In gewisser Weise ist es ja Eigenwerbung, was der Dresdner Kommunikationswirt, Gründungs- und Strategieberater Christoff Hans Wiethoff hier schon 2024 vorgelegt hat. Das Buch lag ganz unten unter dem Stapel. Jetzt fanden sich endlich ein paar Tage, es zu lesen und den Gedanken ernst zu nehmen, den Wiethoff hier formuliert: Dass sich unsere Arbeits- und Lebenswelt längst für alle sichtbar verändert.
Wir werden älter, viele bleiben bis ins hohe Alter fit. Und wo man einst mit 50 begann, sich innerlich auf den Ruhestand vorzubereiten, überlegt heute so mancher: War es das schon? Kommen da jetzt keine Herausforderungen mehr? Oder sollte ich doch noch etwas wagen?
Eine knifflige Frage. Erst recht, wenn der Arbeitsmarkt sich immer mehr verändert und die Politik nicht einmal mehr danach fragt, welche Erfahrung und welches Wissen Arbeitnehmer in ihrem Job gesammelt haben. Sonst würden die Politiker nämlich nicht immerfort an den Arbeitsgesetzen herumschrauben und vortäuschen, Arbeitnehmer wären einfach nur Verfügungsmasse, die man den Unternehmen möglichst billig zutreiben muss.
Aber um die zunehmend neoliberale Politik in Deutschland geht es Wiethoff nicht. Er hat nur im Lauf seiner Arbeit gemerkt, dass nicht mehr nur junge Leute mit dem Gedanken spielen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Junge Leute, die zwar meist risikofreudig sind und auf welche die meisten Förderprogramme für Unternehmensgründungen zugeschnitten sind.
Aber immer mehr ältere Arbeitnehmer spielen mit dem Gedanken, aus einem oft belastenden Arbeitsverhältnis auszuscheiden, eine Firma zu verlassen, in der sie kaum noch Anerkennung finden, und aus ihrem angesammelten Fachwissen ein eigenes Business zu machen. Sie haben nicht nur Lebenserfahrung, sondern eine große Menge an Fachwissen angesammelt, oft lebendige Netzwerke mit Kunden, denen sie zugearbeitet haben, oft auch Führungsqualitäten und die Gelassenheit des Alters.
Und oft genug fragen sie sich: Bekomme ich nicht viel mehr Anerkennung, wenn ich mich selbstständig mache?
Traut man sich das?
Man merkt schon: Es steckt auch ein gewisser Stachel in dem Buch, den gerade Ostdeutsche nur zu gut kennen. Wenn einen die Manager der Firma, in der man sein ganzes Fachwissen einsetzt, wie den letzten Loser behandeln, dann macht man sich schon Gedanken, ob man dem Laden nicht den Abschied gibt.
Das größte Problem dabei: Es fehlt meist am Geld. Ein Thema, das Wiethoff auch anspricht, auch wenn der praktische Teil nicht den Schwerpunkt bildet in diesem Buch. Ihm geht es vor allem um Motivation. Denn ein eigenes Unternehmen gründen sollte man nur, wenn einen die Geschäftsidee tatsächlich begeistert und man bereit ist, auch jede Menge Arbeit und Unsicherheit auf sich zu nehmen, um diesen Schritt in die Selbstverantwortung zu gehen. Das braucht wirklich Überlegung und ein Abchecken, ob man sich den Schritt wahrlich zutraut.
Denn der Zweifel ist von Anfang an dabei: Schafft man das? Traut man sich das? Selbst Prägungen aus der Kindheit können einen hindern. Denn wenn einem der Selbstzweifel, die Unsicherheit über das eigene Können anerzogen wurde, dann kostet ein solcher Schritt enorme Überwindung. Und auch einen Blickwechsel auf sich selbst und das eigene Können.
Denn es ist nicht nur die Kindheitserfahrung, die viele Menschen in oft krankmachenden Jobs festhält. Es ist auch die moderne Verachtung einer neoliberal dominierten Arbeitswelt, in der die Achtung vor dem Können und Wissen von Angestellten einem Denken gewichen ist, das jeden Beschäftigten für ersetzbar hält.
Mut zum Ausstieg
Nur die klügeren Unternehmer haben inzwischen begriffen, wie wertvoll das Können ihrer älteren Arbeitnehmer ist. Und sie werden alles tun, um diese im Betrieb zu halten. Aber dennoch gibt es eben auch zunehmend ältere Arbeitsnehmer, die sich nicht mehr respektiert fühlen, obwohl sie den Laden am Laufen halten.
Sie besonders dürften sich von dem Buch angesprochen fühlen, in dem Wiethoff vor allem die Selbstmotivation in den Mittelpunkt stellt. Und gleichzeitig einen Leitfaden an die Hand gibt, anhand dessen man herausfinden kann, ob man sich den Schritt in die Selbstständigkeit zutraut.
Voraussetzung ist natürlich eine tragende Idee. Die nicht einmal neu sein muss, wie bei den so oft gefeierten Start-ups. Sie kann einfach auf einem eigenen Interesse beruhen, das der Betroffene gern zu seinem Geschäft machen will. Oder auf einer bestehenden Nachfrage, die er aus seinem Arbeitsumfeld kennt und welche die Basis für ein eigenes Geschäftsfeld abgeben könnte.
Das sind Dinge, die vorher abgeklärt werden müssen, bevor es an die in Deutschland höchst bürokratische Anmeldung des Gewerbes geht und – möglicherweise – die Beantragung von Fördergeldern. Und natürlich muss man vorher auch über seine Netzwerke – ob online oder offline – abklopfen, wie groß die Nachfragew nach dem ist, was man zu seiner Geschäftsgrundlage machen möchte.
Denn Unternehmersein bedeutet vor allem: Kontakte knüpfen, hegen und pflegen. Man braucht Unterstützer, Kunden, aber auch Berater, die einem im Dickicht der Unternehmensgründung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und man braucht den alles entscheidenden Schritt im Kopf, mit dem man aus der (vermeintlich sicheren) Angestelltenperspektive in die eines Unternehmers wechselt, sich also Dinge zutraut, die man bislang nicht ausfüllen musste.
Zu alt oder Neugier auf etwas Neues?
Man muss eine psychologische Barriere überwinden. Auch die Barriere, die einem sagt: Du bist zu alt. Was ist, wenn du scheiterst? – Zumindest deutet Wiethoff an, dass die Mühe nicht mit der Eintragung ins Gewerberegister endet. Denn das, was man so Märkte nennt, verändert sich. Was gestern noch eine echte Lücke war, die man mit einer guten Geschäftsidee füllen konnte, kann morgen schon Opfer der Entwicklung geworden sein.
Man muss also auch als Unternehmer flexibel bleiben, die Entwicklung auf dem Markt beobachten, nachjustieren und vor allem immer aktiv bleiben, um Kunden werben oder gar neue Angebote schaffen.
Aber im Grunde geht es in diesem Buch um die Ausbildung von Fähigkeiten, die der Betroffene vielleicht hat, aber nie systematisch anwenden musste, weil er sich das nicht zutraute. Und wie die Ostdeutschen wissen: Manchmal ist es einfach der einzig vernünftige Schritt, wenn man im alten Unternehmen nur noch respektlos behandelt wird oder die eigenen Fähigkeiten einfach ignoriert werden.
Aber Lebenszeit neu nachdenken
Aber der Hintergrund stimmt. Auch wenn gerade die ostdeutschen Regierungen bis heute nicht begriffen haben, was das bedeutet, wenn sich eine Gesellschaft derart rasant demografisch verändert – immer weniger Kinder geboren werden und immer mehr Ältere das Land bevölkern. Von denen sich immer mehr ganz und gar nicht wie altes Eisen fühlen, sondern die Jahrzehnte im Alter natürlich mit Inhalt füllen wollen und sich ab 50 durchaus fragen, ob es sich nicht lohnt, doch noch den Traum von einem eigenen kleinen Unternehmen zu verwirklichen – in Eigenregie umzusetzen, was im alten Betrieb nicht möglich war?
Da geht es nicht um die wirklich unterirdische Arbeitszeitdiskussion der konservativen Politik, sondern um etwas, was im Arbeitsleben heute immer weniger Beschäftigte erleben: Erfüllung und Bestätigung und damit Identifikation mit der eigenen Arbeit.
Auch das darf man als Ergebnis neoliberaler Politik bezeichnen. Dass es BWL-getrimmte Manager tatsächlich im Verein mit ahnungslosen Politikern geschafft haben, den hochqualifizierten Beschäftigten in Deutschland die Freude an der Arbeit zu nehmen. Das hat Folgen. Und eine davon ist ganz bestimmt, dass viele Beschäftigte über einen Ausstieg nachdenken.
Vielleicht nicht mit den Motiven, die Wiethoff aufblättert. Aber wenn es um eine eigene Gründung geht, stehen sie alle vor den psychologischen Herausforderungen, die Wiethoff in seinem Buch beschreibt. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und nachzuspüren, ob das vielleicht doch der mögliche Weg wäre, aus einem Laufrad herauszukommen, in dem es wirkliche Belohnungen für das eigene Können immer seltener gibt.
Christoff Hans Wiethoff „Erfolg ist, was du draus machst“, Eigenverlag Christoff Hans Wiethoff, Dresden 2024, 19,99 Euro.
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