Wer wohnt eigentlich hinter diesem Zaun? Fragen wie diese beantwortet die Ausstellung „Drinnen im Draußen – Geschichten und Perspektiven zum Wagenleben“ vom 22. bis 30. August auf und um den Karlhelga Wagenplatz (klingeding e.V.) in der Klingenstraße. Am vergangenen Samstag, dem 22. August, wurde die Ausstellung um 14:30 Uhr in der Klingenstraße feierlich eröffnet – für Nachbar/-innen und alle, die mehr über das Leben auf Rädern wissen wollen. „Drinnen im Draußen“ zeigt Wagenleben als gelebtes Experimentierfeld für ökologische, soziale und demokratische Herausforderungen.

Wagenplätze sind soziale Lernorte, in denen nachhaltiges Wohnen, Ressourcenschonung und solidarisches Miteinander täglich praktiziert werden. Mit Fotografien, Audioinstallationen sowie historischen und zeitgenössischen Perspektiven von Jenischen und Wagenbewohner/-innen gibt die Ausstellung Einblicke in Alltagsrealitäten, Minimalismus und vielfältige Lebensgeschichten.

Im Fokus stehen dabei oft übersehene Perspektiven als Teil der Mehrheitsgesellschaft – sowie Themen wie Ausgrenzung, Selbstbehauptung und kulturelle Kontinuität.

Eröffnung mit „Wagenleben zum Anfassen“ auf dem karlhelga-Wagenplatz

Neben dem Ausstellungsraum in der Klingenstraße standen am Wochenende die Tore des Karlhelga-Wagenplatzes offen. Bei Essen und musikalischer Unterhaltung, wie der Erfurter Brazzband Tubalibre konnten Besucher/-innen verschiedene DIY-Skills des Wagenlebens ausprobieren: Wasser mit Lastenrädern transportieren, Holz hacken oder am Siebdruckstand kreativ werden.

Nicht nur bei den jüngsten Gästen sorgte die Lightspeedrocket-Station mit einer aus recycelten Colaflaschen gebauten Wasser-Druckluft-Rakete für Begeisterung.

Podiumsgespräch im Café Heiter bis wolkig. Foto: Birte Lampart
Podiumsgespräch im Café Heiter bis wolkig. Foto: Birte Lampart

Ein besonderer Höhepunkt war das Podiumsgespräch „Unsichtbar und doch mittendrin – der Kampf deutscher Jenischer um Anerkennung zwischen Romantisierung und Ausgrenzung“ ab 15 Uhr im Café Heiter bis wolkig (Bürgerbahnhof Plagwitz). Jenische, eine transnationale Minderheit in Deutschland, werden trotz ihrer traditionellen Berufe als Marktfahrer/-innen, Scherenschleifer/-innen oder Schausteller/-innen bis heute diskriminiert. Moderiert von Regisseurin Anna Friedrich wurde auf berührende Weise deutlich, wie sehr sie aufgrund ihrer fahrenden Lebens- und Arbeitsweise bis heute Ausgrenzung und Diskriminierung erleben.

Besucher/-innen in der Ausstellung "Drinnen im Draußen". Foto: Birte Lampart
Besucher/-innen in der Ausstellung „Drinnen im Draußen“. Foto: Birte Lampart

Im Anschluss diskutierten Expert/-innen im Gespräch „Wagenleben zwischen Tradition, Nachhaltigkeit und Zukunftspolitik“ darüber, wie experimentelle Wohnformen als Teil der gesellschaftlichen Gegenwart und Zukunft anerkannt werden können. Fragen wie „Welche Räume braucht eine vielfältige, solidarische Gesellschaft?“ oder „Wie lassen sich Vorurteile abbauen und Dialoge stärken?“ standen im Mittelpunkt.

Auf dem Podium saßen: Heike Gundermann (ehem. Stadtbaurätin Lüneburg), Melissa Scheffel (Schriftführerin des Zentralrats der Jenischen), Stina Peters (Umweltverband/BUND), Benjamin Voigt (Stadtbezirksbeirat) und Birte Lampart (Karlhelga-Wagenplatz). Moderiert wurde die Runde von der Journalistin Ronja Morgenthaler. Auch Vertreter/-innen des Stadtrats waren gekommen.

Die Stimmung war von gegenseitigem Interesse und Wertschätzung geprägt. Anhand lebendiger Beispiele wurde der kulturelle, gesellschaftliche und ökologische Wert von Freiräumen aufgezeigt – etwa für Artenschutz, Biodiversität, den kühlenden, filternden Effekt unversiegelter und bewachsener Flächen zur Klimaanpassung, Ressourcenschonen und lebendige Nachbarschaft. Besonders eindrücklich machte Heike Gundermann an drei konkreten Beispielen aus Lüneburg deutlich, wie alternative Wohnformen auch baurechtlich gesichert werden können – und dass es dafür vor allem politischen Willen und kooperatives Miteinander braucht.

Ausstellung und Rahmenprogramm

Im Rahmen der Ausstellung finden über die Besuchszeiten (15:00 Uhr bis 19:00 Uhr unter der Woche und 14 bis 19 Uhr am Wochenende) weitere musikalische Höhepunkte statt:

Freitag, 28. August, ab 21 Uhr: Twerk-Performance mit Live-Musik und Djs

Finissage am Sonntag, 30. August: Konzerte der Bands Kalte Knie (Berlin) und Speed Dating (Leipzig)

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 30. August, zu sehen.

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