Wenn ein Wettiner auf Reisen geht … verschlägt es ihn schon mal nach Indien. So wie den in Wettin-Löbejün heimischen Verleger, Fotografen, Filmproduzenten, Kameramann und Buchautor Hendrik Wiethase. Seit 2005 reist er immer wieder in das Land der Farben, Düfte und Gewürze und sammelt nicht nur Bilder und Eindrücke, sondern auch Rezepte. Denn die indische Küche hat ihn zutiefst beeindruckt.

Entstanden ist dieses Buch, in dessen einführendem Teil Wiethase natürlich erst einmal erzählt, warum ihn das Land, wo der Pfeffer wächst, so fasziniert, als Ergebnis ausgelebter Neugier. Gerade in der indischen Küche hat er etwas gefunden, was ihn begeistert.

Frischer Einkauf auf dem Markt

Auch weil Indien nach wie vor ein vor allem agrarisch geprägtes Land ist und sich nur die wenigsten Inder in den großen Metropolen leisten können, in den für uns so normalen Supermärkten einzukaufen.

Eingekauft wird noch immer jeden Tag frisch auf dem Markt, was mit dem Klima zu tun hat, so Wiethase, und damit, dass die meisten Inder noch immer eigene Landwirtschaft betreiben, und sei es auch nur eine kleine in der Stadt. Das Klima ist gerade in der am dichtesten besiedelten Region Kerala tropisch. „Land der Palmen“ nennt Wiethase diese fruchtbarste Ecke Indiens.

Aber tropische Temperaturen bedeuten eben nicht nur, dass alles schnell wächst, sondern auch, dass es schnell verdirbt, wenn es geerntet ist. Deswegen wird jeden Tag frisch eingekauft. Und nach Wiethases Erfahrungen prägt das die indische Küche nach wie vor – dass schon aus Erfahrung nur mit frischen Zutaten gekocht wird.

Und er erklärt auch, warum die Inder nach wie vor mit der Hand essen – der rechten Hand. Was auch einen tiefen religiösen Aspekt hat, andererseits auch das Ess-Erlebnis intensiver macht.

Der Reichtum indischer Gewürze

Und was dann auf den Tellern oder Bananenblättern landet, ist auch von der Ernährungsseite her ausgewogen, wie Wiethase betont, der auf seinen Reisen mehrere indische Bundesstaaten besucht hat. Er hat sich mit den oft besonders für die indische Küche typischen Gewürzen beschäftigt, dem Reis, der fast immer Hauptbestandteil der Mahlzeit ist – und natürlich den verschiedenen Reissorten.

Oder auch der Fülle indischer Gemüse, die jeden Markt in eine Augenweide verwandeln. Man erfährt, welche Fleischsorten die Inder bevorzugen und wie der Fischreichtum die Küche von Kerala beeinflusst. Und natürlich auch, mit welchen Geräten in Indien gekocht und gebraten wird. Und wo man all das Indien-Typische bekommt, wenn man hierzulande selbst einsteigen will in die Vielfalt der indischen Küche. Gern auch angepasst an das hiesige Frischeangebot von Fisch bis Gemüse.

Denn mit diesem Reichtum geht es ab Seite 32 los – in diesem Fall mit Kokos- und Tomaten-Chutney im Kapitel „Chutney, Soßen und Suppen“. Man hat also – auch farblich abgesetzt – eine gute Orientierung, erst recht, wenn man die Rolle des Reises verinnerlicht hat und dann im Kapitel „Beilagen“ die oft farbenfrohen Zutaten sucht, die man dem Reis beigeben möchte.

Gemüseanbau auch in den Städten Indiens

Man findet Eierspeisen und Fischgerichte, Fleisch, Käse und Gemüse mit all ihren exotischen Namen ordentlich sortiert. Und wie man das vom Buchverlag für die Frau kennt, endet die Reise durch eine hier ihre Vielfalt offenbarende indische Küche mit den Snacks und den süßen Nachspeisen.

