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Die Mowgli-Geschichten aus dem Dschungelbuch in einem Band und phantasievoll illustriert

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    Es ist Kipling-Jahr. Aufmerksame Leser haben es mitbekommen. Jüngst haben wir hier die Kipling-Biografie des Leipziger Anglisten Stefan Welz besprochen. Das las man auch beim NordSüd Verlag in Zürich. Dort hatte man - natürlich nicht ganz zufällig - auch ein Kipling-Buch für den Herbst im Programm, den Klassiker unter seinen Büchern: das Dschungelbuch.

    Nicht das ganze Dschungelbuch. Sondern nur die Mowgli-Geschichten. Das Buch erscheint in einer Reihe reich illustrierter Klassikerausgaben. Kinderbuchklassiker, obwohl es ursprünglich oft keine Kinderbücher waren. Aber sie sind in den vergangenen hundert Jahren alle so selbstverständlich zum Kern aller Kinderbuchbibliotheken geworden, dass man sich fragt: Was würde eigentlich übrig bleiben, wenn es diese Klassiker nicht gäbe?

    NordSüd bringt neben einem echten Klassiker wie dem „Zauberer von Oz“ auch eine Auswahl aus den „Geschichten aus 1.001 Nacht“, die in der Regel selbst Erwachsene nie in Gänze lesen. Nur einige Geschichten gehören wirklich zum Repertoire dessen, was man so kennt. Und dazu gehören auch die Sindbad-Geschichten.

    Und die Dschungelbücher (zwei gibt’s) von Rudyard Kipling haben auch nie alle Leser wirklich gelesen. Sie erschienen 1894 und 1895, zu einer Zeit, als Rudyard Kipling schon berühmt war. Seine Geschichten aus dem indischen Dschungel wurden sofort zum Bestseller. Unter anderem auch, weil Kiplings Geschichten damals in den kolonialen und imperialen Zeitgeist passten. England fühlte sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Und wer zu Hause keine Chance sah, Karriere zu machen, der ging „in die Kolonien“, so wie es Kiplings Eltern taten. Dass wir Kiplings Lebenswerk heute mit anderen Augen betrachten, hat mit dem Niedergang der großen Imperien zu tun, dem Scheitern der Kolonialpolitik der Europäer (deren hässliche Folgen heute noch den Nahen Osten in Flammen halten), der Desillusionierung insbesondere der Engländer nach dem grausamen 1. Weltkrieg und natürlich einer geänderten Sicht auf die Völker der Welt, ihre Kulturen und ihre Selbstständigkeit.

    Im Nachspann betont NordSüd diesen Bruch, obwohl das gerade bei den Dschungelbüchern gar nicht notwendig ist. Sie gehören ohne Abstriche in die Reihe der großen Klassiker, in denen Jungen die Hauptrolle spielen von „Tom Sawyers Abenteuer“ bis zum „Kleinen Prinzen“, von „Oliver Twist“ bis zu „Peter Pan“. Und auch wenn das koloniale Zeitalter – zumindest im Denken der meisten Leser – tot und vergangen ist, ist die Welt, die Kipling mit seiner prägnanten, farbenreichen Sprache zum Leben erweckt, so greifbar, als er hätte er sich gerade erst hingesetzt und die Geschichten geschrieben. Denn eines steht fest, und das brachte ja auch Stefan Welz zum Nachdenken: Er gehört zu den ganz großen modernen Erzählern. Hemingway hat bei ihm gelernt und bei „Stalky & Co.“ hat man die ganze Zeit das vage Gefühl, dass eigentlich auch ein gewisser Harry Potter in dieses Internat gegangen sein muss.

