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Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei: Bacons gesammelte Essays mit Gille-Collagen neu aufgelegt

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    Man könnte es glattweg als eine kleine Hommage an die scheidende Rektorin der Universität Leipzig Beate Schücking lesen, was der Verlag Faber & Faber hier vorgelegt hat. Denn diese Essays des berühmten englischen Staatsmanns, Philosophen und Wegbereiters der Empirie Francis Bacon gab 1940 erstmals der Anglist und Shakespeare-Forscher Levin Ludwig Schücking heraus. Übersetzt hat sie übrigens dessen Ehefrau Elisabeth Schücking.

    Und Beate Schücking ist die Enkelin von Levins Bruder Walther, Jurist, Völkerrechtler und Pazifist, der als Richter am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag tätig war. Aber Levin L. Schücking verbindet ja noch etwas anderes mit Leipzig: Ab 1925 war er Professor für englische Sprache und Literatur an der Universität Leipzig – bis zu seiner Emeritierung 1944. Er galt zu seiner Zeit als der führende deutsche Shakespeare-Forscher.Die „vollständige Ausgabe“ der Essays von Francis Bacon veröffentlichte Schücking 1940 in der Reihe Dieterich der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung in Leipzig. Die durchaus etwas Besonderes ist. Ab 1937 begannen die Verleger „Klemm und Marx die Herausgabe der Sammlung Dieterich, die sich während der Zeit des Nationalsozialismus mit ihren philosophisch, kulturgeschichtlich und literarisch wertvollen Bänden der humanistischen Tradition verpflichtet fühlte“, kann man auf Wikipedia lesen.

    Und das trifft auch auf den Bacon-Titel zu, zu dem Schücking eine sachkundige Einleitung schrieb, in der er nicht nur den dramatischen Aufstieg und Fall des kurzzeitigen Lordkanzlers Francis Bacon, dann Baron Verulam, beschrieb, sondern auch auf die Entstehung der Essays einging. Aber auch ihm gelang es nicht wirklich zu erklären, warum Bacon 1621 in Konflikt mit dem Parlament geriet, alle seine Ämter verlor und zu Geldbuße und Haftstrafe verurteilt wurde.

    Selbst Wikipedia kommt über eine sehr diffuse Zusammenfassung nicht hinaus: „Wenig später wurde er im Zusammenhang mit der strittigen Bewilligung von Haushaltsmitteln der Bestechlichkeit bezichtigt. Bacon vertrat in dieser Auseinandersetzung die Interessen der Krone gegen das Parlament, das eine Untersuchungskommission einsetzte, um weitere Geldmittel zu blockieren und bereits ausgezahlte zurückzufordern. In dieser Untersuchung wurden 27 Zeugen befragt, die Bacon beschuldigten, Geldmittel angenommen zu haben.“

    Als Lordkanzler gestürzt, als Essayist geliebt

    Also irgendwie scheint es um Bestechlichkeit gegangen zu sein. Aber Schücking deutet auch an, dass Bacons Nähe zu George Villiers, 1. Duke of Buckingham, dem Günstling König Jakob I., eine Rolle gespielt haben könnte, genauso wie Bacons Verständnis als Diener des Königs, für den er auch schon mal die konstitutionellen Rechte des Königs sehr weit auslegte und sich damit Feinde im Parlament machte.

    Und dann muss da noch seine durchaus gnadenlose Art gewesen sein, mit der er als Richter mit Angeklagten umging. Da half ihm am Ende auch nicht, dass er gleich in Bausch und Bogen die ganze Schuld auf sich nahm. Eigentlich ist Schückings Einleitung selbst ein lesenswertes Stück Literatur.

    Aber das hat Faber & Faber nicht mit übernommen in diese liebevoll gestaltete Ausgabe der gesammelten und von Elisabeth Schücking übersetzten Essays, die der Leipziger Maler Sighard Gille mit 30 Collagen angereichert hat. Das Ganze dann auch noch im Schuber – die Liebhaber schöner Bücher werden ihre Freude haben.

    Und die Leser, die Bacon bislang wohl eher als theoretischen Begründer der modernen Wissenschaft kennen, auch wenn sie sein 1620 veröffentlichtes „Novum Organum scientiarum oder Novum Organon“ wohl eher nicht gelesen haben, werden ihren Spaß haben, den so tief gestürzten Lordkanzler über Dinge schreiben zu sehen, die nicht nur uns Heutige aufregen und oft genug entsetzt sein lassen über das Theater auf der politischen Bühne.

    Denn Etliches, worüber Bacon in seinen Versuchen schrieb (den Titel „Essays“ hat er sich bei den zwischen 1580 und 1588 erschienenen Essays von Michel de Montaigne abgeschaut), gehörte wohl auch zu den Charaktereigenschaften des Autors selbst, mit denen er bei seinen Zeitgenossen heftig angeeckt sein muss. Und die werden seine Essays auch deshalb nur zu gern gelesen haben, weil der ehrgeizige Politiker (siehe den Essay „Über den Ehrgeiz“) darin just all die Probleme thematisierte, denen er auf seinem Weg zur Macht selbst begegnete.

    Ein Zeitgenosse Shakespeares

    Wobei Schücking auch darauf aufmerksam macht, dass Bacon 1597 seine ersten zehn Essays veröffentlichte, „die aber so viel Beifall fanden, dass der Verfasser sie 1612 um neunundzwanzig vermehrte …“ 1625 gab es dann eine weitere Neubearbeitung mit weiteren 19 ungedruckten Stücken. 1597 stockte Bacons Aufstieg in die höheren Positionen der Politik noch. Was mit seinem einstigen Patron Robert Devereux, 2. Earl of Essex zu tun hatte, der bei Königin Elisabeth I. in Ungnade gefallen war.

    Erst unter König Jakob begann 1603 sein steiler Aufstieg. Und Wikipedia erinnert ja auch daran, dass Francis Bacon auch für einen der möglichen Autoren gehalten wurde, die die berühmten Dramen des William Shakespeare geschrieben haben sollen. 200 Jahre lang galt er sogar als Hauptkandidat für diese Autorschaft. Die Diskussion ist bis heute nicht beendet.

    Aber so recht passt Bacons Stil nicht zu Shakespeare. Auch wenn er wohl all die Leidenschaften kannte, die Shakespeares große Königsdramen durchwallen. Der Macbeth’sche Charakter war Bacon ganz und gar nicht fremd. Und die Dreistigkeit, Skrupellosigkeit und Verschlagenheit der Macht („Über die Dreistigkeit“, „Über die Verschlagenheit“) auch nicht.

    Und es ist durchaus spannend, die Essays auch auf ihr Erscheinungsjahr hin zu lesen. „Über das Herrschen“ zum Beispiel veröffentlichte Bacon erstmals 1612 in seiner Sammlung. Da war er noch Generalstaatsanwalt. Der Aufstieg zu noch höheren Ämtern begann erst 1613. „Über Anhänger und Freunde“ schrieb er schon 1597, erweiterte den Essay aber nach seinem Sturz 1625.

    Und auch den Essay „Of Faction“ („Über Parteien“) veröffentlichte er erstmals 1597. Da war er schon seit 18 Jahren Abgeordneter im House of Commons, kannte also schon das sich ausbildende englische (Zwei-)-Parteien-System. Auch den Essay hat er später noch einmal überarbeitet.

    Aber es stehen nach wie vor so hellsichtige Sätze darin wie: „Diese Beispiele sind zwar Kriegen entnommen, aber in bürgerlichen Verhältnissen geht es genauso zu. Daher übernehmen dann auch oft, wo eine solche Spaltung stattfindet, Leute, die vorher in der Partei eine untergeordnete Rolle spielten, die Führung, häufig aber erweisen sie sich als vollständige Nullen und verschwinden ganz von der Bildfläche; denn die Stärke vieler liegt nur im Widerstand, und wo dieser fehlschlägt, haben sie ausgespielt.“

    Die Macht, die Eitelkeit, die Heuchelei

    Wobei sich Bacon nicht nur als Kenner der großen römischen Autoren von Tacitus bis Seneca erweist (die er immer wieder eifrig zitiert), sondern auch der Schriften des Italieners Niccolò Machiavelli, desen „Il Principe“ 1532 im Druck erschienen war.

    Womit sich natürlich der Blick auf Politik verändert, etwas, was heute scheinbar nicht mal mehr die Kommentatoren der großen Zeitungen und Sender wissen – wie sehr Politik immer auch von persönlichen Leidenschaften, Machtdenken, Eitelkeiten, Prahlereien und anderen durchaus menschlichen Erscheinungsformen abhängt.

    Etwas, was einem Bacon noch allzu bewusst war. „Über Verstellung und Heuchelei“ („Of Simulation and Dissimulation“) heißt ein Essay von 1625. Ein Essay, in dem so ein schöner Satz zu finden ist: „Die großen Vorteile der Heuchelei und Verstellung sind dreifach: Erstens kann man damit Widerstände einschläfern und alsdann übertölpeln; denn wo jemandes Absichten offen zutage liegen, da rufen sie alle, die ihnen feindlich sind, wie mit einer Trompete zu den Waffen.“ Ein herzlicher Gruß an alle Heuchler von heute. Man darf sie nur nicht so nennen, sonst schicken sie ihren Rechtsanwalt.

    Aber „Über den Neid“ machte sich Bacon genauso seine Gedanken wie „Über die Eigennützigkeit“, noch so eine urmenschliche Charaktereigenschaft, die man überall dort trifft, wo man sich am Reichtum der Nation bereichern kann: „Eigennützigkeit ist in allen ihren Spielarten etwas Niederträchtiges. (…) sie ist die Klugheit der Krokodile, die Tränen vergießen, wenn sie einen verschlingen möchten.“ Veröffentlicht erstmals 1625. Da rechnete wohl einer auf seine Weise ab mit den Krokodilen.

    Ehre, Ruhm und Niederlagen

    Oder wie wäre es mit seinen 1612 veröffentlichten Worten über die Prahlhänse, die immerzu ihre Person in alle Himmel rühmen? „Die Prahler sind das Gespött der Weisen, die Bewunderung der Toren, der Abgott der Schmarotzer und die Sklaven ihres eigenen Dünkels.“

    Da dürfen wir alle auch an wohlbekannte Zeitgenossen denken. So viel hat sich seit den Zeiten Bacons und Shakespeares nicht verändert. Und wer die zeitgenössischen Shakespeare-Dramen liest, darf durchaus an die Dramen im noch jungen englischen Parlamentarismus denken, in dem es schon genauso heftig zur Sache ging wie heute.

    Sogar mit größeren Konsequenzen, wenn man Aufstieg und Fall des klugen Francis Bacon vor Augen hat, der natürlich auch einen Essay „Über Ehre und Ruhm“ („Of Honour and Reputation“) geschrieben hat, erstveröffentlicht 1597 und bei jeder Neuveröffentlichung überarbeitet.

    Man lernt ja immer was dazu, wenn man erst mal aufsteigt in die ruhmvollen Ämter und dann tief hinabstürzt. „Der aber ist ein schlechter Anwalt seines eigenen Ruhmes, der sich an irgendeiner Handlung beteiligt, deren Fehlschlagen ihm mehr Schimpf als deren Durchführung Ehre eintragen würde.“ Was ja bekanntlich eine sehr schöne Ausrede auch für in Ämter gewählte kühne Leute ist, die lieber gar nichts wagen und den Ruhm für mögliche Niederlagen lieber anderen überlassen.

    Man hat also – wenn man die Essays mit leichtem Seitenblick auf die heutige Bühne der großen Politik liest – seinen stillen und herzlichen Spaß. Und fast hätte man erwartet, ein paar nur zu bekannte Bühnenfiguren der Gegenwart auch in den Collagen von Sighard Gille wiederzuerkennen. Aber diese spitzen Anspielungen hat sich der Künstler wohlweislich verkniffen. Manchmal reichen auch subtile Anspielungen und man weiß, dass die vergangenen 400 Jahre – was menschliche Ruhm- und Prahlsucht betrifft – nicht die geringste Rolle spielen.

    Die Welt mag sich ändern und verändert sich auch ständig, was auch Bacon seinen Zeitgenossen erst mal erklären musste („Über die Wandelbarkeit von Dingen“), aber irgendwie ändern sich die menschlichen Triebkräfte nicht, die sich auf der großen Bühne nur zu gern austoben, wo sie alle ihren Applaus finden: die Prahlsucht, die Eitelkeit, der Ehrgeiz, das „Scheinbild der Klugheit“, die Verschlagenheit und die Eigennützigkeit. Bacon hätte sich über das meiste, was uns heute so aufregt, nicht die Bohne gewundert.

    Francis Bacon Über die Dreistigkeit, über den Argwohn und über die Prahlerei, mit 30 farbigen Collagen von Sighard Gille, Faber & Faber, Leipzig, 2021, 36 Euro.

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