Alles muss seinen geregelten Gang gehen, auch die Benennung von Straßen und Plätzen. So wie aktuell in der Sternsiedlung in Möckern, wo gerade eine Grünfläche in einen kleinen Park mit Spielgeräten verwandelt wurde und die irgendwie schon den Namen Bürgerpark Sternsiedlung trug, bevor der Stadtbezirksbeirat Nordwest einen Wunsch aufnahm, den kleinen Park nach dem Architekten Rudolf Ladewig zu benennen, der für die Sternsiedlung eine besondere Rolle spielte. Am 25. Februar gab es in der Ratsversammlung grünes Licht für die Umbenennung.
Die muss zwar noch ganz offiziell mit einer Vorlage für den Stadtrat passieren. Aber in der AG Straßenbenennung gab es auch schon Zustimmung, denn tatsächlich hat der Park noch keinen Namen.Und welche wichtige Rolle Rudolf Ladewig (1893–1945) als Architekt für die Entwicklungen von Sternsiedlungen spielte, erklärte am 25. Februar Michael Schmidt, SPD-Mitglied im Stadtbezirksbeirat Nordwest.
Im Antrag des Stadtbezirksbeirats wurde die ganze Geschichte ausführlich beschrieben.
Rudolf Ladewig und die Sternsiedlung(en)
„Die zu Beginn der 1930er Jahre erbaute Sternsiedlung im Norden Möckerns ist aufgrund der Siedlungshäuser mit sternförmigen Grundrissen von besonderer städtebaulicher Bedeutung und wird durch das Landesamt für Denkmalpflege in der Denkmalliste geführt. Der Bürgerpark Sternsiedlung und der zugehörige Spielplatz wurden Anfang 2024 umfassend saniert und ausgebaut. An den Gesamtkosten beteiligte sich der Stadtbezirksbeirat Nordwest aus seinem Budget mit 5.000 Euro.
Nach Auffassung des Stadtbezirksbeirats Nordwest kann die vorgeschlagene Neubenennung dazu beitragen, den neu gestalteten Erholungsort zu einem identitätsstiftenden Bestandteil der Sternsiedlung zu machen. Denn der Architekt der namensgebenden aneinandergereihten sechseckigen Reihenhäuser in der Sternsiedlung war Rudolf Wilhelm Emil Ladewig, geb. am 30.4.1893 in Brodersdorf bei Rostock, verhaftet am 22.3.1945 in Hamburg, gehängt am 23.4.1945 im KZ Neuengamme.
Er war u. a. Erster Architekt der Stadt Reichenbach im Vogtland und entwickelte hier neben anderen Bauten seine erste Sternsiedlung. Rudolf Ladewig befasste sich u.a. mit dem Entwurf von neuartigen Haustypen, die sich durch außerordentliche Wirtschaftlichkeit, eine einwandfreie Raumanordnung und gute Ausstattung auszeichneten. Die Sternsiedlungen wurden zu seinem Markenzeichen.
Ab 1934 konnte Rudolf Ladewig aus ‘rassischen’ und politischen Gründen nicht mehr ungehindert seiner Arbeit nachgehen, u.a. da er mit einer Jüdin verheiratet war. Er verließ Deutschland, arbeitete kurzzeitig in Sofia/Bulgarien und zog dann mit seiner Familie nach Hamburg. Rudolf Ladewig galt als konservativer Sozialdemokrat und war in der ‘KdF-Gruppe’ aktiv. Das Namenskürzel deckte sich absichtlich mit der nationalsozialistischen Parole ‘Kraft durch Freude’, stand aber für ‘Kampf dem Faschismus’ .
Ihr Ziel war die Bekämpfung des Nationalsozialismus, die Schaffung einer demokratischen Regierung und später die Beendigung des Krieges. Die KdF-Gruppe entstand bereits vor dem Krieg aus einem losen Freundeskreis in Hamburg, zu dem nach und nach weitere Gegner des NS-Regimes aus allen gesellschaftlichen Schichten stießen.
1939/1940 entstand eine Verbindung zu Widerstandskreisen in Leipzig, die neue Impulse nach Hamburg brachte. Die Gruppe versteckte verfolgte Widerstandskämpfer ebenso wie jüdische Kinder, half Ausländern mit Lebensmittelkarten und verübte verschleierte Produktionssabotagen.
Ab 1942/1943 bestanden auch (Funk-)Kontakte anderen Widerstandsgruppen in Deutschland, Dänemark, Schweden, England und der Schweiz. Durch den massiven Einsatz von V-Leuten nach dem 20. Juli 1944 bekam die Gestapo immer mehr Hinweise auf die KdF-Gruppe, die in der Hamburger Widerstandsbewegung einen bedeutenden Platz einnahm. Ab dem 23. Oktober 1944 wurde Rudolf Ladewig trotz einer Schwerbeschädigung aus dem Ersten Weltkrieg als Bauarbeiter bei einem Architekten arbeitsverpflichtet.
Rudolf Ladewig wurde durch einen Gestapo-Spitzel denunziert und zusammen mit seinen Kindern und seiner Freundin am 22. März 1945 verhaftet und in das Gestapogefängnis Fuhlsbüttel gebracht. Ihre Namen standen auf der sogenannten Liquidationsliste, auf der 71 Menschen zur Vernichtung vorgemerkt waren. Sie wurden am 20. April 1945 aufgrund eines Räumungsplans des Gefängnisses für den Fall der Annäherung alliierter Streitkräfte zusammen mit anderen Gefangenen der KdF-Gruppe in das Konzentrationslager Neuengamme überführt. Dort wurden Rudolf Ladewig und die anderen Gefangenen ermordet.
In seiner langjährigen Heimatstadt Hamburg wurde zum Gedenken an Rudolf Ladewig ein Stolperstein verlegt.“
Der Park hat noch keinen Namen
Die Benennung des Bürgerparks Sternsiedlung nach dem Architekten Rudolf Ladewig würde nicht nur eine Verbindung zwischen der Sternsiedlung und ‘ihrem’ Erholungsort herstellen. Die in Verbindung hiermit vorgeschlagene Errichtung einer Gedenk- und Informationstafel zum Leben und Wirken von Rudolf Ladewig würde auch zur Aufklärung über NS-Verbrechen beitragen. Und dass der kleine Park noch keinen Namen hat, bestätigte auch das Amt für Statistik und Wahlen.
„Zwar wird die Fläche zwischen Louise-Otto-Peters-Allee und Defoestraße auf dem Flurstück 250/45 in der Gemarkung Möckern im Sprachgebrauch als ‘Bürgerpark Sternsiedlung’ bezeichnet, aber offiziell wurde sie nicht benannt, daher handelt es sich bei dem Antrag um eine Neubenennung.
Die Stadtverwaltung stimmt dem Vorschlag zur Benennung grundsätzlich zu. In Abstimmung mit dem Amt für Stadtgrün und Gewässer soll der Sachverhalt zur Prüfung an die AG Straßenbenennung übergeben werden. In diesem Rahmen wird der Namensvorschlag wie üblich auf seine Geeignetheit geprüft.
Anschließend wird die Aufstellung einer Gedenk- bzw. Informationstafel geprüft, sofern entsprechende Haushaltsmittel (ggf. aus dem Stadtbezirksbudget) verfügbar sind.“
Da die Ratsversammlung dem Antrag des Stadtbezirksbeirats Nordwest am 25. Februar zustimmte, kann die Benennung des kleinen Parks jetzt Teil der nächsten Vorlage für Straßenbenennungen für den Stadtrat werden. Dann kann die Benennung nach Rudolf Ladewig auch offiziell werden.
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