Wieder hat sich unser Bundeskanzler kommunikativ verheddert und fast möchte man infolge seiner Erklärungsnot Mitleid mit ihm bekommen. Friedrich Merz sorgte mit der Behauptung für Wirbel, Syrien wolle 80 Prozent seiner Flüchtlinge zurückholen. Die genaue Herkunft und perspektivische Bedeutung dieser Zahl ist aktuell Gegenstand einer irritierenden Diskussion. Merz’ Aussage wirkt – aber wie!?

Kennen Sie auch das Gefühl? Entweder nicht besprochen oder zu wenig besprochen und nichts konkret geregelt. Dann passiert etwas. Formal kein eindeutiger Regelbruch – und doch ein Missverständnis mit Potenzial zur Krise. Vertrauen erschüttert. Fragen offen. Nicht eindeutig. War es ein Fehler? Offenbar schon. Damit beginnt eine Frage, die im öffentlichen wie im privaten Raum steht: Was bedeutet Verantwortung?

Merz ist nicht allein – Männer namens Spahn, Weimer, Scholz, Macron, Johnson, Zuckerberg, Musk, Lindemann haben mit bestimmten Aktionen und Reaktionen öffentlich Vertrauen verloren. Und mal ehrlich – alle Menschen machen sich irgendwann und irgendwie schuldig, weil niemand moralisch vollkommen ist.

Studien zeigen, dass auch ein Großteil privater Beziehungen Phasen erlebt, in denen Vertrauen vorrangig durch Männer beschädigt wird – sei es durch Kommunikationsprobleme oder unausgesprochene Erwartungen und deren Folgen.

Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass wir Männer Schwierigkeiten haben, Unsicherheit oder Schuld offen anzusprechen. Es gibt Situationen, die sind klare Regelverstöße, moralisch und juristisch. Es gibt aber auch andere Situationen, die sich objektiv erklären lassen oder juristische Schwellen nie erreichen – und sich dennoch falsch anfühlen.

Verantwortung fĂĽr Handlung und Auswirkungen

Hilfreich scheint zunächst eine Begriffserklärung. Denn neben der Handlungsverantwortung, also Pflichten und Aufgaben ordnungsgemäß auszuführen, darf man die Folgeverantwortung nicht unterschätzen. Diese beinhaltet, für die Auswirkung von Taten einzustehen.

Letzteres ist dabei noch mal zu unterstreichen, weil dieser Teil oft neben der Handlungsverantwortung in Vergessenheit gerät oder nie wirklich als Teil von Verantwortung verstanden wurde: für alle Auswirkungen von Taten einzustehen.

Ob Schuld feststellbar ist oder uneindeutig bleibt, ist dabei nämlich nachrangig. Viele Männer reagieren in solchen Momenten reflexhaft ähnlich. Wir rekonstruieren Abläufe. Wir prüfen, ob Regeln verletzt wurden. Wir erklären Kontexte. Wir versuchen, Situationen logisch zu ordnen. Verantwortung erscheint zunächst als Analyseproblem.

Schuld, Scham und Reue – die Unterschiede sind bedeutsam

Das ist nicht unbedingt verantwortungslos. Aber es ist eine spezifische Logik und möglichweise eine Logik, die für Männer typischer ist als für andere Menschen. Schuld, Scham und Reue sind drei unterschiedliche Erfahrungen – und gleichzeitig drei unterschiedliche Sprachen von Verantwortung. Schuld bezieht sich auf Regeln. Scham betrifft das Selbstbild. Reue richtet sich auf die Beziehung.

Schuld fragt: War das erlaubt? Scham fragt: Was sagt das über mich? Reue fragt: Was bedeutet das für dich? Schuld lässt sich klären. Scham verunsichert. Reue verbindet.

In öffentlichen Debatten dominiert meist die Schuldfrage. Wer hat was entschieden, wer hat was gewusst, wer hat gegen welche Regel verstoßen? Systeme brauchen klare Kategorien. Verantwortung wird messbar gemacht. Doch Vertrauen funktioniert nicht allein über Schuld.

Die Maskenbeschaffung während der Pandemie ist ein Beispiel dafür. Jens Spahn hat seine Entscheidungen wiederholt als Ergebnis einer Ausnahmesituation beschrieben: enormer Zeitdruck, unsichere Datenlage, politischer Handlungszwang. Risiken mussten eingegangen werden, um Versorgung sicherzustellen. Das ist eine klassische Form politischer Verantwortungslogik.

Ein staatlicher Ermittlungsbericht unter der Leitung von Margaretha Sudhof kam dagegen zu einer sehr kritischen Einschätzung: Verschwendung von Steuergeldern, eigenmächtiges Handeln Bevorzugung bestimmter Firmen, Intransparenz. Eine juristische Prüfung wurde kürzlich eingestellt. Nach über 170 Strafanzeigen ergab die Prüfung, dass kein Anfangsverdacht für Straftaten wie Untreue oder Vorteilsnahme vorliegt.

Und doch bleibt so viel Unbehagen mit diesen Entscheidungen um Jens Spahn. Viele Bürgerinnen und Bürger sind wütend und verzweifeln an politischen und demokratischen Institutionen. Bei Spahn endet die Verantwortungslogik bei seinen Handlungen – die Wirkung bekümmert ihn nicht sichtbar.

Verantwortung entsteht nicht durch Rechthaben, sondern durch den Umgang mit den Auswirkungen

Es ist der Unterschied zwischen der Frage: War das vertretbar? Und der Frage: Was hat es ausgelöst?

Ähnlich, wenn auch auf ganz anderem Feld, zeigt sich diese Spannung derzeit in öffentlichen Debatten über den Umgang mit digitaler Kommunikation. Menschen verursachen Situationen, in denen rechtlich noch nicht geklärt ist, ob juristisch überhaupt eine Grenze überschritten wurde – die Wirkung auf andere aber bereits spürbar ist.

Was bedeutet Verantwortung, bevor klar ist, ob eine Grenze formal überschritten wurde? Im digitalen Raum entsteht Wirkung oft schneller als Einordnung. Öffentlichkeit reagiert schneller als Verfahren. Die Versuchung ist groß, sich zunächst auf die juristische Dimension zurückzuziehen.

Doch Beziehungen – ob privat oder öffentlich – orientieren sich nicht nur am Recht, sondern daran, welche Bedeutung ein Verhalten für andere bekommt. Wird anerkannt, dass Wirkung real ist? Hier beginnt eine Zone, in der selbst die vermeintlich Standhaften ins Wanken geraten – Männer, die gewohnt sind, wie Bäume zu wirken, und plötzlich merken, dass Standfestigkeit allein nicht weiterhilft.

Scham und Reue – wie Männer damit umgehen

Viele Männer haben früh gelernt, dass man Probleme löst, statt über sie zu sprechen. Dass man souverän wirkt, auch wenn man sich unsicher fühlt. Dass es besser ist, etwas zu erklären, als zuzugeben, dass man gerade selbst nicht genau weiß, was man davon halten soll.

Scham passt in dieses Selbstbild schlecht hinein. Sie fühlt sich schnell an wie ein Verlust von Kontrolle. Und genau das versuchen viele Männer zu vermeiden – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Verlässlichkeit ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses ist.

Typisch sind dann Reaktionen wie Erklärung, Rückzug oder Abwehr. Der Kontext wird beschrieben, Kritik zurückgewiesen oder Distanz gesucht – alles Versuche, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Das Problem ist nur: Weder Erklärung, Abwehr noch Rückzug beantworten die Frage, die eigentlich im Raum steht. Sie sagen eben nicht, was es beim anderen ausgelöst hat. Und genau dort entscheidet sich oft, ob Vertrauen zurückkommen kann.

Frisch, Dostojewski, Camus – und Petrus

Literatur beschreibt diese Spannung seit Langem. In Homo faber vertraut ein rationaler Ingenieur darauf, dass sich die Welt berechnen lässt – bis ihn die Wirklichkeit seiner Verantwortung einholt. Bei „Schuld und Sühne“ versucht ein Mann, seine Tat intellektuell zu rechtfertigen, während sein Selbstbild zerbricht.

Und in Der Fall beschreibt der Erzähler die Erfahrung, zugleich unschuldig und verantwortlich zu sein. Vielleicht berühren diese Klassiker bis heute, weil sie zeigen, dass Verantwortung selten rein logisch ist.

Und auch die Ostererzählung trägt in diesen Tagen bei: Der Jünger Petrus verleugnet Jesus dreimal – aus Angst, aus Unsicherheit, vielleicht auch aus dem Wunsch, die Situation zu kontrollieren. Formal ist die Sache eindeutig: Petrus versagt.

Und doch wird seine Geschichte nicht als moralischer Ausschluss erzählt, sondern als Beziehungsgeschichte. Nach der Auferstehung fragt Jesus ihn nicht nach der Regelverletzung, sondern nach der Beziehung: „Liebst du mich?“

Dreimal stellt Jesus diese Frage – so oft, wie Petrus ihn zuvor verleugnet hat. Es ist keine juristische Klärung. Es ist eine Einladung zur Reue, nicht zur Selbstanklage. Petrus erklärt sich nicht. Er hält den Blick aus und bleibt in Beziehung. Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort: nicht beim Rechthaben, sondern bei der Bereitschaft, Wirkung anzuerkennen. Das gilt in Beziehungen – und vielleicht auch in der Politik.

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