Auf den ersten Blick klingt der Buchtitel so wie hunderte andere Ratgeber, die den Käufern der Bücher alles Mögliche versprechen, wenn sie sich nur an die im Buch versammelten Rezepte, Regeln und Empfehlungen halten. Aber so ein Buch hätte Prof. Dr. Med. Emrah Düzel nicht geschrieben. Auch wenn der Buchtitel zusammenfasst, worum es ihm geht. Aber bevor er den Lesern Rezepte für ein richtiges Leben schmackhaft macht, nimmt er sie mit auf eine Reise ins menschliche Gehirn.
Düzel ist Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung an der Universität Magdeburg und einer der führenden Experten in der Hirnforschung. Und genau darum geht es in diesem Buch. Spannend natürlich für alle, die sich noch nie damit beschäftigt haben, welche Rolle unser Gehirn eigentlich in unserem Körper spielt, wie es mit sämtlichen Körperfunktionen vernetzt ist und damit eben auch extrem abhängig davon, wie gut unser Körper funktioniert, wie gesund wir sind, wie wir uns ernähren und bewegen.
Eigentlich gehört das als Lernstoff in den Biologieunterricht in der Schule. Aber Lehrbücher kleckern dem wissenschaftlichen Forschungsstand meist um mehrere Jahre hinterher. Und vieles, was wir heute über die Funktionsweise unseres Gehirns wissen, ist Ergebnis weltweiter Forschung der letzten Jahre.
Nicht nur haben die Hirnforscher immer genauere Landkarten erstellt, welche Funktionen wo im Gehirn lokalisiert werden können. Sie können auch immer genauer sagen, welche Gehirnpartien miteinander in welchen Situationen intensiv kommunizieren, aber auch, wie das Gehirn sich reinigt und wie wichtig dafür unser eigenes Verhalten ist. Sei es der richtige Schlafmodus, sei es die richtige Ernährung, sei es die Liebe zur Bewegung.
Ein Geschenk der Evolution
Man ahnt schnell, dass es mit der geistigen Fitness bis ins hohe Alter immer um uns geht und unsere Bereitschaft, dafür selbst aktiv zu werden. Die Gründe liegen tief in unserer Menschheitsgeschichte und eigentlich sogar schon davor. Denn all die faszinierenden Eigenschaften, über die unser Gehirn verfügt (und die Düzel den Lesern auch besonders deutlich vor Augen führt), stammen aus unserer Evolutionsgeschichte. Sie sind Anpassungen an eine durchaus gefährliche Umwelt, in der sich unsere Vorfahren nicht nur zurechtfinden mussten, sondern auch überleben mussten.
Dass diese Fähigkeiten des Gehirns aber nicht nur helfen, in der freien Natur zu überleben, auch das wird deutlich, wenn Düzel unser „zentrales Machtzentrrum“ nach dem aktuellen Forschungsstand genauer unter die Lupe nimmt und den Lesern und Leserinnen zeigt, warum 20 Prozent unserer Energie permanent vom Gehirn beansprucht werden.
Das immerzu in Aktion ist, selbst dann, wenn wir gar nicht dran denken. Oder uns einfach nicht bewusst sind, was das Gehirn gerade alles parallel ableistet, wenn wir ein Restaurant besuchen, neue Menschen kennenlernen, auf neuen Wanderwegen unterwegs sind usw. Man merkt bald: Es geht um Aktivität.
Darauf sind unsere Gehirne seit Jahrmillionen geeicht. Und genau darauf reagieren sie regelrecht mit Freude und dem Wunsch nach immer mehr. Neugierde und Wissensdurst sind ganz elementare Eigenschaften unseres Gehirns (was Eltern kleiner Kinder nur bestätigen können), die direkt mit jenen erstaunlichen Überlebenseigenschaften zusammenhängen, die sich unsere Vorfahren angeeignet haben.
Und natürlich hängt alles mit allem zusammen. Das Gehirn ist kein separiertes Denkmodul in unserem Kopf, sondern mit allen Vorgängen in unserem Körper direkt verbunden. Weshalb Düzel ein ganzes Kapitel überschrieben hat mit „Ein gesunder Geist in jedem Körper“. Denn unser Gehirn ist direkt davon anhängig, wie aufmerksam und vorsorglich wir mit unserem Körper umgehen.
Das Gehirn braucht Herausforderungen
Weshalb schon früh die Erkenntnis deutlich wird: Leute, ihr müsst euch bewegen. Auch eurer geistigen Fitness wegen. Stück für Stück arbeitet Düzel heraus, in wie vielen Bereichen wir aktiv werden können (und wohl auch sollten), wenn wir unser Gehirn möglichst lange auch im hohen Alter gesund und funktionsfähig erhalten wollen und vor allem all die Schädigungen möglichst verhindern oder mindern, die bei so vielen Menschen im hohen Alter zu den unumkehrbaren Verfallsprozessen in Wahrnehmung und Gedächtnis führen.
Es gibt zwar mittlerweile erforschte Prozesse, in denen nachgewiesen wurde, dass eine bestimmte Art Gehirnzellen tatsächlich neu gebildet werden können. Aber in der Regel müssen wir mit dem Gehirn auskommen, das wir als junge Erwachsene mit ins Leben nehmen. Einer Zeit, in der wir in der Regel sowieso aktiv sind, uns viel bewegen, neugierig sind und jede Menge soziale Kontakte haben.
Aber durch umfassende Studien ist längst belegt, dass unser Gehirn beginnt abzubauen, wenn all diese Herausforderungen weniger werden. Von Einsamkeit und sozialer Isolation ganz zu schweigen, die genauso abträglich für die Hirngesundheit sind wie fehlende Bewegung und fehlende geistige Herausforderungen.
Da überrascht es nicht, dass Düzel den Lesern des Buches auch das Lesen von Büchern empfiehlt, weil gerade das Lesen unterschiedlichster Bücher unser Gehirn nicht nur mit Denkabenteuen füttert, sondern es herausfordert, genau die Dinge zu tun, auf die es in seiner natürlichen Evolution geeicht ist: Sich Geschichten auszumalen, weiterzudenken, sich die nächsten Entwicklungen auszumalen.
Denn genau das kann unser Gehirn am besten: Sich in unbekanntem Gelände trotz aller Neuheit zu orientieren und neue Erkenntnisse zu sammeln, die dann in den diversen Speichern im Gehirn landen. Und da Düzel auch genau erklärt, was da in unserem Kopf passiert, kann man mit seinem Buch die direkte Verbindung herstellen zwischen den Tipps, Aufgaben und Empfehlungen, die er nach und nach ins Buch einfließen lässt, und dem, was dabei in unserem Gehirn passiert.
Aktivität wird belohnt
Die Empfehlungen schweben nun nicht mehr im luftleeren Raum, sondern es wird immer deutlicher, dass zur Gehirngesundheit einerseits ein gesundes und sehr aktives Leben gehört (das man sich auch selbst organisieren kann), genauso wie ein gehirngesunder Speiseplan (der erstaunlicherweise mit wenig Fleisch auskommt, dafür mit jeder Menge gesunder Früchte).
Und andererseits erfährt man, dass man seinem armen Kopf nichts Besseres antun kann, als wirklich gezielt wieder soziale Kontakte aufzubauen oder sie einfach zu bewahren, wenn man das ein Leben lang schon getan hat. Unser Gehirn braucht geistige Herausforderungen. Und es belohnt uns dafür. Was jeder merkt, der sich tatsächlich auf neue Abenteuer einlässt, auf neue Gegenden, neue Wege, neue Menschen.
Wir können unser Gehirn nicht umbauen. Aber wir können seine Netzwerke stärken und damit vor allem die Verfallsprozesse hinausschieben, die in der Regel im Alter beginnen. Bei manchen früher, bei anderen später. Aber die Forschung hat auch längst nachgezeichnet, warum die geistigen Prozesse bei manchen Menschen länger auf hohem Niveau laufen und bei anderen nicht, warum also die einen besonders demenzgefährdet sind und die anderen sich ihre geistige Wachheit bis ins hohe Alter erhalten.
All das zeichnet Düzel auf, bevor er dann in den letzten Kapiteln tatsächlich dazu übergeht, seinen Leserinnen und Lesern Empfehlungen zu geben, wie sie ihre geistige Fitness selbst möglichst lange auf hohem Stand halten können. Zwischendurch gibt es dann kleine Denk- und Rätselaufgaben. Und am Ende auch einen richtigen Trainingsplan, der einen daran erinnert, dass unser Gehirn vor allem Anregung und Herausforderung braucht. Und unsere Aktivitäten geradezu belohnt.
Welche Aktivitäten das sind, das muss dann jeder für sich selbst herausbekommen. Aber das Ermutigende bei der Sache ist: Wir müssen keine Rekorde brechen, um mit einem regen Gehirn belohnt zu werden.
Oder um Düzels letzte Sätze im Buch zu zitieren: „Außerdem trainiert es sich fast immer leichter und angenehmer in Gesellschaft. Wenn es Laufgruppen gibt: Warum soll es nicht auch Gehirnjogging-Gruppen geben? Seien Sie innovativ!“
Emrah Düzel „Geistig fit bis ins hohe Alter“, Stiftung Warentest, Berlin 2025, 20 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:














Keine Kommentare bisher