Es war von Anfang an ein fauler Kompromiss, den die Stadt da auf den Tisch packte: RB Leipzig wurden vertraglich Trainingsflächen in der Nähe des Sportforums zugesprochen. Das Gelände der Kleinmesse stand dafür zur Verfügung. Doch als die Verwaltung die Frage beantworten sollte, wo denn dann die Kleinmesse hin soll, druckste sie herum, versprach, anderswo in der Stadt ein neues Gelände zu suchen.
Aber sie hat keins gefunden. Und so legte das Liegenschaftsamt am 10. Juni einen Vorschlag auf den Tisch, der nicht nur bei den Naturschutzverbänden für Entsetzen sorgt: Das kleine Wäldchen an der Capastraße soll gerodet werden.
In Wortlaut der Meldung der Stadt klang das, als hätte man sich bei der Suche nach Platz für das zugesagte Kleinmessegelände richtig Mühe gegeben: „Nach intensiver Suche und Abwägung präsentiert die Stadt Leipzig jetzt eine Lösung für den Erhalt der Kleinmesse am traditionellen Standort, der sowohl die Interessen der Schausteller als auch von RB Leipzig und des Umwelt- und Naturschutzes berücksichtigt. Die Planung sieht vor, eine bis zu 57.000 Quadratmeter große Fläche westlich des bestehenden Festplatzes dem Bundesligisten anzubieten, damit dieser dort seine Trainingskapazitäten erweitern und den Herren-, Nachwuchs- und den Frauenfußball konzentrieren kann.“
Ein entsprechendes Mandat zum Start eines Verhandlungsverfahrens zwischen der Stadt und RB Leipzig wurde durch den Oberbürgermeister schon beschlossen und wird dem Stadtrat schon am 1. Juli zur Entscheidung vorgelegt.
Kompensationsflächen – aber wo?
Durch einen Verkauf der Fläche an RB Leipzig werde – so meinte die Verwaltung – die jahrelange Suche nach einem geeigneten Ersatzstandort für die Kleinmesse in Leipzig beendet, welche nun am Cottaweg verbleiben könne.
„Diese Suche war immer wieder an den Anforderungen an eine solche Fläche gescheitert: Emissionsschutz, Erreichbarkeit per ÖPNV, Parkmöglichkeiten und den Kosten. Insgesamt waren 27 Standorte untersucht worden. Da sich die jetzt identifizierte Fläche im Eigentum der Stadt Leipzig befindet und der Festplatz unberührt bleibt, entstehen keine Erwerbs- und Erschließungskosten für eine neue Kleinmessefläche“, hieß es in der Pressemitteilung der Stadt.
Und dass man die 5,7 Hektar jungen Waldes einfach roden kann, begründete die Stadt so: „Die ins Auge gefasste Fläche war über Jahrzehnte als Kleingarten genutzt, wurde aber in den 1990er Jahren aufgegeben und ist seitdem verwaldet. Bei der Entwicklung der Fläche sollen möglichst viele Bäume erhalten werden, da das angrenzende Vogelschutzgebiet besonders geschützt ist.
Für die Entwicklung zu einem erweiterten Trainingsgelände für RB Leipzig wird die Stadt Kompensationsflächen identifizieren – unter diesen Vorzeichen ist die Entwicklung des Bundesligisten auf diesem Gebiet wirtschaftlich, ökologisch und stadtplanerisch die sinnvollste Möglichkeit.“
Kompensationsflächen aber heißt: Irgendwo anders pflanzt man dann wieder ein paar Bäumchen.
Clemens Schülke, Beigeordneter für Wirtschaft, Arbeit und Digitales, jedenfalls war sich sicher, dass die gefundene Lösung die richtige ist: „Wir haben mögliche Alternativstandorte für die Kleinmesse im gesamten Stadtgebiet sorgfältig geprüft. Dabei hat sich gezeigt, dass jeder Standort mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Mit diesem Vorschlag schaffen wir einen Ausgleich aller beteiligten Interessen. Das kann eine pragmatische und wirtschaftlich überzeugende Lösung für alle Beteiligten werden. Um die Gespräche mit RB Leipzig auf einer belastbaren Grundlage zu führen und die behördlichen Fragen zielgerichtet zu klären, werben wir im ersten Schritt um den Rückhalt des Stadtrates.“
Und Heiko Rosenthal, Beigeordneter für Umwelt, Ordnung und Sport, zeigte sich nicht gerade als Verteidiger des so wichtigen Stückchens Wald an der Capastraße: „Auch wenn für diese Lösung die Rodung eines Gehölzbestandes entlang der Capastraße notwendig wird, bin ich fest davon überzeugt, dass insgesamt damit ein großer Gewinn für die Stadt und den Sport in Leipzig einhergeht. Dass die Kleinmesse am Cottaweg erhalten bleibt, ist ein zusätzlicher Pluspunkt.“
Grüne: Die Rodung der Waldfläche an der Capastraße ist nicht verhandelbar!
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Leipzig kritisiert den Vorschlag der Stadtverwaltung zur Zukunft des Waldes an der Capastraße umgehend scharf und lehnt die geplante Rodung der Waldfläche entschieden ab.
„Dieser Vorschlag ist kein Kompromiss, sondern ein umweltpolitischer Offenbarungseid“, sagt Nicole Schreyer-Krieg, Grünen-Stadträtin und umweltpolitische Sprecherin. „Es ist für uns völlig inakzeptabel, dass eine funktionierende Lösung für RB Leipzig und die Kleinmesse nicht konsequent weiterverfolgt wird und stattdessen wertvolle Waldflächen geopfert werden sollen. Der Erhalt dieses Gehölzbestandes ist aus ökologischer Sicht nicht verhandelbar.“
Im Biotopverbundkonzept der Stadt Leipzig wird deutlich: Der betroffene Bereich liegt genau an der Grenze der Unterbrechung der Kernflächenkomplexe des Biotopverbunds zwischen nördlichem und südlichem Auwald. Er erfüllt damit eine zentrale Funktion für Artenvielfalt und Klimaanpassung in Leipzig.

Das Ziel aus dem INSEK, den Grünverbund am Cottaweg – an der engsten Stelle zwischen nördlichem und südlichem Auwald – zu stärken, werde mit einer Rodung komplett konterkariert, kritisierten die Grünen. Die Fraktion bezweifelt, dass der dauerhafte Verlust dieses ökologisch wertvollen Raumes alternativlos ist und dass absolut keine andere Fläche für die Kleinmesse möglich sein soll.
„Wer Klimaschutz und Biodiversität ernst nimmt, darf nicht immer den Weg des geringsten Widerstands gehen und muss Kompromisse eingehen, auch bei den Kosten“, so Nicole Schreyer-Krieg.
Zudem bestünden erhebliche Zweifel an der Genehmigungsfähigkeit des Vorhabens aus umweltrechtlicher Sicht. Die Nähe zu geschützten Gebieten und die Bedeutung des Areals für den Naturhaushalt ließen aus Sicht der Grünen eine Umsetzung als äußerst fragwürdig erscheinen.
Unverantwortliche Schnellschüsse
„Statt unverantwortlicher Schnellschüsse müssen jetzt alle Akteure und ihre Interessen an einen Tisch gebracht und Lösungsoptionen transparent diskutiert werden“, fordert Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Das Interesse von RB Leipzig an einer Weiterentwicklung des Trainingsstandortes ist nachvollziehbar und grundsätzlich anerkannt. Der jetzige Vorschlag löst das Problem jedoch nicht nachhaltig, sondern verschiebt es lediglich und birgt rechtliche und damit planerische Risiken für RB. Wer ernsthaft behauptet, Klimaschutz habe Priorität, kann nicht gleichzeitig bereit sein, gewachsene Waldstrukturen für kurzfristige Lösungen zu opfern. Das ist widersprüchlich und politisch unglaubwürdig. Es ist offensichtlich, dass auch Ausgleichsmaßnahmen am Elsterflutbecken den Waldverlust nicht annähernd kompensieren könne.“
Besonders kritisch sehen die Bündnisgrünen, dass der Vorschlag ausgerechnet vom zuständigen Umwelt- und Klimabürgermeister mitgetragen wird. „Das zeugt von einem eklatanten Mangel an Verantwortungsbewusstsein gegenüber Natur- und Klimaschutz“, erklärt Tobias Peter.
„Der sogenannte Kompromiss trägt klar die Handschrift des Oberbürgermeisters – offenbar mit dem Ziel, es allen recht zu machen, jedoch auf Kosten zentraler Umweltbelange und entgegen der kritischen Positionen innerhalb der eigenen Verwaltung.“
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fordert die Stadtverwaltung auf, die Planungen in dieser Form zu stoppen und stattdessen eine tragfähige, langfristige und ökologisch verantwortbare Lösung für die Kleinmesse zu entwickeln. „Die bisherige Suche nach Festplatzalternativen erfolgte aus unserer Sicht zu schematisch nach starren Kriterien. Wir fordern die Verwaltung auf, alle Potenziale öffentlicher Flächen offenzulegen, mögliche Probleme lösungsorientiert anzugehen und grundsätzlich denkbare Lösungen wie auf der Alten Messe vertieft zu untersuchen“, so Peter.
Auch der Ökolöwe e.V. stellt sich gegen Waldrodung durch Stadt und RB Leipzig
Auch der Leipziger Ökolöwe e.V. lehnt die geplante Waldrodung für RB Leipzig entschieden ab. Über den Verkauf des rund 5 Hektar großen Waldstücks neben der Kleinmesse an den Fußballklub soll bereits in der nächsten Ratsversammlung am 1. Juli abgestimmt werden.
Das betroffene Waldstück liegt mitten im Biotopverbund Leipziger Auwald und nimmt dort eine ökologisch einzigartige Rolle ein, betont der Ökolöwe. Es ist die letzte schmale Verbindungsstelle zwischen dem nördlichen und südlichen Auwald. Pflanzen und Tiere sind auf diesen Verbindungskorridor angewiesen, um sich auszubreiten, genetisch auszutauschen und auf den Klimawandel zu reagieren.
„Die Verbindung zwischen nördlichem und südlichem Auwald ist bereits heute gefährdet – eine Rodung würde sie unwiderruflich kappen, warnt Božena Nawka, Umweltpolitische Sprecherin des Ökolöwe e.V. „Statt den Biotopverbund zu schwächen, muss er an dieser Stelle dringend gestärkt werden. Wer jetzt zulässt, dass dieser Wald verschwindet, gefährdet die Natur im Leipziger Auwald.“
Der Ökolöwe e.V. fordert Oberbürgermeister Burkhard Jung deshalb ausdrücklich dazu auf, die Beschlussvorlage zurückzuziehen. Sollte die Vorlage dennoch zur Abstimmung kommen, appelliert der Ökolöwe an alle Stadtratsfraktionen, ihr nicht zuzustimmen.
Initiative Stadtnatur: Ein Handstreich der Verwaltung
Für die Initiative Stadtnatur ist die Vorlage des Liegenschaftsamtes so knapp vor der Sommerpause eine regelrechte Überrumpelung für den Stadtrat. Im Handstreich sollen hier jetzt Tatsachen geschaffen werden.
„Dass der Bereich der Kleinmesse am Cottaweg und an der Capastraße ein sehr sensibles Nadelöhr des Biotopverbundsystems und Auwaldkomplexes in Leipzig darstellt, ist seit Langem bekannt. Regelmäßig wird seitens der Naturschutzverbände eine deutliche Aufwertung und flächenhafte Verbreiterung des Grünzugs eingefordert“, beschreibt die Initiative das zugrunde liegende Problem, das von der Verwaltung einfach ignoriert wird.
„Durch die Rodung würde sich der bewaldete Verbundkorridor zwischen nördlichem und südlichem Auwald an dieser Stelle westlich des Elsterbeckens von 200 m Breite auf nur 70 m reduzieren. Schon jetzt schafft es z.B. die Wildkatze nicht, die den Weg vom Harz in den nördlichen Auwald gefunden hat, diese schmale Verbindung in den südlichen Auwald zu überwinden.“
Zahlreiche neue Fußballfelder und das neue Trainingszentrum haben in den letzten Jahren das Biotopverbundpotenzial an dieser Stelle bereits geschwächt. „Inzwischen aber hat die Geschäftsführung des RB Leipzig ökologische und soziale Verantwortung als zentralen Unternehmenswert verankert“, geht die Initiative Stadtnatur auf die Rolle von RB ein.
„Ein klimafreundliches An- und Abreisekonzept (ÖPNV, Fahrradparkplätze) soll die Nachhaltigkeit der Heimspiele in der Red-Bull-Arena reduzieren. Vor Jahren hatte RB sich um eine versiegelte Fläche vor der Arena beworben, was damals vom Stadtrat abgelehnt wurde und das heutige Dilemma heraufbeschworen hat.“
Ein wertvolles Biotop
Bei dem nun zur Rodung vorgesehenen Waldstück handelt es sich um einen 30-jährigen. strukturreichen Waldbestand, der in der Baumschicht vor allem von Stieleiche, Gemeiner Esche, Bergahorn, aber auch Schwarzerle, Linde und Baumweiden geprägt wird. In der artenreichen und teils sehr dichten Strauchschicht sind u.a. Weißdorn, Schwarzer Holunder und Roter Hartriegel zu finden und der Waldboden ist stellenweise mit einer sehr üppigen Eschen-Naturverjüngung bedeckt. Eine Artenzusammensetzung also, die sehr gut zur Artenausstattung des südlich und nördlich befindlichen FFH-Schutzgebietes „Leipziger Auensystem“ passt, betont die Initiative.
Zudem sei der Wald eine ehemalige naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahme. Das Waldstück wurde vor rund 30 Jahren als Ersatz für andere städtische Eingriffe aufgeforstet und unterliegt seitdem offensichtlich der natürlichen Entwicklung, was die aktuelle Naturnähe begründet.
Die Initiative jedenfalls spricht direkt von einer Überrumpelungstaktik seitens der Stadtverwaltung.
Dabei ignoriere die Verwaltung das offizielle Biotopverbundkonzept der Stadt. Biotopflächen sollen untereinander verbunden bleiben und die Lebensräume der Tier- und Pflanzenarten dauerhaft vernetzen.
„Wie kann es sein, dass sich sowohl unser Baubürgermeister als auch unser Umweltbürgermeister für die dringend erforderliche Entwicklung eines Biotopverbundsystems aussprechen, dann aber der wichtigste und empfindlichste Grünzug dieses Verbundsystems mit dem Scheinargument der Alternativlosigkeit geopfert werden soll?“, fragt Wiebke Engelsing von der Initiative Stadtnatur.
2024 klang das noch anders
Auf dem „Impulsforum Leipziger Auwald“ 2024 klang Umweltbürgermeister Rosenthal noch so: „Wir haben als Stadtgesellschaft gemeinsam eine große Verantwortung übernommen, den Leipziger Auwald als wertvolles Ökosystem und wichtigsten Bestandteil der grün-blauen Infrastruktur inmitten der Großstadt zu erhalten.“
Und wie ist das mit dem Hinweis der Stadtverwaltung, man werde „Kompensationsflächen identifizieren“? Aus Sicht der Initiative Stadtnatur ist das reine Augenwischerei. „Kompensationsmaßnahmen am Elsterbecken wie angedacht sind bereits aus fachlicher Sicht nicht möglich, da hier kein Aufwertungspotenzial besteht. Zudem hat sich häufig genug gezeigt, dass Leipzig keine Ausgleichsflächen vorweisen kann und deshalb auf die benachbarten Landkreise ausgewichen werden soll, z.B. bei der Planung der PV-Anlage Seehausen oder beim Bauvorhaben Bayerischer Bahnhof.“
Das Fazit der Initiative: „Vollmundige Aussagen und schön formulierte Konzepte zum Natur- und Umweltschutz entpuppen sich hier wieder einmal als reine Lippenbekenntnisse ohne Umsetzungswillen.“
Und dass das kleine Waldstück auch in der Klimaanpassung der Stadt eine wichtige Rolle spielt, darauf geht inzwischen auch eine Einwohneranfrage ein, die am 1. Juli in der Ratversammlung beantwortet werden soll.
Der Einreicher jedenfalls wird sehr deutlich: „Der Eindruck entsteht, dass bereits bei der letzten Beschlussfassung angedacht war, obwohl scheinbar nach Lösungen gesucht wurde, hier den Wald zu roden.
Wieder einmal zeigt sich daher, dass Umweltschutz in einer Stadt, die bislang völlig unzureichend auch auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet ist, offenbar als nachrangig behandelt wird.“
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