben, obwohl er seine späte Wirkungsstätte schon von Kind auf kannte: das Karl-May-Museum in Radebeul, wo Adalbert Stütz auch die Bibliothek des Schriftstellers neu sortierte.

In alten Karl-May-Jahrbüchern fand er Beiträge seines Großonkels, in denen dieser den Lesern die Kulturen Nordamerikas nahebrachte. Und hinterlassen hat Adalbert Stütz auch ein gewaltiges – bis heute unveröffentlichtes – Versepos: „Die Kinder Manitus“.

Wahrscheinlich würde dieser Adalbert Stütz in der ostdeutschen Erinnerung auch eine ganz andere Rolle spielen, wären die Bücher Karl Mays nicht jahrzehntelang zum Tabu erklärt worden. So fallen Persönlichkeiten durchs Raster der Erinnerung.

Als wären sie gar nicht dagewesen. Und das verstärkt sich eben auch noch durch die schon vor 1990 eher schmale ostdeutsche Presselandschaft, die für solche „Originale“ sowieso keinen Platz hatte. Und gebessert hat sich das auch nach 1990 nicht wirklich, als der große eiserne Besen durch die noch überlebenden Publikationen fegte.

Zeesboote und Kriegszustände

Und so ist auch Timm Stütz, 1938 in Dresden geboren, eher kein Name, der einem einfällt, wenn man ostdeutsche Autoren und Fotografen aufzählen möchte. Wobei ja bei ihm hinzukommt, dass er schon weit vor 1990 etwas lebte, was in der DDR eine seltene Ausnahme war: Er war als Ingenieur im Schiffbau tätig und verbrachte sein halbes Leben praktisch in Polen.

Und das nicht nur als Schiffbauer – was ihn 1981 direkt hineinbrachte in den verhängten Kriegszustand, der insbesondere die Streikbewegung auf den polnischen Werften beenden sollte. Darüber schreibt er im Essay „Kriegszustand“.

Gleichzeitig engagierte er sich als Fotograf und war Gründungsmitglied der polnisch-deutschen Gruppe 10, in der sich Fotografen aus beiden Ländern trafen. Und er engagierte sich für einen klassischen Bootstyp der Ostseefischer, der drohte, völlig aus der Landschaft zu verschwinden: die Zeesboote.

Die vielen kleinen Geschichten, Essays und Erinnerungen, die er in diesem Buch versammelt hat, erzählen gewissermaßen von seinem Leben – aber nicht autobiografisch, sondern so, wie einer erzählt, der weiß, dass das Leben vor allem aus Erzählenswertem besteht.

Lauter Ereignissen und Geschichten, in denen der Mensch Held seiner eigenen Abenteuer ist, staunt, schaut und was lernt dabei. Oder einfach aufmerksam alles festhält, was ihm begegnet – etwa auf der Fahrt nach Machu Picchu, bei Hubschrauberflügen über Ostseehäfen oder beim „Diebstahl“ seines Autos in Rom.

Manchmal sind es Geschichten, die auch jedem anderen hätten passieren können – aber die meisten Menschen schreiben sie nicht auf, erzählen sie höchstens immer wieder am Familientisch, nicht einmal ahnend, dass in ihnen vielleicht doch etwas Einmaliges stecken könnte, so wie in einer Rückkehr in den Hafen, die Stütz 1989 erlebte.

Auf See hatten er und sein Begleiter gar nicht mitbekommen, was da am 9. November in Berlin passiert war. Und nun wurden sie – statt von grimmigen Zöllnern wie gewohnt kontrolliert zu werden – überhaupt nicht empfangen. Die Grenzer saßen fröhlich beim Kartoffelschälen und hatten von sich aus auch gleich mal die Grenzkontrolle im Osten eingestellt.

Das scheinbar so Unwichtige

Es sind lauter Geschichten, die für gewöhnlich im Feuilleton einer Zeitung ihren Platz finden, all das scheinbar Kleine und Unwichtige, aus dem unsere Wirklichkeit tatsächlich besteht. Und was selten bis nie in den großen Geschichtsbüchern auftaucht, weil die meisten Historiker alles, was unterhalb der großen Staatsaffären passiert, schlicht ignorieren.

So wie die meisten Journalisten auch. Und so entgeht ihnen die schöne Verrücktheit des Lebens, das so wie in den Geschichtsschmökern eben nicht passiert. Menschen sind keine Marionetten, auch wenn einige so tun, als wären sie welche und irgendein Bill Gates in den USA würde über ihr Leben bestimmen.

Menschen, die natürlich niemals solche Geschichten aufschreiben würden, weil sie nicht einmal wüssten, wo die eingebildete Fremdbestimmung endet und vielleicht noch ein Rest ihres eigenen Ichs herumgeistert.

Es ist schon seltsam, was in den Köpfen mancher Menschen passiert. Obwohl es doch so einfach scheint, sich selbst als Akteur des eigenen Lebens zu begreifen, wie das Timm Stütz in seinen Geschichten tut. Er erzählt von seinem Jahrgang, dem Jahrgang ’38, von polnischen Symposien und seiner ersten Begegnung mit der Freiheit des Westens, wo ihm 1989 als Erstes die Obdachlosen ins Auge fielen.

Manchmal landet man mitten in einem markanten Ereignis der Geschichte – und kann gar nichts dafür. Darüber erzählt er in „Dienstag der Dreizehnte“, wo er schildert, wie er als Kind die Bombardierung Dresdens miterlebte.

Eine Geschichte, die gleich mit der folgenden – „Déjà-vu“ – korrespondiert, in der ihn im friedlichen Jahr 1990 ein Brummen aus dem stillen Leben am Waldrand reißt, das ihn in Angst und Schrecken versetzt, denn es klingt wie das Brummen der Bomberverbände von 1945. Doch diesmal sind es russische Flugzeugverbände, die aus der untergehenden DDR abziehen.

