Was will diese Tante aus der Schweiz eigentlich, wenn sie uns einreden will: „Die wollen euch euer Schnitzel wegnehmen!“? Wen meint die damit eigentlich? Das geht mir die ganze Zeit im Kopf herum. Und damit sind nicht die Leute gemeint, die untenstehen und die glauben sollen, ihnen wird von irgendwem das Schnitzel weggenommen. Vor allem das Schnitzel! Fressen Sie auch jeden Tag Schnitzel? DANN HABEN SIE KEINE AHNUNG VON DEUTSCHER KÜCHE.

Aber die Leute scheinen das zu glauben, fressen jede blöde Behauptung in der Richtung. Wer kocht eigentlich bei denen zu Hause? Was gibt es in deren Betriebskantine?

Wenn es nur Schnitzel ist, dann gute Nacht.

Dann ist Deutschland verloren.

Nein: Schnitzel ist nicht das Deutsche Nationalgericht.

Frag deine Oma

Und wer ein bisschen ehrlich ist zu seiner Oma oder seinem geliebten Eheweib, der gibt zu: Es kommt auch nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch.

Das wäre so langweilig wie …

Sag’ ich jetzt nicht. Kann sich jeder selbst ausdenken. Irgendwas mit alten Strümpfen, Knallerbsensträuchern oder „Volksmusik“. Suchen Sie es sich aus.

Aber mir liegt das verdammte Schnitzel die ganze Zeit schwer im Magen.

Weil die Tante, die es so rotzfrech in ihr Publikum geblasen und danach triumphierend in die Kamera gegrinst hat, genau wusste, dass sie gelogen hat. Es war eine fette, ungenießbare, stinkende Lüge.

Die wahrscheinlich auch davon erzählt, was solche Leute glauben, was wir Deutschen eigentlich täglich futtern und auf unsere Teller packen. Schnitzel. Das fällt diesen Leuten ein. Gar welche für 40 Euro, wie der genauso unbeleckte Herr S. aus Berlin behauptet hat. In was für versifften Lokalen gehen diese Leute eigentlich, wo Schnitzel (als typische deutsche Spezialität) mit 40 Euro auf der Karte steht?

Dürfen die nicht mal raus?

Dahin, wo normale, stinkgewöhnliche Deutsche wie ich ihre Deutsche Küche essen. Kann auch ihre oder meine Betriebskantine sein. Und wenn sie keine Eier auf den Augen haben, wissen sie, dass Schnitzel gar nicht jede Woche im Programm ist. WEIL DIE LEUTE RICHTIG BUNTE DEUTSCHE KÜCHE WOLLEN!

Wie bei Oma.

Gottchen, da werde ich sentimental.

Die Welten der Deutschen Küche

Da tun sich Welten auf. Die Welten der Deutschen Küche. Oder – mal so gefragt: Was essen Sie zu unserem guten Deutschen Sauerkraut?

Natürlich kein Schnitzel, sondern …

Genau.

Und zu saftigem Rotkraut gibt’s auch kein Schnitzel, das wäre ja wie … Sag ich jetzt lieber nicht.

Oma wusste das noch. Aber wer hat denn noch eine richtige deutsche Oma, die gejubelt hat, wenn ihr kleiner, halb verhungerter Enkel mit zerrissenen Hosenknien vor der Tür stand? Da leuchteten ihre Augen, da wurde sie quicklebendig, hat gejubelt und ist in die Küche gerannt: ENDLICH WIEDER KOCHEN FÜR DEN KLEINEN!

Richtige Deutsche Küche.

Und wer so eine Oma hatte, weiß, dass es auch zum Kartoffelbrei kein Schnitzel gab, sondern ….

Richtig.

Sie wissen das noch. Die Tante aus der Schweiz hat davon keine Ahnung. Unsere Deutsche Küche ist ein riesiges Abenteuer. Auch an den vielen Tagen, an denen es mal kein Fleisch gab, keine Hackbällchen, Fleischklößchen, Leberklöße, Hähnchenschenkel, GUUUULASCH …

Und wie ist das mit den Tagen ohne Fleisch? Gibt’s die?

Die Liebe zu Suppe und Eintopf

Jede Küchenmamsell wird Ihnen erklären: Ohne die gibt’s auch keine Deutsche Küche. Und damit ist nicht der Veggie-Day in den noblen oberen Etagen gemeint.

Sondern: der Suppen-Tag. Der Tag, auf den nicht nur ich mich freue, weil es dann richtig deftig auf den Teller gibt. Bohnensuppe, Möhreneintopf, Kartoffelsuppe, Erbsen, Bohnen, Linsen … Keine Woche ohne Suppentag. So hab ich’s erlebt. Und ich hab’ gegluckst vor Freude, wenn es bei Oma im Treppenhaus schon nach Omas Gemüsesuppe roch, ordentlich durchgekocht, so fett und würzig wie die Wiesen im Tal. Ich hätte drin baden können.

Hätte ich nicht alles aufgefressen, weil man bei solcher Küche nur alles wegfuttern kann. Und Oma dann selig guckt, weil’s dem Kleinen geschmeckt hat. Deutsche Omas wussten mal, wie man Kinder glücklich macht.
In der Schweiz kennt man solche Omas gar nicht.

Und die anderen Tage?

Wie ist es mit dem Fisch-Tag, wenn es durchs Küchenfenster schon nach Forelle, Hering oder – das Wunder aller Wunder – gebratenen Fischstäbchen roch, die größte Erfindung, seit es Käpt’n Klüvers gibt? Die Rettung aller verregneten Kindertage! Die herrliche Lust, beim Reinbeißen eine lustig weinende Oma zu sehen, die wusste, dass wieder ein Kind auf der Welt zum Platzen glücklich war.

Und wie ist es mit Süßem Freitag? Wer den nicht kennt, hat Deutschland wirklich verpennt. Das war der Tag, als die Mühsal der ganzen Woche mit lauter Süße belohnt wurde. Die Krönung aller Erwartungen: Hefeklöße mit heißen Kirschen. Die Kirschen haben fast immer gereicht, die Hefeklöße nie. Ich habe ja auch noch einen kleinen hungrigen Bruder. Und Freitag gab’s immer Prügel. Der Freitag hat alle Kinder bekloppt gemacht. Mal mit Eierkuchen, ganzen Türmen, welche die Oma auf den Teller gepackt hat. Mit heißem Honig oder selbstgemachtem Apfelmus, Puffer, Kräppelchen, heißem Apfelkuchen …

Danke, Oma

Ich weiß. Sie haben jetzt alle Hunger. Und wer so eine Oma hatte, der flennt jetzt ins Taschentuch, weil das unsere wirkliche Heimat war, ist und bleibt: Omas Küche.

Wer etwas anderes sagt, der verarscht uns. Der hält uns für doof und vollkommen plemplem.

Und manchmal hab’ ich das Gefühl, die Leute mit ihren 40-Euro-Schnitzeln tun genau das. Die wollen uns einreden, dass unsere Küche armselig, langweilig und schnitzelig ist. Jeden Tag Schnitzel auf dem Teller?

Ich wäre weggerannt.

Und was tu’ ich mit der ganzen Wut auf diese verlogenen Leute? Ich hole mir Omas Kochbuch raus und koche mir was Leckeres. Das Kochbuch ist richtig fett. Denn so ist auch unsere Deutsche Küche: reich, umwerfend, voll von Gefühlen und Lebenslust. Wenn ich an OmaxKüche denke, wird mir richtig heiß ums Herz.

Danke, Oma.

Wer so eine Oma hatte, weiß, dass diese ganzen aufgeblasenen Büttenrednerinnen keine Ahnung von der Deutschen Küche haben. Nur lauter dumme Vorurteile aus langweiligen Schickimicki-Restaurants, wo man für ein langweiliges Schnitzel wohl wirklich 40 Euro hinblättern muss.

Wie bekloppt kann man sein?

Rettet die Deutsche Küche, kann ich nur sagen. Und besucht eure Oma, so lange ihr noch könnt.

***

Die Rede darf auch gehalten werden. Nur nicht von mir. Ich bin dazu zu schüchtern. Und Hunger hab’ ich jetzt auch. Passt auf euch auf.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar