Christoph Links war selbst Verleger. 1989 war er einer der Ersten, der die neuen Möglichkeiten nutzte, einen Verlag zu gründen. Schon in den 1990er Jahren beschäftigte er sich intensiv mit dem „Schicksal der DDR-Verlage“. Ergebnis war damals das gleichnamige Buch. Aber dabei stolperte er auch über die Tatsache, dass es zum Ende der DDR nur noch 78 Verlage gab. Und das, obwohl ursprünglich einmal mindestens 230 eine Lizenz erhalten hatten. Was war mit den ganzen anderen Verlagen passiert? Warum waren sie verschwunden?

In der DDR gab es ja eigentlich keine Konkurrenz. Alles war durchgeplant. Über Papierkontingente wurde zentral entschieden. Bücher brauchten eine Druckgenehmigung. Da konnte verlegerisch eigentlich nichts schiefgehen. Aber das Thema ließ Christoph Links nicht los. 2006 veröffentlichte er einen ersten Bericht zum Thema. Nachdem er seinen Verlag an den Aufbau Verlag abgeben konnte, hatte er Zeit, sich tiefer in das Thema und die verfügbaren Archive in 35 Städten zu vertiefen.

Welche Verlage er dort suchen musste, wusste er ja. Die Namen waren seit der Lizenzierung durch die SMAD ab 1945 und die 1951 folgenden durch die DDR-Behörden bekannt.

Was sich ihm aber bot, war ein Bild wie ein Flickenteppich. Die Verlage verschwanden auf die vielfältigste Weise aus dem Land. Auch wenn eine Kraft dahinter immer sichtbar war: die Absicht der SED-Führung, die Verlagslandschaft in der DDR drastisch zu reduzieren, zu vereinheitlichen und zentral steuerbar zu machen. Das war schon ein Novum in der deutschen Geschichte. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik waren damals 2.000 Verlage aktiv. Allein in Leipzig hatte es bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs 300 Verlage gegeben.

Steuern durch Lizenzvergabe

Aber sowohl die sowjetische Besatzungsmacht als auch die entstehenden Verwaltungstrukturen der 1949 gegründeten DDR wollten die absolute Kontrolle über die Verlage und ihren Ausstoß erhalten. Lizenzen wurden also nur nach ganz engen Maßstäben ausgegeben. Links hat sein Buch zu den Forschungsergebnissen mit einem ausführlichen Essay versehen, in dem er schildert, wie die Verlagslandschaft in der sowjetischen Besatzungszone und anschließend in der DDR entstand, und wie zwei Drittel der ursprünglich mit einer Lizenz beglückten Verlage dann nach und nach wieder verschwanden.

Die meisten schon 1951, als das damalige Amt für Literatur und Verlagswesen (aus dem später die berüchtigte Hauptverwaltung Verlage hervorging) alle Verlage in der DDR neu lizenzierte. Schon da erhielten dutzende Verlage, die noch von der SMAD eine Lizenz erhalten hatten, keine neue. Von zuvor lizenzierten 150 Verlagen blieben nur noch 75 übrig.

Einige wurden mit anderen staatlichen bzw. Parteiverlagen fusioniert, ihr Programm wurde aufgeteilt. Dabei war es völlig egal, ob man es mit Verlagen zu tun hatte, die auf eine 100-jährige Verlagsgeschichte zurückschauen konnten, oder mit Verlagen, die nach 1945 frisch gegründet worden waren. Dazu kam, dass viele Verleger, die mit den Publikationsmodalitäten im SED-Staat unzufrieden waren oder gar ihren Leserstamm im Westen hatten, auch in der Zwischenzeit ihre Arbeit im Osten beendet hatten und in den westlichen Besatzungszonen einen Neuanfang wagten.

Und diese Unzufriedenheit ließ auch nach Gründung der DDR nicht nach. So manch gestandener Verleger, der eigentlich im Osten bleiben wollte, gab nach Jahren des Gezerres um Druckgenehmigungen und Papierzuweisungen auf. Mancher hatte zuvor schon eine Lizenz in einer der drei westlichen Besatzungszonen beantragt. Da war der Wechsel leichter und aus dem westlichen Ableger wurde die Hauptniederlassung.

