Am 31. Oktober wollen junge Menschen in zahlreichen Städten für mehr Investitionen in Bildung, Gesundheit und Soziales demonstrieren. Die Wut vieler junger Menschen ist nicht einfach Ausdruck von Ungeduld oder mangelnder Lebenserfahrung: Sie entsteht aus dem Eindruck, dass politische Entscheidungen ihre Zukunft zunehmend belasten, während diejenigen, die diese Entscheidungen getroffen oder notwendige Reformen versäumt haben, nur selten persönlich für die langfristigen Folgen einstehen müssen.
Junge Menschen sollen für ihre Rente vorsorgen, obwohl Wohnraum teuer ist und viele trotz Arbeit kaum Vermögen aufbauen können. Sie sollen die Klimakrise bewältigen, obwohl ein erheblicher Teil der Emissionen in Jahrzehnten entstanden ist, in denen sie selbst noch keinen politischen Einfluss hatten. Sie sollen eine marode Infrastruktur erneuern, soziale Sicherungssysteme finanzieren und sich an eine unsichere Arbeitswelt anpassen.
Gleichzeitig erleben sie, dass notwendige Veränderungen vertagt, politische Versprechen abgeschwächt und Verantwortung zwischen Regierungen, Parteien und Institutionen weitergereicht werden.
Diese Erfahrungen verbinden sich zu einem grundlegenden Gefühl der Ungerechtigkeit: Die ältere politische Generation konnte über wesentliche Bedingungen der Zukunft entscheiden, während die jüngere Generation einen erheblichen Teil der Kosten tragen muss.
Verspieltes Vertrauen
Das Vertrauen schwindet besonders dann, wenn die Politik einerseits Sparsamkeit und Eigenverantwortung fordert, andererseits aber milliardenschwere Steuerskandale, unzureichend kontrollierte Privilegien und langwierige Versäumnisse bei öffentlichen Investitionen sichtbar werden.
Steuerhinterziehung, legale Steuervergünstigungen und Korruption sind dabei nicht gleichzusetzen. Doch sie werfen gemeinsam die Frage auf, ob staatliche Regeln gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppen mit derselben Konsequenz durchgesetzt werden.
Wer bei Sozialleistungen strenge Pflichten verlangt, muss auch erklären, warum große Steuerverluste teilweise so schwer aufzuarbeiten sind. Wer junge Menschen zum Verzicht auffordert, muss nachvollziehbar begründen, weshalb notwendige Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz wiederholt zu spät erfolgen.
So entsteht ein Kreislauf aus Enttäuschung, Wut und Misstrauen: Politische Versäumnisse verschärfen Zukunftsängste; ausbleibende Konsequenzen untergraben die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen; und wenn selbst Protest scheinbar keine ausreichenden Veränderungen bewirkt, wächst der Zweifel daran, ob demokratische Beteiligung tatsächlich etwas bewegen kann.
Politik ohne Verantwortung
Die Wut richtet sich deshalb nicht zwangsläufig gegen ältere Menschen als solche. Sie richtet sich gegen eine politische Ordnung, in der kurzfristiger Machterhalt häufig leichter wiegt als langfristige Verantwortung und in der die Interessen zukünftiger Generationen gegenüber gut organisierten gegenwärtigen Interessen zu wenig Gewicht erhalten.
Natürlich haben auch ältere Menschen soziale Unsicherheit erlebt, für Demokratie und Klimaschutz gekämpft und wichtige Beiträge zum Wohlstand geleistet. Das entbindet politische Entscheidungsträger jedoch nicht von der Verantwortung für Fehlentscheidungen. Ebenso wenig darf jungen Menschen ihre Kritik mit dem Hinweis abgesprochen werden, frühere Generationen hätten schließlich ebenfalls hart gearbeitet.
Das moralische Recht auf Wut entsteht dort, wo Menschen die Folgen politischer Entscheidungen tragen müssen, ohne angemessen an ihnen beteiligt gewesen zu sein, und zugleich erleben, dass die Verantwortlichen nicht ausreichend Rechenschaft ablegen.
Junge Menschen müssen nicht darauf warten, bis etablierte politische Akteure freiwillig ihre Prioritäten ändern. Sie dürfen Parteien herausfordern, eigene Mehrheiten organisieren, politische Ämter übernehmen und bestehende Machtverhältnisse demokratisch verändern – auch gegen den Widerstand älterer Wählermehrheiten.
Das ist keine Absage an die Demokratie, sondern ein Anspruch auf ihre wirksame Nutzung. Denn demokratisches Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Menschen Kritik unterdrücken, sondern dadurch, dass ihre Kritik gehört wird und zu nachvollziehbaren Veränderungen führen kann.
Die entscheidende Gefahr ist deshalb nicht, dass junge Menschen wütend sind. Sie ist, dass ihre Wut dauerhaft unbeantwortet bleibt und aus berechtigtem Misstrauen die Überzeugung wird, das politische System sei grundsätzlich unfähig, ihre Zukunft zu schützen.
Die junge Generation verlangt kein Sonderrecht. Sie verlangt, dass Verantwortung und politische Macht zusammengehören – und dass ihre Zukunft nicht länger von Entscheidungen abhängt, deren Kosten andere tragen müssen.
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Die Leipziger Protestaktion findet am Samstag, dem 31. Oktober, ab 14:00 Uhr auf dem Augustusplatz statt.
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