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„Demokratie… Halt Dein Maul!“ – Empörung? Ja, bitteschön, mir heute mal egal! Dies ist immerhin ein authentischer Dialogfetzen aus einer historisch demokratieerprobten Stadt. Kurz vor Mitternacht im Leipziger Süden. Eine Punkband spielt. Zwei Menschen kommen entgegen. Von dem einen bleibt im Vorbeigehen nur das Wort „Demokratie“ hängen. Vom anderen: „Halt Dein Maul!“ Dann verschwinden beide im Rausch der Nacht. Wer wollte hier wen zum Schweigen bringen?

Ich weiß es nicht. Das bizarre Fragment lässt mich über Tage nicht los. Vielleicht wurde die Demokratie verteidigt. Vielleicht verhöhnt. Vielleicht hatte jemand einen menschenfeindlichen Unsinn erzählt. Vielleicht war es einfach Punksprech.

Aber lässt sich Demokratie auch ein bisschen punkig betrachten? Nicht nur Iro, Nieten, Dosenbier… Eher diese eigentümliche Haltung: Ich muss nicht so sein wie ihr.

Wer hält hier eigentlich wen aus?

Punks sind schließlich geübte Nonkonformisten. Seit Jahrzehnten leben sie unter Menschen, die anders aussehen, andere Musik hören, andere Klamotten tragen und andere Vorstellungen von einem gelungenen Leben haben.

Und irgendwie halten sie das aus. Nicht nur die Gesellschaft muss den Punk ertragen. Punks ertragen auch die Gesellschaft. Kaufhäuser. Vorgärten. Dresscodes. Karrierepläne. Autos. Vorstellungen davon, wann jemand „etwas aus sich gemacht“ hat. Und wahrscheinlich finden Punks einiges davon ziemlich bescheuert.

Punks halten sogar ihre eigenen Widersprüche aus. Sie wollen Individualisten sein und erkennen trotzdem auf hundert Meter ihresgleichen. Sie verachten Konventionen und haben eigene geschaffen. Sie wollen unabhängig sein und brauchen doch ihre Szene. Sie kämpfen gegen Kommerz – und verkaufen T-Shirts.

Na und? Vielleicht ist gerade dieses entspannte Verhältnis zum eigenen Widerspruch etwas, das einer aufgeregten Demokratie guttun könnte.

Ein bisschen mehr Punk, bitte

Denn erstaunlich empfindlich sind wir inzwischen schon geworden. Und manchmal erstaunlich unempfindlich. Eine Wahl geht anders aus als gewünscht: Krise. Eine politische Entscheidung missfällt uns: Zumutung. Jemand gewichtet Migration, Klima, Wirtschaft, Geschlechterrollen oder Naturschutz anders: Wie kann er nur?

Irgendwo dazwischen könnte der Punk stehen und sich wundern: Habt euch nicht so. Ihr müsst nicht alle dasselbe denken. Ihr müsst euch nicht einmal alle mögen. Ihr müsst euch einfach nur aushalten.

Eigentlich ziemlich demokratisch: Das Recht auf das eigene Anderssein funktioniert, wenn es auch für die anderen gilt. Für Punks. Für Spießer. Für alle dazwischen. Du musst nicht werden wie ich. Du musst mich nicht einmal verstehen. Du bleibst da. Ich bleibe da.

Aber was, wenn jemand genau dieses Recht den anderen abspricht?

Punk-Toleranz kennt schließlich keine grenzenlose Duldsamkeit. Punk wird spätestens intolerant gegenüber der Intoleranz, wenn Anderssein anderen das Recht auf ihr Anderssein abspricht. Dann heißt es: Fuck off!

Vielleicht halten wir also manchmal das Falsche aus. Wann wird Toleranz zur Gleichgültigkeit? Wann wird Aushalten zum Wegschauen? Und wann muss der Punk in uns aufstehen? Sind wir gerade zu viel oder zu wenig Punk?

Was jener Austausch in der Leipziger Nacht wirklich über Demokratie sagte, werde ich nie erfahren. Vielleicht lautete der vollständige Wortwechsel ja: „Diese Demokratie halte ich nicht mehr aus.“ – „Halt Dein Maul! Die hält dich doch auch aus.“

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