Privatverlage im Visier

Aber noch etwas sorgte regelrecht für ein geradezu „natürliches“ Sterben von Verlagen. Denn die Lizenz wurde an die Person des antragstellenden Verlegers gebunden. Wenn der – z. B. aus Altersgründen – nicht weitermachen wollte, konnte er die Lizenz nicht vererben. Dann konnte er den Verlag in der Regel nur den staatlichen und Parteiverlagen zum Kauf anbieten und froh sein, wenn so ein Kauf zustande kam. Aber mit der eigenständigen Verlagsexistenz war es in jedem Fall vorbei.

Aber nach und nach wird eben auch deutlich, wie das Verlagswesen in der DDR auch in den Folgejahren immer weiter „profiliert“ wurde, wie Christoph Links schreibt. Das konnte auch die Verlagsgründungen von getreuen Genossen treffen oder Verlage wie Volk und Buch, die die Buchlandschaft der frühen Jahre mitgeprägt hatten. Den letzten Schlag versetzte dann die Enteignungswelle von 1972, als Erich Honecker aus Moskau den Parteiauftrag erhalten hatte, die Reste des Privateigentums in der DDR zu beseitigen.

Was im Verlagswesen eben bedeutete, dass die noch verbliebenen Verlagseigner nun endgültig vor die Wahl gestellt wurden, zu verkaufen oder den Verlag zu schließen. Und da ging es nicht um Peanuts. Mancher dieser „kleinen“ Verlage war spezialisiert und produzierte auch Druckware, mit der die DDR im Westen Devisen einhandeln konnte.

Aber im Verlauf der Zeit verschwanden eben auch Verlagsnamen, die geradezu DDR-typisch waren – wie der VVN-Verlag oder Seven Seas Publishers.

150 Verlage im Porträt

Christoph Links belässt es freilich nicht bei einem ausführlichen Essay, der beschreibt, wie Verlage in der DDR verschwanden, sondern hat zu jedem der recherchierten Verlage auch ein eigenes Verlagsporträt geschrieben, in dem er natürlich auch den Weg des Verschwindens nachzeichnet. Und darunter sind dann eben auch eine ganze Reihe Leipziger Verlage, wie Abel & Müller (um einfach mal vorn im Alphabet zu beginnen), der vor allem naturwissenschaftliche Bücher verlegte, 1983 aber seine Arbeit einstellen musste, weil der Lizenzinhaber aus Altersgründen nicht mehr weitermachte.

Zuletzt hatte der Verlag auch noch erfolgreich Kinder- und Jugendbücher verlegt. Zu den Autor/-innen gehörten z. B. Erich und Inge Gürtzig und Ruth Kraft, die in der DDR-Jugendliteratur einen Namen hatten.

Sie wechselten dann gezwungenermaßen zu anderen Verlagen. 1988 noch verschwand der Rudolf Arnold Verlag. 1952 wurde der Johannes Asmus Verlag gelöscht, weil der Verleger entnervt aufgegeben hatte und in den Westen gewechselt war. Und ein echtes Politikum war der Verlust des Karl Baedeker Verlags, der schon von der SMAD keine Lizenz mehr erhalten hatte.

Dabei war Leipzig über ein halbes Jahrhundert der Stammsitz von Baedeker gewesen. Als 1943 das Grafische Viertel bombardiert wurde, gingen freilich auch die dort lagernden Bestände und das Verlagsgebäude von Baedeker in Flammen auf. Das kann man in Bezug auf Leipzig immer mitdenken. Viele Leipziger Verlage verschwanden quasi im Flammenwirbel der Bombennacht. Nur ein Bruchteil wagte dann nach dem Krieg ohne diese wertvollen Bestände den Neuanfang.

So wie der Verlag Otto Beyer, der 1946 enteignet wurde und später im Verlag für die Frau aufging. Im Handelsregister war Otto Beyer schon 1949 gelöscht worden. Und so geht es Bild für Bild durch alle 150 Verlage, die Christoph Links namhaft machen konnte und die noch in der DDR-Zeit wieder verschwanden. Allein 27 darunter aus Leipzig.

