Der vierte Roman aus Sabine Eberts Zyklus „Schwert und Krone“

Herz aus Stein: Ein neues Kapitel im großen Barbarossa-Panorama mit starken Frauen, blutigen Kriegen und hartherzigen Herrschern

Für alle LeserSie hat sich in die Herzen der Leser geschrieben. Und nicht nur derer, die in historischen Romanen ein Stück Weltflucht ins Mittelalter vollziehen, um mal endlich wegzukommen von dem Gegrübel über eine unbegreifliche und bedrohliche Gegenwart. Sie hat auch so manchen Historiker begeistert. Denn so wie Sabine Ebert das 12. Jahrhundert lebendig werden lässt, wird Geschichte auch für all jene greifbar, die mit dem drögen Stoff aus Schulbüchern nie etwas anfangen konnten.

Schulbücher versuchen den Kindern einzureden, geschichtliche Prozesse liefen nach einer bestimmten Logik ab und würden von mächtigen Männern vorangetrieben, deren Genius ihr Handeln über ihre Zeit hinaus strahlen lässt. Lernt also die Daten der Schlachten, Herrscher und Kaiserreiche!

Vergesst sie.

Auch deshalb fand Sabine Ebert ja eine so so große Leserschaft, als die begann, ihren Hebamme-Zyklus zu veröffentlichen, der nicht nur scheinbar ganz einfache Personen aus dem Alltag des 12. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellte und erlebbar machte, wie Alltag im Hochmittelalter sich wirklich anfühlte, was die Menschen aßen, wie sie sich kleideten und unter welch harten Bedingungen sie lebten.

Die Reihe entführte auch schon ins mittelalterliche Sachsen – oder besser: in die Markgrafschaft Meißen, in jene spannende Zeit, als die Wettiner noch immer darum kämpfen mussten, die Mark behalten zu dürfen, aber der große Landesausbau gerade erst begann, die riesigen Wälder gerodet, Dörfer gegründet und aus den etwas älteren Marktflecken erst einmal Städte gemacht werden mussten.

Dass sie auch ihre neue große Mittelalter-Serie „Schwert und Krone“ mit ihrer Hebamme-Serie verknüpfen würden, haben die Leser schon früh mitbekommen. Auch wenn die Hauptfigur dieser nun im vierten Band angekommenen Serie jener Kaiser Friedrich I. ist, den Volksmund und Legende zum mythischen Kaiser Barbarossa gemacht haben, der heute im Kyffhäuser schnarcht und die Nationalisten mit ihrer Brachial-Phantasie zu bräsigen Kyffhäuser-Treffen animiert.

Sabine Ebert muss gar keine gewaltsamen Zeitbezüge herstellen. Die Gegenwart liest sich ganz von allein hinein in ihre Erzählung, in der ihr mehrfaches Bemühen gar nicht zu überlesen ist, Geschichte so erzählen zu wollen, wie sie wahrscheinlich wirklich stattgefunden hat. Dazu hat sie Berge an historischer Fachliteratur verschlungen, hat sich mit Mittelalter-Historikern ausgetauscht, hat auch bis ins Detail versucht herauszufinden, wie der Alltag der Bauern, der Ritter, der Spielleute, der Handwerker, Hebammen und Könige und Herzöge wirklich aussah.

Alltag der Frauen

Und natürlich zuallererst der Alltag der Frauen. Das steht bei ihr geradezu im Mittelpunkt. Frauen sind bei ihr nicht nur das schöne, gebärfähige Zubehör der von Männern gemachten Geschichte, auch wenn das Kinderkriegen gerade für die Frauen in adligen Verbindungen geradezu zur Pflicht wurde, weil die Herrschaft der Familie so bewahrt werden sollte.

Aber schon in den ersten drei Bänden von „Schwert und Krone“ haben wir mehrere markante Frauen kennengelernt, die meisten davon historisch nachweisbar. Einige auch extra von Sabine Ebert eingeführt in die Handlung, auch um ein Gegengewicht zu schaffen zu einer Männerwelt, die nur in den alten Chroniken schillert und glänzt.

Aber wenn man die verbrieften Ereignisse allein in der Zeit nimmt, die jetzt in diesem vierten Band der Reihe abläuft – der Zeit zwischen Friedrichs Krönung 1152 im Dom zu Aachen und der Tragödie von Friedrichs Rom-Feldzug im August 1167 – dann kann man gar nicht umhin, die Grausamkeit all dieser Ereignisse wahrzunehmen und vor allem das von Machthunger und Rücksichtslosigkeit geprägte Denken einiger der tragenden Protagonisten. Denn „Herz aus Stein“ bezieht sich eindeutig auf jene „Helden der Geschichte“, die wir in den Vorgängerbänden als junge Männer und Freunde erlebt haben, glühende Hoffnungsträger in einer Zeit, als sich das moderne Königtum erst durchsetzen musste.

