Der Titel ist doppeldeutig. Soll er auch sein. Nicht nur, weil er von Menschen erzählt, die unter uns leben, oft gar nicht mehr wahrgenommen, die aber in ihrer Familie den düsteren Schatten einer Zeit mit sich tragen, als sie im Stalin-Russland zu Parasiten erklärt wurden. Auch die Russlanddeutschen haben jede Menge Geschichten zu erzählen über die finsteren und tragischen Seiten des 20. Jahrhunderts.
Geschichten, die die Älteren meist tief in sich verschließen. Nur ja nicht darüber reden. Und dann genügt ein boshafter Brief und reißt das ganze Trauma wieder auf.
Es trifft Lydia, die Großmutter von Rina, wie ein Schlag. Ein böser Schlag, bewirkt von grimmigen Abtreibungsgegnern, die die Haushalte in Fürstenfeldbruck mit ihren vorwurfsvollen Briefen fluten, in denen auch – um ihr Anliegen greifbarer zu machen – ein aus Plastik geformter Embryo steckt.
ist dieser Moment, als Lydia den Brief öffnet und liest, der sie völlig außer Gefecht setzt. Auch die Ärzte wissen nicht, was es genau ist: eine Hirnblutung, Demenz? Die Großmutter ist jedenfalls nicht mehr ansprechbar, kann ihre Lebensgeschichte nicht mehr erzählen.
Doch genau jetzt will Rina es endlich wissen. Denn in ihrer Familie redet niemand über die Zeit in Russland, im fernen Nowosibirsk, wohin die Familie der Großmutter im Zweiten Weltkrieg deportiert worden war. Vorher lebte sie in Odesa. Wie erzählt man diese Geschichte also, die in Nowosibirsk nach der langen Hungerfahrt im Viehwaggon in ärmlichsten Verhältnissen endete?
Das mitleidlose Russland der Nachkriegszeit
Auch Rinas Mutter Elvira redet nicht über diese Zeit, die sie als kleines Kind noch miterlebt hat. Bleibt nur noch Tante Valli, die letztlich als einzige nachgibt, weil Rina nicht aufhört zu fragen. Und irgendwie ist es für sie auch eine Erleichterung, dass sie das alles endlich jemandem erzählen kann, der auch zuhört. Wenigstens das, was sie weiß. Auch wenn sie in Lydias Geschichte anfangs nur wie ein Schatten auftaucht. Denn eigentlich war sie Lydias Nichte, war zu ihr gekommen, weil ihre Eltern überfordert waren. Oder sie einfach nicht liebten. Loswerden wollten.
Es geht nicht zärtlich zu in Lydias Geschichte. Es ist das raue und mitleidlose Russland der Nachkriegszeit. Ein Russland, das keinen Platz hatte für menschliche Wärme, in dem Misstrauen herrschte. Ein Misstrauen aller gegen alle. Auch Lydia bekommt es zu spüren. Die deportierten Wolgadeutschen stehen zwar nicht ganz unten in der Hierarchie der nach Sibirien deportierten „Parasiten“. Aber sie bekommen die Verachtung genauso zu spüren, sind keine „richtigen“ Russen. Werden als Faschisten verunglimpft.
Dazu kommt die bittere Armut. An eine richtige Wohnung kann Lydia gar nicht denken, als sie den schönen Sashka heiratet, der sie mit seinem Bühnenauftritt so verzaubert hat. Die Warnungen der Mutter, dass Sashka auch nur ein Nichtsnutz ist, überhört sie. Und macht die bittere Erfahrung, dass Mütter meistens recht haben.
Immer wieder blendet Alisha Gamisch zurück in das Leben von Lydia damals in Nowosibirsk. In der Baracke, wo sich Lydia und Sashka einen kargen Raum mit Sashkas Vater teilen, ist kein Platz für noch mehr Kinder. Und das Geld, das Lydia in der Nähfabrik verdient, reicht auch nicht, um noch mehr Mäuler zu stopfen.
Nur nicht darüber reden …
Und so geht Lydia eines Tages einmal mehr in die Abtreibungsklinik, wo der Schwangerschaftsabbruch diesmal gründlich schiefgeht. Es passiert nicht nur ihr so. Ihre Bettnachbarin Vera macht dieselbe schlimme Erfahrung – und stirbt auch daran. Und für Lydia beginnt eine lange Zeit der Qualen und der Kraftlosigkeit. Vielleicht ist es genau das, was der Brief der Abtreibungsgegner in ihr wieder aufgeweckt hat. Ein Berg von Trauer und Sprachlosigkeit, den sie nun nicht mehr tragen kann. Vielleicht ist sie deshalb verstummt.
Vielleicht auch, weil die bedrückende Zeit in Nowosibirsk nie wirklich vergessen wurde. Als Trauma ganz unten lag in der Erinnerung, verdrängt, unterdrückt. Ja nicht darüber reden. Nicht zurückdenken. Und auch nicht wieder hinfahren in dieses arme, traurige Land. Denn über Estland gelang es Lydia, herauszukommen aus den niederdrückenden Verhältnissen in Nowosibirsk.
Und als in Deutschland Willy Brandt Bundeskanzler wird, ergeben sich auf einmal endlich auch Möglichkeiten, nach Deutschland zu kommen. Hier letztlich in der Gegend von Fürstenfeldbruck eine neue Heimat zu finden.
Was freilich auch Kindern und Enkeln das Ausgegrenztwerden nicht ersparte. Jetzt waren sie fĂĽr die Deutschen die Russen. AuĂźenseiter. In Rinas Schicksal spiegelt sich so manches, was ihre Tante Valli in Nowosibirsk andersherum erlebt hatte. Nur muss sich Rina deshalb nicht prĂĽgeln. Und anders als ihre GroĂźmutter hat sie nicht nur einen Liebhaber kennengelernt.
Denn wo ihre Großmutter lange überhaupt nicht wusste, dass Lieben auch schön sein kann und Männer sich anstrengen können, damit es so wird, weiß das Rina und sie ist beinahe froh, dass sie am Ende einen wie Fra gefunden hat, den sie nicht gleich nach der ersten Nacht wieder wegschicken muss, weil er sich wirklich Mühe gibt.
Frauenbilder, Männerbilder
In gewisser Weise ist Gamischs Buch nun einmal auch eine Geschichte über die diffusen Männer- und Frauenbilder, die noch im 20. Jahrhundert nicht nur im fernen Osten dominierten. Und wer die russische/sowjetische Literatur des späten 20. Jahrhunderts gelesen hat, findet sich in genau dieser Welt wieder.
In einem Land, in dem alles egal zu sein scheint, wo Männer ihren Frust im Wodka ersäufen und – wie Sashka – auch keine Rücksicht auf Frauen und Kinder nehmen. Die Frauen sind eben da, haben sich um den Haushalt zu kümmern und bereitwillig zu sein, wenn der Mann ein Bedürfnis hat.
Für Lydia eine geradezu ausweglose Situation, hätte sie nicht Freundinnen wie Marushka, die ihr Mut machen und Dinge verraten, die in Lydias Familie immer tabu waren. Worüber man halt nicht sprach. Kein Wunder, dass ihre Ehe mit Sashka eine Katastrophe ist, in der beide nicht glücklich sind und Lydia allein dasteht, als die Entscheidung ansteht, nun doch wieder in die Abtreibungsklinik zu gehen.
Wo sie genauso lieblos behandelt wird. Es ist das wohlvertraute Russland mit seinen ganzen gefĂĽhllosen Grobheiten, dem man hier wieder begegnet.
Das Schweigen brechen
Und in der Klinik, wo Lydia tagelang mit den Folgen der Ausschabung ans Bett gefesselt ist, taucht auch noch eine agitierende Schwester auf, die die Patientinnen mit Vorwürfen traktiert, sie würden die Kinder dem Staat entziehen. Vielleicht ist es dieser billige und falsche Vorwurf, der am Ende Lydia mit aller Vehemenz trifft. Vielleicht hätte sie doch gern mehr Kinder gehabt.
Das alles kann sie nicht mehr erzählen, wird nur bruchstückhaft zur Erzählung, weil Rina ihre Tante Valli ausquetscht, so oft sie nur kann. Und damit als Enkelin erst das schafft, was vorher in ihrer traumatisierten Familie nicht möglich war: dass wenigstens Valli endlich über all das redet, was damals in Nowosibirsk geschah.
Es ist fast immer erst die Enkelgeneration, die das Schweigen der traumatisierten Generation bricht. Und gerade weil Alisha Gamisch Lydias Leben in der Armut von Nowosibirsk den größten Platz einräumt, wird deutlich, wie gewaltig sich dieses bitterarme Leben von dem unterscheidet, das die in Deutschland endlich heimisch Gewordenen nun erlebten.
Und zumindest für Valli und Rina wird das unverhoffte und wohl auch nicht mehr zu heilende Schweigen der Großmutter zu einer Erlösung, sie können das Tragische aus der Vergangenheit endlich erzählen. Und vielleicht rundet sich ja der Kreis, wenn Rina aufbricht, die Orte zu besuchen, die mit ihrer Familiengeschichte verbunden sind.
Und zuerst wohl den magischsten von allen: Odesa mit dem riesigen Strand am Schwarzen Meer, wo Lydia einst als Kind das Schwimmen lernte. Bis die Deutschen kamen und die Tragik nicht nur ihrer Familie ihren Anfang nahm.
Alisha Gamisch Episoden um die Leipziger „Parasiti“ Voland & Quist, Berlin 2026, 24 Euro.
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