Waren die Aufklärer Rassisten? War die europäische Aufklärung doch wieder nur ein elitäres Projekt, bei dem die Herren mit den klugen Perücken den Balken im eigenen Auge nicht sahen? Oder hat der moderne Rassismus dort sogar seinen Ursprung? Manchmal bekommt man in den hitzigen Diskussionen der Gegenwart diesen Eindruck. Der natürlich verstört. Ging es den Aufklärern wie Immanuel Kant nicht um die unbedingte Gleichheit aller Menschen? Stoff genug für einen Workshop.
Der fand im November 2022 am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung (IZEA) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. Dieses Büchlein präsentiert die drei Vorträge, die zu diesem Workshop gehalten wurden. Und die im Grunde etwas bestätigen, was letztlich Aufklärung tatsächlich definiert. Denn Aufklärung ist ein Prozess. Auch ein Lernprozess. Ebenso bei heute vehement diskutierten Themen wie Rassismus und Antisemitismus. Aufklärung lebt vom wissenschaftlichen Denken, vom In-Frage-Stellen, vom Sich-selbst-Hinterfragen.
Das ist nicht leicht. Das geht ans Selbstwertgefühl. Das kennen auch heutige Wissenschaftler, die verbissen an ihren Thesen festhalten, selbst wenn neue Erkenntnisse diese widerlegen.
Kant und die Rassentheorie seiner Zeit
Die drei Beiträge in diesem Büchlein zeigen, wie das auch schon in der Zeit der Aufklärung Thema war. Man kann es auch so formulieren: Es war ausgerechnet die Aufklärungszeit, in der selbst hochgebildete Leute langsam ahnten, dass auch ein Berg von Wissen nicht ausschließt, dass man Vorurteile und falsche Vorstellungen im Kopf hat. Das betrifft auch den Königsberger Philosophen Immanuel Kant, dessen 20-seitige Schrift „Von den verschiedenen Rassen der Menschen“ von 1775 immer wieder zitiert wird, in der er – im Widerspruch zu der von ihm selbst postulierten Gleichwertigkeit aller Menschen – vier Rassen definiert.
Kant ist also schuld!?
Nicht wirklich. Denn die Theorie dahinter stammt nicht von Kant, sondern vom französischen Philosophen François Bernier, der 1684 versuchte, die Menschen nach ihrer Hautfarbe und den von ihnen bewohnten Klimazonen in vier Rassen zu sortieren. Diese „Klimatheorie“ dominierte bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Und einer der wesentlichen Gründe dafür spielt in den drei Vorträgen in diesem Buch die wesentliche Rolle.
Denn ein großer Teil der „wissenschaftlichen“ Diskussion in der Aufklärungszeit war eine Diskussion ausschließlich anhand von gedruckten Quellen. Ein Thema, das Kant in seinen späteren Schriften durchaus selbst wahrnahm und diskutierte. Noch deutlicher diskutierte es der Berliner jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, der aus seiner Außenseiterposition sehr deutlich wahrnahm, dass die Herren Philosophen immer wieder über Dinge diskutierten, die sie nur aus zweiter und dritter Hand kannten.
Also eigentlich keine Ahnung hatten. Gewissermaßen im Vorgriff kritisierte Mendelssohn in seiner 1784 erschienenen Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“ – indirekt – die 1790 erschienene Apologie „Ueber die Natur der afrikanischen Neger (und die davon abhängige Befreyung, oder Einschränkung der Schwarzen)“ des Göttinger Professors Christoph Meiners.
Kolonialismus aus zweiter Hand
Das Problem bei Meiners ist: Er beruft sich ganz allein auf diverse Reiseberichte, deren Autoren ihre Sicht auf Afrika ganz aus der dominierenden kolonialen Perspektive zeichneten. Er kannte Afrika und die Afrikaner gar nicht aus eigenem Erleben, sondern übernahm einfach die koloniale (und damit zutiefst rassistische) Sichtweise der Autoren dieser Berichte. Wissenschaftlich ein absolutes Unding. Und das hatte Meiners so nicht zum ersten Mal getan. Das hatte bei ihm Methode, und genau diese Methode hatte Mendelssohn kritisiert.
Nicht so deutlich: Moses Mendelssohn bevorzugte die feine Feder. Aber er kritisierte einen ganz zentralen Punkt – und damit blinden Fleck – in einem Teil der sich als aufgeklärt gebenden Literatur, der bei Meiners besonders deutlich hervortritt: Der glaubte tatsächlich, indem er sich auf solch koloniale Reiseberichte berief, dass er damit eine belastbare Quellenbasis bediente.
Was natürlich auch damals schon Quatsch war. Aber solche Beseeltheit davon, man würde etwas Wahres über die Welt aussagen, wenn man nur einen Berg von gedruckten Schriften zitierte, steckte tief im Wissenschaftsbetrieb des 18. Jahrhunderts. Und so ein wilder Glaube macht nun einmal blind für die eigenen Vorurteile, die nun einmal oft identisch sind mit den gedruckten und die Zeit dominierenden Vorurteilen – wie eben Berniers „Klimatheorie“.
Der jüdische Blick auf Rassismus und Kolonialismus
Oder den manifesten Vorurteilen gegenüber Juden, wie sie auch in Kants Religionstheorie noch sichtbar sind. Immerhin hatte Kant – obwohl er der christlichen Religion selbst skeptisch gegenüberstand – trotzdem versucht, das Christentum als einzig wahre monotheistische Religion zu dechiffrieren. Ein theorielastiger Kopfstand, den beim Workshop 2022 Michael Lesley genauer unter die Lupe nahm.
Immerhin bekommt man ja Bauchgrimmen, wenn man neben Kants großen Vernunft-Kritiken auf einmal diese seltsame Apologie des Christentums und die Abwertung des Judentums liest. Musste das sein?
Das war ein Thema, das zur Wende des 18. zum 19. Jahrhundert auch den jüdischen Philosophen Saul Ascher beschäftigte, zu dessen 200. Todestag der Workshop in Halle (an der Saale) eigentlich stattfand. Als jüdischer Autor wusste er nicht nur, wie weltfremd die zeitgenössischen Verlautbarungen über das Judentum und die Juden oft waren. Der Blick des kritischen Außenseiters ließ ihn auch sehen, wie sehr das Denken seiner Zeit auch von Rassismus und Abwertung der kolonisierten Völker durchsetzt war.
Eine Abwertung, die in der Debatte über die Sklaverei mehr als deutlich wurde. Und Jakob Ole Lenz zeichnet Aschers im Grunde lebenslangen Kampf gegen diesen in Köpfen und Schriftgut verankerten Rassismus nach, der oft genug mit einem latenten Antisemitismus einherging. Und – das wurde dann spätestens 1817 deutlich – mit einem kraftmeiernden „Patriotismus“, den Ascher in seiner Schrift „Die Germanomanie“ aufs Korn nahm. Eine Schrift, die die Burschenschaftler 1817 bei ihrem legendären Wartburgfest verbrannten.
So kommen historische Linien zusammen, auch wenn der Workshop sich eigentlich auf jüdische Denker der Aufklärung beschränkte, die sich mit klugen Schriften in die Debatten um Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus einmischten. Aber gerade beim Fall Meiners wird deutlich: Sie kritisierten auch eine pseudowissenschaftliche Haltung, die einen Teil dessen, was man zur aufklärerischen Diskussion zählt, ungenießbar und inakzeptabel machte. Letztlich so überflüssig, dass nur noch echte Expert/-innen Typen wie Christoph Meiners kennen und wissen, wie sehr solche Leute damals die Debatte dominierten.
Kolportierte Vorurteile
Und damit rassistisches und koloniales Denken aus zweiter und dritter Hand immer wieder kolportierten. Und so Denkfiguren verstärkten, die bis in unsere Gegenwart ihre Schatten werfen. Mitsamt dieser Stubengelehrten-Art, Wissenschaft einfach aus der verfügbaren Literatur heraus zu betreiben und obskure Quellen als Ursprung für belastbares Wissen zu verkaufen. Dass es gerade jüdische Gelehrte wie Moses Mendelssohn und Saul Ascher waren, die diesen Unfug kritisierten, versteht sich eigentlich von selbst.
Denn als Betroffene von Ausgrenzung und Abwertung sahen sie natürlich deutlicher, wie derselbe Mechanismus auch auf andere Menschen angewendet und immer wieder aufs Neue kopiert wurde, ohne dass die Autoren dieser Kolportagen überhaupt auf die Idee kamen, ihre Quellen kritisch zu hinterfragen.
Ein recht erhellender Workshop, der so nebenbei eben auch zeigt, dass die Aufklärung auch eine Bewegung war, in der die klügeren Köpfe lernten, ihr Wissen auf den Prüfstand zu stellen, ganz im Kant’schen Sinne seiner Aufklärungs-Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.“
Dass sich Kant dann auch gefallen lassen musste, dass jüngere Zeitgenossen diesen Anspruch auch an Kants Schriften anlegten, gehört zur Geschichte. Und zu den nicht ganz unwesentlichen Lernprozessen, die die Aufklärung ausgelöst hat.
Ottfried Fraisse, Jakob Ole Lenz (Hrsg.) „Europäische Aufklärungen und ‚rassistischste‘ Abwertungen“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 18 Euro.
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