Aber schon der dritte Band endete ja mit einem gewaltigen Gemetzel am Königshof im dänischen Roskilde, an dem ausgerechnet der Friedrich-Freund Sven die Hauptschuld trug. Mit Glück kann Adele, Tochter des Wettinischen Markgrafen und Svens Gemahlin, sich zu Beginn dieses nächsten Bandes retten. Und ebenso ist historisch verbürgt, dass sie etwas später einen Sohn Albrechts des Bären geheiratet hat. Auch da kann man nicht überlesen: Wie viel Sympathie Sabine Ebert gerade für die Wettiner und die Askanier hat, die – anders als der Stauffer Friedrich oder der Welfe Heinrich der Löwe – nicht auf brutale Machtpolitik setzten.

Panorama der Ereignisse

Und weil sich Sabine Ebert auch nicht nur auf einige schulbuchkompatible Daten beschränkt, wird auch dieser vierte Band zu einem Panorama der Ereignisse, in der sich unterschiedlichste Entwicklungen überlagerten, überschnitten und beeinträchtigten. Mittendrin sieht man Friedrichs berühmten Berater Rainald von Dassel agieren, Ränke schmieden, Komplotte inszenieren, auch gern mal Übersetzungen fälschen, um Konflikte zu schaffen, die dann den Vorwand für all die Heerzüge und Bestrafungsaktionen ergeben, mit denen Barbarossa seine Kapitel in den Historien bekam.

Und wie brutal Barbarossas Vorgehen in Italien war, ist eigentlich bekannt. Doch es gewinnt eine unheimliche Glut, wenn Sabine Ebert die Ereignisse vor Mailand und Crema tatsächlich anschaulich schildert. Ein netter Spitzname für den rachsüchtigen Kaiser aus Schwaben war der italienische Name Barbarossa ganz bestimmt nicht.

Güte und Vergebung waren wirklich nicht seine Markenzeichen, auch wenn Sabine Ebert ihn zumindest der Reue fähig schildert. An seiner Seite gibt sie der jungen Kaiserin Beatrix ein Schicksal, genauso wie sie in Meißen die Markgräfin Hedwig Kontur gewinnen lässt und Albrecht den Bären geradezu verzweifeln lässt über den Tod von Sophia, die ihm nicht nur Kinder geboren hat, sondern den Ungestümen auch immer mit klugem Verstand gelenkt und gezähmt hat.

Aber nicht nur den Frauen gehört Eberts Aufmerksamkeit. Sie widmet auch den Abodriten, die gegen den raffsüchtigen Löwen versuchen, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, viele detailreiche Kapitel. So wird dieser Romanzyklus auch zu einer regelrechten Ur-Erzählung für die ostdeutsche Geschichte, die ohne die eroberten Gebiete der Slawen nicht denkbar ist. Und nicht ohne Otto den Reichen (der in diesem Band noch nicht reich ist), Albrecht den Bären und Landgraf Ludwig II. von Thüringen.

Und Geschichte hört natürlich auf, ein gemütliches Kaminerlebnis zu werden. Denn all die Heldinnen und Helden Sabine Eberts sind in einem Reich unterwegs, in dem gepflasterte Straßen Seltenheit sind, die steinerne Brücke von Regensburg geradezu ein Weltwunder ist und die meisten Burgen noch aus Holz bestehen. Gestalten wie den jungen Ritter Christian oder den Dolmetscher in Diensten des Kaisers, Stefano di Stella, hat Sabine Ebert natürlich auch eingeführt, um der Brutalität jener Männer, die hier rücksichtslos „Geschichte machen“, etwas entgegenzusetzen: etwas Aufbauendes, Positives. Das es ja gegeben haben muss.

Recht des Stärkeren“

Einige der den Lesen ans Herz gewachsenen Helden sterben freilich auch eines brutalen Todes. Aber gerade das macht deutlich, wie widersprüchlich Geschichte immer abläuft, wie die scheinbar Schwächeren zum Spielball derer werden, die über die größeren Armeen und die größere Rücksichtslosigkeit verfügen. Ein Denken, das ja heute wieder bei einigen mächtigen Männern um sich greift.

Nebst der Verachtung für die Menschen ganz unten in der gesellschaftlichen Pyramide. Vielleicht war das auch nie weg und kommt nun nur wieder aus den alten Truhen, weil sich mit dem „Recht des Stärkeren“ zumindest beeindruckende Schäden und neue knatternde Konflikte entfachen lassen. All der Mummenschanz, der dann in den Schulbüchern auftaucht – und die Kinder glauben dann tatsächlich, dass diese Wilden Kerle Geschichte „gemacht“ haben.

Während man die, die wirklich Städte und Straßen gebaut haben, Häfen, Brücken und Bergwerke, kaum der Erwähnung wert findet. Sabine Eberts Bücher machen all das, was damals tatsächlich geschah, sehr dicht und farbenreich sichtbar, zeigen, wie widersprüchlich und vielfältig die verbürgten Ereignisse waren und wie das alles letztlich parallel ablief, auch wenn die Schulbücher meistens nur die Taten Barbarossas benennen, weil sie die Verbindungen in die Mark Meißen, ins Abodritenland, in die Mark Brandenburg oder nach Dänemark nicht interessieren.

Obwohl sie das sollten, weil Geschichte nun einmal kein Roter Faden ist, sondern ein Hallraum unterschiedlichster Entwicklungen, die neben-, unter- und übereinander passieren. Wo sich die Kräfteverhältnisse schon deutlich verschieben, wenn nur ein aktiver Strippenzieher wie Rainald von Dassel stirbt oder das siegreiche Kaiserheer vor Rom von einer Seuche hinweggerafft wird. Auf einmal werden auch die mächtigen Haudegen zu Komparsen von etwas, das größer ist als sie, komplexer sowieso.

Und während Friedrich in Rom ist, steckt die Mark Meißen gerade in ihren Kinderschuhen, taucht ein slawisches Dorf namens Dresden aus der Dunkelheit der Ereignisse auf und Freiberg lauert hinterm Berg, jenes Freiberg, aus dem Sabine Ebert einst aufbrach, um ihre großen Historischen Romane zu schreiben. Für die Völkerschlacht zog sie extra nach Leipzig um. Die Barbarossa-Romane schreibt sie jetzt in Dresden, wo sie natürlich den Quellen der Wettiner näher ist.

Auf fünf Bände hat sie „Schwert und Krone“ konzipiert. Wer dann alle Bände gelesen hat, weiß eine Menge mehr über einen der spannendsten Abschnitte der deutschen Geschichte. Und vor allem merkt er, wie aufregend und dicht allein dieser Abschnitt ist. Wahrscheinlich genauso wie alle anderen Abschnitte. Nur haben die meisten Deutschen eine vollkommen verkürzte und rudimentäre Vorstellung von Geschichte.

Was eben auch zur Folge hat, dass sie auch die Gegenwart nur mit zugeklebter Brille betrachten und nicht einmal ahnen, wie sich die Gewichte ständig verändern und um Macht und Einfluss gerangelt wird – gar wie zu Barbarossas Zeiten mit brutalen, perfiden und gefühllosen Methoden. Denn gefeiert wurden bislang meistens die, die sich rabiat über andere hinweggesetzt haben, egal, welche Schäden sie für Generationen hinterlassen haben. Das nennen die Historiker dann fälschlich Ruhm.

Historische Akribie

Zumindest die älteren. Die jüngeren haben schon begriffen, dass man all die offiziösen Chroniken sehr genau lesen muss und auch fragen sollte, wie die namenlosen Betroffenen dieser Geschichte eigentlich gelebt und gelitten haben. Genau das, was Sabine Ebert mit historischer Akribie tut.

Und dass die Hauptfiguren in ihrem großen Barbarossa-Panorama verbürgt sind, kann jeder im Anhang lesen, wo die Stammbäume der beteiligten großen Fürstenhäuser alle noch einmal abgebildet sind, wichtige mittelalterliche Begriffe erläutert werden und eine Zeittafel die verbürgten Ereignisse dieser Zeit noch einmal sortiert. Und um auch etwas für die Vorstellungskraft zu geben, finden sich wieder von Wissenschaftlern erstellte Karten des Heiligen Römischen Reiches um 1165 im Umschlag.

1165? Ja, das ist so ungefähr das Jahr, in dem Leipzig sein Stadtrecht erhielt von eben jenem Otto, den wir in diesem Band so hocherfreut erleben, weil Hedwig ihm seinen Sohn Albrecht geboren hat. Benannt nach Hedwigs Vater, Albrecht dem Bären. Auch das war wohl endlich einmal dran: In so einem Roman profund zu erzählen, wie eng verflochten die Geschichte der Wettiner und der Askanier war.

Wer die vier Bände gelesen hat weiß, dass der Osten keine geschichtslose Region ist. Im Gegenteil: Der wird neugierig darauf, die Handlungsorte einmal selbst zu besuchen. Auch wenn längst wieder acht Jahrhunderte über diese Orte hingeschritten sind: Ballenstedt, Eilenburg, Meißen, Kloster Marienzell …

Sabine Ebert Schwert und Krone. Herz aus Stein, Knaur Verlag, München 2019, 19,99 Euro.

Zeit des Verrats: Der dritte Band aus Sabine Eberts großem Barbarossa-Epos

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