Der Blick des Fotografen

Als Stütz die Texte für diesen Band sammelte, konnte er noch nicht ahnen, dass nun „Déjà-vu“ selbst ganz neue Schrecken wachruft. Geschichte ist nie erledigt, Gegenwart immer gefährdet. Und umso wertvoller sind die emsigen Strippenziehereien von Leuten, die grenzüberschreitend Freundschaften schließen und Projekte anstoßen.

So, wie es Stütz in „Mein erster polnischer Freund“ erzählt. Aber selbst Katzen und Hunde bekommen eine Rolle in seinen Geschichten, die beim Lesen auch sichtbar machen, dass ein Leben voller solcher zuweilen seltsamer Erlebnisse ist.

Immer sind wir mittendrin, auch wenn wir denken, man hätte uns vergessen oder wir spielten keine Rolle im Großen und Ganzen. Aber vielleicht sieht man auch genauer hin, wenn man das Leben – wie Timm Stütz – immer wieder durch den Sucher der Kamera betrachtet und dann im Fotoarchiv die Ergebnisse betrachtet, die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Zeit, als es noch Filmrollen gab und man jedes Foto im eigenen Labor entwickeln konnte.

Und dann die Wucht der Farben, die mit Farbfilm und Digitalfotografie Einzug hielten. Eine Farbwucht, die den Fotos oft ihre Aura und ihr Geheimnis nimmt. Als wäre das Abgebildete tatsächlich das, was zu sehen war.

Was es nicht ist. Das weiß jeder, der heute in den Fluten seiner tausenden von Urlaubsbildern gräbt und oft verzweifelt, weil er die Bilder, die Orte und die abgebildeten Momente nicht mehr zuordnen kann. Die Geschichte fehlt. Die Geschichte, die man damals hätte aufschreiben müssen, als sie noch frisch war und sich leicht erzählte.

Ein Silberstutzen und ein Virus

Denn was des Erzählens wert ist, wissen ja die meisten, plappern es raus und merken gar nicht, wie sie dabei die älteren Geschichten verlieren, weil immer neueres zur Sensation wird. Stütz jedenfalls hat diese markanten Geschichten, die ihm passiert sind, aufgeschrieben.

Und mit der ganz großen Sensation hat auch er nicht mehr gerechnet, nachdem auch das Bild seines Großonkels mit dem Silberstutzen von Karl May abhandengekommen war. Im „Jahresrückblick 2019“ erzählt er davon, wie er die verschollen geglaubten Manuskripte seines „Indianer-Großonkels“ auf einmal in Händen hielt.

Nur in der folgenden Geschichte irrt er sich, auch wenn sie etwas ist, was ebenfalls viel zu wenige als des Erzählens wert befanden: „Wie die Pandemie begann …“ Denn wer schreibt schon Tagebuch am Beginn einer Pandemie, von der alle Welt noch glaubt, dass sie in einem halben Jahr ausgestanden ist?

Nur das Jahr, das er angibt, stimmt nicht. Am 2. Februar 2019 war die Welt noch leidlich in Ordnung. Stütz schreibt tatsächlich vom Februar 2020, als auch den Deutschen so langsam klarwurde, dass das Coronavirus aus China längst den Sprung über die Entfernung geschafft hatte.

Sein Tagebuch lässt er mit dem Jahreswechsel 2020/2021 ausklingen und einer langen Passage über die Kunst des Zer-Redens, die freilich auch einen bitteren Satz enthält: „Es ist der Krieg der Reichen gegen die Armen, der von einer gnadenlosen Zerstörung der Natur und des gesellschaftlichen Friedens begleitet wird.“

Was hilft da die Mahnung Barack Obamas zur Kooperation, wenn die Menschheit überleben will.

Gott ist (nicht) schuld

Da darf man durchaus drüber nachdenken. Und Tim Stütz tut das auch. Unter anderem in seinem Essay „Wer ist dein GOTT?“, wo er Ludwig Feuerbach zitiert aus „seinem Werk ‚Das Wesen des Christentums‘: ‚Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde und betet dadurch seine eigene entfremdete Wesenskraft an!‘ Nach Feuerbach kommt es darauf an, diese entfremdete gesellschaftliche Wesenskraft zurückzuholen, indem der Mensch erkennt, dass das wahre Göttliche in der Ich- und Du-Beziehung besteht.“

Im Zwischenmenschlichen nämlich und – mit der Adam-und-Eva-Geschichte kommt er darauf – der Freiheit und dem, was passiert, wenn Menschen (von Gott) in die Freiheit entlassen werden: Jetzt sind sie nämlich selbst verantwortlich für alles, was sie tun. Die Blödheit des Paradieses ist vorbei.

Jetzt bewahrt sie niemand mehr vor ihren Fehlern. „Die Menschen sind für die Kriege verantwortlich und nicht Gott“, zitiert er den Philosophen Heinz Krumpel. „Er würde nur Verantwortung tragen, wenn sie im Paradies geblieben wären, doch daraus haben sie sich selbst vertrieben.“

Ein Buch voller Anregungen, das Leben so zu nehmen, wie es einem geschieht, das Besondere daran zu bemerken und auch mal wieder ein bisschen zu staunen darüber, was es auf dieser Erde eigentlich zu erleben gibt, wenn man die Augen aufmacht und bereit ist, das ganz Gewöhnliche als Abenteuer zu begreifen. Oder das Leben des Großonkels in alten Briefen wiederzufinden, auf seine Art ungewöhnlich und einmalig. Und deshalb erzählenswert.

Timm Stütz Adalbert ngelsdorfer Verlag, Leipzig 2022, 20 Euro.

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