Nicht nur in Zeiten von wachsendem Antisemitismus ist es ein wichtiges Signal: Vom 21. bis 28. Juni wird Leipzig seine 17. Jüdische Woche begehen, die Anno 2026 besonders im Zeichen des Themenjahrs „Tacheles“ steht. Wir werfen hier für Sie und Euch einen Blick auf einige Highlights der insgesamt 133 Veranstaltungen,  mit denen dem reichen jüdischen Leben Leipzigs Rechnung getragen wird.

Und das kann ja auf eine reichhaltige Historie zurückblicken, die allerdings Brüche aufweist: Schon im 13. Jahrhundert lebten wahrscheinlich Juden hier, im Bereich der heutigen Hauptfeuerwache am Goerdelerring muss sich, außerhalb damaliger Stadtmauern, eine „Judengasse“ befunden haben.

Leipzig und die Juden: Ein Wechselbad in der Stadtgeschichte

Für das Spätmittelalter wird von einer Vertreibung der Juden aus Leipzig ausgegangen, was der Stadt einen Sonderstatus einbrachte: Als Bewohner von Leipzig gab es Juden die nächsten mehr als 250 Jahre faktisch nicht mehr, sie strömten aber dreimal im Jahr zur Messezeit aus allen Himmelsrichtungen durch die Stadttore. Fürs Geschäft waren sie willkommen oder geduldet, ihre feste Niederlassung blieb unerwünscht.

Das änderte sich erst 1710, als mit der Konzession Augusts des Starken eine jüdische Familie wieder dauerhaft in Leipzig wohnen durfte. Auch danach blieben im 18. Jahrhundert ein paar Juden hier ansässig – Menschen, Nachbarn, Frauen, Männer und Kinder, über deren Leben und Alltag wir bis heute fast nichts wissen. Fakt aber ist: Was damals wohl kein spektakuläres Thema war, markiert aus heutiger Sicht einen Wendepunkt, mit dem Juden unaufhaltsam in die Stadtgesellschaft hineinwuchsen. 1814 eröffnete im Johannistal der erste jüdische Friedhof, 1847 gab es endlich auch eine offiziell anerkannte Gemeinde.

Klangvolle jüdische Namen wie Ariowitsch, Harmelin oder Eitingon verbinden sich mit dem östlichen Teil des Brühls (im damaligen Volksmund: „Judenbrühl“), der zum Synonym des internationalen Pelz- und Rauchwarenhandels wurde. Leipzigs wirtschaftlicher Rang wäre hier ohne den Anteil jüdischer Kaufleute kaum denkbar.

Buntes Programm lädt ein

Wer darüber mehr erfahren mag, für den bietet sich eine geführte Tour an, die über jüdische Messebesucher und Pelzhändler informiert. Aber auch sonst kommen Geschichtsfans auf ihre Kosten, beispielsweise mit einer Führung durch die Brodyer Synagoge, die als einziges jüdisches Gotteshaus in Leipzig die „Reichspogromnacht“ 1938 überstand. Oder man kann sich auch über den Alten Israelitischen Friedhof führen lassen, nach jüdischen Spuren auf dem Südfriedhof suchen oder den Neuen Israelitischen Friedhof erkunden.

Vielleicht entscheidet sich ja auch für ein interaktives Escape-Game, mit dem das Leben der jüdischen Frauenrechtlerin und Schulgründerin Henriette Goldschmidt (1825–1920) spielerisch erforscht wird, einen Vortrag zur jüdischen Identität in der laut Selbstverständnis strikt antifaschistischen DDR oder eine Tour im Waldstraßenviertel, das bis 1933 den höchsten Anteil jüdischer Menschen in Leipzig beherbergte. Kurzum: Zahlreiche Formate an Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen, Führungen, Gesprächen, Konzerten, Film-, Tanz- und Theateraufführungen laden demnächst zum (Neu)Entdecken jüdischer (Stadt)Geschichte ein.

Im Zeichen von „Tacheles“

Mehr als 70 Institutionen und Vereine sind dieses Jahr beteiligt, das Programm besteht aus 133 Veranstaltungen. Ausgerichtet wird die Jüdische Woche wieder gemeinsam vom Kulturamt der Stadt Leipzig und dem Ariowitsch-Haus, wobei mit Blick auf das laufende Themenjahr „Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ der gewohnte Zweijahresrhythmus 2026 wegfällt: Nach 2025 folgt also nun bereits die Ausgabe 17 der Jüdischen Woche.

Eröffnet wird sie am 21. Juni um 15:00 Uhr in der Oberen Wandelhalle des Neuen Rathauses mit Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke (Die Linke) und dem Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinde (IRGL) Küf Kaufmann. Künstlerinnen und Künstler der IRGL sowie israelische Studierende der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ sorgen für die musikalische Begleitung.

Abschluss an symbolträchtigem Ort

Der Schluss der Jüdischen Woche am 28. Juni findet dann an einem symbolträchtigen Ort statt: Wo 1938 NS-Schergen die 1855 eröffnete Synagoge Gottschedstraße in Brand setzten und später die Ruine sprengten, wurde im Juni 2001 die „Gedenkstätte für die ausgegrenzten, verfolgten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger“ eingeweiht.

Hier werden 25 Jahre später der Leipziger Synagogalchor und das Leipziger Blechbläserquintett emBRASSment unter der Leitung von Philipp Goldmann das Abschlussprogramm umrahmen, das auch zeigt: Leipzigs so reiches jüdisches Leben, das nach den Verbrechen der Shoah und dem Zusammenbruch der DDR seit den 90er-Jahren eine Renaissance erfahren hat, kann niemals ausradiert werden.

Hier gibt es das komplette Veranstaltungsprogramm als PDF.

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