In Altenberg im Osterzgebirge ist es erneut geschehen: Mit 62 Prozent hat ein AfD-Kandidat das Rathaus übernommen – ein Ergebnis, das sich in Entwicklungen anderer sächsischer Kommunen einreiht. Auch in Großschirma und Pirna wurden bereits AfD-Männer ins Bürgermeisteramt gewählt. Diese Verschiebungen könnten auch für die Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bedeutsam werden.
Dort, wo demokratische Strukturen über Jahre ausgelaugt sind, treten politische Veränderungen oft überraschend und innerhalb nur einer Wahlperiode zutage. Sie basieren weniger auf der Stärke einer neuen Bewegung als auf der schleichenden Erschöpfung demokratischer Kommunikationsräume – verstärkt durch allgemeine politische Unzufriedenheit und Vertrauensverlust.
Dabei ist wichtig zu betonen: AfD-Wähler sind nicht automatisch Gegner der Demokratie. Doch ein spürbarer Teil befindet sich in einem Zustand politischer Erschöpfung oder Entfremdung, der demokratische Räume schwächt. Gleichzeitig geraten zentrale demokratische Sicherungen – wie Medienunabhängigkeit, Minderheitenschutz und rechtsstaatliche Bindungen – dort unter Druck, wo Erschöpfung in autoritäre Deutungsangebote kippt.
„Demokratischer Burnout“ – eine unsichtbare Krise
Viele Menschen wollen Demokratie unterstützen – und viele haben das lange getan: im Ehrenamt, im Beruf, in Vereinen, in lokalen Netzwerken. Doch zunehmend zeigt sich eine Tendenz zum Rückzug. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Erschöpfung.
Diese Entwicklung ist weniger statistisch belegt als in zahlreichen Gesprächen und zivilgesellschaftlichen Erfahrungen sichtbar: Engagement wird seltener, weil unklar geworden ist, was heute überhaupt noch wirksam sein kann – und weil politische Kommunikation darauf oft keine Antworten mehr liefert.
„Was Sie beschreiben, würde ich eine Art demokratischen Burnout nennen“, formulierte Johannes Ruppel, Psychologe eines renommierten Instituts für Kommunikationspsychologie, in einem Gespräch pointiert. Der Begriff trifft einen wunden Punkt: Menschen verlieren nicht ihren guten Willen – sie verlieren die Zuversicht, dass er noch etwas bewirkt.
Über Jahrzehnte war Demokratie für viele Menschen etwas Gegebenes und somit selbstverständlich. Friedemann Schulz von Thun fasste diese Verschiebung in unserem Austausch so zusammen: „Der Rückzug ins Private schien nicht weiter gefährlich. Wenn aber Zeiten anbrechen, in denen Demokratie gefährdet ist, dann ist Demokratie nicht mehr gegeben, sondern aufgegeben. Und dann stellt sich die Frage: Welche Art von Engagement entspricht meinen Kräften, meinen besonderen Fähigkeiten?“
Genau hier wird die Lage fragil: Nicht mangelnde Zustimmung ist das Problem, sondern schwindende Beteiligungsfähigkeit. Diese Lücke bildet den Hintergrund für das Modell der vier kommunikativen Zustände.
Das Orientierungsmodell: vier kommunikative Zustände – und die Bewegung dazwischen
Das ‚demokratische Kommunikationsökosystem‘ ist ein zivilgesellschaftliches Denk- und Orientierungsmodell. Es ist kein akademisches Theoriegebäude und kein politisches Programm. Es ist aus praktischer Erfahrung entstanden: aus Gesprächen, Beobachtungen, Engagement, Erschöpfung – und der Frage, wie Demokratie tragfähig bleiben kann, ohne Menschen zu überfordern.
Das demokratische Kommunikationsökosystem beschreibt, wie Demokratie davon lebt, dass viele Menschen auf unterschiedliche Weise beitragen – sichtbar oder leise, aktiv oder unterstützend, zeitweise oder dauerhaft. Es macht deutlich: Nicht alle müssen alles tun und demokratische Beteiligung braucht Ressourcen, Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit. Pausen, Rollenwechsel und Rückkehr sind kein Rückzug aus Verantwortung, sondern Teil demokratischer Stabilität.

