Ihrer Körpergröße wegen wurde sie von allen immer nur „die Lütte“ genannt. Doch mit nur 1,49 m war sie eine der ganz Großen in der Musikbranche. Durch ihre Beteiligung an dem Kindermusical „Der Traumzauberbaum“ (1980) wurde sie einem Millionenpublikum bekannt und verzauberte Generationen bis heute. Jetzt ist die beliebte Sängerin in Berlin gestorben. Angelika Mann wurde 76 Jahre alt. In der LZ erinnern sich Weggefährten an die Künstlerin.

Ein Leben als Zufalls-Ossi

Dass man sie heute als DDR-Star feiert, würde ihr vermutlich gar nicht gefallen. Denn ihr Aufwachsen im Osten war Zufall. Darüber schreibt „die Lütte“ in ihrer 2013 erschienen Autobiographie „Was treibt mich nur.“ Ihre Eltern lebten in West-Berlin, wo sie am 13. Juni 1949 geboren wurde. Doch die Familie zieht in den Osten, weil der Vater als Arzt eine Stelle in Berlin-Buch findet. Wohl fühlen sich die Eltern im Osten nicht, planen die Rückkehr. Der Mauerbau im August 1961 durchkreuzt die Pläne.

Die Medizinertochter beginnt eine Lehre als Apothekerin. Aber ihre Liebe gehört der Musik. Mit den Beatles aus dem Westradio entdeckt sie den Rock´n´Roll, schließt der pharmazeutischen Ausbildung ein Gesangsstudium in Ost-Berlin an. Klaus Lenz, musikalischer Ziehvater u.a. von Manfred Krug und Günther Fischer, wird auf sie aufmerksam, holt sie in sein Ensemble. Der Beginn einer beachtlichen Laufbahn.

Bei Lenz begegnet Angelika Mann dem Sänger und Komponisten Reinhard Lakomy. Der schreibt gerade mit seiner Frau Monika das Hörspielmusical „Der Traumzauberbaum“ und holt neben Veronika Fischer auch Angelika Mann in das Projekt. Unvergessen das „Gespensterduett“ mit Lakomy und Mann. Und natürlich der „Mopseklops“, der noch heute in den Kindergärten des Landes begeistert mitgesungen wird. Das Album verkauft sich allein zu DDR-Zeiten 1,5 Millionen Mal, wie der letzte AMIGA-Chef Jörg Stempel gegenüber der LZ bilanziert.

Mit dem Land, in dem die Sängerin aufwächst und ihre Karriere beginnt, wird sie trotz ihres Erfolgs nicht warm. Sie unterzeichnet die Erklärung gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976, mit dem sie bis zu ihrem Tod befreundet bleibt. Sie bekommt 1982 eine eigene Fernsehsendung, tourt mit ihrer Band Obelisk, wird verehrt. Aber all das ersetzt ihr nicht die Hoffnung auf Freiheit. Sie stellt 1984 einen Ausreiseantrag. Ihr Klavier transportiert Costa Cordalis nach einer Tournee  durch die DDR als eigenes Stückgut nach „drüben“. 1985 folgt Angelika Mann ihrem Instrument.

Im Gegensatz zu anderen geflüchtete Künstlern findet sie im Westen Anschluss, wird über Jahre im legendären „Theater des Westens“ auf der Kantstraße für ihre Lucy in der Dreigroschenoper bejubelt. Sie synchronisiert Fernsehserien. Nach dem Mauerfall kehrt sie in den Osten zurück, gibt Konzerte und wird von der Dresdner Staatsoperette und dem Berliner Schlossparktheater engagiert. Bis zu ihrem Tod lebt Angelika Mann mit ihrem Mann in Berlin. Nach 18 Jahren Partnerschaft heiratet das Paar 2018 auf der stillen Nordseeinsel Langeoog.

„Ich habe eine Freundin verloren“

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nahm heute mit bewegenden Worten Abschied von Angelika Mann. In einer öffentlichen Mitteilung auf Facebook schreibt er: „Sie war rundum das, was man ‘Gut’ nennt. Selbst ihr Arzt bescheinigte ihr lachend, sie sei wie Jesus – unkaputtbar, wie ein Stehaufmännchen. Nun, es stimmte nicht, aber sie wird immer leben in meinem, in ganz vielen Herzen. Mach’s gut, liebe Lütte! Deine gute Laune wird sogar dem Himmel guttun.“

Zuletzt hatte Kowalczuk seine Freundin in Berlin am 5. Dezember des letzten Jahres besucht. Gemeinsam mit Wolf und Pamela Biermann, Uschi Brüning und Marko Martin.

Sie waren Freunde: Angelika Mann besucht den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bei einer Lesung. Foto: Privat

Da sagte die Lütte: „Mein Kleener!“

An die unvergesslich gute Laune und den steten Optimismus der „Lütten“ erinnert sich auch der Sänger und Musiker Manuel Schmid (u.a. Stern-Combo Meissen) hier in der LZ. Bei einem gemeinsamen Auftritt in Berlin wollten beide das Küsschenlied aus dem Traumzauberbaum singen.

Angelika Mann war schrecklich erkältet und hatte Angst, dass die Stimme versagt. Doch gemeinsam schafften sie es. „Statt sich von der Bühne zurückzuziehen, nutzte Angelika die Erkältung gesanglich aus und präsentierte im Anschluss spontan ‘Mercedes Benz’ von Janis Joplin acapella.“

Er habe noch nie jemanden mit so einer Inbrunst und Rauheit singen gehört. Das Publikum sei erstarrt und ihn habe es auf der Bühne völlig überrollt. Zu ihm sagte Mann damals: „Siehste, mein Kleener – das sind die Gegensätze, die sich anziehen.“

Traten mehrfach miteinander auf: Angelika Mann und Manuel Schmid von Stern Meissen. Foto: Privat

Bewundert –  und heimlich belauscht

Für die LZ erinnert sich Entertainer und Schriftsteller Carsten Weidling an seine erste Begegnung mit Angelika Mann. Und nimmt Abschied…

„Ich war keine 14, als Angelika Mann und Reinhard Lakomy 1980 die Couch in unserem Wohnzimmer blockierten. Meine Eltern hatten sie eingeladen, aber ich wollte Fernsehen. Als ich sie vor 20 Jahren im Riverboat interviewte, präsentierte Angelika genau die Anekdote vom schmollenden Carsten-Kind.

Mich irritierte damals, dass plötzlich unser Nachbar in der Tür stand: Er wollte sich die Traumzauberbaum-Platte signieren lassen. Sicherlich hatte er auch hauptberuflich große Ohren.

Sauer über den Fernsehentzug, blieb meine Schallplatte mit der Geschichte um Mosmutzel und Waldwuffel unsigniert, bis heute.

Seit gestern ist nun meine Facebook-Timeline voller Abschiedsworte von gemeinsamen Freunden. Angesichts deren Geschichten und Geschichte traue ich mich kaum, Angelika selbst als Freundin zu bezeichnen. Das hätte ich gern noch geschafft. Zu schade.“

Weidling Exemplar blieb unsigniert. Allein in der DDR verkaufte sich die Platte 1,5 Millionen Mal. Foto: Archiv AMIGA

Der verlorene Kampf

Zeitlebens widerstrebte der Lütten das Prädikat der DDR-Ikone. „Sie weinte der DDR keine Träne nach, nie. Sie hielt so gar nichts von der Ostdeutschtümelei. Es war für sie ein Schock, als Honks sie der Stasi-Mitarbeit bezichtigten. Vor Gericht bekam sie recht, natürlich war sie keine Stasi-Denunziantin, sondern im Blickfeld der Geheimpolizei, als ‘Objekt’ ausgespäht worden“, ordnet Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk das Verhältnis von Angelika Mann zur DDR ein.

Im Jahr 2022 macht die Sängerin und Schauspielerin ihre Krebserkrankung bekannt. In der Zeitschrift SuperIllu spricht sie über die Diagnose, die Therapie und ihren Lebensmut. Sie sagt der Illustrierten: „Ich habe mir gedacht: Ich bin jetzt 73, habe ein super Leben gehabt. Und irgendwann ist das Leben halt vorbei. Aber ich bin natürlich froh, dass jetzt alles gut ist.“

Doch gut ist es nur für kurze Zeit. Der Krebs kommt zurück. Dem Autor dieses Artikels antwortet sie am 5. Dezember des letzten Jahres auf seine Zeile „Ich darf Dich drücken und an das Gute glauben, ja?“ mit einem letzten Satz: „Ja, danke. Unbedingt. Ich kämpfe an allen Fronten. Heute waren Biermanns und Ilko zu Besuch.“

Journalismus soll und muss unabhängig sein. Aber er darf zulassen, daß ein Redakteur beim Schreiben seiner Worte selbst tief traurig ist.

Machs gut, Du wunderbare Frau, Du großartiger Mensch. Danke.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar