Wasser, Wasser, Wasser. In Passau führen fast alle Wege ans Wasser, an die Donau, den Inn oder die Ilz. Manchmal kommt das Wasser auch einfach so in die Stadt und überschwemmt die malerischen Altstadtgassen. An mehreren Stellen sind die Höchstwasserstände vergangener Hochwasser an die Hauswände gezeichnet. Passau lebt mit dem Wasser. Schon seit über 2.000 Jahren, als die Römer hier waren und grimmig hinüberschauten ins wilde Germanien.
Mit Christina Meinhardt kann man die Drei-Flüsse-Stadt kurz und knackig an einem Tag erkunden. Dazu muss man sich ja keine 30-Grad-Tage aussuchen und auch keine Hochwassertage. Eher sanfte Sommertage, an denen die Altstadtgassen hübsch im Schatten liegen und man Höllgasse, Bräugasse und Residenzplatz in aller Gemütlichkeit erkunden kann. Denn für gewöhnlich laufen die Uhren hier etwas langsamer. Geruhsamer. Die Stadt ist geprägt von der langen Zeit als Bischofssitz, wenn man architektonisch auch eher nur die letzten 400 Jahre sieht. Ein großer Stadtbrand spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle.
Die Fundamente liegen tiefer. Und wer ein wenig im „Nibelungenlied“ bewandert ist, weiß, dass der legendäre Dichter des Nibelungenliedes mit höchster Wahrscheinlichkeit am Hof des Passauer Bischofs lebte, die Reisegesellschaft, die an den Hof von König Etzel reiste, extra auch hier Station machen ließ. Bevor es dann ins blutige Verhängnis ging. Rache kann so bekloppt sein.
Aber heute erinnert natürlich nichts mehr an die Zeit von Bischof Wolfgang von Erla, der wohl Auftraggeber für das „Nibelungenlied“ war. Ein paar (jüngere) Gemälde im Alten Rathaus vielleicht, die man im Großen Rathaussaal besichtigen kann.
Zwischen Flüssen
Im ersten Teil des Rundgangs läuft man im Grunde im großen Bogen um den die Stadt überragenden Dom St. Stephan herum, auch wenn man ihn erst als Station Nr. 24 erreicht, nachdem man das Scharfrichterhaus, das Kloster Niedernburg und das Dreiflusseck passiert hat. Das ist jene – sogar künstlich aufgeschüttete – Spitze, an der man den Zusammenfluss von Donau und Inn am besten betrachten kann.
Und die übliche Rätselfrage erörtern darf, warum der Fluss ab hier nicht Inn heißt, sondern Donau. Was natürlich mit der tatsächlichen Wassermenge zu tun hat (die Donau ist deutlich tiefer) und mit der schon zurückgelegten Strecke, die das Wasser der beiden Flüsse nahm.
Von hier sieht man auch die deutlich kleinere Ilz zufließen, direkt an der Veste Niederhaus, die einstmals zur bischöflichen Veste Oberhaus gehörte. Doch Oberhaus kann man besichtigen, Niederhaus nicht. Und Oberhaus wird für eingefleischte Rebellen interessant, denn hierher flüchtete der Bischof immer dann, wenn die Bürger von Passau rebellierten – zum Beispiel, weil sie gern die Reichsfreiheit für ihre Stadt haben wollten. Aber den Bischof wurden sie einfach nicht los.
Den ganzen Komplex Oberhaus, Niederhaus und Ilzstadt hat Christina Meinhardt quasi als Dreingabe ans Ende des Rundgangs gepackt. Für alle, die gern noch ein paar Tage dranhängen in so einer angenehmen Stadt zwischen den Flüssen.
Auf der Römerseite
Während der Ausflug über den Inn hinüber zur Innstadt mit zum Programm gehört. Ein Programmteil, den man nicht verpassen sollte, wenn man sich wirklich für die Geschichte Passaus oder der Castra Batava, wie es bei den Römern hieß, interessiert. Denn jenseits des Inn liegt nicht nur die Wallfahrtskirche Mariahilf mit der Kopie des Gnadenbildes „Mariahilf“ von Lucas Cranach d. Ä., sondern auch das Römermuseum Kastell Boiotro, in dem die Geschichte des Donaulimes lebendig wird. Hier sind auch die ausgegrabenen Reste des Römerkastells zu sehen.
Und wenn man dann noch das Severinstor (das zur alten Passauer Stadtbefestigung gehört) und die Kirche des Heiligen St. Severin passiert hat, hat man ein absolutes Fußgänger-Erlebnis, wenn man über den 1916 gebauten Fünferlsteg wieder hinüber zur Altstadt geht. Ein Steg, den sich die Passauer Bürger selbst finanzierten und jahrzehntelang brav Brückenzoll zahlten, bis die Stadt Passau sich endlich bemüßigt fühlte, den Steg in ihre Hoheit zu übernehmen. Fußgänger wurden schon früher nicht so wirklich ernst genommen.
Und dabei sieht man diese alten Städte gerade aus der Fußgängerperspektive am besten. Auch was die Majestät oder Missglücktheit von Bauwerken betrifft, denn nachdem man auch noch den recht jungen Universitätscampus passiert hat, landet man auf der letzten Station des Rundgangs ausgerechnet in der Neuen Mitte. Mit modernen Bauten, über die sich natürlich streiten lässt. Sind sie geglückt? Oder haben Bauherr und Architekt einfach zu tief ins Glas geschaut beim Vertragsabschluss?
Das weiß man ja nicht. Man spürt es aber, wenn man nach einer langen, schönen Stadtwanderung an so einem Ort landet – sich wohlfühlt mit dem Ort oder das flaue Gefühl hat, dass man vielleicht doch lieber schleunigst hinüber in die Altstadtgassen geht und sich ein gemütliches Kneipchen sucht, vielleicht sogar mit Flussblick, um bei einem Gläschen Wein die Jahrhunderte vorüberfließen zu sehen.
Christina Meinhardt „Passau“ Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 7 Euro.
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