Eine Stadtratsanfrage hat Folgen. Zur letzten Stadtratssitzung im Juli wollte die BSW-Fraktion unter anderem wissen: „Wie groß ist der aktuelle Bestand an kommunalen Kompensationsflächen innerhalb des Leipziger Stadtgebiets und außerhalb der Stadtgrenzen?“ Eigentlich eine naheliegende Frage, denn immer, wenn im Stadtgebiet wertvolles Grün beseitigt wird, um etwas zu bauen, muss der ökologische Verlust möglichst in der näheren Umgebung kompensiert werden. Was in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist

Schon damals ließ die Antwort des Amtes für Stadtgrün und Gewässer ahnen, dass die Stadt keine wirklich belastbare Übersicht zu solchen Kompensationsflächen hat. Schon seit Jahren weist sie solche Flächen deshalb immer weiter außerhalb des Stadtgebiets aus, wo sie für die Artenvielfalt und den Klimaschutz in Leipzig überhaupt keine Wirkung erbringen.wie die Landesdirektion der Initiative StadtNatur bestätigte.

Ganz ähnlich war es mit den Komplettrodungen am Bayerischen Bahnhof.

Und mit den Plänen der Stadt, das kleine Wäldchen an der Capastraße an RB Leipzig zu verkaufen und damit für die Rodung freizugeben, wurde das Problem erst recht deutlich. Denn schon in der Vorlage musste das Liegenschaftsamt einräumen, dass es für das Wäldchen in der Nähe kaum Kompensationsmöglichkeiten gibt.

Wirtschaftsinteressen gegen Biotoperhalt

Damit ist das Thema endgültig auch in der Wahrnehmung der Stadtratsfraktionen angekommen. Den gerade die zurückliegenden heißen Wochen haben gezeigt, wie wertvoll und unersetzlich das gewachsene Grün in der Stadt ist. Und dass sich die Fraktionen eben nicht darauf verlassen können, dass die Verwaltung im Sinne von Klima- und Artenschutz handelt, wenn „wirtschaftliche Interessen“ höher gewichtet werden.

Und dass der Stadt eine Übersicht über die noch möglichen Kompensationsflächen im Stadtgebiet tatsächlich fehlt, gesteht das Dezernat Stadtentwicklung und Bau jetzt im Grunde ganz offiziell ein. Denn was das Grünflächenamt aus seinen alten Karten nicht auslesen kann, soll jetzt mit einer Kartierung im ganzen Stadtgebiet neu erfasst werden. Und zwar nicht durch das Amt für Stadtgrün und Gewässer, sondern im Auftrag des Stadtplanungsamtes. Man will sich auf die unauslesbaren Karten im Grünflächenamt nicht mehr verlassen.

Stadt kartiert und sucht potenzielle Ausgleichsflächen für Bauvorhaben

Wie notwendig das Wissen um solche Flächen ist, beschreibt das Stadtplanungsamt so: „Betonierte Flächen entsiegeln, eine Streuobstwiese anlegen oder Stauden und Sträucher pflanzen: Wenn bei kommunalen Bauvorhaben Bäume gefällt werden oder andere Eingriffe in die Natur nötig sind, müssen diese kompensiert werden. Weil es zunehmend schwer ist, hierfür geeignete Flächen zu finden, erstellt die Stadtverwaltung jetzt ein Kompensationskonzept.“

Da wird man sich nicht nur in der BSW-Fraktion wundern. War es ihre Anfrage oder war es der zunehmende Streit um das Capa-Wäldchen, die hier die Stadt endlich dazu gebracht haben, ein Manko aufzuarbeiten?

Dafür sollen dann ab Montag, 31. August, bis voraussichtlich zum 23. Oktober zunächst ausgewählte Flächen im Stadtgebiet kartiert werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Büros „Institut für Vegetationskunde und Landschaftsökologie“ sind deshalb im Auftrag des Stadtplanungsamtes auf Brachflächen und Baulücken im Einsatz. Sie erfassen dort die ökologische Situation und identifizieren Aufwertungspotenziale.

Um sich auszuweisen, tragen die Kartiererinnen und Kartierer ein Begleitschreiben der Stadt Leipzig mit sich. Da es sich nicht ausschließlich um städtische Flächen handelt, werden Eigentümerinnen und Eigentümer gebeten, den Mitarbeitern Zutritt zu den Flächen zu gewähren, so das Stadtplanungsamt. „Damit unterstützen sie die Bemühungen der Stadt, Bauvorhaben zu ermöglichen und zugleich Lebensräume von Tier- und Pflanzenarten in der Stadt zu erhalten.“

Der Flächenpool ist leer

Bislang – so das Stadtplanungsamt – konnte für Ausgleichsmaßnahmen ein städtischer Flächenpool genutzt werden. Doch dieser ist – wen überrascht das? – erschöpft. Oder übersetzt: Die Stadt hat im Stadtgebiet schlicht keine Ausgleichsflächen für Kompensationen mehr. „Leipzig wächst stark und innerhalb der Stadt nimmt die Flächenkonkurrenz zu, das erschwert die Suche. Ziel ist es jedoch, die Kompensationen innerhalb des Stadtgebiets zu decken, weshalb nicht nur stadteigene Flächen untersucht werden“, begründet das Stadtplanungsamt jetzt die beginnende Erfassung.

Um potenzielle Flächen zu bewerten, werde unter anderem auch auf das städtische Biotopverbundkonzept zurückgegriffen, betont das Stadtplanungsamt. Was auch Sinn ergibt: „Der Biotopverbund ist ein Netz aus Lebensräumen für Tiere und Pflanzen. Nur wenn diese dauerhaft miteinander verbunden sind, können Arten ungehindert zwischen den Flächen wandern oder sich ausbreiten. Nur so wird dem Artensterben entgegengewirkt und kann biologische Vielfalt erhalten bleiben. Über das Konzept entscheidet der Stadtrat abschließend.“

Im gerade vorgelegten neuen Masterplan Grün ist zumindest skizziert, wie stark der Biotopverbund im Stadtgebiet eigentlich ausgebaut werden muss, damit er für Leipzig wirklich eine spürbare ökologische Wirkung entfaltet. Aber dazu braucht es an vielen Stellen eben auch die Bereitschaft von privaten Eigentümern, ihre Flächen für Kompensationen zur Verfügung zu stellen.

Private Eigentümer gefragt

„Private Eigentümer können sich unterdessen auch bei der Stadt melden, wenn sie ihre Grundstücke als Kompensationsflächen zur Verfügung stellen möchten“, lädt das Stadtplanungsamt ein. Dies ist per E-Mail möglich unter kompensation@leipzig.de.

Die Flächen sollten hierfür mindestens 100 Quadratmeter groß sein.

Eigentümer, die private Flächen entsiegeln und begrünen möchten, können hierfür zudem Förderung beantragen. Die Details zum Programm gibt es online unter www.leipzig.de/gruendachfoerderung.

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