Das Modell unterscheidet vier Räume: aktiv-stabilisierend (oben links): Menschen, die tragen, übersetzen, vermitteln. Passiv-stabilisierend (unten links): Die große, stille Mehrheit, die Demokratie bejaht, aber im Wesentlichen passiv bleibt. Resignativ (unten rechts): Überforderte, Rückgezogene, Frustrierte. Aktiv-autoritäre Muster (oben rechts): ideologisch verfestigte Räume.
Entscheidend ist nicht nur die Typologie – sondern die Dynamiken zwischen ihnen: Regeneration: zurückziehen und tragfähig wiederkommen. Aktivierung: von passiv zu aktiv. Erschöpfung: von aktiv zu Resignation, Radikalisierung: von Resignation zu Ideologie. Rückkehrfähigkeit: Von Resignation zurück in demokratische Räume.
Auch das Bundespräsidialamt hat auf das Modell reagiert. In einem Schreiben aus dem Amt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird besonders der Aspekt der Rückkehrfähigkeit hervorgehoben: „Der Gedanke der Rückkehrfähigkeit – dass Demokratie Räume für Zweifel, Distanz und erneute Annäherung bereithalten sollte – ist ein anregender Beitrag zur Debatte über demokratische Resilienz.“
Rückkehrfähigkeit wird somit zu einem politischen Schlüsselbegriff.
Was im Osten kippt: Die linke Seite schrumpft, die rechte Seite wächst
An Orten wie Altenberg zeigt sich eine neue Realität: Die demokratiestützenden Räume werden kleiner, die erschöpften und gefährdeten größer. Nicht, weil die Menschen plötzlich radikal wären. Sondern weil Erschöpfung irgendwann strukturell wird.
In Regionen, in denen politische Kräfte an die 40-Prozent-Marke und darüber hinausrücken, geschieht Folgendes: Widerspruch wird leiser – und mitunter riskant. Rückzug wird vernünftig. Schweigen wird Selbstschutz. Demokratie verliert ihre Zirkulation. Das ökologische Gleichgewicht kippt – und mit ihm die demokratische Kommunikationsfähigkeit.
Warum Rückkehrfähigkeit die entscheidende Ressource ist
Die zentrale Erkenntnis lautet: Nicht nur die Zahl der Aktiven entscheidet über das Überleben der Demokratie – sondern auch die Zahl der Rückkehrfähigen. Denn Demokratie braucht nicht, dass alle immer reden. Sie braucht, dass Menschen wiederkommen können, wenn sie erschöpft, enttäuscht oder verunsichert waren.
Das unterscheidet demokratische Kulturen von autoritären Milieus: In einer Demokratie bleibt Rückkehr möglich. In autoritären Milieus wird Rückkehr unwahrscheinlich. Genau hier liegt der zentrale Unterschied zwischen unten rechts und oben rechts im Modell.
Warum Politik allein Demokratie nicht stabilisieren kann
Die Entwicklungen in Ostdeutschland machen sichtbar, dass Politik Demokratie nicht allein stabil halten kann. Verschiedene Bundes- und Landesregierungen – ob Große Koalition, Ampel, Kenia oder andere Regierungs-Patchworks – haben die Verschiebungen der vergangenen Jahre nicht aufhalten können. Das liegt nicht zwingend an schlechter Politik; die Zeit war außergewöhnlich krisenreich.
Viele Menschen empfinden politische Kommunikation als schwer nachvollziehbar. Entscheidungen wirken wechselhaft, zu taktisch oder zu sehr in medialen Erwartungsrhythmen gefangen. In Leserkommentaren verschiedener Medien tauchen immer wieder ähnliche Wünsche auf: mehr Offenheit, mehr Ehrlichkeit, weniger taktische Sprache, klarere Verantwortung – und weniger politisches Reagieren im Takt medialer Erregung. Es ist bemerkenswert, dass diese Erwartungen aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen geäußert werden.
Problematisch wird es dort, wo das Misstrauen gegenüber politischer Kommunikation auf die Demokratie selbst übergeht. Manche ziehen aus Enttäuschung nicht nur Rückschlüsse auf Akteure, sondern auf das demokratische Verfahren insgesamt. In dieser Verkürzung liegt ein Risiko: Eine Krise politischer Kommunikation wird als Krise des demokratischen Prinzips missverstanden – und schafft damit Raum für autoritär-nationalistische Angebote, die einfache Deutungen liefern, wo eigentlich differenzierte Antworten nötig wären.
Wenn Menschen dann mithilfe demokratischer Verfahren Parteien stärken, die demokratische Sicherungen infrage stellen, zeigt sich vor allem ein zunehmend erschöpfter kommunikativer Raum. Dieser lässt sich nicht allein von Regierungen reparieren.
Demokratische Stabilität entsteht nicht primär durch Politik, sondern durch ein funktionierendes kommunikatives Umfeld: durch Alltagserfahrungen, durch Resonanz, durch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und wieder einzuklinken, ohne den Anschluss zu verlieren. Genau hier setzt das Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems an – als Versuch, verständlich zu machen, warum Demokratie dort anfällig wird, wo ihre kommunikativen Strukturen brüchig sind.
Wer kümmert sich um die Demokratie im Osten?
Vielleicht nicht alle – aber hoffentlich noch genug, um etwas zu bewirken. Die Frage ist, ob unser demokratisches Kommunikationsökosystem ihnen genug Räume lässt, um bleiben – oder zurückkehren – zu können.
2026 wird dafür ein Prüfstein sein: In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stehen Landtagswahlen an, bei denen sich erstmals abzeichnet, dass demokratische Parteien – trotz aller Unterschiede – stärker koordiniert auftreten könnten, um einer autoritären Kraft entgegenzutreten. Das ist eine demokratische Möglichkeit, die in Görlitz auf kommunaler Ebene schon einmal gelang. Doch die Tatsache, dass sie nötig geworden ist, zeigt zugleich, wie tief die Not inzwischen reicht. Und der Ausgang bleibt offen.
Demokratie braucht nicht, dass alle ständig sprechen. Aber sie braucht, dass genug Menschen bleiben – und zurückkehren können. Und genau das entscheidet sich im Osten früher als anderswo.
Wer 2026 demokratische Mehrheiten sichern will, muss auch zeigen, dass Demokratie lernfähig ist. Die Lage ist ernst.
Zum Autor Frank Beutner: Der Autor ist Vorstandsmitglied von UferLeben e. V. und seit vielen Jahren im ländlichen Sachsen zivilgesellschaftlich aktiv. Aus dieser Praxis – dem Wechsel von Engagement, Frustration und Erholung – entstand das Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems. Als Mediziner betrachtet er die Demokratie wie ein erschöpftes Organ: Diagnosen helfen nur, wenn auch Behandlungsschritte folgen.
Demokratie stabilisiert sich nicht allein politisch, sondern im Zusammenspiel mit den Menschen, die sie tragen – oder verlieren. Das Modell verbindet Diagnose und Behandlung: Es beschreibt, was erodiert – und wo Regeneration möglich ist. Damit es wirkt, braucht es Menschen, die es anwenden, übersetzen und weiterdenken.
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Es gibt 8 Kommentare
Danke, lieber Autor, für Ihre eigene bemerkenswerte Ernsthaftigkeit!
Ich lese eben Teile des Presseechos auf die früher “Wehrkundetagung” genannte nunmehrige “Sicherheitskonferenz”. Die Ausführungen des Herrn Bundeskanzlers sind derart haarsträubend, wieso fürchten wir uns eigentlich noch vor der AfD? Ich empfehle den Leitartikel aus jW vom WE: https://www.jungewelt.de/artikel/517425.sicherheitskonferenz-rüstung-über-alles.html
Die Beiträge zeigen eine bemerkenswerte Ernsthaftigkeit.
Urs überzeugt als präziser Diagnostiker gesellschaftlicher Erschöpfung und politischer Fehlentwicklungen. – und ja die Antwort aus dem Präsidialamt war (wahrscheinlich erwartbar) enttäuschend.
Christian ergänzt das durch konstruktive Überlegungen, wie demokratische Strukturen gestärkt werden könnten. – ich meine das Demokratiefördergesetz (DFördGE) ist in Arbeit, ob Ausstattung und Umsetzungsgeschwindigkeit ausreichend bemessen sind, kann man kritisch bedrängeln.
Und Unzeitgeist bringt eine besondere analytische Tiefe ein… eine Frage beschäftigt mich beim Lesen Ihres Beitrags besonders: Sie sprechen von einem „wir“, das seinen Teil des Vertrags erfüllt habe, und einem „ihr“, das nun nicht mehr liefert. Daraus stellt sich die Frage: Wer genau gehört aus Ihrer Sicht zu diesem „wir“ – und ist dieses „wir“ tatsächlich homogen genug, um politisch handlungsfähig zu sein? Und umgekehrt: Ist das „ihr“ wirklich eine geschlossene Akteursgruppe – oder eher ein Geflecht aus Institutionen, Zwängen und unterschiedlichen Interessen?
Ich frage das nicht polemisch, sondern weil mir scheint, dass an dieser Grenzziehung viel hängt – vielleicht sogar die Frage, ob Reform innerhalb des Systems möglich ist oder nur Bruch.
Nachtrag: Es ist auch schon geschrieben worden, aber man muss es nochmal deutlich aufs Tablett bringen: Die Unzufriedenen und Globalisierungsverlierer gibt es ja schon länger. Aber weil es der der Mitte lange noch recht gut am Standort ging, konnte diese Unzufriedenheit etwas ignoriert oder sagen wir “verwaltet” werden. Aber nun wo die Mitte wie wir wissen selbst unter Druck gerät, um Arbeitsplatz, Platz in der Gesellschaft und gute Zukunft bangt, da ist diese Mitte auch zunehmend politisch unzufrieden. Deren “Komplizenschaft” (wir fleißig, ihr gebt uns die Grundlagen für Wohlstand und Sicherheit) aber ist die Basis für den neoliberalen gesellschaftlichen “Deal” gewesen und der wird nun wegen Erfolgsnotstand auch von vielen Wählern aus der Mitte infrage gestellt. Ist doch klar, Verträge sollen eingehalten werden oder sie werden gekündigt. Und wenn man Politik auch so angebotsorientiert betreibt, dann werden die Wähler ebsnso werten! Der Vertrag “Exportdeutschland” wie auch andere Verträge in europäischen Ländern binden immer weniger Menschen. Entweder ihr schafft es, die Vertragsbedingungen wieder einzuhalten, oder ihr lasst euch einen neuen guten Vertrag einfallen, der von den Wählern signiert werden kann. Andernfalls schauen die sich halt woanders um auch bei solchen, die radikal Ursachenbekämpfung versprechen. Denn ein anderes Problem der Demokratie ist dieses “es ist alles so komplex”, “es gibt keine einfachen Lösungen” usw. Das Spiel kann man in Demokratien, wenn es nicht gut läuft, nicht besonders lange erfolgreich spielen. Es ist wie mit der EU und den Staaten: Wenn es so komplex ist und ihr “nichts tun könnt” – entweder weil ihr es implizit selbst sagt oder weil ihr es faktisch regierend nicht vermocht habt Probleme zu lösen – warum sollen wir euch wählen? Warum sollen wir dann an diesen Staatsaufbau noch glauben, der – angeblich oder wirklich das ist egal! – “nichts tun kann”. Wie gesagt, da mag man “Populismus” rufen so viel man will (und damit auch etwas offenbaren, was für Demokratie immer schon latent problematsich ist: natürlich soll die Demokratie ja auch den Demos vertreten udn repräsentieren! das steckt in ihrer Definition schon prominent mit drin!), das hilft doch auch nichts. Diese Aussagen, die da getätigt werden, sind in den Augen un Unsicherheit lebender Menschen ein Hohn und Offenbarungseid. Komplex oder nicht, leistet etwas! Davon kann man sich in dieser Welt nicht mit Sprüchen frei machen, erst recht nicht wenn man sich selbst Knüppel zwischen die Beine legt.
