Der Mensch ist ein endliches Wesen: Er wird geboren, er lebt, er stirbt. Somit hat jeder Mensch sein ganz persönliches Ablaufdatum, wobei die längste, je gemessene Lebensspanne Jeanne Calment für sich reklamieren darf, die es zwischen 1875 und 1997 auf sagenhafte 122 Jahre brachte. Die Lebenserwartung des durchschnittlichen Erdenbewohners liegt dagegen nur bei 76 (Frauen) bzw. 71 (Männer) Jahren – immer noch ein beträchtliches Alter, wenn man es mit der Lebenserwartung von Lesotho vergleicht, die bei durchschnittlichen 51,5 Jahren liegt.

Nun fußen all diese Zeitspannen auf unseren Fortschritten in Hygiene, Medizin, Landwirtschaft und so weiter. Selbst die relativ geringe Lebenserwartung in Lesotho ist in einem natürlichen Habitat des Homo sapiens kaum denkbar: In der afrikanischen Steppe des Pleistozäns lag der Schnitt bei 30 bis 35 Jahren. Um diese natürliche Lebenserwartung spürbar zu machen, hilft der Gedanke, dass eine urzeitliche Frau selten ihre Wechseljahre erlebt hat, ein urzeitlicher Mann selten großflächigen Haarausfall.

Älter, mehr Lebenszeit, bis zur Gaga-Tech-Unsterblichkeit eines Bryan Johnson – ist das das wirklich wünschenswert?

Ich für meinen Teil habe es mir mit dem Gedanken recht bequem gemacht, dass es die natürliche Lebenserwartung des archaischen Homo sapiens ist, die als Maßstab gilt. In einer Welt, die vor unseren Augen zerfällt, ist es beruhigend zu wissen, dass ich (46 Jahre) die natürliche Lebensspanne längst überschritten habe und sich mein Leben nun in einer Art Zugabe befindet.

Der Welt und mir selbst muss ich nichts beweisen, kann noch ein paar schöne Lebensjahre sammeln, Gutes tun und Spannendes erleben. Und wenn es vorüber ist, dann gehe ich mit einem dankbaren Schmunzeln. Dankbar für ein erfülltes Leben, das schon heute länger hält, als es von der Evolution geplant war. In der Wirtschaft würde man sagen: Das Ziel wurde übererfüllt.

Jetzt gibt es eine Altersgruppe, der dieser elegante Ausweg aus der heutigen Weltschmerz-Misere versperrt ist: die jungen Menschen!

Das sind gerade jene, die in der politischen Debatte gerne für diese oder jene Agenda in den Mittelpunkt gestellt werden (Stichwort: Merz und die Töchter), doch dass man ihnen echte, politische Gestaltungsmöglichkeiten gewährt, kommt kaum vor. Die Zukunft der jungen Menschen wird von Menschen wie mir gestaltet, die ihr natürliches Ablaufdatum längst überschritten haben.

So liegt der Altersdurchschnitt im Deutschen Bundestag bei 47,1 Jahren, im Sächsischen Landtag sogar bei 52 Jahren. Mich nervt das und trotz meines eigenen unpassenden Alters habe ich die Hoffnung, mit diesem Beitrag den jungen Menschen etwas Raum verschaffen zu können. Und sei es „nur“ im Bewusstsein älterer Entscheidungsträger.

Jung waren wir alle mal: Ich selbst war beispielsweise 21 Jahre jung, als die Türme des World Trade Centers in New York gefallen sind. Der Tag, von dem noch alle wissen, wo sie gewesen sind. Der erste strukturelle Schock des 21. Jahrhunderts. Wir jungen Typen tranken viel Schnaps auf unsere plötzlich bedrohten Leben, die nun bald im Krieg verheizt würden.

Das war das erste Mal, dass ich mich von der Vorstellung eines langen, erfüllten Lebens verabschiedete – ein Scheißgefühl, das will man nicht haben. Nun, 25 Jahre später, kommt mir eine Frage in den Sinn, die mich und meine Generation nur indirekt betrifft: Wie fühlt es sich an, in der heutigen Welt, die in einem Irrsinnstempo zugrunde geht, ein junger Mensch zu sein?

Ein Vergleich

Da drängt sich ein Vergleich auf – mache du ihn gerne mit: Ich bin nicht 21 Jahre alt, als die Türme fallen, ich bin 21 Jahre alt, als Russland die Ukraine überfällt. Ab hier lässt es sich einfach rechnen: Ich wäre 18 Jahre alt, als mir der Corona-Lockdown meine besten Jahre raubt, vielleicht die häusliche Gewalt eskaliert und meine Familie zerbricht. Ich wäre 15, 16, 17 Jahre alt gewesen, als mir eine Bewegung namens Fridays For Future klar macht, dass der Großteil meines Lebens auf der Kippe steht.

Ich wäre wiederum 18 oder 19 Jahre alt gewesen, als diese Bewegung, die mein Schock und meine Hoffnung war, zerbricht. An ihren Feinden, an sich selbst, vielleicht auch ein bisschen an mir – zumindest fühlt es sich so an. Ich schleppe mich durch Ausbildung oder Studium, währenddessen kommt der Pädo-Faschist zum zweiten Mal an die Macht. Da bin ich gerade 23 Jahre alt. 24, als er Venezuela überfällt. 25, als der Krieg im Nahen Osten beginnt.

Und dazwischen höre ich wenig von den Möglichkeiten meiner Zukunft, aber viel davon, wie faul ich bin, wie unfassbar schnell das Klima kollabiert, dass es früher noch echte Jahreszeiten und zahlreiche Schmetterlinge gab und dass der Faschismus sowieso nicht aufgehalten werden kann. Weil er ja mehr Geld und die größeren Medienmonopole besitzt. Wo fange ich da an, wo höre ich da auf, wenn mein Leben zerrinnt, egal wohin ich schaue?

Zwischen dieser Fiktion und meiner eigentlichen Realität liegen 21 Jahre, also weniger als eine Generation. Ich bin 1980 geboren, mitten im (noch) funktionierenden Kapitalismus. Nur 21 Jahre später geboren, wäre mein Leben ein völlig anderes geworden. Irgendwo zwischen frustriert und hoffnungslos, depressiv oder mit Gewaltfantasien im Kopf. Von Hass, Abschottung und Zerstörung geprägt, die mich umfluten, wenn ich nur das tue, was junge Menschen immer tun: Sich der Welt zuwenden. Denn die heutige Welt wendet sich von den Menschen ab, vor allem von der Lebenszeit, die noch vor uns liegt. Je jünger du bist, desto mehr geht dir verloren!

Abschließend ließen sich nun moralische Pflichten diktieren: „Geht für die jungen Menschen an eure Grenzen! Geht darüber hinaus! Belehrt sie nicht, sondern macht Platz und schenkt ihnen Eure Posten und Kontakte!“

Dieser Aufruf wäre zweifellos richtig, doch zwischen richtig und echter Wirkung muss unterschieden werden. Denn moralische Gängelung, Vorwürfe und Verpflichtungen erzeugen keine Mitnahmeeffekte – fragt die Klimabewegung, die macht diesen Fehler ja seit Jahren. Was bleibt, das ist das Individuelle: Schau den jungen Menschen in die Augen, fühle dich in ihre Situation hinein und ziehe daraus deine eigenen Schlüsse. Das Leben ist nämlich ein Miteinander, egal in welchem Alter.

Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.

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