Personen und Ereignisse, Traditionen, Bauwerke und anderes Erinnerungswürdiges, mehr oder minder in Vergessenheit geraten oder unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung – sie stehen im Mittelpunkt dieser Serie. In diesem Beitrag geht es um eine der ersten staatlichen Schulen vor fast fünf Jahrhunderten mit weitreichender Bedeutung über Mitteldeutschland hinaus: eine Schule in Grimma nahe Leipzig, deren Schüler beispielsweise Paul Gerhardt, Carmen Nebel, Wilhelm Külz, Gerhard Gey, Petra Köpping und Knut Löschke waren. Auch die Thomaner gingen dort längere Zeit zur Schule. Und ein Tatort spielte genau dort.

Das Gymnasium St. Augustin zu Grimma ist – zusammen mit St. Afra in Meißen – Sachsens älteste staatliche Schule, im vorigen Jahr wurde sie 475 Jahre alt.

Gegründet 1550 von Herzog Moritz von Sachsen, war sie als Fürstenschule Grimma die jüngste der drei sächsischen Fürstenschulen. Sie prägte fast vier Jahrhunderte als bedeutende voruniversitäre Lehranstalt den Beamten- und Theologen-Nachwuchs in Kursachsen und Mitteldeutschland.

Die drei Fürstenschulen Landesschule Pforta in Schulpforte bei Naumburg, das Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra in Meißen und das Gymnasium St. Augustin in Grimma sind Deutschlands älteste staatliche Schulen – und sie bestehen bis heute.

Geschichte und Entwicklung

Gegründet 1550 im damals funktionslos gewordenen Kloster Grimma – was bis heute die benachbarte Klosterkirche Grimma bezeugt – ist die Bildungsstätte fast 400 Jahre eine wesentliche Säule der Reformation gewesen. Viele ihrer Abiturienten wurden evangelische Pfarrer und Gelehrte.

Im September 2025 feierte die einstige Fürsten- und Landesschule Grimma ihr 475-jähriges Jubiläum. Das heutige Gebäude im Neorenaissance-Stil wurde als Schulneubau 1891 von König Albert von Sachsen eingeweiht. Die angrenzende Klosterkirche Grimma war von 1550 bis 1937 die zugehörige Schulkirche.

Gymnasium St. Augustin von der Mulde aus, links die Klosterkirche Grimma (Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77546024)
Gymnasium St. Augustin von der Mulde aus, links die Klosterkirche Grimma (Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77546024)

Nicht zuletzt: Das architektonische Ensemble von Schule und Kirche – von der Muldenseite aus gesehen – zählt zu Grimmas bekanntesten Stadtaufnahmen.

Kurfürst Moritz von Sachsen ließ 1550 im leerstehenden Kloster seine dritte Landesschule einrichten – so wie zuvor in Meißen und bei Naumburg. Sein Ziel waren gescheite und verlässliche Kopfarbeiter für die evangelische Kirche und deren Verwaltung.

Begabte Jungen aus allen Schichten der Gesellschaft erhielten dort – größtenteils über Freistellen – gründliche Schulbildung, protestantischen Glauben und festen Wertekanon. Zum Platz an der Schule gehörte auch das Bett im Alumnat, wo die Schüler einander erzogen.

Nach dem Universitätsstudium wurden viele der einstigen Schüler Theologen, Lehrer, Professoren, Wissenschaftler und Politiker. Das Grundkonzept – stets verzögert dem Zeitgeist angepasst – funktionierte fast 400 Jahre. Ab 1936 zerstörte die nationalsozialistische Ideologie die Schulideale. Nach 1945 schufen die neuen Machthaber ihr sozialistisches Fundament, duldeten Bilderstürmereien wie die Auflösung und Plünderung der wertvollen, historischen Schulbibliothek.

1945 fiel das Geschlechtsmonopol – aktuell lernen mehr Mädchen als Jungen am Gymnasium. Seit 1992 heißt die Schule „Gymnasium St. Augustin zu Grimma“. Das Vorhaben der Schulleitung, wie die beiden Schulschwestern St. Afra in Meißen und Schulpforta in Sachsen-Anhalt erneut zu einer Landesschule zu werden, blieb erfolglos.

Die Liste später namhafter Personen, die dort zur Schule gingen, ist umfangreich: Sie reicht vom Kirchenlied-Dichter Paul Gerhardt (1607–1676) bis zur Moderatorin Carmen Nebel, vom Politiker und Dresdens Oberbürgermeister Wilhelm Külz (1875–1948), über Ex-Landrat Gerhard Gey bis zur Politikerin Petra Köpping und Unternehmer Knut Löschke.

Auch die Thomaner waren ab 5. Dezember 1943 bis Kriegsende 1945 dort zu Hause, nachdem ihr Alumnat beim Bombenhagel auf Leipzig beschädigt wurde.

