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Die Erfindung von Mittelerde: Auf Tolkiens Spuren im realen England und anderswo

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    Das ist auch wieder so ein Buch, das kaum passender hätte erscheinen können als im Corona-Jahr 2020: „The Worlds of J.R.R. Tolkien“. Denn wenn Reisen in der Realität nicht möglich sind, reist man am besten in der Phantasie – und entdeckt dabei eine ganze Welt. Selbst Kenner von „Der Herr der Ringe“ werden überrascht gewesen sein. Und jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschienen.

    Geschrieben hat es mit John Garth ein Autor, der sich praktisch schon sein Leben lang intensiv mit dem Werk J. R. R. Tolkiens beschäftigt. Sein 2003 erschienenes Buch „Tolkien and the Great War: The Threshold of Middle-earth“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Hier ging er erstmals intensiv den Spuren nach, die Tolkiens Teilnahme am Ersten Weltkrieg in seinen Schriften hinterlassen hat.Und man findet diese Spuren. Auch in den wüsten Sumpflandschaften Mittelerdes, die an die verschlammten Schlachtfelder an der Somme erinnern, wo Tolkien eingesetzt war und zwei seiner Jugendfreunde verlor. Das Thema greift Garth in diesem Band auch im Kapitel „Kriegsschauplätze“ auf.

    Im Grunde ist dieses Buch eher „nebenher“ entstanden, als Garth sich mit Tolkiens Erlebnissen im Ersten Weltkrieg und seiner Zeit am Exeter College in Oxford beschäftigte, wo ja nicht nur die Universitätskarriere des Philologen begann, sondern auch die Welt von Mittelerde ihre ersten Konturen bekam. Denn dass Mittelerde eine erfundene Welt ist, wissen seine Leser/-innen. Aber wie sie entstanden ist, wissen sie meist nicht. Und auch nicht, dass im Grunde fast alles, was Tolkien so plastisch beschreibt, Vorbilder in der Realität hat.

    Vielleicht gibt es ja sogar schon die bebilderten Wanderführer, die Strecken vorschlagen, auf denen man Tolkiens Welt erkunden kann. Und zwar nicht in Neuseeland, wo der „Herr der Ringe“ zum Film wurde, sondern genau da, wo Tolkien aufgewachsen ist. Denn das Auenland – und nicht nur das – findet man direkt in England. Genauso wie Mordor und Bruchtal. Denn am stärksten ist Phantasie dort, wo sie die Wirklichkeit verwandelt. Und Tolkien als Altphilologe hat trainiert. Mittelerde enthält auch Bezüge zu vielen großen Mythen Europas, die der Professor auch seinen Studenten vermittelte.

    Nur dass er im Grunde seit Kindheitstagen auch eine parallele Phantasiewelt erschuf. Und die Zutaten fand er direkt vor seiner Haustür oder bei Ausflügen mit seiner Familie und seinen Freunden. Vieles davon haben Tolkien-Forscher schon in Zusammenhang gebracht. Manches ist direkt belegbar aus den Schriften Tolkiens.

    Anderes liegt auf der Hand, auch wenn es meist eher Indizien sind, die darauf verweisen, dass Tolkien sich zum Beispiel mit den alten englischen Wäldern beschäftigt hat, mit den Steingräbern und Flüssen. Mancher prägnante Ort in Mittelerde hat sein Gegenstück in jenen Landschaften, in denen Tolkien nachweislich gelebt hat oder die er bereist hat – wie den Rhein oder die Berglandschaft der Schweiz.

    Und da er ja auch noch extra eine neue Sprache erfand, auf der die Namensgebung in seinen Büchern beruht, haben Knobler ihre wahre Freude, in den phantastischen Namen echte Orte wiederzuentdecken, manchmal einfach nur übersetzt, so wie Mordor, die Schwarze Erde, die an das rußig schwarze Birmingham des 19. Jahrhunderts erinnert. Während die riesigen gefährlichen Wälder eher Tolkien Walderlebnisse in Deutschland spiegeln, denn die Engländer haben ihre einst stolzen Ulmen- und Eichenwälder fast sämtlich schon im Mittelalter abgeholzt.

    Man hat also keine 1:1-Übersetzung des wahren Englands in eine Phantasiewelt vor sich, auch wenn es etliche dieser bizarren Orte tatsächlich heute noch gibt. Viele andere sind verloren. Darauf haben ja auch schon einige Forscher hingewiesen, dass Tolkiens Phantasiewelt einen starken ökologischen Kontext hat. Und Garth führt einige Belege an, die zeigen, wie sehr Tolkien die Motorisierung des 20. Jahrhunderts verabscheut hat.

    Die ja nicht nur zu mehr Lärm und mehr Straßen geführt hat, sondern auch dahin, dass immer mehr Menschen meinten, überall hinfahren zu müssen, „wo es schön ist“. Der moderne Massentourismus ist ja nicht nur deshalb eine Katastrophe, weil Millionen Leute ständig irgendwohin glauben fahren oder fliegen zu müssen. Er nivelliert auch die Welt, zerstört die Distanzen, macht alles beliebig und facebook-tauglich. Sodass im Ergebnis eigentlich niemand mehr etwas Besonderes erlebt, weil man überall immer dasselbe vorfindet, nie aber die Zeit hat, sich wirklich in eine fremde Welt zu begeben.

    So, wie das in Tolkiens Jugend noch normal war, als Schiffsreisen nach Amerika Wochen dauerten und selbst Fahrten mit dem Dampfschiff auf dem Rhein mehrere Tage. Was ja einen Teil der Faszination von Mittelerde ausmacht, wo die Helden entweder zu Fuß unterwegs sind oder bei Gelegenheit mit dem Schiff oder zu Pferd. Wo Landschaften noch lebendig und gefährlich sind und die Phantasie schon deshalb intensiver wird, weil bis zum Ziel der Reise jede Menge Gefahren lauern. Heute reist man von A nach B und unterwegs passiert gar nichts.

    Garth hat dem Buch mehre kleine Karten beigegeben, die zeigen, wie sich die Phantasiewelt Tolkiens teilweise verblüffend deckt mit einzelnen Landschaften aus der Wirklichkeit. Er zeichnet freilich auch nach, wie sich Tolkiens Mittelerde verwandelte. Denn Tolkien arbeitete ja quasi über 40 Jahre lang daran und überarbeitete auch frühere Erzählungen, wenn er merkte, dass die Geschichte anders passiert sein muss.

    Auch Phantasiewelten haben ihre Zwänge, erst recht, wenn sie einer geradezu mit wissenschaftlicher Strenge aufbaut, so streng, dass man nicht nur sehr genaue Karten davon zeichnen kann, sondern auch Geologen fündig werden. Denn Tolkiens Welt hat Substanz bis in die geologischen Formationen hinein. Es ist keine Kulissenwelt wie sie unzählige seiner Nachfolger/-innen aufgebaut haben, die seine Mittelerde immer wieder kopiert haben.

    Und so findet man viele der von Tolkien liebevoll beschriebenen Hügel und Berge, Brücken, Flüsse und Buchten, Steilküsten, Burgen und Türme auch tatsächlich in England und anderswo. Garth nimmt seine Leser/-innen mit in diese Welt und erläutert, wie das in Tolkiens Kopf alles verwandelt wurde. Auch mit der Einschränkung: vielleicht nur möglicherweise so verwandelt wurde. Denn manches fällt zwar ins Auge – nur die Belege fehlen. Da kann auch der Biograph nur schlussfolgern, was vor allem den jungen Tolkien angeregt haben könnte zu welchem Teil seiner Phantasiewelt.

    Immerhin ist ja auch Tolkiens großer Ansatz nicht zu verleugnen, quasi einen eigenen Gründungsmythos für England zu erfinden, der im Wesentlichen in der Zeit der angelsächsischen Eroberung ansetzt. Was freilich nicht verhindert, dass auch Motive aus dem Beowulf, finnischer oder isländischer Mythenerzählungen Eingang gefunden haben in Mittelerde.

    Der Sprachprofessor machte in seiner Freizeit all das, was ihm die strenge Wissenschaft untersagte: Er ließ seiner Phantasie wirklich freien Lauf. Was aber bei wirklich eindrucksvoller Literatur immer heißt, dass das wirklich Erlebte sich darin zur Geltung bringt. Wirklich große Literatur ist immer eine Verwandlung des selbst Erlebten in eine große Geschichte. Die freilich Regeln genügt, die den meisten Vielschreibern nicht einmal bewusst sind.

    Regeln, die Tolkien sehr ernst nahm. Da wurde aus dem phantastischen Autor wieder der Wissenschaftler, der sich nicht zufriedengab mit einer irgendwie erfundenen Fantasy-Welt. Auch deshalb frappiert ja Mittelerde bis heute: Man spürt beim Lesen, das sie zutiefst durchdacht ist und letztlich ein Lebenswerk. Am Ende bedauert Garth ein wenig, dass der alte Tolkien kaum noch Phantasie hatte.

    Aber so eine Welt wie Mittelerde erschafft ein Autor nur einmal, es ist ein Lebenswerk, das auch deshalb so lebendig ist, weil es seine Wurzeln in einer als lebendig empfundenen Wirklichkeit hat. Einer Wirklichkeit, die man besuchen kann – so wie die Essex Bridge, die Küste von Cornwall, die Höhlen von Cheddar Gorge oder Flüsse wie den Cherwell oder die Themse bei Oxford.

    Und der Erfolg von „Herr der Ringe“ zeigt eigentlich deutlich genug, wie sehr sich Menschen nach einer Welt sehnen, die noch Rätsel aufgibt und Geheimnisse hat, nach uralten Wäldern und ungebändigten Flüssen. Und natürlich nach Abenteuern, bei denen nicht von Anfang an feststeht, wann der Flieger zurück in die Heimat geht. Womit die Abenteuer der Tolkienschen Helden ja im Grunde auch zu Modellen der Lebensreise werden.

    Denn wer das Auenland nicht verlässt, erlebt nichts. Aber wer losgeht, kommt um die brennenden Fragen nach dem richtigen Verhalten in der Welt nicht umhin. Der riskiert, zutiefst verletzt zu werden und eine Last auferlegt zu bekommen, die vielleicht zu schwer ist. Aber selbst da unterscheidet sich ja Tolkiens Welt gründlich von den Billig-Nachahmern der späteren Fantasy-Welten: Es geht ihm nie um den billigen Kampf des „Guten“ gegen das „Böse“, das ja seit 2001 auch noch zur Weltpolitik geworden ist.

    Eigentlich geht es immer um die Frage, ob einer bereit ist, die Verantwortung zu tragen, die ihm angeboten wird. Eine Lebensfrage, der viele Menschen lieber ausweichen. Denn nie hängt die Gebrauchsanweisung daran. Es kann gewaltig schiefgehen. Aber man entdeckt dabei Welten, die deutlich lebendiger sind als der tägliche Abklatsch unserer Billig-Medien. Tolkien-Leser/-innen wissen das. Und Garths Buch – illustriert mit hunderten Fotos und auch vielen Zeichnungen Tolkiens – lädt dazu ein, einfach loszufahren und mit eigenen Augen zu sehen, was J. R. R. Tolkien einst anregte, sein Mittelerde zu schaffen.

    Was natürlich derzeit kaum zu bewerkstelligen ist. Aber bis es wieder so weit ist, kann man hier auf Buchseiten reisen. Und das wird auch für Tolkien-Kenner an vielen Stellen eine Entdeckung sein. Auch die Entdeckung von etwas, was vielen Menschen gar nicht mehr bewusst ist: Dass die Faszination der Welt eigentlich in unserer eigenen Kindheit liegt und wir nur viel langsamer und aufmerksamer sein müssen, um wieder zu spüren, dass die Welt voller Geheimnisse ist.

    Die wir gar nicht alle enthüllen müssen. Manchmal lädt das einfach nur dazu ein, den Kindern eine tolle Geschichte zu erzählen über ein paar Hobbits. Und zwar so plastisch, dass die Kleinen einfach nur noch mehr davon hören möchten.

    John Garth Die Erfindung von Mittelerde, wbg Theiss, Darmstadt 2021, 32 Euro.

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