Kontrolliert und gesteuert

Manchmal landeten dann die oft gut eingeführten Buchreihen in den diversen staatlichen Verlagen. Und ein Effekt war ja durchaus beabsichtigt: Wenn weniger Verlage das lesehungrige Publikum bedienten, konnten sie auch mit höheren Auflagen deutlich höhere Gewinne einfahren. Die wurden zwar staatlicherseits abgeschöpft. Aber die verbliebenen DDR-Verlage waren eben größtenteils profitabel.

Was durchaus ermöglichte, dass qualifizierte Lektorinnen und Lektoren beschäftigt werden konnten. „Bei all den zentralstaatlichen Regelungen verblieb den Verlagen ein eigener Spielraum für konzeptionell-inhaltliche, literarisch-künstlerische und gestalterische Arbeit, sodass viele Bücher entstanden, die den Staat deutlich überlebten“, stellt Christoph Links fest. Aber er betont auch: „Deren Zahl könnte noch wesentlich größer sein, wenn nicht im Lauf der Jahrzehnte so viele Verlage verschwunden wären.“

Und dazu kam nun einmal, dass es letztlich die staatlichen Behörden waren, die das Profil der verbliebenen Verlage bestimmten und mit Druckgenehmigungen und Papierzuteilungen steuerten, welche Bücher zu Bestsellern werden durften und welche erst gar nicht erscheinen sollten. Kontrolle und Steuerung attestiert Links dem durch den SED-Staatsapparat zurechtgestutzten Verlagswesen in der DDR.

Wie krass das Verhältnis der verbliebenen Verlage zur Vorgkriegslandschaft im Osten war, macht allein die Zahl 78 deutlich. 78 Verlage, die 1989 dort aktiv waren, wo vor dem Krieg 1.000 gezählt wurden. Von diesem Aderlass hat sich der Osten nie erholt. Von 1.528 Verlagen, die 2023 Mitglied im Börsenverein waren, stammten nur 283 aus den neuen Bundesländern (mit Berlin).

Wobei man einschränken muss: Es gibt auch viele kleine Verlage, die nicht Mitglied im Börsenverein sind. Die Landschaft ist heute deutlich bunter als noch 1989.

Lücken in den Archiven

Aber wie die SED-Führung von 1949 dafür sorgte, die Verlagslandschaft in der DDR auszudünnen und unter Kontrolle zu bringen, das ist für die deutsche Verlagsgeschichte einmalig. Es zeichnet aber eben auch ein Bild davon, wie sich die Funktionäre in Berlin (nach dem Moskauer Vorbild) eine zentral gelenkte Verlagslandschaft vorstellten, in der sie alles, aber wirklich alles unter Kontrolle hatten. Dass sie dabei ambitionierte Verleger oft genug entmutigten und außer Landes trieben oder gar bekannte Traditionsverlage einfach im Nirwana verschwinden ließen, gehört zur Tragik in dieser Geschichte, die Christoph Links in jahrelanger Recherche jetzt einmal gründlich aufgearbeitet hat.

Mit Lücken, wie er selbst betont, weil selbst in den Archiven, die ihm freundlich zugänglich gemacht wurden, nicht alles erhalten ist. Trotzdem dürfte es für manche Bücherliebhaber eine erhellende Geschichte sein, die Links hier aufgeschrieben hat.

Und für manchen ein Aha-Erlebnis, wenn er in seiner ererbten Bibliothek über Verlagsnamen gestolpert ist, die mit der bekannten DDR-Verlagslandschaft irgendwie nicht in Deckung zu bringen waren, weil es den Verlag – aus den verschiedensten Gründen – einfach nicht mehr gab. Den Uta-Verlag aus Naumburg etwa oder den Petermänken-Verlag aus Schwerin, den sogar der linientreue Schriftsteller Willi Bredel noch mitgegründet hatte, dann aber – auf Geheiß der Partei – schließen musste.

Und so werden eben auch sehr konkrete Verlegerschicksale sichtbar. Und die simple Tatsache: Bei Büchern geht es immer um Menschen, die ihr Herzblut hineinstecken. Und Verlegerinnen und Verleger gehörten auch in der DDR-Zeit immer dazu.

Christoph Links „Verschwundene Verlage“ Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 35 Euro.

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