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Vom König zum König: Christian Lohmeier versucht, das früheste Kapitel der deutschen Geschichte zu rekonstruieren

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    Für Freikäufer Die Deutsche Literaturgesellschaft ist ein Verlag, der Bücher herausbringt, die in anderen Verlagen ihre Schwierigkeiten hätten. Unter anderem, weil sie eigentlich noch viel Arbeit brauchen. Gerade wenn es um historische Themen geht, die einer zum Leben erwecken möchte. Denn wie war denn das damals, als aus dem Ostfrankenreich so langsam Deutschland wurde?

    Während jüngst Joachim Oelßner versuchte, in „Was soll vergrabenes Gold …“ die Ereignisse um den Leipziger Bürgeraufstand vor 800 Jahren zu beschreiben, versucht der Leipziger Christian Lohmeier, noch 300 Jahre tiefer in die Geschichte zu tauchen und aus der Perspektive des von ihm erfundenen Ritters Christian von Frohse zu beschreiben, wie Heinrich der Sachse im ostfränkischen Reich seine Königsmacht durchsetzte und damit die Entwicklung dessen forcierte, was wir heute als Deutschland bezeichnen.

    Deswegen datieren viele Historiker den Anfang von Deutschland auf Heinrichs Krönung zum König im Jahr 919, die so reibungslos wohl nicht ablief, wie Christian Lohmeier es beschreibt. Man versteht ihn ja. Man will hineinleuchten in dieses Dunkel, das einige Historiker noch den Dunklen Jahrhunderten zurechnen, weil es so wenige gesicherte Quellen gibt über das, was zwischen dem Untergang Roms und der Entstehung der großen mittelalterlichen Reiche lag. Heribert Illig wollte ja selbst Karl den Großen gleich ganz aus der Geschichte schmeißen und zur Erfindung phantasievoller Legendenschreiber machen.

    Aber es deutet Manches darauf hin, dass gerade die turbulenten Zeitumstände einer der Gründe dafür sind, dass es so wenige belastbare Urkunden gibt über die Zeit. Denn nach der Teilung des Fränkischen Reiches nach dem Tod Karls des Großen dauerte es lange, bis sich die neuen Reiche stabilisierten und in ihnen auch stabile Herrschaftsformen entstanden. Immerhin rangen im ostfränkischen Reich mehrere starke Herzöge um die Vorherrschaft. Jahrzehntelang hatte die Königswürde nur Symbolwert, weil der Träger der Krone nicht stark genug war, seine Königsmacht auch in den anderen Herzogtümern durchzusetzen. Es deutete sich schon eine Konstellation an, die die deutsche Geschichte über Jahrhunderte bestimmen würde: Starke Fürsten wie Heinrich würden immer wieder die Ausnahme sein und in der Legendenerzählung eine fast märchenhafte Rolle einnehmen.

    Und mehr als Legenden hat man nicht über diese Zeit. Da hilft alle Lektüre nicht, die Christian Lohmeier im Anhang mitgibt und auch im Text eifrig zitiert. Die wichtigste und prägendste ist natürlich die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey. Und die meisten Historiker, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, müssen zugeben, dass sie an diesem Werk nicht vorbeikommen, dass Widukinds Sicht auf die Geschichte aber auch hartnäckig den Blick verstellt. Was bei den Bayern, Schwaben, Dänen, Slawen und Franken geschah, können wir nur durch seine Brille sehen. Und das ist auch eine sehr kriegerische Brille. Verständlicherweise, denn alles war noch immer in Bewegung. Niemand hatte ein Gründungsmanifest für das in der Tasche, was sich einmal Deutschland nennen sollte.

    Doch wer in Leipzig lebt, der hat es nicht weit, der muss nur mal kurz rüber nach Merseburg, Meißen, Quedlinburg fahren, um zu wissen, das er mittendrin ist in der Geburtszelle Deutschlands, im Heimatland Heinrichs des Voglers und seines Sohnes Otto, der als Otto I. auch erster Kaiser des Heiligen Römischen Reiches werden sollte und Magdeburg zur ersten „Hauptstadt“ dieses Reiches machen sollte.

    In Lohmeiers Geschichte spielt die Pfalz Werla so eine Rolle als Daueraufenthaltsort Heinrichs I. Man merkt, wie schwer sich der Autor tut, sich wirklich in dieses ferne Mittelalter hineinzuversetzen, in eine Welt, in der Könige und Herzöge gezwungen waren, von Pfalz zu Pfalz zu ziehen. Selbst gestandene Historiker müssen sich oft zwingen, die Brille der Moderne abzulegen und zu akzeptieren, dass die Sitten der Zeit rauer und strenger waren, die Gläubigkeit tiefer und die Helden wahrscheinlich nicht so edel, wie sie später in Chroniken und Sagen geschildert wurden. Selbst die Illustrationen im Buch zeigen, wie viele Schichten über der Geschichte liegen. Denn originale Kunstzeugnisse der Helden besitzen wir kaum. Unser Bild von dieser Zeit ist oft durch Darstellungen des 12. Jahrhunderts (in dem man sich diese Zeit das erste Mal zurechtdeutete) und des 15./16. Jahrhunderts geprägt, als man die Ritterzeit völlig neu erfand.

    Die Ritter der Heinrich-Zeit haben wohl eher keine Turniere um schöne Grafentöchter ausgetragen, gar Tanzen, Kochen und Schreiben gelernt, wie es der Held Christian tut, den der Autor natürlich in diese Rolle bringt, um ihn möglichst nah an König Heinrich und seinen Sohn Otto heranzuführen. Und um seine Schilderungen plausibel zu machen, hat er natürlich einen guten Teil dessen gelesen, was auf dem Markt an zumeist populären Arbeiten zum Mittelalter zu finden ist. Was oft auch bedeutet, dass auch die Autoren dieser Bücher sehr phantasievoll arbeiteten. Die eine versucht die Tafelsitten der alten Rittersleut zu rekonstruieren, die nächste die Heilkunde in den Klöstern, der dritte die Waffenkunst und die Kriegstechniken, wieder ein anderer die Jagdmethoden und die landwirtschaftlichen Gegebenheiten.

    Aber wie tief reichen die Erkenntnisse? Wo deutet man Entwicklungen des Hochmittelalters in jene Zeit zurück, in der diese Geschichte handelt? Man versteht schon, wie sehr Christian Lohmeier von diesem Anfang von Etwas fasziniert war. Viele der Handlungsorte kann man besichtigen – auch wenn man oft nur die Überformungen späterer Jahrhunderte vor sich hat. Trotzdem weht da so ein Hauch von Geschichte, der gerade Mitteldeutschland so aufregend macht für jeden, der die Wurzeln Deutschlands sucht. Aber wie waren die Beziehungen Heinrichs zu den Slawen wirklich? Darf man sich auf Widukinds Schilderungen verlassen? Oder hat auch hier schon ein Sieger seine Geschichte zurechtgedeutet und größer gemacht, als sie war?

    Was ja auch und gerade für Leipziger spannend ist, denn mit dem Bau der Burg Misnia hat Heinrich I. ja seinen Anspruch auf das slawische Gebiet gesetzt, das wir heute Sachsen nennen. Es liegt durchaus nahe, dass damals auch all jene Burgwarde entstanden, zu denen auch der Burgward Lipsk gehörte, den Lohmeier natürlich vorkommen lässt – auch wenn der erste Ritt in slawische Gebiete in seinem Buch schrecklich schiefgeht. Der slawische Ort Jahna (929 erstmals erwähnt) spielt hier eine Rolle. Seinen Rittersitz hat Christian in Frohse an der Elbe, das immerhin 936 erstmals erwähnt wurde. Man ist also tatsächlich in geschichtsträchtiger Landschaft unterwegs, auch wenn die meisten schriftlichen Zeugnisse erst aus wesentlich späterer Zeit stammen und den Blick auf diese Zeit färben. Genauso wie die steinernen Burgruinen, die man besichtigen kann und die einen immer wieder beeindrucken. Aber auch sie stammen aus späterer Zeit. Die Archäologen haben Mühe, die Bauten des 10. Jahrhunderts überhaupt noch nachzuweisen, denn zumeist baute man mit den vergänglichen Werkstoffen Holz, Lehm und Stroh. Auch Burgen.

    Je mehr man sich das bewusst macht, umso mehr versteht man, warum es so wenig Überliefertes gibt aus dieser Zeit, über die wir doch gern so viel mehr wissen wollen. Man versteht den Autor und seinen Wunsch, diese Zeit für sich zu rekonstruieren, ihr ein Bild zu geben, das möglichst stimmig ist. Es ist so ein Ei-verflixt-Buch, so ungefähr muss es doch gewesen sein. Vielleicht. Vielleicht auch ein bisschen anders. Aber schon das 19. Jahrhundert hatte ja bekanntlich diese Wissensnot und hat versucht, das Mittelalter, wo immer man es glaubte gefunden zu haben, eindrucksvoll zu rekonstruieren. Die Pfalz Werla freilich nicht, die konnte man erst im 20. Jahrhundert sicher nachweisen. Aber die Pfalz Goslar zum Beispiel, noch so ein Erinnerungsstück an die Ottonenzeit, das Eindruck macht und trotzdem das Bild verfälscht.

    Aber denselben Effekt hatten wir ja auch bei den „originalen“ Lutherorten. Immer wieder haben spätere Generationen ihre Sicht auf Geschichte rekonstruiert. Und den Rest an dicker Phantasie hat dann die romantische Literatur draufgepackt. Verständlich, dass sich dann einer mit treibender Neugier hinsetzt und versucht, sich ein Bild zu machen, das der damaligen Wirklichkeit möglichst nahe kommt. Auch wenn so viele Zeugnisse fehlen, echte Lücken in der Überlieferung, die es so schwer machen, sich die damalige Welt zwischen Quedlinburg, Magdeburg und Meißen wirklich vorzustellen.

    Christian Lohmeier Vom König zum König, Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2017, 19,80 Euro.

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