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Ein philosophischer Essay über den schöpferischen Moment der Erkenntnis und die Gretchenfrage der modernen Technologien

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    Das Buch ist eine kleine Überraschung. Und es ist eigentlich auch keine EAGLE-Starthilfe, wie es die anderen Starthilfen aus dem Leipziger Verlag sind: Einstiegshelfer in wichtige Grundlagenfächer. Auch nicht in die angewandte Mathematik, auch wenn es so draufsteht. Tatsächlich ist es eine Starthilfe ganz anderer Art: eine philosophische, die dafür plädiert, auch in heutigen Zeiten wieder den eigenen Kopf zum Denken zu nutzen.

    Und dafür holt der Diplom-Mathematiker, Philosoph und Professor für Analysis und Systemtheorie an der TU Ilmenau ganz weit aus. Weiter geht es gar nicht. Er geht bis an die schriftlich nachweisbaren Wurzeln der Wissenschaft, bis zu Aristoteles und seinem Erkenntnismodell und seiner Feststellung, dass es eigentlich keinen Weg gibt vom Nichtwissen zum Wissen. Es ist der berühmte Eristische Satz, an dem sich Generationen von Denkern die Zähne ausgebissen haben, weil der logische Knoten einfach nicht auflösbar war. Eigentlich bis zu Kant, der dann als erster die Summe aus den neuzeitlichen Versuchen zog, das menschliche Denken und Erkennen zu begreifen.

    Und so begegnet der Leser Kopernikus (und mehreren kopernikanischen Wenden) und auch jenem Herrn Descartes, dessen „Ego cogito, ego sum“ in der Regel falsch übersetzt wird. Jeder plappert es nach. Es klingt so einfach: „Ich denke, also bin ich.“ Falsch, sagt Ilchmann. Denn das Wesentliche fehlt, das, worüber Descartes besonders oft nachgedacht hatte: Was ist das, wenn der Mensch sogar über sein Denken nachdenken kann? Es ist das eigentliche Selbstbewusstsein – das sich seiner selbst bewusst sein. Also: „Ich denke, dass ich denke, also bin ich.“

    Womit man bei der Wissenschaft wäre und der Synthese, mit der Kant aus dem „unmöglich“ bei Aristoteles etwas Neues gemacht hat: einen schöpferischen Akt. Erst der reflektierende Mensch, der sich seines Denkens bewusst ist, ist auch in der Lage, die Regeln zu erkennen, nach denen die Welt funktioniert. Was schon etwas stark vereinfacht ist. Denn die Regeln stehen ja nirgendwo dran. Der denkende Mensch entwickelt Modelle, die ihn in die Lage versetzen, die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten relativ stimmig zu beschreiben. Er setzt sich – da ist Ilchmann beim Kantschen Freiheitsbegriff – der Welt in seiner Freiheit als einfallsreiches Wesen gegenüber. Erkennen ist ein schöpferischer Akt. Und es entsteht – nachdem jahrtausendelang die Handwerkskunst dominierte – die Wissenschaft. Und zwar als Prozess – was ebenfalls über Aristoteles hinausgeht.

    Da landet man dann auch bei Hegel und der Entstehungsgeschichte der Mathematik, die Ilchmann – adäquat zu den anderen Wissenschaften – als einen Prozess der Freiheit beschreibt, eng verwandt der Philosophie. Aber seit dem 19. Jahrhundert ebenso wie alle anderen Wissenschaften einem zunehmenden Nützlichkeitsdruck unterworfen.

    Da kommt er auch auf Marx und dessen Beschreibung moderner Industriearbeit und natürlich der enormen Macht des Kapitals, das alle Dinge, die existieren, auf ihre Nutzbarmachung hin untersucht und diese In-Nutzen-Bringung auch erzwingt. Auch in den Wissenschaften. Neben den auf „reine“ Wissenschaften fokussierten Universitäten entstanden im 19. Jahrhundert in allen Ländern der westlichen Welt neue Polytechnische Schulen und Technische Hochschulen, manchmal als bewusste staatliche Eigengründung, um der zunehmend nach ausgebildeten Technikern und Ingenieuren verlangenden Wirtschaft die notwendigen Fachleute herzustellen, manchmal auch als neuer technischer Lehrstuhl oder neues Institut an Universitäten, meist im Umfeld der Naturwissenschaften, die sich im Lauf des 19. Jahrhunderts allmählich aus den einstigen philosophischen Fakultäten herauslösten und vor allem auch nach neuer technischer Ausstattung verlangten. Da kam, so Ilchmann, der Staat ins Spiel, der diese neuen teuren chemischen Laboratorien und physikalischen Kabinette finanzieren musste. Ein Staat, der stets ein riesiges Interesse daran hatte, dass Forschungsergebnisse auch wieder fruchtbar für technische und wirtschaftliche Innovationen wurden.

    Aus „reinen“ Wissenschaften wurden angewandte Wissenschaften. Neben den Hochschulen entstanden neue Institutslandschaften, die ganz ohne Lehre nur der praktischen Forschung dienten. Heute gibt es hunderte allein in Deutschland. Auch erste mathematische Institute, die stolz von sich behaupten, ganz der Anwendung und der wirtschaftlichen Praxis zu dienen.

    An der Stelle ist Ilchmann längst zum beharrlichen Kritiker geworden, der diesen Prozess der Aushöhlung der „reinen“ Wissenschaft mit Argwohn betrachtet und ein riesiges Heer von Numerikern vor Augen hat, die sich mit den theoretischen Grundlagen der Mathematik gar nicht mehr beschäftigen, sondern nur noch als kleinteilige Rechenspezialisten in einem System des computerisierten Taylorismus arbeiten. Die nur noch anwenden, was für bestimmte Produkte nutzbar ist, aber selbst wissenschaftlich nicht mehr schöpferisch sind.

    Was für Ilchmann nicht einmal die bedrohlichste Entwicklung dabei ist, weil sich die Inhalte der universitären Mathematik-Ausbildung bislang sträuben, sich derart der absoluten Praxis zu unterwerfen. Aber er wäre kein Philosoph, wenn er nicht auch die vielen Ansätze großer Philosophen kennen würde, die beim menschlichen Erkenntnisprozess auch immer nach der Moral gefragt haben.

    Übrigens die Grundfrage in Goethes Faust, den Ilchmann überraschenderweise aber nicht erwähnt, obwohl Goethe in diesem Drama explizit die Frage nach dem Wissen um seiner selbst willen gestellt hat – und nach den Folgen, wenn sich der Forscher der Gegenwart (siehe: Gretchen) nicht mehr verpflichtet fühlt. Ein Teufelspakt. Den Ilchmann in seiner sichtbaren Veränderung im 19. Jahrhundert beschreibt – von Fichte, der Wissenschaft nur dann berechtigt sieht, wenn sie das Wohl der ganzen Menschheit im Blick hat, bis in die Gegenwart, in der sich Vertreter der angewandten Forschung immer öfter darauf versteifen, Wissenschaft ganz allein im Dienste der Technologie zu betreiben.

    War im 19. Jahrhundert schon ein deutlicher Verfall der Moral in den Wissenschaften zu besichtigen, so geht die Moral in der heutigen technologiegläubigen Wissenschaft regelrecht vor die Hunde.

    Ilchmann: „Die tendenzielle Transformation der Wissenschaft in Technologie korrespondiert mit der tendenziellen Transformation der auf das Wohl der gesamten Menschheit abzielenden Moral des Wissenschaftlers in die Unverantwortlichkeit des Technokraten.“

    Der Riss geht durch die ganze wissenschaftliche Welt. Dass jetzt ein Mathematiker darüber schreibt, liegt wohl auch daran, dass die Mathematik die Schwelle gerade erreicht hat, die andere Wissenschaften schon längst überschritten haben. Und auch daran, dass damit die Menschheit eine wichtige Schwelle erreicht hat – denn was wird aus Technologien, wenn deren Finanziers und Erschaffer nicht mehr über die Folgen dieser Technologien für die Menschheit nachdenken? Wenn sie die Dinge einfach tun, weil sie machbar sind und ihre Anwendung Rendite verspricht?

    Man kann an den wilden Run auf Roboter und selbstlernende Systeme (Industrie 4.0) genauso denken wie an die Gentechnologie in der Landwirtschaft oder der Medizin, an den Bau von Atombomben oder die riesigen Datenbanken von hochgerüsteten Geheimdiensten und Internetkonzernen.

    Aus der Freiheit, die Welt durch immer klügere Modelle erkennen und beschreiben zu können, wird eine neue Unfreiheit der Dinge und Prozesse, die dann uns beherrschen, statt dass wir sie beherrschen. Für Achim Ilchmann ist eigentlich logisch: Wissenschaft, die die gesellschaftlichen Umstände nicht berücksichtigt, geht gar nicht. Und sie ist auch nicht das, was die selbsternannten „Praktiker“ als „leeres Sollen“ bezeichnen. Nur weil Wissenschaft noch nicht angewandt wird, sondern sich vor allem mit dem Erkennen und Forschen beschäftigt, ist sie nicht leer. Und erst recht nicht unnütz.

    Und das ist der zweite Punkt, den Ilchmann kritisiert, auch wenn er nicht im Fazit seiner Überlegungen steht: Die Zerstörung der wissenschaftlichen Freiheit durch ein verschultes Bologna-System, das nicht mehr die Ausbildung zum freien Forschen und Erkennen zum Ziel hat, sondern die schnellstmögliche Ausbildung nützlicher Absolventen, die sofort in der Wirtschaft einsetzbar sind.

    Da betrachtet man die regierungsamtliche Diskussion um „mehr Effizienz“, „kürzere Studienzeiten“ und „vergleichbare Abschlüsse“ auf einmal mit anderen Augen. Aus einem produktiven Erkenntnisprozess wird ein Anfertigen von einsetzbaren Technikern.

    So wird aus einer pointierten Herleitung des wissenschaftlichen Denkens aus der klassischen Philosophie auf einmal eine saubere Kritik an den unmoralischen Zwängen einer Gegenwart, in der die Technologie wichtiger scheint als der Mensch, dem sie eigentlich mal dienen sollte.

    Deswegen ist das Buch eher eine Starthilfe im Descartes’schen Sinne: Überlasst das Denken nicht den Algorithmen. Das kann nur in die Katastrophe führen.

    Achim Ilchmann EAGLE-Starthilfe Mathematik und Gesellschaft, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2016, 14,50 Euro.

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