Der NuKLA e. V. wird 15 Jahre alt und hatte eingeladen. Ein guter Grund, seine Jubiläumsfachtagung zu besuchen, fand ich. Obwohl ich zunächst eine Weile überlegt hatte, ob ich hingehen soll. Seit unserer letzten Begegnung waren einige Jahre vergangen. Aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen hatten wir uns etwas aus den Augen verloren. Aber gerade deshalb erschien es mir richtig, hinzugehen.

Auch der diesjährige Veranstaltungstitel „WiederGUTmachung“ machte mich neugierig: „Leipzig hat mit seinem Auwald die historische Chance, in Europa ein Zeichen der WiederGUTmachung an der Natur zu setzen“, hieß es in der Einladung.

In der Alten Handelsbörse traf sich am 24. Oktober eine erlesene Runde, um auf 15 Jahre Auwaldschutz zurückzublicken und über dessen Zukunft nachzudenken. Dr. Gunnar Busse erinnerte an den Botaniker und Vordenker des Leipziger Auwaldschutzes, Prof. Gerd Müller. Bereits 1994 hatte dieser zwölf Thesen zur Zukunft des Leipziger Auensystems formuliert.

„Das Schicksal Leipzigs waren und sind seine Auen“, lautete einer seiner einprägsamen Gedanken. Müller forderte unter anderem, den Schutz der Aue als gemeinsame Aufgabe von Bürgern, Wissenschaft, Behörden und Naturschutzverbänden zu begreifen.

Ein Jubiläum mit Gedanken im Fluss

Der Forstwissenschaftler Prof. Andreas Schulte sprach über die Bedeutung der Wälder und ihrer Böden für Artenvielfalt und Wasserhaushalt. Dabei stellte er auch unbequeme Fragen zur Energiewende. Windkraft ist wichtig, aber müssen dafür ausgerechnet sensible Waldbiotope erschlossen werden, mit neuen Wegen, Bodenverdichtung und Eingriffen in Lebensräume?

Den Wald in seiner ökologischen Integrität zu betrachten und solche Eingriffe kritisch zu hinterfragen, gehört zu den Aufgaben der Waldforschung. Wie in der Medizin gilt vielleicht auch hier: Eine notwendige Therapie sollte möglichst wenig Schaden anrichten. Schulte machte deutlich, dass sich Klima- und Naturschutz nicht immer widerspruchsfrei miteinander vereinbaren lassen.

Besonders beeindruckte mich der Flussauenforscher Prof. Bernd Gerken. „Flussinseln fließen selbst, nur viel langsamer als das Wasser“, sagte er. Ein Satz, der die natürliche Dynamik lebendiger Flüsse auf wunderbare Weise beschreibt. Flüsse verändern ihre Ufer, bilden neue Verbindungen und suchen sich immer wieder neue Wege. Wir Menschen haben sie über Jahrhunderte begradigt, befestigt und eingedämmt. Heute versuchen wir, ihnen wieder mehr Raum zu geben.

Während ich zuhörte, fragte ich mich, ob darin nicht auch ein gesellschaftliches Bild liegt.

Mauern schützen. Aber was geschieht dahinter?

Mauern können schützen. Sie können aber auch trennen, Entwicklungen verhindern und den Blick auf das versperren, was dahinterliegt. Und sie sind bequem: Was sich hinter ihnen befindet, muss man weder betrachten noch hinterfragen.

In gesellschaftlichen Auseinandersetzungen habe ich klare Abgrenzungen lange für eine notwendige Antwort gehalten. Ich halte weiterhin an meinen demokratischen Grundüberzeugungen fest. Zugleich frage ich mich zunehmend, ob wir uns hinter manchen Grenzen nicht auch allzu bequem eingerichtet haben. Die gesellschaftlichen Gräben scheinen dadurch jedenfalls über die Jahre nicht kleiner geworden zu sein.

In der Medizin begegne ich täglich Menschen, deren religiöse, politische oder persönliche Überzeugungen ich weder kennen noch teilen muss, um ihnen mit Respekt zu begegnen. Natürlich lässt sich eine berufliche Verpflichtung nicht ohne Weiteres auf das gesellschaftliche Zusammenleben übertragen. Aber die Haltung dahinter beschäftigt mich: Kann ich einen Menschen ernst nehmen, ohne seine Ansichten übernehmen zu müssen?

Doch ich schweife ab … zurück zum Fluss und zu NuKLA.

Ein Gespräch verändert nicht gleich die Welt

Mit Wolfgang Stoiber, der den Verein seit Anbeginn maßgeblich geprägt hat, konnte ich über den Auwald sprechen, über unterschiedliche Erfahrungen und über die Schwierigkeiten, die ehrenamtliches Engagement mit sich bringt. (Ein ausführliches Interview dazu folgt hier bald.)

Stoiber ist ein streitbarer Geist und ein beharrlicher Verfechter des Auwaldschutzes. Seine eigene Bilanz nach 15 Jahren fällt eher ernüchternd aus. Gemessen an den tatsächlichen Veränderungen im Leipziger Auwald sieht er persönlich zu wenig erreicht. Andere würdigen dagegen durchaus, was er und der Verein durch ihr Engagement angestoßen haben.

Gerade solche unterschiedlichen Bewertungen sind doch interessante Befunde und gehören zu einer lebendigen Auseinandersetzung. Man kann einander zuhören, widersprechen und die Erfahrungen des anderen ernst nehmen.

Die Einladung zum Jubiläumsfachtag „WiederGUTmachung“ richtete sich bei freiem Eintritt ausdrücklich „an alle Bürger der Region, das Sächsische Staatsministerium sowie die zuständigen Kommunalverwaltungen und die Wissenschaft“.

Umso auffälliger war, dass unter den Gästen keine erkennbaren Vertreter der Stadtverwaltung oder wissenschaftlicher Institutionen und kaum Vertreter anderer Umweltverbände wahrzunehmen waren. Immerhin begegnete ich in einem Pausengespräch einem Kollegen mit Verbandszugehörigkeit. Wer darüber hinaus teilnahm, weiß ich natürlich nicht.

Dass Zusammenarbeit möglich ist, zeigte zuletzt der gemeinsame Einsatz mehrerer Umweltverbände für das Capa-Wäldchen. NuKLA brachte sich dabei mit einer eigenen naturschutzfachlichen Untersuchung ein. Vielleicht lässt sich daran anknüpfen und es braucht dafür gar keinen großen Neuanfang. Man muss nicht erst alle früheren Konflikte klären, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal reicht es, einander erneut einzuladen – und die Einladung auch anzunehmen.

Wieder aufeinander zugehen

Bei der Renaturierung von Flüssen geht es nicht darum, alle Deiche einzureißen. Manche schützen Menschen und sind notwendig. Andere Begrenzungen verhindern natürliche Entwicklungen, ohne noch einen sinnvollen Zweck zu erfüllen.

Vielleicht sollten wir auch gesellschaftlich genauer unterscheiden, welche Grenzen wir brauchen und welche wir selbst zu Hindernissen gemacht haben. Ein Gespräch ist keine Zustimmung. Eine Begegnung, kein Bekenntnis. Und gemeinsames Handeln für den Auwald verlangt nicht, in allen Fragen derselben Meinung zu sein.

Ich bin nicht mit anderen Überzeugungen aus der Alten Handelsbörse gegangen. Aber mit der Erfahrung, dass Begegnungen möglich sind, auch wenn nicht alle Unterschiede verschwinden.

Bernd Gerken sprach von der Beständigkeit im Wandel. Flussinseln bewegen sich, nur langsamer als das Wasser. Vielleicht bewegen sich auch unsere festgefügten Bilder voneinander. Manchmal braucht es dafür die Bereitschaft, sich wieder zu begegnen.

Dr. Gunnar Busse gab dieser Hoffnung zum Abschluss ein konkretes Ziel: Stadt Leipzig, Freistaat Sachsen, Landestalsperrenverwaltung und Naturschutzverbände sollten gemeinsam an einem großen Biotopverbund Elster–Luppe–Pleiße arbeiten, mit der Revitalisierung des Elsterbeckens als wichtigem Baustein.

Ein großes Vorhaben. Und eines, das nur gemeinsam gelingen kann. Herzlichen Glückwunsch zu 15 Jahren NuKLA. Und danke für die Einladung.

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