    Viele werden die Dschungelbücher noch in der alten Ausgabe aus dem Leipziger Paul List Verlag zu Hause haben, der die älteste deutsche Übersetzung von Curt Abel-Musgrave von 1898 zugrunde liegt. So schnell ging das auch damals schon. Auch in Deutschland wurde Kipling mit Begeisterung gelesen. Für die damalige Zeit war das eine frische Übersetzung, die auch viele deutsche Schriftsteller heftig beeinflusste. Der NordSüd Verlag hat für seine Ausgabe eine jüngere Übersetzung zur Grundlage genommen, die des Rundfunkredakteurs, Jugendbuchautors und Übersetzers Wolf Harranth von 1984. Wahrscheinlich wohl das beste, was man aus Kiplings Geschichten herausholen kann, wenn man irgendwie den ganzen Sprachwitz, die Originalität und Virtuosität der Geschichten ins Deutsche bekommen möchte.

    Da wird auch Mowgli plastischer, noch plastischer. Denn er beeindruckte ja schon in den frühen Übersetzungen. Nicht weil er ein wildes Kind ist, so ein Löwenkind aus dem Dschungel, sondern weil seine Geschichte eigentlich eine echte Jungengeschichte ist vom Lernen, Freundschaftschließen, Vertrauenfinden, Fühlen, Sichbewähren und am Ende diesem so schmerzhaften Erwachsenwerden, was ja bei Mowgli einher geht mit der Heimkehr zu den Menschen. Eigentlich nicht mal „den Menschen“, sondern zu der Familie, die ihn bei seinem ersten Versuch, „zu den Menschen zurückzukehren“, bei sich aufgenommen hat, bedingungslos. Das ist bei Kipling alles verflochten. Und wenn wir heute manchmal sein „Gesetz des Dschungels“ zitieren, verwenden wir es in der Regel falsch.

    Denn Kiplings Tiere haben feste Regeln, an die sich alle zu halten haben. Und die großen, starken Tiere und die Ältesten des Rudels sorgen dafür, dass alle diese Regeln einhalten. Der Bär Baloo bringt Mowgli die Regeln bei. Die Geschichten leben auch von der festen Überzeugung Kiplings, dass eine friedliche Gesellschaft Regeln braucht, an die sich alle halten. Und dass man die Regeln und den Frieden verteidigen muss, wenn sie bedroht sind – wie in der Geschichte von den „Roten Hunden“ oder den vielen Auseinandersetzungen Mowglis mit dem hinkenden Tiger Shir Khan.

    Es geht in den Mowgli-Geschichten nicht so bambimäßig zu wie in der Disney-Verfilmung. Mowgli muss auch lernen, sich zu behaupten und sich seine Stellung im Rudel und im Dschungel zu erkämpfen. Und wer glaubt, dass es in der menschlichen Gesellschaft anders ist, der irrt. Mit seinen Indiengeschichten hielt Kipling nicht nur seiner Zeit den Spiegel vor, er versuchte auch die Fragen, die ihn selbst persönlich am meisten bewegten, in greifbare Zusammenhänge zu bringen. Dass er selbst in seiner Zeit in Indien in gewisser Weise Mowgli war, hat ja Stefan Welz sehr faktenreich erzählt, nur dass es nicht der indische Dschungel war, in dem Kipling sich behaupten musste, sondern die englische Kolonialgesellschaft. Und manche seiner Lebensanekdoten muten schon an wie Mowglis Zug mit den Büffeln gegen den unverschämten Shir Khan.

    lllustration von Aljoscha Blau: Mowgli und Grauer Bruder. Foto: Ralf Julke
    lllustration von Aljoscha Blau: Mowgli und Grauer Bruder. Foto: Ralf Julke

    Und Generationen von Kindern werden in diesen Geschichten vor allem eins gefunden haben: die große Bedeutung von Freundschaften mit Starken und mit Schwachen. Das drängt sich geradezu auf, wenn nicht nur die Tiere bei Mowgli Hilfe suchen, wenn eine Gefahr wie die der „Roten Hunde“ droht, sondern auch, wenn sie Mowgli selbstlos helfen, wenn er in Gefahr ist.

    Man kann zwar in der Schilderung der Dörfer versuchen, den alten Kolonialismus zu sehen. Aber zum Rächer wird Mowgli erst, als die beiden Menschen bedroht sind, die ihn bei sich aufgenommen hatten. Ganz zu schweigen davon, dass Kipling hier ein Verhalten schildert, das bis heute Gesellschaften in gefährliche Situationen bringt.

    „Immer müssen Menschen anderen Menschen Fallen stellen, sonst sind sie nicht zufrieden“, versucht Mowgli sich die irrationale Hexenjagd zu erklären. Und das wirkt so heutig, dass man nicht mal den Fernseher anmachen muss, um das zu merken. Was übrigens auch ein Grund für Kiplings unübersehbaren Imperialismus war: Er sah im British Empire die große Ordnungsmacht, die der Welt den Frieden bringen könnte. Dass die Zeitgeschichte anders verlief, heißt ja nicht, dass seine Hoffnung unberechtigt war. 120 Jahre später fragt man sich nur: Welches ist wirklich der richtige Weg? Die Völker, die England einst unterworfen hat, haben sich sämtlich befreit. Aber das koloniale Erbe wirkt noch immer mit auflodernden und blutigen Konflikten.

    Aber Kipling hat ja seine Dschungelbücher auch nicht als Utopie geschrieben. Dieses Wolfskind lernt Entbehrungen kennen, Enttäuschungen und Verstoßungen, muss lernen, die Sprache der anderen Dschungelbewohner zu sprechen und ihre Andersartigkeit zu respektieren. Und er lernt, dass er sich entscheiden muss, dass er zwar von den Tieren akzeptiert und aufgenommen wurde, aber allein schon durch sein Menschsein auch als bedrohlich empfunden wird. Wie schwer ihm das Loslassen fällt, kann jeder in der Geschichte „Der Frühlingslauf“ nachlesen.

    Ist natürlich die Frage: Fehlen jetzt die Geschichten, die sonst noch in die Dschungelbücher gehören, in denen aber Mowgli nicht vorkommt. Nicht wirklich. Es hat durchaus etwas Bestechendes, wenn man die Mowgli-Geschichten einfach mal bündelt, die „Tiger! Tiger!“-Geschichte nach der Logik der Handlung etwas später einsortiert. Im Grunde merkt man erst so, dass Kipling zwar ein grandioser Geschichtenerzähler ist, dass seine Geschichten aber so eng verwoben sind miteinander, dass man am Ende eigentlich einen Mowgli-Roman bekommt. Phantasievoll illustriert von Aljoscha Blau, der eben mal keine niedlichen Tiere gezeichnet hat, sondern genau jene wilden, zum Teil von Kampf und Alter gezeichneten Dschungelbewohner, die auch mit dem Helden gealtert sind. Mowgli muss auch einige sehr persönliche Abschiede erleben. Auch das in Kinderbüchern eher selten: das Erfahren, wie nah Leben, Liebe, Kampf und Tod sind. Und dass einen die Trauer auch überwältigen kann.

    Muss man dazu sagen, dass Mowgli auch heute noch in jedes Kinderzimmer gehört? Dass Kinder eigentlich mit allen Klassikern aufwachsen sollten, die heute zum Kanon der Weltkinderliteratur gehören? Möglichst ungekürzt und in kongenialen Übersetzungen. Und ohne die faulen Retuschen der Alles-Schön-Maler. Kinder verstehen viel mehr von der Unberechenbarkeit, Verstellung  und Großmäuligkeit der Menschen. Es sind ja nicht wirklich die Dschungeltiere, die in diesem Buch so kritisch über die Menschen sprechen, es ist ja eigentlich der Autor. Aber das haben wohl auch viele seiner Zeitgenossen nicht gemerkt, die mit ihm in die wilde Welt des Dschungels eingetaucht sind.

    Und dass die Geschichte auch erwachsenen Lesern den ganzen Reichtum des Erzählten schenkt, versteht sich von selbst. Und wenn einem dabei die anderen Dschungelgeschichten wie „Ricki-Ticki-Tawi“ oder „Die weiße Robbe“ fehlen, kann man sie sich ja noch besorgen. Ist ja alles da.

    Rudyard Kipling, Aljoscha Blau „Das Dschungelbuch. Die Mowgli-Geschichten, NordSüd Verlag, Zürich 2015, 26 Euro.

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