Selbst die Zubereitung von Fladenbroten und Pfannkuchen findet ihren Platz. Da und dort merkt man die leichten europäischen Einflüsse. Aber die Mehrzahl der Gerichte entführt hinein in eine Küchentradition, die sich auf den ersten Blick deutlich von all dem unterscheidet, was in deutschen Landen so gern „Hausmannskost“ genannt wird.

Denn natürlich prägt ein Landesklima auch die Küche der Bewohner, findet sich auf ihrem Speiseplan vor allem das wieder, was tatsächlich vor Ort wächst und gedeiht. Und so gesehen ist die indische Küche nicht nur eine gesunde Küche, sondern auch eine regionale, die – anders als das Angebot in den deutschen Supermärkten – nicht auf Importe aus aller Welt angewiesen ist.

Was dann wieder mit der nach wie vor kleinteiligen Landwirtschaft zu tun hat. Selbst in den Städten haben viele Menschen nach wie vor ihr kleines Stück Erde, das sie zum Anbau von Gemüse nutzen. Etwas, was ja in Deutschland gerade erst unter dem Label „essbare Stadt“ wieder neu entdeckt wird.

Am Rande: Die Rolle der Frau

Und so lädt das Buch mit Kichererbsensbällchen und süßen Reistäschchen, einem Gemüse-Eintopf mit lauter indischen Zutaten, Hühnchen-Curry und Chicken Tandoori ein, die Freuden der indischen Küche zu entdecken. Man muss nicht gleich ins Land reisen, wo der Pfeffer wächst, auch wenn Hendrik Wiethase ein wenig wirbt dafür, das riesige Land mit seinen durchaus verschiedenen Kulturen einmal selbst kennenzulernen.

Das wäre dann auch die Gelegenheit, eine ganz andere Vielfalt an Bananen kennenzulernen oder Kokosnüsse direkt frisch vom Händler auszuschlürfen und auszulöffeln.

Dass Wiethase auch die Rolle der Frau anspricht, erscheint zwar zwangsläufig. Aber im Grunde erinnert er mit diesen Hinweisen auch daran, wie sehr die Rolle der Frau als Haus-Frau mit traditionellen Wirtschaftsweisen verknüpft ist, in denen das Haus eben auch immer Landwirtschaft einschloss. Frauen waren also für viel mehr zuständig als nur „Heim und Herd“, in Indien freilich auch immer auf die Existenz eines Mannes angewiesen.

Von ihm hängen Status und Wohlstand ab. Noch ist Indien ein zutiefst traditionelles Land mit großenteils noch funktionierenden Großfamilien-Strukturen. Die Frauen „gehen oft keiner Erwerbstätigkeit nach, arbeiten trotzdem mindestens so hart wie ihre Männer und wenn sie geschieden sind, oder aus irgendeinem Grund ihren Mann verloren haben, fallen sie meistens gesellschaftlich weit nach unten“.

Ein Land der Widersprüche

Ein Land voller Widersprüche also. Aber auch eines mit einer reichhaltigen Küche, die ohne diese hart arbeitenden Frauen nicht denkbar ist und wohl auch nie entstanden wäre. Auch wenn man auf den Fotos immer wieder auch stolze Fischer und Fladenbrotbäcker sieht.

Aber natürlich entsteht so wieder ein Buch, das über die Küche eine Tür öffnet zur Entdeckung einer Kultur, die uns fremd ist und vielleicht sogar bleibt. Aber zum Glück sieht die Welt nicht überall so aus wie in Deutschland. Sonst bräuchte man ja nicht mehr wegfahren und neugierig sein auf das Leben der Menschen in Ländern, die auch in ihrer Küche ihre Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit zeigen.

Hendrik Wiethase Eine kulinarische Reise durch Indien, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2021, 18 Euro.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür. 

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Empfohlen auf LZ

- Anzeige -

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar