Leipzig feiert den 50. Geburtstag seines Plattenbau-Stadtteils Grünau mit großem Familienfest und einem eigenen Film. Wegen Sanierungsarbeiten an Fernwärmerohren kann im Süden ein nebulöses Schauspiel erlebt werden. Und im Rathaus dreht sich ab heute eine ganze Themenwoche um die digitale Zukunft in der kommunalen und staatlichen Verwaltung.

Stadtwerke lassen Dampf ab

Diese Woche ist der Süden nichts für Warmduscher. Wie angekündigt sanieren die Stadtwerke ihre Fernwärmeleitungen (LZ berichtete). Baubedingt wurde deshalb jetzt in einigen Straßenzügen die Versorgung mit Warmwasser und Heizung eingestellt. Zu den vorbereitenden Arbeiten gehört es, heißes Wasser aus dem bestehenden Fernwärmenetz über sogenannte Mischwasserschächte mit Kaltwasser abzukühlen und anschließend kontrolliert in die Kanalisation einzuleiten. Nach Auskunft der Stadtwerke handelt es sich dabei um ein erprobtes und unbedenkliches Verfahren.

Abhängig von Wetterlage und Temperaturunterschieden kann bei dem Verfahren Wasserdampf entstehen, der an speziellen Entleerungspunkten in der Bernhard-Göring-, Alfred-Kästner-, Fichte- und Arno-Nitzsche-Straße sichtbar austreten kann. Das mag wie eine Mischung aus Morgennebel und Armageddon anmuten, wird aber von Experten streng überwacht. „Was oberirdisch nach Baustelle aussieht, ist unterirdisch präzise Teamarbeit für eine zuverlässige Wärmeversorgung. Fernwärmeleitungen unterliegen strengen technischen Normen. Deshalb geht es darum, kontrolliert, sicher und zuverlässig zu arbeiten, damit die Wärmeversorgung langfristig stabil bleibt“, sagt Tim Burghardt, Projektleiter der Leipziger Stadtwerke in einer Medieninformation.

Von der Fernwärme-Unterbrechung betroffen sind Häuser in einzelnen Straßen der Stadtteile Zentrum Süd, Zentrum Südost, Südvorstadt, Connewitz und Marienbrunn sowie in Teilen von Lößnig und Dölitz-Dösen. Die Trinkwasserversorgung bleibt nach Angaben der Stadtwerke uneingeschränkt bestehen. Ob eine Adresse dazugehört, können Anwohner über den auf der Internetseite www.L.de/fernwaerme-umbau bereitgestellten Adressenfinder prüfen.

Weitere Informationen zur Baumaßnahme sowie zu Unterstützungsangeboten sind auf derselben Internetseite in einem Fragen-und-Antworten-Katalog zusammengestellt. Zudem beantworten die Leipziger Stadtwerke Fragen montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr unter der kostenfreien Telefonnummer 0341 121-5965. Wie auch LZ informierte, haben Betroffene Anrecht auf Gutscheine, mit denen sie öffentliche Schwimmhallen aufsuchen können.

Aus den Schächten der Fernwärme kann heute Dampf aufsteigen. Foto: Benjamin Weinkauf

Grünau feiert Geburtstag

Heute vor 50 Jahren legten der damalige Oberbürgermeister Dr. Karl-Heinz Müller und der Bauleiter des VEB Baukombinat Leipzig den Grundstein für einen ganzen Stadtteil. Im Westen von Leipzig entstand die riesige Plattenbausiedlung „Grünau“. Daran erinnert heute ab 15:30 Uhr eine Jubiläumsveranstaltung mit Festreden und einem Familienprogramm.

Die Feierlichkeiten rücken die Geschichte des Stadtteils ebenso in den Mittelpunkt wie die Entwicklung des DDR-Städtebaus und aktuelle kommunalpolitische Themen. Grünau wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren als Großwohnsiedlung errichtet und prägt bis heute den Stadtbezirk West. Mit bis zu 85.000 Einwohnern im Jahr 1989 war Grünau zeitweise der größte Stadtteil Leipzigs. Die Siedlung zählt neben Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt zu den größten Plattenbaugebieten der DDR und ist die größte ihrer Art in Sachsen. Sie umfasst acht Wohnkomplexe mit Großwohnblöcken der Wohnungsbauserie WBS 70.

Eine große Rolle spielte der neu entstandene Stadtteil bei der Umsiedlung von Menschen aus dem Leipziger Umland, deren Dörfer den Braunkohletagebauen weichen mussten. Nach 1990 verlor Grünau trotz relativ guter Infrastruktur mehr als die Hälfte seiner Einwohner, unzählige Häuser wurden abgerissen. Zugleich verschärften sich soziale Herausforderungen durch Überalterung und die Ansiedlung einkommensschwacher Haushalte. Seit 2010 wächst die Einwohnerzahl wieder langsam. Zum 31. Dezember 2025 lebten 49.605 Menschen in Grünau.

In Leipzig-Grünau leben fast 50-tausend Menschen. Luftbild: Martin Geisler / Wikimedia Commons

Grünau im Film

Ebenfalls heute feiert die Dok-Film-Miniserie „Grünau 50“ von Birk Poßecker im Cineplex Leipzig an der Ludwigsburger Straße 13 Premiere. Anders als klassische Kinodokumentationen setzt das Projekt auf ein serielles Format. Es umfasst fünf Episoden von jeweils etwa zehn Minuten Länge und beleuchtet das Gestern und Heute des Stadtteils aus verschiedenen Blickwinkeln.

Nach Angaben der Produktion soll die Serie die Dynamiken einer Großwohnsiedlung sichtbar machen, „die oft beschrieben wird, aber selten selbst zu Wort kommt“. Damit verfolgt Regisseur Birk Poßecker einen dokumentarischen Ansatz, der die Erlebnisse, Biographien und Einschätzungen von Bewohnerinnen und Bewohner in den Fokus rückt. So zum Beispiel Micha. Er hat einen einst ausrangierten DDR-Zeitungskiosk wiederbelebt und damit eine kleine Oase zwischen den Wohnblöcken geschaffen. Snackbar, Zufluchtsort und Plauderbüdchen gleichermaßen.

Der Regisseur ist in Leipzig bereits durch den Dokumentarfilm „Hütten sind für alle da“ bekannt geworden. In diesem Werk porträtierte er über mehrere Jahre den Leipziger Osten und verband Alltagsgeschichten, lokale Milieus und persönliche Erinnerungen. Dieses Interesse an den Lebenswelten von Stadtteilen und ihrer Bevölkerung prägt offenbar auch die neue Produktion über Grünau.

Die Hauptvorstellung beginnt um 18 Uhr, ist allerdings bereits ausgebucht. Mit etwas Glück gibts an der Abendkasse noch Rest-Karten für die zweite Vorstellung um 18:45 Uhr, weil sie  nicht rechtzeitig abgeholt oder zurück gegeben wurden. Der Regisseur verspricht auf LZ-Anfrage, dass es weitere Vorführungen geben wird. Termine dazu werden auf www.gruenau50.de veröffentlicht und aktualisiert.

Ein Grünauer Original. Micha vor seinem Kiosk „De Ägge“. Screenshot: gruenau50.de

Teure Zukunft

Sie wirft einen Blick auf die digitale Zukunft von Stadt und Staat und startet heute im Neuen Rathaus: die Data Week. Zum Auftakt widmet sich Professor Dr. Dirk Baecker mit „Der Durkheim-Test“ der Frage, wie nah Künstliche Intelligenz dem Menschen bereits gekommen ist und welches Verhältnis zwischen Menschen und Maschine eine lebenswerte digitale Stadt künftig prägen sollte.

Im Laufe der Woche rückt das Podium „Zukunftsstaat“ konkrete Vorstellungen staatlicher Transformation in den Mittelpunkt. Im Rahmen der Initiative Re:Form diskutieren Fachleute aus Verwaltung und Digitalisierung über neue Ansätze für einen handlungsfähigen Staat. Einen bewusst zugespitzten Akzent setzt dabei Gerald Swarat mit seinem Impuls „make bureaucracy great again – Was verbirgt sich am Ende des Regenbogens von KI-Staatsmodernisierung?“. Er wirft grundlegende Fragen zu Machtstrukturen, gesellschaftlicher Ungleichheit und den Risiken einer zunehmend algorithmisch geprägten Verwaltung auf.

Die diesjährige Data Week Leipzig steht unter dem Leitgedanken „Daten vernetzen – Zukunft gestalten“. Das gesamte Programm und nötige Eintrittskarten werden online angeboten. Der digitale Fortschritt hat seinen Preis – das Tagesticket kostet stolze 110,- Euro. Für diesen Preis könnten Sie im Oktober auch Bryan Adams live erleben 😉

Im Rathaus geht es eine Woche lang um die digitale Zukunft. Foto: Benjamin Weinkauf

Lizenzhinweis: Das Luftbild von Grünau ist in der Datenbank Wikimedia Commons  zur freien Nutzung lizensiert und wurde aus Gründen des Layouts geringfügig beschnitten, sonst jedoch in keiner Weise bearbeitet oder verändert.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar