Ein „Poesiealbum neu“ versammelt ein fast vergessenes Stück Literatur

Gedichte und kleine Texte von politischen Gefangenen über das Menschbleiben in einem gefühllosen System

Für alle Leser Zwar ist jedes „Poesiealbum neu“ etwas Besonderes. Aber dieses fällt auch in der ambitioniert von Ralph Grüneberger betreuten Reihe aus dem Rahmen, denn es macht etwas sichtbar, was mit der zunehmenden Verklärung der DDR vergessen zu werden droht: Wie sehr dieses von der SED gelenkte Land gerade seine sensibelsten Bürger enttäuschte, desillusionierte und psychisch zerrieb. Tausende landeten in Zuchthaus und Gefängnis, nur weil sie öffentlich wagten, die bleiernen Zustände infrage zu stellen.

Doch zumeist wird darüber nur in Romanen, Biografien oder wissenschaftlichen Dokumentationen berichtet. Selten wird daraus ein größeres Bild, das zeigt, wie unterschiedlich die Betroffenen mit dem Weggeschlossenwerden umgingen. Was auch damit zu tun hat, dass sie in ihren Zellen nicht schreiben durften.

Augenscheinlich hatten die Wegschließer zumindest das von Rosa Luxemburg gelernt: Dass man den Eingesperrten nicht erlauben darf, Briefe oder Gedichte aus dem Gefängnis zu schreiben. Sie könnten ja die Leser erreichen und gegen ein abgestumpftes Regime verwendet werden. Erst recht, wenn es von sich so selbstgerecht behauptete, eine humanistische Gesellschaft errichtet zu haben.

Eine humanistische Gesellschaft, die mit kritischen Stimmen nicht umgehen kann?

Der Widerspruch hat das kleine Ländchen am Ende zerfetzt. Aber etwas blieb aus. Und das verblüfft schon: die notwendige Trauerarbeit. Man stürzte sich wie im Rausch in die neue Zeit und vergaß scheinbar nachzuschauen, wie viel Verlust an Leben hinter einem blieb. Die Menschen, die als politische Häftlinge in den Gefängnissen der DDR eingesessen hatten, wussten es ganz bestimmt.

Und weil darunter auch viele Dichter waren, gibt es auch ihre Gedichte noch als Zeugnis dieser Zeit. Auch wenn sie das Zermürbende dieser oft Jahre hinter Gittern meist nur vorsichtig berühren. Es ging ihnen ja wirklich wie Rosa Luxemburg: Draußen ging das Leben weiter, lebten die ihnen wichtigen Menschen, waren all die Dinge, die ein Leben erst reich machen.

Und so taucht man als Leser sehr schnell in eine andere Stimmung ein, sehr nachdenklich, da und dort mit Hoffnung, Spott und Widerspruchsgeist gespickt. Aber immer grundiert mit dem, was eine Haft tatsächlich so zermürbend macht. „Lähmende Ewigkeit die eine Minute macht / Und tausend solcher Minuten am Tag“, schreibt Rolf-Günther Krolkiewicz in seinem Gedicht „Gefängnisballade“. Der Schauspieler war im Zuchthaus Cottbus eingesperrt, bevor er vom Westen freigekauft wurde. Grund der Verhaftung: Er hatte Spottgedichte vorgelesen.

So wenig genügte oft, um das MfS auf den Plan zu rufen, das in der DDR auch als eigenständige Polizeibehörde arbeiten konnte. Gerade hier fürchtete man das gesprochene und geschriebene Wort. Was ja auch die beliebte Leipziger Rockband „Renft“ zu spüren bekam. Davon erzählen in diesem Bändchen zum Beispiel Gerulf Pannach und Christian „Kuno“ Kunert.

Ralph Grüneberger kann sich bei zwei Dritteln in dieser Auswahl zwar schon auf die sammelnde Vorarbeit von Siegmar Faust und Lutz Rathenow verlassen. Aber ein Drittel der Gedichte und Prosatexte hat er um Arbeiten aus seinem eigenen Umfeld angereichert. Deswegen kommt erstmals auch etwas konzentrierter die Szene der Leipziger Autoren ins Bild, die in der DDR Gefängnis-Erfahrungen machen mussten – angefangen von Andreas Reimann und Gerhard Pötzsch bis hin zu Wolfgang Hilbig und Hubertus Schmidt.

Und natürlich sind auch viele namhafte DDR-Autoren in diesem Bändchen gelandet – natürlich nicht jene aus dem Präsidium des Schriftstellerverbandes, sondern jene, die mit dem geharnischten Selbstverständnis der Herrschenden in Konflikt gerieten. Man findet Bettina Wegner und Thomas Brasch, die im Westen berühmt gewordenen Horst Bienek und Walter Kempowski, natürlich auch Lutz Rathenow und Stephan Krawczyk, Siegmar Faust und Freya Klier, Jürgen Fuchs und Utz Rachowski. Und – das eher eine kleine Überraschung – ein Gedicht von Rudolf Bahro, der ja mit seiner großen Analyse „Die Alternative“ berühmt wurde.

Und daneben sind natürlich viele vertreten, die man eher nicht kennt, die aber in Gedichten unterschiedlichster Art zeigen, wie vielfältig der Umgang mit dieser zermürbenden Erfahrung war. Und dass es zermürbend war, zeigen oft schon die Lebensdaten. Denn etliche der Autoren sind relativ jung gestorben.

Wobei es Ralph Grüneberger nicht bei dieser Zeitepoche lässt: Mit einigen Beispielen holt er auch Klassiker wie Erich Mühsam und Christian Friedrich Daniel Schubart in den Band. Auch sie politische Inhaftierte zu ihrer Zeit. Das Wegsperrsystem der DDR war nicht einmalig. Es hatte eine lange Vorgeschichte und nahm damit – das muss Grüneberger gar nicht extra betonen – sehr finstere staatliche Traditionen auf, die mit dem, was die Propaganda verkündete, wirklich nichts zu tun hatten.

Eher mit der von Andrej Platonow geschilderten Schaffung des Neuen Menschen, wie sie das Stalinsche Erziehungssystem prägte. Erstaunlich, dass Platonow im westdeutschen Feuilleton tatsächlich erst jetzt entdeckt wird, da Suhrkamp seinen Roman „Tschewengur“ aufgelegt hat. Aber kein anderer Schriftsteller hat so anschaulich erzählt, wie das Stalinsche Menschenerziehungssystem funktionierte – und was es mit den Menschen anrichtete. Und warum sensible, aufrechte und kritische Menschen in so einem System zerrieben wurden und immer unter strengster Beobachtung des Polizeisystems standen.

Und auch wenn die DDR ein eher gezähmter Abklatsch dieses Systems war, richtete es mit seinen Bürgern ganz ähnliche Dinge an. Einige der in diesem Band Vertretenen erlebten ja auch das Zuchthaussystem in der SBZ-Zeit und den sowjetischen GULAG. Viele erlebten auch die Verhörmethoden der Stasi, die vor allem darauf zielten, den Willen zu brechen. Und auch wenn tatsächlich 50 Autorinnen und Autoren mit jeweils einem Text in diesen Band gefunden haben, ist er doch nur eine kleine Auswahl, ein schmaler Lichtstreif in eine Textwelt, die kaum wahrgenommen wurde und wird.

Auch weil medial das Ganze immer wieder gern nur auf die „zweite deutsche Diktatur“ eingeengt wird. Aber mit der groben Schablone verschwinden die tatsächlichen Schicksale und Verletzungen, wird alles grobgerastert und auch das Wissen um die Gefühllosigkeit eines blind laufenden Apparates geht verloren.

Denn einige Autoren erzählen auch über die Wächter und sehen, dass auch sie nur Teile einer gefühllosen Maschine sind, in der andere die Entscheidungen treffen und die Urteile fällen: Verhöroffiziere, die ihr Abrechnungssoll an Staatsfeinden bringen müssen, Richter, die ihre Urteile schon fertig haben, bevor der Prozess beginnt, Parteifunktionäre, die nicht mehr diskutieren, sondern Menschen schon fürs Andersdenken zu bestrafen und zu demütigen versuchten, selbst auch wieder Teil einer Hierarchie, in der das Misstrauen regierte.

Das Bändchen zeigt einiges von dem, was da in den Mühlen eines farblos gewordenen Systems zum Aufgeben und Erlöschen gebracht werden sollte. Aber zumindest diese Gedichte zeigen: Gerade das Flämmchen Hoffnung und Lebenshunger half den meisten, diese entleerten Zeiten zu überstehen. Nicht ungebrochen. Davon erzählen ja viele der im hinteren Teil kurz geschilderten Lebenswege. Aber tapfer. Denn wer einer solchen Maschine so wehrlos gegenübersteht, der kann nur tapfer darum kämpfen, das Menschliche in sich zu bewahren.

Poesiealbum neu „Worthaft. Texte politischer Gefangener“, edition kunst & dichtung, Leipzig 2018, 7,80 Euro.

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