Zu den historischen Namen

Als sich die Klöster in der Folge der Reformation leerten, stellte sich die Frage, was mit den Gebäuden und dem beträchtlichen Grundbesitz geschehen sollte. Herzog Moritz von Sachsen entschloss sich, in dreien dieser Klöster Schulen einzurichten. Damit entstanden Schulen, deren Träger der Landesherr war, also staatliche Schulen.

Daher stammen auch die historischen Namen dieser Schulen – es waren kurfürstliche Schulen, also „Fürstenschulen“. Zudem waren sie Schulen im und für den Machtbereich des Herrschers, also für das Kurfürstentum, für das Königreich (ab 1806), für den Freistaat Sachsen (ab 1919) – kurzum für das „Land“, woraus sich die Bezeichnung „Landesschulen“ ergab.

Vom Pädagogen Friedrich Paulsen stammt die viel diskutierte These, diese drei sächsischen Fürstenschulen seien seit 1543 die leistungsfähigsten hochschulvorbereitenden Einrichtungen im protestantisch-deutschsprachigen Raum gewesen.

Ansicht aus Richtung Pöppelmann-Brücke (Holger Zürch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28287077)
Ansicht aus Richtung Pöppelmann-Brücke (Holger Zürch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28287077)

Zur Geschichte der Schule, ihrer Lehrer und Schüler seit 1550 sowie der bis 1945 zugehörigen Klosterkirche Grimma finden sich vielfältige Dokumente im Archiv der Fürstenschüler-Stiftung, das im Dachgeschoss des benachbarten Gebäudes Altes Seminar untergebracht ist.

Reformation und Landesschule Grimma

Dessen langjähriger Archivleiter Volker Beyrich verwies 2017 darauf, dass die drei Fürstenschulen in Schulpforta, Meißen und Grimma „stabilisierende Rückwirkungen“ auf die Reformation hatten, wie der Text der Stiftungsurkunde belegt: Die Schulen sollten gegründet werden, „damit es mit der Zeit an Kirchendienern … nicht Mangel gewinne“.

So studierten nach Beyrichs Recherche 15 von den 25 Knaben, die im Gründungsjahr 1550 in die Schule in Grimma aufgenommen wurden und für die der spätere Beruf überliefert ist, Theologie. Untersuchungen zu 550 Schülern, die von 1701 bis 1750 die Landesschule Grimma besuchten, ergaben, dass mehr als 40 Prozent von ihnen später kirchliche Berufe ausübten.

Die Reformation machte die Landesschulen erst möglich – sowohl inhaltlich als auch materiell. Umgekehrt trugen die Landesschulen nach Beyrichs Ansicht „nicht unwesentlich zur Stabilisierung der Reformation und der evangelisch-lutherischen Kirche bei: Sie haben damit auch Anteil an der Stärkung des sächsischen Pfarrhauses, das über die Jahrhunderte nicht nur für den christlichen Glauben und die evangelisch-lutherische Kirche eine große Rolle spielte, sondern für die gesamte kulturelle Entwicklung Sachsens.“

16. bis 18. Jahrhundert

1550 profitierte Grimma davon, dass 60 Kilometer westlich ein katholischer Bischof anders wollte als der protestantische Landesvater: 1543 setzte Herzog Moritz von Sachsen einen Rat von Georg von Carlowitz in die Tat um: Er erließ am 21. Mai 1543 die „Neue Landesordnung“, mit der im Abschnitt „Von dreyen neuen Schulen“ die dauerhafte Grundlage für die Fürsten- und Landesschulen in der Region gelegt wurde: Sankt Afra in Meißen (1543), St. Marien zur Pforte bei Naumburg (Saale) (1543), und eine in Merseburg.

Das Gymnasium in Grimma, Ansicht in der Klosterstraße (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61182974)
Das Gymnasium in Grimma, Ansicht in der Klosterstraße (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61182974)

Jedoch soll die Schulgründung am Widerstand des dortigen damaligen Merseburger Bischofs Sigismund von Lindenau gescheitert sein – und so fiel sieben Jahre später die dritte noch ausstehende Entscheidung zur Schulgründung zugunsten von Grimma.

1550 wurde die dritte sächsische Landesschule im ehemaligen Augustiner-Eremiten-Kloster zu Grimma gegründet. Ihr erster Rektor war der Pädagoge Adam Siber.
Zwischen 1622 und 1627 besuchte der spätere protestantische, bis heute populäre Kirchenlieder-Dichter Paul Gerhardt die Landesschule Grimma.

Neubau im 19. Jahrhundert

1820 wurde das alte Schulgebäude abgerissen und an gleicher Stelle ein neuer Bau errichtet, der 1828 eingeweiht wurde. Dieser Bau wurde während des 19. Jahrhunderts mehrmals erweitert, reichte aber für die gewachsene Schülerzahl – so mussten beispielsweise 34 Freistellen von Schulpforta wegen der Teilung Sachsens 1815 nach Grimma übertragen werden – nicht mehr aus.

