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Sachsen. Schlösser und Burgen: Eine kenntnisreiche Einladung zu den beeindruckenden Zeugen sächsischer Geschichte

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    Es ist nur eine kleine Auswahl. Hätte Petra Steps wirklich alle Burgen und Schlösser in Sachsen (die es noch gibt) porträtieren wollen, wäre das ein dicker 1.000-Seiten-Band geworden. Aber auch ihre kleine Auswahl mit zwei Dutzend Attraktionen gibt ein Gefühl dafür, was für Kleinode es da in Sachsen zu entdecken gibt – von den großen Weltberühmtheiten bis hin zum Schloss Netzschkau, für das sich Steps ganz besonders engagiert.

    Und im Vorwort erklärt sie auch ihre durchaus eigensinnige Auswahl, die einerseits natürlich die Perlen berücksichtigt, die man als Sachsen-Besucher auf keinen Fall verpassen darf, andererseits auch einige Kleinode vorstellt, die eher nur lokal bekannt sind. Dafür engagieren sich dort oft Kommunen und Fördervereine besonders intensiv, weil die Burg auf dem Berg ein Teil der eigenen Identität ist, auch wenn sie oft über Jahrzehnte fremdgenutzt wurde – als Gefängnis, Kornspeicher, Kreisverwaltung, leider auch oft als Konzentrationslager oder Jugendwerkhof.

    Man kämpft nicht nur um Fördergelder, sondern sammelt auch Spenden und setzt sich dafür ein, die Bauwerke möglichst nach historischen Standards wieder zu restaurieren. Und das hat meist nichts mit einer romantischen Verklärung der Vergangenheit zu tun, auch wenn das im Sachsen-Marketing oft so rüberkommt.

    Das wird deutlicher, wenn Petra Steps die Baugeschichte der Burgen und Schlösser kurz aufblättert, ihre Rolle in der Geschichte und die wichtigsten Eigentümer, von denen einige durchaus selbst Geschichte geschrieben haben – von den Wettinern selbst bis hin zu den Schönburgern, Wildenfelsern oder den Herren von Dohna oder konkreter noch Wiprecht von Groitzsch, Fürst Pückler oder die Gräfin Cosel.

    Wer heute auf Burgen steigt, sucht auch die Begegnung mit den Berühmtheiten, was immer auch ein Weg ist, sich der eigenen Geschichte zu vergewissern, die selbst auf den Burgen nicht nur mit alten Adligen zu tun hat. Denn viele dieser liebevoll restaurierten Bauwerke beherbergen heute auch Museen, die weit über Sachsen hinaus einen Ruf haben – man findet Motorrad- und Kutschenmuseen, Erinnerungsstätten an den Stülpner Karl und die kriegsgefangenen Offiziere des 2. Weltkriegs, begegnet aber auch legendären Baumeistern wie Hieronymus Lotter und Arnold von Westfalen.

    Der Letztgenannte steht wie kein anderer für die große Sanierungswelle der alten Burgen in der Renaissance, als gerade die reichen Wettiner als erste dazu übergingen, die alten Burgen in attraktive Wohnschlösser zu verwandeln.

    Der Archetypus dafür ist ja die Albrechtsburg in Meißen, wo Arnold von Westfalen wohl sein erstes Meisterstück abgelegt hat. Man begegnet ihm aber zum Beispiel auch auf der Burg Kriebstein und auf der Rochsburg. Und auch am Dresdener Schloss hat er mitgewirkt, auch wenn das wie kaum ein anderes Schloss in Sachsen für ganze Epochen des Umbaus steht, weil die sächsischen Kurfürsten und Könige ihren Prachtbau natürlich immer wieder den neuen Repräsentationsbedürfnissen angepasst haben und dabei keine Kosten scheuten.

    Und in den letzten Jahren hat wiederum der Freistaat Sachsen kaum Kosten gescheut, immer mehr Teile des im 2. Weltkrieg stark beschädigten Schlosses wieder im alten Glanz auferstehen zu lassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Mit Pillnitz, Augustusburg und Moritzburg hat Petra Steps natürlich auch noch die anderen berühmten Wettinerbauten mit aufgenommen in diesen Bildband, die heute manchmal auf ganz andere Art berühmt sind, weil sie zur faszinierenden Kulisse legendärer Filme geworden sind – so wie Moritzburg, das heute zum Pilgerort der „Aschenbrödel“-Liebhaber geworden ist.

    Da liegt dann schnell das Wort „märchenhaft“ auf der Zunge. Und da und dort wird auch die heutige Selfie-Manie angedeutet, mit der Menschen mit ihrem Smartphone herumreisen, nur um sich vor berühmten Kulissen zu fotografieren, sonst aber nicht wirklich viel mitbekommen von dem Landstrich, durch den sie gereist sind.

    Zumindest die großen Schlossanlagen bieten aber mittlerweile so viel in ihren Räumlichkeiten, dass man lieber ganze Tage für einen Besuch einplanen (oder sogar vorbuchen) sollte, wenn man hinein will, empfiehlt Petra Steps. Und man wird wieder hineinwollen. Die Museen öffnen ja wieder und spätestens im Sommer werden Millionen Deutsche nach einem attraktiven Reiseziel im eigenen Land suchen, wenn all die üblichen Ferienressorts und Urlaubsflüge schlicht noch nicht wieder möglich sind, anzusteuern.

    Und da kann Markus Söder so fleißig für Bayern werben, wie er will: Die drei mitteldeutschen Länder sind sogar viel attraktiver, weil sie noch längst nicht so überlaufen sind. Und alle drei Bundesländer sind echte Burgen- und Schlösserländer. Und 30 Jahre nach der Deutschen Einheit sind hunderte dieser Kleinode längst liebevoll saniert, sind die wuchtigen Bergfriede wieder besteigbar und laden oft einfallsreiche Burgwirte zu Knappen- und Ritterschmäusen ein.

    Und da einige historische Burgenbesitzer schon im 18. und 19. Jahrhundert Wert darauf legten, die Burgensubstanz nicht durch moderne oder gar historisierende Umbauten zu verändern, begegnet man auch etlichen Burgen, die noch die Trutzigkeit des Spätmittelalters ausstrahlen. Und nicht nur die. Denn längst haben die Sanierer auch die handwerkliche Schönheit der Ausstattungsdetails und Nutzräume (wie der Küchen) als Wert an sich entdeckt.

    Bei vielen der porträtierten Gebäude weist Steps besonders auf die liebevoll restaurierten Türen, Fenster, Wandverkleidungen und Deckenbemalungen hin. Auf einmal wird so die beeindruckende Professionalität des Handwerks vergangener Jahrhunderte erlebbar und damit etwas Beständiges, das unsere vom Weißtünchen so begeisterte Gegenwart nicht mehr kennt.

    Es ist ja nicht nur der Geschmack der Burgeigentümer, der sich in diesen Inneneinrichtungen aussprach, sondern das Schönheitsempfinden ganzer Epochen. Das sich oft eben nur noch in Burgen und Schlössern erleben lässt, weil Profanbauten eben auch öfter profanen Umnutzungen und gründlicher Entkernung der einstigen Innenausstattung unterworfen sind.

    Und so zeigen sich ausgerechnet die alten Herrschaftsgebäude als ein Ruhepol mitten in der Landschaft, ein erlebbarer Ort, der auch den Jüngsten zeigt, dass unsere Geschichte ganz und gar nicht grau und finster war und die Urgroßväter unserer Urgroßmütter ganz ohne Baumarkt Beeindruckendes schaffen konnten. Natürlich je nach Reichtum des Auftraggebers in unterschiedlicher Pracht.

    So manch Schlossbesitzer, egal ob adlig oder bürgerlich, hat sich mit seiner Schlossverschönerung gründlich übernommen. Legendäre Burgbaugeschlechter starben einfach aus, wehrhafte Burgen wurden vom Lehnsherrn einkassiert, Witwen zogen ein oder mussten ausziehen, wenn sie den Landesherrn verärgerten.

    Es gibt eigentlich kein Schloss und keine Burg ohne Bezug zu jener Geschichte, die die jeweilige Region prägte. Im Vogtland, wo Petra Steps aktiv ist, gehört diese lange Geschichte der Vögte zur eigenen Identität – und damit auch zu jenem Selbstbewusstsein, mit dem sich der Landstrich auch heute noch gegen die Dominanz der Nachbarn in Sachsen, Thüringen, Böhmen und Bayern behauptet.

    Im mittelsächsischen Raum um Chemnitz begegnet man dann immer wieder dem alten Ringen der deutschen Kaiser und der sächsischen Markgrafen um die Hoheit in diesem Gebiet. Westsachsen ist etwas dünn besetzt, was nur zu verständlich ist, denn es wird von den Burgen an der Mulde nun tatsächlich überstrahlt.

    Und natürlich darf man ruhig die freundlichen Einladungen annehmen, auch jene Schlösser und Burgen zu besuchen, die Petra Steps als Empfehlungen jenseits der üblichen Touristenrouten beschreibt – das geht mit Burg Mylau los und hört mit Burg Schönfels und Schloss Forder- und Hinterglauchau nicht auf. Und wer es eher barock mag, der besucht eben das Schloss Lichtenwalde oder Schloss Weesenstein und lernt auch dabei eindrucksvolle Landschaften kennen.

    Und schafft es vielleicht tatsächlich, einmal ein, zwei Gänge runterzuschalten. Denn selbst im sanierten Zustand erinnern ja all diese Bauten daran, dass das menschliche Lebenstempo mal ein anderes war und unser heutiges Hetzen nicht nur ungesund, sondern auch zerstörerisch.

    Womit wir den letzten Aspekt erwähnen, den Steps gar nicht besonders hervorhebt, der aber Triebkraft so vieler Fördervereine und Rettungskampagnen ist: Dass das Bewahren eine menschliche Triebkraft ist. Die noch viel wichtiger wird, wenn immer mehr Menschen die fatalen Folgen des Kaufens und Wegschmeißens begreifen, die heute unsere Welt in eine Müllhalde verwandeln – und dabei immer wieder von Menschen Geschaffenes entwerten, abwerten, zum Abriss freigeben, weil Neues hinzuklotzen scheinbar „effizienter“ ist.

    Was es nicht wirklich ist. Menschen brauchen das Gefühl, Teil einer gemeinsamen Geschichte zu sein. Und sie brauchen Orte, wo sie das erleben können. Und bei Burgen und Schlössern kommt dann meistens noch eine herrliche Aussicht ins weite Land dazu. Und das Gefühl, auf einmal richtig viel Zeit zu haben und sich vor niemandem dafür rechtfertigen zu müssen, dass man einfach mal loslässt und den kühlenden Wind der Geschichte genießt.

    Petra Steps Sachsen. Schlösser und Burgen, Wartberg Verlag, Gudensberg 2020, 16,90 Euro.

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