Ein interessanter und in weiten Teilen nachvollziehbarer Wortbeitrag, der das Augenmerk auf Kommunikation legt.
Was eben fehlt: Der Osten geht voran, das trifft zu, aber der Westen zieht ja schon auch deutlich nach.
Wenn wir den Fokus auf das verwandte Ausland richten, sehen wir, dass es verschiedene europäische Regionen gibt, bei den mindestens problematische bis richtig gefährliche Parteien schon stärker als die AFD Fuß gefasst haben. Man kann also fragen, welche gemeinsamen Prozesse darunter liegen. Gibt es die? Wenn ja, dann ist dort die Antwort auf die schiefe Bahn ihn Richtung Demokratieuntergrabung zu finden. NAchtwey/Amlinger, zuletzt viel besprochen und interviewt, behaupten, dass gelebter Neoliberalismus als Kampf aller gegen Alle und Druck im Job zur Sicherung von Lebensstandard und Würde gegen andere der Hauptgrund für Überforderung, Wut und Sündenbocksuche sind. Da könnte einiges dran sein, wenngleich man den nächsten Fehler nicht machen sollte: So tun, als hätten wütende oder resignierte Menschen keinen grund für diese Gefühle und Haltungen! Nein, man muss tatsächlich an die Probleme heran und auch wenn es Sündenböcke wie Ausländer trifft, so ist doch etwas dran, dass die Zuwanderung die Länder verändert und wie man so sagt unsere “sozialen Systeme” wohl belastet. Das war jetzt nur ein – wichtiges und lange umkämpftes – Beispiel für das, was ich diesbezüglich konkret meine.
Aber drehen wir die Schraube noch weiter in die politökonomische Richtung, wird das Ausmaß der Problematik noch viel größer. Denn es ist der Fall, dass die EU-Staaten durch supranationale Institutionen und Verträge (eben das ist im Kern die EU) Kompetenzen abgegeben haben (weg vom “handlungsfähigen Staat”, der doch für Problemlösung zuständig war und in den Augen vieler Bürger sein sollte – das gerade ist ein großer Teil dessen Daseinsberechtigung!) und dass sie überdies in eine stete Wettbewerbssituation gepresst wurden udn noch immer werden. Diese Wettbewerbsfähigkeit aber bedeutet sozialen Druck nach Innen. Und der Druck – wenn es wie gesagt nicht mehr vorwärts geht, was auch von vielen Experten bereits dargelegt wurde, ja wenn man sogar kämpfen muss um auch nur sozial udn ökonomisch auf der Stelle zu bleiben und das auch dann wenn man fleißig arbeitet (Realität vieler Menschen in unserem Land abera uch anderswo in Europa) – der erzeugt ja genau wieder, weiter und stärker die Gefühls- und Resignationsbasis, die der Demokratie wie wir sie kennen langsam den Boden unterd en Füßen entzieht. Dagegen helfen beschwörungen und Appelle langfristig nicht mehr weiter. Es geht um Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen in usneren Gesellschaften und der Neoliberalismus löst diese stets nur in eine Richtung auf – zu Ungunsten wohl mindestens 50% der Bevölkerung (man betrachte Einkommens-, Vermögens-, Berufsstatistiken). Ja, wie soll man so eine Negativentwicklung stoppen, wenn sie systemisch eingesetzt und noch nicht mal breit politisch als problem angesehen wird? Merz, aber auch die anderen Regierungen davor kennen doch nur den Freihandels- Wettbewerbsweg, der eben die vielen Verlierer (ehemals “Globalisierungsverlierer” genannt) hervorbringt. Genau wie in Frankreich oder Italien ist das der Fall, mit natürlich regionalen Extraproblemen.
Was die Sündenböcke angeht: Wenn es der Fall ist, dass das wirtschaftliche System unser politisches System immer weiter unter Druck setzt, dann ist es auch eine erstens dumme und zweitens falsche Sündenbockzuschreibung, denen, die keine Zukunft für sich und ihre Anliegen sehen und für die tatsächlich ein neoliberaler Konsens der etablierten Parteien existiert den sie kritisieren ODER die schon persönlich wie Amlinger/Nachtwey darlegen ungewollt in ihm aufgegangen sind (vgl. “Kampf ums Dasein”), die politische Verantwortung zuzuschieben. Wo sind denn die “Angebote”, die neu sind, die wirklich etwas bewirken und die deutlich für eine Abkehr vom vom neoliberalen Regime (d.h. eine weitegehende Öffnung für Waren, Dienstleistungen usw., eine weitgehende Privatisierung auch der Daseinsvorsorge, ein Rückzug des Staates aus vielen regulierenden Bereichen, ein Abbau von Sozialstaatsleistungen usw.) einstehen, die die Leute dann wählen könnten? Die wenigen Angebote, die es da gibt, die werden medial ja auch niedergemacht (zum Beispiel BSW) und sind tatsächlich ja nicht besonders tauglich (vgl. Selbstzerlegung).
Aber es funktionieren 2 Dinge eben nicht mehr: Der AFD mit dem Argument “die sind noch schlimmer” Wasser abgraben zu wollen und damit ablenken zu wollen von Entwicklungen, die diese AFD politisch überhaupt nicht zu vertreten hat da nirgends je in der Regierung bisher. Denn das eine hat sich verbraucht, das zweite ist offensichtlich wahr und deswegen macht die verbale Beschwörung von diesem wie jenem und eine “die sind böse”- Rhetorik fast keine Punkte mehr. Die mögen schlimm sein und böse, aber was habt ihr denn zu bieten? Was gedenkt ihr nun anders zu machen? Könnt ihr es überhaupt in dem Regime? Wenn nein, warum soll ich euch dann wählen wenn ihr es selbst wenn ihr uns gutes tun wollt in dem System nicht könnt? Und muss dann nicht das neoliberale System eigentlich weg (sprich auch der hinderliche EU-Supranationalismus der uns so hart in die Wettbewerbslogik zwingt, zumindest Teile davon?)? Wenn es aber weg muss, und Reform hier politisch nicht angeboten wird, hat es dann nicht sogar einen nachvollziehbaren Moment, politische kräfe zu unterstützen, die wie man modisch sagt zumindest erstmal disruptiv das System attackieren? Denn dann ist zumindest erstmal wieder der Raum der Alternativen ein Stück weit geöffnet. Ändert sich überhaupt etwas. Dass das, was sich da wohl ändern wird, viel Schlechtes mit sich bringen wird weil Rechte ideologisch auch an Schrauben drehen wollen, die uns lieb und teuer sein sollten, wird entweder übersehen, nicht verstanden oder angesichts der Lage in Kauf genommen. “Hauptsache es ändert sich richtig was” ist dort der Gedanke. Der Gedanke ist menschlich nachvollziehbar. Wenn Politik nur mehr mit Zumutungen arbeitet (mehr arbeiten, weniger Rente, Kassenlsietungen kleiner bei steigenden Kosten und andere werden “mitgeschleppt” ohne zu arbeiten udn kommen gar von ganz woanders, hatten bisher am Solidarsystem also gar nicht mitgewirkt und bekommen nun Leistungen etc.; du bist für dein Schicksal völlig selbst verantwortlich, der Staat wird dich da alleine lassen; du leistest zwar eigentlich viel und hältst das Land mit am Laufen, aber ein “LEistungsträger” bist du nicht, dein Lohn ist schäbig und medial findest du auch nicht statt; deine “Kultur” ist eine Unkultur usw.) und sonst kaum mehr etwas zu bieten hat, ja wie soll sie dann Menschen zurückholen, die noch andere Zustände kannten?
Reden und Anklagen auch gegen die Wähler werden uns nicht vor der braunen Welle bewahren können. Es sind schon viele Länder, Systeme usw. an ein Ende gekommen. Wenn nicht durch maßvolle, rechtzeitige Reform, dann siechend oder per gewaltigem Kraftakt in ein anderes System. Man muss nicht glauben, dieses Schicksal könne einer Demokratie nicht widerfahren. Und die Demokratie selbst muss es verstehen und gegensteuern, sonst geht sie zurecht in der Mühle der Zeit ein. Denn auch im historischen Geschehen für Gesellschaften und Staaten gilt: Anpassen oder Untergehen. Diese Leistung muss unsere liberal-demokratische Regierungsform selbst vollbringen.
Gestern in der LVZ kam ein längerer Text https://www.lvz.de/mitteldeutschland/jana-hensel-die-demokratie-hat-viele-ihrer-versprechen-im-osten-nicht-eingeloest-GZBIACWCG5AFDJZ6QLGYAWAYLE.html von Jana Hensel, in dem sie über ihr aktuelles Buch “Es war einmal ein Land” schreibt und übrigens auch gesellschaftliche Erschöpfung benennt, u.a. ausführt: “Jene Entwicklung, an deren Endpunkt wir heute angekommen zu sein scheinen, setzt bereits vor 20 Jahren ein, wird 2014/15 mit dem Auftauchen von Pegida und den rasch einsetzenden Erfolgen der AfD lediglich sichtbar und erfährt seither eine Potenzierung wie auch Radikalisierung.” Wie und wodurch eine Erneuerung der Gesellschaft als solcher gehen könnte, steht nicht in Hensels Essay über ihr eigenes Buch, aber vielleicht in ihrem Buch. Ich habe noch nie eine Zeile von ihr gelesen, sollte ich mal tun.
Rächt so, lieber Urs, da haben Sie ja sehr viele Dinge aufgezählt, die alle falsch gelaufen sind oder sein könnten.
Interessant wäre ja aber nun, was man gegen diesen Burnout tun kann.
Eigentlich ist es schon Fünf nach Zwölf, aber ich würde ungern die Hoffnung aufgeben.
Der Staat, der im Übrigen mit seiner Bundespolitik vor allem für die schlimmen und drohenden Wahlergebnisse in den Ländern verantwortlich ist, müsste mehr tun für Demokratieerhalt und diejenigen, die sich hier betätigen.
Entsprechende Projektgelder müssten länger angelegt werden, statt immer nur für ein zeitlich begrenztes Unterfangen. Man könnte ein Demokratiefördergesetz entwerfen, welches hier Zuverlässigkeit schafft.
Viel lastet auch auf dem Rücken von Ehrenamtlichen, hier muss mehr professionalisiert werden.
In Regionen, in denen die AfD oder andere rechtsextreme Gruppen bereits sehr stark sind, wird es für demokratische Akteure körperlich und mental anstrengend, dagegenzuhalten. Lösungen könnten daher vor allem dort ansetzen, indem der Staat Schutzräume und feste Strukturen schafft, statt alles dem privaten Engagement zu überlassen.
Die Idee der Bürgerräte fand ich als direkte Beteiligung auch nicht schlecht.
Leider vorsätzlich ausgebremst durch die aktuelle Regierung…
Ich habe mir, lieber Autor, auch einmal “Dialog mit dem Bundespräsidenten” https://uferleben.de/?p=5157 des Vorstands von UferLeben Störmthaler See e.V. angeschaut und mir dazu Gedanken gemacht. Ich empfinde es nicht ohne Ironie, daß Sie sich mit dem Bundespräsidenten an sowas wie den Architekten der “Agenda 2010” gewandt haben. Letztere halte ich für einen wesentlichen Anstoß für die Empfänglichkeit von inzwischen Millionen für die AfD und deren RepräsentantInnen und deren dazugehörigen Ansichten.
Damit Sie mich nicht falsch verstehen, ich finde Ihre Texte nicht nur anregend, sondern gut und weithin interessant. Aber der Referentin von “Grundsatzfragen der Innen- und Demokratiepolitik/Historische Grundsatzfragen; Erinnern und Gedenken” im Bundespräsidialamt fällt im Grunde nicht mehr ein, als Sie auf den Mitmachtag am 23.5.2026 aufmerksam zu machen. Eins ist sicher: da kommt niemand von der AfD hin und sucht den Gedankenaustausch. Wir brauchen aber die Abkehr von einem aus dem Bauwesen stammenden Begriff: keine Brandschutzmauer ist für den Dauerbetrieb ausgelegt. Auch wenn z.B. im hiesigen Stadtrat in der AfD-Fraktion (nach Aussage eines Gewährsmanns m/w/d von mir) bis auf eine Ausnahme mit keinem ein vernünftiges Gespräch möglich ist, so soll man doch wenigstens mit dem einem, mit dem das geht, tatsächlich auch reden, und zwar mit einem offenen Ausgang (Schockschwerenot!), und tatsächlich politische Selbstkritik an z.B. den mehr als 35Jahren seit 1990 üben, uswusf. Das systematische Kurzhalten von Bedürftigen rächt sich. Die gemeinen, nur noch mit Wachdienst arbeitsfähigen Arbeitsagenturen rächen sich. Das Hinausschleudern von Milliarden für alles mögliche, nur nicht die Bedürftigen, rächt sich. Der Unverstand in Volkswirtschaftlichen Fragen rächt sich. Die Dressur durch ubiquitäre Anreizsysteme rächt sich. Das Versagen von Gewerkschaften rächt sich. Das Verscherbeln von öffentlichem Eigentum rächt sich. Ich könnte noch lange so weiterschreiben.
Danke, lieber Autor, für Ihre Betrachtungen. Rückkehr wird es nur geben, wenn den Leuten etwas Unvergiftetes angeboten wird. Aber ich höre im Radio, daß Herr Bundeskanzler Merz entschlossen ist, die gesetzliche Rente weiter zu zerstören, so daß er mit der vergifteten Aktienrente Ernst macht, und er trifft auf kaum auf Widerspruch, und aus der AfD kommt nur ein Gegenvorschlag, der auch bloß Börsenindex-bezogene sog. Sparpläne aufweist. Dabei ist all das gegen die Interessen der breiten Mehrheit gerichtet. Es käme aber darauf an, eine Abkehr von Schritten und Haltungen hinzulegen, die den Normalbürgern durchweg nehmen wollen. Genau diese Haupthaltung der Politik der letzten Jahrzehnte trieb die Leute zur AfD. Da spielt auch keine Rolle, daß die AfD selbst ebenfalls keine Politik für die breite Mehrheit betreiben wird. Das wird den AfD-Wählerinnen und Wähler erst spät oder zu spät dämmern.
Insoweit wäre es nun an der Zeit auf die Politik von André Barth in Altenberg zu schauen. Denise Peikert schrieb vor zwei Wochen in der LVZ: “Was heißt das jetzt? Ist die AfD, die ein ethnisch homogenes ‘deutsches Volk’ idealisiert, plötzlich normal? Nein, aber es passiert etwas anderes: Die AfD wird politisch normalisiert. Und das kann produktiv sein. Nicht im Sinn einer Entzauberung, sondern weil ihre Politik sichtbar wird, überprüfbar und kritisierbar. Und da ist es gut, dass Empörung dieses Mal nicht gleich alles übertönt.” https://www.lvz.de/mitteldeutschland/afd-buergermeister-in-altenberg-was-gut-ist-an-der-normalisierung-der-partei-in-sachsen-GNTBHVMJ65CAXK2FYXLMMZK77Q.html