Dennoch wurden Anträge auf Schulerweiterung bis 1874 vom Sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts abgelehnt. Zum Meinungswandel kam es erst, als König Albert nach Grimma kam, die Fürstenschule besuchte und die Bauvorschläge der Schule befürwortete.

Der staatliche Baubeamte Hugo Nauck schuf die Baupläne im Stil der Neorenaissance. Der Neubau wurde bei laufendem Schulbetrieb in zwei Bauabschnitten errichtet. Am 9. Mai 1888 war Richtfest für den nördlichen Teil des Schulneubaus, Ostern 1891 waren die Bauarbeiten abgeschlossen. Festliche Einweihung war vom 23. bis 25. September 1891.

Das bis heute außen und innen (außer der Aula) überwiegend original erhaltene Gebäude erinnert aus der Vogelperspektive in seiner Gestalt an eine eckige Null, hat einen beeindruckenden Innenhof und eindrucksvolle Maße: Länge an der Straßenseite: 108,5 Meter, Länge an der Muldenseite: 116,3 Meter (wegen Hochwassergefahr stärkere Eckbefestigungen am Muldenflügel), Breite: 58 Meter, Höhe des Straßenflügels: etwa 16 Meter bis etwa 22,5 Meter, Höhe der anderen drei Flügel: etwa 22 Meter bis – einschließlich der Schmuck-Elemente – etwa 28 Meter Der Innenhof der Schule ist fast 79 Meter lang und 32 Meter breit.

20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg begann 1924 der Umbau der konservativen Fürsten- und Landesschule zum Reformgymnasium mit republikanischer Prägung. Die Schule wurde 1936 per Dekret von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet. Das Vorhaben der Nazis, sie in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) umzugestalten, scheiterte.

Zu dieser Zeit wurde das Alumnat von 144 Schülern bewohnt, 1939 wurde der Unterricht im Fach Griechisch eingestellt. Von 1550 bis 1945 haben rund 8.700 Schüler die Fürsten- und Landesschule St. Augustin zu Grimma besucht.

Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland wurde am 1. Oktober 1945 der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Die pädagogische Neugestaltung geschah nach dem Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule von 1946. Gefolgt vom Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik vom 2. Dezember 1959 und der DDR-Schulreform wurde die einstige Landes- und Fürstenschule Grimma endgültig zur Oberschule sozialistischer Prägung umgestaltet.

Im Schuljahr 1960/61 wurde sie zur Erweiterten Oberschule (EOS) umgewandelt. Ab 4. Oktober 1974 trug die EOS den Namen „Erweiterte Oberschule Ernst Schneller Grimma“.

Jüngere Vergangenheit

Nach der Friedlichen Revolution in der DDR startete der Schülerrat im Februar 1990 eine Befragung zum Schulnamen. Dabei befürworteten Schüler und Lehrer mehrheitlich die Ablegung des Namens Ernst Schneller mit dem Ergebnis, dass ab September 1990 der Name „Erweiterte Oberschule Grimma“ lautete. Am 11. Juni 1992 einigte sich das Lehrerkollegium auf den Namen „Gymnasium St. Augustin zu Grimma“. Den führt das Gymnasium offiziell seit dem Schuljahr 1992/1993.

Gegenwart

St. Augustin ist ein Gymnasium mit vertiefter sprachlicher Ausbildung, es ist eine Bildungsstätte mit Internat. Es bietet seit dem Schuljahr 2014/2015 die vertiefte Ausbildung in Englisch ab Klassenstufe 5 an. Zuvor hatte das Gymnasium lange Zeit als traditionelles Ausbildungs-Alleinstellungsmerkmal die vertiefte sprachliche Ausbildung mit Latein als zweiter Fremdsprache – letztmals ab Klasse 5 im Schuljahr 2010/2011.

Jedes Jahr im September wird am Gymnasium der Geburtstag der Bildungsstätte im Jahr 1550 mit dem sogenannten Stiftungsfest feierlich begangen. Im Jahr 2025 wurde das 475er Jubiläum mit einer Festwoche begangen.

Das Gymnasium als „Tatort“-Kulisse

Und auch das gehört zur Geschichte der altehrwürdigen Bildungsstätte: Im Jahr 1997 wurde im Gymnasium die Tatort-Folge „Fürstenschüler“ gedreht.

Koordinaten: 51° 14′ 9″ N, 12° 43′ 52″ O

Das Gymnasium St. Augustin auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gymnasium_St._Augustin

Die Homepage von St. Augustin: https://staugustin2025.de

Die einstige Fürstenschule auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Fürstenschule

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar