Der Capa-Wald – jenes Waldstück entlang der Capastraße zwischen dem Festplatz und der RB-Geschäftsstelle – ist zum Thema des Sommers geworden. Die Stadtverwaltung hat ihre Pläne vorgestellt, den langjährigen, eher im Stillen bestehenden und jetzt aufgeflammten Konflikt zwischen den Bedarfen von RB Leipzig, der Kleinmesse und anderen Akteuren zu lösen: durch die geplante Aufgabe von 3 Hektar Jungwald und den Verkauf einer Gesamtfläche von 5,7 Hektar an den Fußballbundesligisten.

Die Stadt argumentiert hierbei bislang unzureichend und zu kurzfristig gedacht. Die Planungen wurden als bloße Grundlage präsentiert, um zu prüfen, ob man diesen Weg überhaupt beschreiten könne. Alle weiteren Fragen – ob und was dort gebaut werden darf, der Ausgleich und der Naturschutz – müssten erst in einem geordneten, nachgelagerten Verfahren betrachtet werden.

An dieser Stelle melden wir entschiedenen Widerspruch an: In dem Moment, in dem der Stadtrat hierfür grünes Licht gibt, ist die Grundsatzentscheidung für die Aufgabe des Waldes faktisch gefallen. Und während viele Leipzigerinnen und Leipziger das LVB-Netz wegen immer wieder neuer Hitzerekorde freikratzen, versucht die Stadt Leipzig augenscheinlich zur Aufbesserung der finanziellen Situation verbliebene Grundstückskontingente zusammenzukratzen und zu veräußern.

Das konterkariert nicht nur die vielfältigen Beschlusslagen und selbst auferlegten Zielsetzungen in umwelt- und klimatechnischer Sicht, sondern zeigt auch auf, dass die Verwaltung sich amtsübergreifend nicht in der Lage sieht, solche Grundstücke vor dem eigenen Zugriff zu schützen, trotz u. a. zugerechneter hoher Bedeutsamkeit der Fläche im Biotopverbundkonzept und Stadtklimaanalyse.

Worum es geht: Ein bedrohtes Artenparadies im Biotopverbund

Der Capa-Wald ist kein wertloses Gestrüpp, sondern ein vitaler Wald, der vor knapp 30 Jahren als verbindliche Ausgleichsfläche entstand und dabei auf bestehende Grünstrukturen zurückgreifen konnte, die aus der vorherigen Nutzung als Garten resultierten. Er befindet sich an einer hochgradig neuralgischen Stelle des Leipziger Auwaldes – genau an der Schnittstelle zwischen der nördlichen und der südlichen Aue. Hier liegt die „Wespentaille“ eines Biotopverbundes, der ohnehin schon stark beeinträchtigt ist.

An der RB-Geschäftsstelle. Demonstration der Umweltverbände gegen den Verkauf und die Abholzung des Capa-Wäldchens (Capi) Leipzig, 25.06.2026. Foto: Jan Kaefer

Genau deshalb hatten die Umweltverbände bereits 2011 bei der Ansiedlung von RB Leipzig gefordert, dass keine weiteren Flächen im Umfeld in Anspruch genommen werden dürfen. Die inzwischen diskutierte Herstellung einer Biotopverbindung über das Elsterbecken hinweg war immer als zusätzlicher Gewinn (Plus) gedacht und niemals als Ersatz für bestehende Waldstrukturen.

In Anbetracht des flächendeckenden Flächenfraßes, des u. a. unter dem Stichwort „Leipzig schrumpft“ vom NABU Leipzig e. V. dokumentierten Lebensraumverlustes für Wildtiere und der zunehmenden Hitzeereignisse ist es umso bedeutsamer, zusätzliche Flächen zu renaturieren und (wieder) einer ökologisch-klimatischen Funktionalität zuzuführen.

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Wald gut entwickelt und beherbergt heute ein beachtliches Arteninventar. Eine Brutvogelkartierung des NABU Leipzig e.V. im Jahr 2021 belegt die enorme ökologische Bedeutung der Fläche: Insgesamt 38 Vogelarten nutzen das Wäldchen, davon wurden 23 Arten als feste Brutvögel nachgewiesen. Dazu gehören streng geschützte Arten wie die Nachtigall, der Gelbspötter, der Grünspecht und der Waldkauz. Der hohe Anteil an Alt- und Totholz bietet idealen Lebensraum für u. a. spezialisierte Insekten.

Fledermäuse und deren Habitatbäume konnten im Gebiet jüngst nachgewiesen werden. Für größere Säugetiere wie den Feldhasen, den Fuchs und sogar für die streng geschützte Wildkatze dient das Areal als unersetzlicher Wanderkorridor und Rückzugsort inmitten der Stadt.

Ein Blick in die Geschichte: Das Zerrbild der „historischen Bebauung“

Das Liegenschaftsamt argumentierte in einer öffentlichen Sitzung des Klimaschutzbeirates, dass sich dort, wo heute der Wald steht, früher eine Kleingartenanlage und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Radrennbahn befanden. Dies findet sich auch in der Beschlussvorlage. Diese Argumentation soll offenbar suggerieren, die Aufregung sei übertrieben, da das Gelände ja schon einmal bebaut war.

Abschlusskundgebung auf dem Lindenauer Markt. Demonstration der Umweltverbände gegen den Verkauf und die Abholzung des Capa-Wäldchens (Capi) Leipzig, 25.06.2026. Foto: Jan Kaefer

Ein Blick auf die tatsächliche Historie rückt dies gerade: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fand die Kleinmesse in der Innenstadt statt. Erst durch die zunehmende Bebauung wurde 1905 beschlossen, sie vor das Frankfurter Tor auf die sogenannten „Frankfurter Wiesen“ zu verlegen. Dazu wurden auf Höhe der Feuerbachstraße Brücken über die Elster geschlagen.

Die Frankfurter Wiesen befanden sich in weiten Teilen dort, wo heute der Cottaweg liegt, und waren eine sogenannte Offenlandfläche – ein Landschaftstyp, der für intakte Auenstrukturen charakteristisch ist. Die einseitige Fixierung auf dichten „Wald“ verkennt, dass zu einem funktionierenden Auensystem eben auch diese offenen Wiesen und Fluren gehören.

In Richtung Lindenau schloss sich damals eine Radrennbahn an, im Volksmund „Lindenauer Zement“ genannt. In deren Mitte lag ein Fußballspielfeld, auf dem der VfB Leipzig zwischen 1897 und 1922 – als erster deutscher Meister – seine Heimspiele austrug. Der Bau des Elsterflutbeckens begann erst 1913 und endete 1925; der Bau der Neuen Luppe als Entwässerungsrinne folgte 1933 durch den Reichsarbeitsdienst. All diese historischen Maßnahmen dienten dazu, die Aue systematisch zu entwässern und Bauland zu schaffen.

Auf diese frühere Bebauung abzustellen, verkennt völlig, dass vor den menschlichen Eingriffen dort ein intaktes Auensystem stand. Es entspringt einem rein anthropozentrischen Ansatz, der den Menschen stur in den Mittelpunkt stellt – genau jene Sichtweise, die für einen Großteil unserer heutigen ökologischen und klimatischen Krisen verantwortlich ist.

Das Kompensations-Paradoxon: kein Ausgleich nirgends

Es ist gesetzliche Realität, dass der Verlust von Ausgleichsflächen wie dem Capa-Wald mit einem hohen Faktor (oft 2,5) kompensiert werden muss, nicht nur aus einer forstwirtschaftlichen, sondern auch aus naturschutzrechtlicher Sicht. Die Stadt Leipzig benennt jedoch selbst kontinuierlich ihre massiven Flächenprobleme; jüngst startete sie selbst den Aufruf, gar schon nur 100 m² Flächen zu melden, die man als Ausgleich nutzen könne.

Ein adäquater Ausgleich kann daher faktisch weder standortnah noch zusammenhängend erfolgen. Zudem wird im Rahmen starrer Ausgleichsberechnungen die tatsächliche ökosystemische Leistung eines gewachsenen Waldes ignoriert; etablierte Habitate und Brutplätze von Vögeln lassen sich nicht einfach per Stadtratsbeschluss „versetzen“. Das sollte auch den Stadträtinnen und Stadträten bekannt sein – ein Lebensraum ist mehr als nur aufgehängte Nistkästen.

Blick auf das kleine Wäldchen an der Capastraße. Foto: Ralf Julke
Blick auf das kleine Wäldchen an der Capastraße. Foto: Ralf Julke

Wenn die Stadtverwaltung nun auf einen möglichen Ausgleich durch Maßnahmen im Elsterflutbecken verweist, führt das in die Irre. Die verloren gehenden Wald- und Biotopflächen können durch Maßnahmen im Flussbett nicht ersetzt werden, da es sich um völlig andere Lebensraumstrukturen handelt.

Während wir auf der einen Seite über einen terrestrischen Wald und angrenzende Vogelschutzgebiete sprechen, würden im Zuge einer Flutbecken-Renaturierung aquatische Retentionsflächen entstehen, die ganz andere Lebensraumtypen beherbergen.

Mitdem anthropozentrischen Blick gesprochen: Man reißt das Schlafzimmer ab und saniert dafür das Bad. Was der Auwald an dieser Stelle dringend braucht – und was eigentlich auch so beschlossen wurde –, ist der strikte Erhalt des Waldes, die Stärkung des Biotopverbundes und die Wiederherstellung der Elster in einem natürlich mäandernden Bett.

Auftaktkundgebung am Wäldchen. Demonstration der Umweltverbände gegen den Verkauf und die Abholzung des Capa-Wäldchens (Capi) Leipzig, 25.06.2026. Foto: Jan Kaefer

Die Forderung nach einem Ausgleich direkt im Flutbecken (unter anderem von der Fraktion Die Linke eingebracht) verkennt zudem die Realität: Da es sich um ein Gewässer erster Ordnung handelt, hat der Freistaat Sachsen ein gewichtiges Wort mitzureden.

Die Kosten für eine solche Umgestaltung würden den Kaufpreiserlös, den RB Leipzig an die Stadt zahlt, um ein Vielfaches übersteigen und als Finanzierungsmaßnahme letztlich nicht dienen, sofern weiterhin die städtische Bereitschaft fehlt, maßgebliche Umweltprojekte mit der notwendigen Finanzierung zu versehen.

Selbstverständlich sind Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen mit Kosten verbunden; gleiches gilt bspw. für Infrastruktur- und Sozialthemen. Dennoch ist man sich vernünftigerweise einig, dass der sich nicht in abrechenbare Euros zählbare „Profit“ dem Gemeinwohl dient, so auch in Sachen von Natur- und Umweltschutz.

Jeder nicht für Klima- und Umweltschutz investierte Euro wird sich mit seinen Auswirkungen in einem Vielfachen Kostenfaktor niederschlagen. Die öffentliche Darstellung, es könne nur dann ein renaturiertes Elsterflutbecken geben, wenn man den Capa-Wald aufgebe, ist daher eine falsche Dichotomie und verkennt die staatliche und gesellschaftliche Aufgabe, das Klima und die Umwelt zu schützen.

Motodrom, Kleinmesse und RB Leipzig

Vor diesem Hintergrund mutet auch der Vorschlag einiger Fraktionen (wie BSW und Grüne) abenteuerlich an, den Capa-Wald zu erhalten und stattdessen das benachbarte Motodrom als Alternative für RB zu prüfen. Das Motodrom, dessen Oval im Untergrund aus Kriegstrümmern besteht, wurde erst 1975 in Betrieb genommen und damals ebenfalls der Aue abgetrotzt.

Wer dem Auwald ernsthaft helfen will und von Vogel- und Naturschutz spricht, kann in der Debatte nicht einfach auf andere Belastungsflächen verweisen, die perspektivisch ebenso renaturiert und in den Waldverbund rückintegriert werden müssten.

Demonstration der Umweltverbände gegen den Verkauf und die Abholzung des Capa-Wäldchens (Capi) Leipzig, 25.06.2026. Foto: Jan Kaefer

Aus Sicht der Umweltverbände richtet sich dieser Protest ausdrücklich weder gegen RB Leipzig noch gegen die Kleinmesse. Dass aber in einer Stadt wie Leipzig Umweltbelange pauschal hintanstehen müssen und ein Konkurrieren um Flächen auf Kosten dieser Interessenlagen ausgetragen wird, ist vor dem Hintergrund des Klimawandels schlicht nicht mehr hinnehmbar. Aufgrund der zunehmenden urbanen Hitze brauchen wir dringend mehr Grünstrukturen und Kaltluftentstehungsgebiete.

Wir müssen darüber sprechen, wie wir die Stadt kühlen – die Rodung bestehender Wälder gehört garantiert nicht dazu, genauso wenig wie kurzfristige Erlöse aus Grundstücksverkäufen. Ständig rote Zahlen im Wetterbericht belasten die Allgemeinheit schwerer als die nicht erreichte schwarze Null im Finanzbericht.

Der vergessene Auwald

Der Leipziger Auwald wird allenthalben als „grüne Lunge“ der Stadt gelobt und in Sonntagsreden beschworen. Dass es ihm jedoch extrem schlecht geht und der Wald seit Jahrzehnten in beschleunigter Geschwindigkeit stirbt, scheint an den politischen Entscheidungsträgern und Fraktionen vorbeizugehen. Es fehlt an Wasser, es fehlen natürliche Überschwemmungen, es fehlt an unberührten Bereichen. Gerade im innerstädtischen Bereich ist der Biotopverbund, den Pflanzen und Tiere dringend als Wanderungskorridor benötigen, faktisch unterbrochen.

Wir sind aktiv dabei, das, was Leipzig lebenswert macht, Stück für Stück zu zerstören – immer mit der bequemen Begründung, dass man genau dort noch eine Bebauung brauche, jene Erholungsfläche schön wäre oder wirtschaftliche Interessen Vorrang hätten. Doch der Auwald ist endlich. Wenn wir alle Bedarfe einer auch kommerziellen Stadtentwicklung bedingungslos über die Natur stellen, bleibt am Ende von Leipzigs grüner Lunge nur eine leblose Kulisse übrig.

Demonstration der Umweltverbände gegen den Verkauf und die Abholzung des Capa-Wäldchens (Capi) Leipzig, 25.06.2026. Foto: Jan Kaefer

Wer zukunftsfähig denkt, muss einen neuen Ort und ein tragfähiges Konzept für eine moderne Kleinmesse schaffen. Wer zukunftsfähig denkt, versteht das Bedürfnis von RB Leipzig und findet trotzdem eine Lösung. Laut Beschlussvorlage werden „… durch diese Bündelung … Synergien genutzt, Kommunikationswege verkürzt und die Leistungsfähigkeit des gesamten Vereins auf allen Ebenen nachhaltig gestärkt. …“, jedoch für Umwelt und Klima das genaue Gegenteil bewirkt. Kein Fahrgeschäft und keine Fußballmannschaft dieser Welt werden diesen Verlust je ausgleichen.

2021 zeigte das Bundesverfassungsgericht der Bundesregierung mit dem Klimabeschluss ein neues verfassungsrechtliches Konzept namens „intertemporale Freiheitssicherung“ auf. Es gab dem Gesetzgeber an die Hand, er möge bitte an die zukünftige Generation denken, wenn er klima- und umweltrechtliche Maßnahmen trifft.

Genau das möchten wir der Stadtverwaltung und dem Stadtrat in dieser Sache auch vermitteln und nahelegen: Seht eure heutige Macht und Aufgabe auch als Verantwortung für die Freiheit kommender Generationen und dem Erhalt eines lebenswerten Leipzigs. Unser Dank gilt daher denen, die sich für Klima- und Umweltschutz einsetzen, so auch denen die sich bei erheblich hohen Temperaturen zur Großdemo am 25.06.2026 am Capa-Wald einfanden, mit uns demonstrierten und damit ein eindeutiges Signal an die Stadt sandten, mit dem klaren Slogan „Capi bleibt!“

Die Autoren: Jürgen Kasek (Umweltschützer, Jurist, ehemaliger Stadtrat); Tony Kremser (stellvertretendes Mitglied im Klimaschutzbeirat, Vorstandsmitglied des NABU Leipzig e.V.).

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