Ein Fotoatelier, wenige Minuten vom Neuen Rathaus entfernt, in Nachbarschaft zum Polizeipräsidium. Die Gesellschaft gibt sich die Klinke in die Hand, Hochzeitsfotos entstehen. Damen posieren mit ihren Hündchen. Porträtfotos werden gefertigt und Familienalben gefüllt. Ab und an betreten Herren in Uniform den Laden, lassen schnittige Fotografien von sich anfertigen, in Autogrammkarten-Qualität. Das Geschäft von Abram Mittelmann ist eine angesehene Adresse, sein Können als Fotograf in der Stadt bekannt. „Wer nicht selbst entwickeln kann, wende sich an Mittelmann“ ist der Slogan zum Erfolg.
Aus der Südvorstadt in den Tod
Das Haus, Peterssteinweg 15, ein mondäner Gründerzeitbau, beherbergt nicht nur Atelier und Labor, sondern auch die großzügige Wohnung der Familie Mittelmann. Im Jahr 1938 endet die Erfolgsgeschichte. Im Stadtgeschichtlichen Museum ist jetzt deren Rekonstruktion zu sehen, der Blick in einen unglaublichen Fotoschatz der Zeitgeschichte. Begleitet vom unfassbaren Leid durch die Shoah.
Abram Mittelmann wird aus Deutschland vertrieben, die Auflösung der Firma obliegt seinem Sohn Siegfried und dessen Schwester. Die Familie wird zerrissen, nach der Besetzung Westeuropas deportiert und ermordet. Der angesehene Fotograf, von dem sich Leipzigs Nazis haben porträtieren lassen, wird während einer Razzia in Brüssel erschossen. Den Holocaust überleben nur Siegfried, sein Bruder Leon und dessen Frau und Kinder.
Ringen um Fundstücke
50 Jahre nach dem grausamen Ende der Atelier-Geschichte entdeckt eine Leipziger Fotografin auf einem Dachboden mehrere Kartons. Sie enthalten Umschläge mit Glasplatten. Negative von Bildern. Auf einigen stehen Namen. Nicht auf allen. 1989 gibt es anlässlich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht eine Ausstellung in der Leipziger Universität. Ein Begleitbuch erscheint, die Finderin des Fotoschatzes steuert Bilder des Ateliers Mittelmann bei. Eines der Bilder, zu denen kein Name gefunden werden konnte, eröffnet die Dokumentation auf der ersten Innenseite. Ein kleiner Junge in zu großer Jacke mit Strolchmütze.
Am 3. November 2021 besucht Nadia Vergne Leipzig. Vor dem Haus, in dem sich das Atelier ihrer Familie befand, werden „Stolpersteine“ verlegt. In das Straßenpflaster eingelassene Erinnerungsmale, die der Opfer der Nazidiktatur am Haus ihres letzten Wohnortes gedenken. Durch Zufall reicht der Mittelmann-Enkelin jemand das zu diesem Zeitpunkt schon selbst historische Buch. Sie öffnet es – und erblickt das Kinderfoto ihres Vaters.

2022 wurden die Glasplatten-Negative an Nadia Vergne, Enkelin Abram Mittelmanns, von der Finderin übergeben. Viele Jahre hatte die Erbin vergeblich versucht, dies zu erreichen. Vermittlungsversuche, auch von prominenter Seite, scheiterten über lange Zeit. Schließlich suchte sie die Hilfe der Medien. Jetzt hat eine Initiative aus Nadia Vergne, dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, dem Ariowitsch-Haus stellvertretend für die Israelitische Religionsgemeinde sowie dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. begonnen, den Bestand aufzuarbeiten. Das hatte letztlich die Übergabe des Fundes moderiert. 862 der Fotografien konnten konkreten Personen zugeordnet werden. Dabei gelang es, Vornamen und weitere Lebensdaten zu ermitteln oder die Identität auf wenige infrage kommende Personen einzugrenzen. Mehr als 730 Personen und Gruppen wurden als jüdisch identifiziert, darunter mindestens 168 Aufnahmen der Familie Mittelmann.
Ein Fotoschatz für die Öffentlichkeit
Die Ausstellung sowie digitale Angebote zeichnen das Bild einer typischen jüdischen Familie in Deutschland nach. Rund 100 Porträts und Gruppenaufnahmen eröffnen bislang unbekannte Einblicke in das jüdische Leben der Großstadt Leipzig – sowohl in die Zeit der Normalität vor 1933 als auch in dessen gewaltsame Zerstörung. Da die Forschung zum Fotoschatz Mittelmann noch nicht abgeschlossen ist, soll die Ausstellung im November 2026 erweitert werden.
Zur Eröffnung fand die Enkelin von Abram Mittelmann Worte, die bewegen, Worte, die gehört werden sollen: „Für die Zukunft hoffe ich, dass diese Fotos vielen Menschen helfen werden, Bilder ihrer Familie wiederzufinden. Ich wünsche mir auch, dass wir den Opfern der Shoah ein Gesicht geben können. Ein Gesicht sagt mehr als ein Name. Es erinnert uns daran, dass es Menschen waren, die ermordet wurden. Ich wünsche mir, dass die junge Generation die Erinnerungsarbeit fortsetzt. Für mich ist heute die Weitergabe wichtig. Die neuen Generationen müssen verstehen, wie schrecklich Diskriminierung und Ausgrenzung sind. Die Jugendlichen sollen kritisch sein und Propaganda hinterfragen. Wichtig sind Toleranz und Respekt, damit wir in Harmonie leben können.“
Das Erbe ihrer Familie allen öffnen zu können, ist das Anliegen von Nadia Vergne. Deshalb gibt es eine für jeden kostenlos zugängliche Datenbank des Stadtgeschichtlichen Museums, in der man suchen oder einfach nur blättern kann. Und vielleicht findet ja noch eine Enkelin Fotos eines Mitglieds ihrer eigenen Familie. Das bisher gesicherte und erschlossene Archiv finden Sie hier im Internet.
Die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, Böttchergäßchen 3, 04109 Leipzig, ist dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der reguläre Eintritt beträgt 7 Euro. Ermäßigte Tickets sowie Abendkarten kosten jeweils 3,50 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Weitere Informationen sind unter der Telefonnummer +49 (0) 341 9651340 erhältlich.

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