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Ein On-the-road-Roman aus den Schlammwüsten Mordors

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    Man muss J. R. R. Tolkien nicht gelesen haben, um sich in Ziemowit Szczereks Roman zurechtzufinden. Man muss auch Kerouacs „On the road“ nicht gelesen haben. Aber beides tut gut. Auch ein bisschen Hunter S. Thompson tut gut. Denn mit dem Gonzo wird ja seine Methode, verrückten Gonzo-Journalismus zu machen, zitiert. Liebevoll polnisch zitiert. Denn wer käme schon auf die Idee, das Land Mordor als Backpacker zu bereisen?

    Wobei sich Backpacker ja dadurch auszeichnen, dass sie mit ihrem Rucksack gerade dahin reisen, wo die Anderen nicht hinfahren. Auch in die schlimmsten Ecken der Welt. Schlammwüsten wie Mordor. Postsowjetische Tristesse in der Steppe im Osten der Ukraine. Denn dahin schickt Ziemowit Szczerek seinen Helden Lukasz auch noch. Fast zum Schluss dieses Romans, der eigentlich eine Sammlung von Gonzos ist, in denen das Schreiben von Gonzos persifliert wird, was man in Kapitel 8 endlich erfährt („Gonzo“), nachdem man sich schon sieben Kapitel lang darüber gewundert hat, was diese Polen da in ihrem östlichen Nachbarland eigentlich treiben.

    Dass es ein Stück weit das etwas verspätete Feeling von „On the road“ ist, das sie hier ausleben, versteht man ja. Wenn man jung ist, liebt man das Abenteuer, das Rustikale und vor allem eine Art zu Reisen, in der einem nicht alles fertig vorgesetzt wird, wo man sich um seine Übernachtung genauso selbst kümmern muss wie um die Bekanntschaften mit echten Einheimischen und um das nächste Gefährt, mit dem man weiter kommt. In diesem Fall zumeist ein paar alte, versiffte Züge, jede Menge heruntergekommener Taxis, manchmal auch ein aufgemotzter Wolga oder eine rumpelnde Straßenbahn.

    Eine Route 66 hat die Ukraine ja nicht. Und Amerika ist es auch nicht, obwohl es auch hier Strecken gibt, auf denen den Reisebegleitern des eigentlich immer gelassenen Lukasz, der nur selten verzweifelt, die Panik aufsteigt. Meist versuchen sie es dann mit Wodka, Crack oder einer Ladung Vigor-Balsam zu betäuben, egal, was es ist. Die Frage, was denn diese ganzen Scharen von Polen ausgerechnet in die Ukraine treibt und dort in lauter Besäufnisse stürzt, taucht früh auf. Am Ende kulminiert sie, weil auch Gonzo-Journalist Lukasz sich mit der Frage konfrontiert sieht, was er da eigentlich tut und was er in den Ukrainern sieht. Das ist dann schon ein ganzes Stück weit nach dem Kapitel, das Tolkien-Fans besonders gefallen wird: „Mordor“.

    Denn hier erfährt der Leser, warum ausgerechnet Mordor im Titel vorkommt (und warum nicht Rhûnwaith, das aus europäischer Perspektive eigentlich da liegt, wo man in der realen Welt die Ukraine findet und Russland usw.) und warum die Reisenden möglicherweise so magisch angezogen sind von ihrem Nachbarland, das noch ein Stück weit ärmer ist als das schon etwas westlichere Polen. Dabei begegnen sie ja auch einer Art Spiegelbild, denn diese arme, improvisierende Ukraine wirkt irgendwie auch wie ein Bild des Polen, wie es vor ein paar Jahren noch war. Genauso bemüht, alle Segnungen der westlichen Marktwirtschaft zu übernehmen, die eigene Identität verleugnend und dennoch geprägt vom Stempel des alten Sowjetreiches, das – je weiter östlich Lukasz vorstößt – immer dominierender wird.

    Ein Blick auf das Erscheinungsjahr zeigt: Das Buch erschien in Krakow 2013, also kurz vor den Ereignissen auf dem Maidan in Kiew, die dann die Vertreibung des Oligarchen Wiktor Janukowytsch nach sich zogen, aber auch die Besetzung der Krim und der Ostukraine, die Lukasz alle beide noch bereist – aber beide Male zutiefst frustriert einer Kultur begegnet, die er endgültig nicht mehr als seine begreift.

    Was einen durchaus überlegen lässt, wie viel Gonzo eigentlich in diesem Gonzo steckt. Oder ob selbst Gonzo manchmal nicht viel mehr über unsere Welt und Wirklichkeit erzählen kann, als es scheinbar abgeklärter Journalismus sonst tut.

    Meine Lesetipps: Jack Kerouac „On the road“, Hunter S. Thompson „Fear and Loathing in Las Vegas“, J. R. R. Tolkien „The Lord of the Rings“, Viktor Martinowitsch „Paranoia“, Diana Feuerbach „Die Reise des Guy Nicholas Green“.

    Lang genug so? Oder soll ich noch was über Alkoholmissbrauch schreiben?

    Machste extra für unsere Gesundheitsspalte. Aber nich so lang. Die Leute lesen so langes Zeug nicht mehr.

     

    Die von der Redaktion autorisierte Rezension von Ziemowit Szczereks Roman „Mordor kommt unmd frisst uns auf“ finden Sie hier.

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