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Darmstadt an einem Tag: Landgrafenresidenz, Lichtenbergs Schule und ein Berserker als Mahnung

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    Langsam tauchen wir wieder auf aus dem langen Lockdown-Daheimbleiben, dürfen wieder hinausschnuppern in die Welt. Vielleicht nicht gerade die große weite, wo man eh befürchten muss, dass einen ein durchgeknallter Diktator vom Himmel holt. Aber in die kleine. Zum Beispiel nach Darmstadt, was wahrscheinlich sicherer ist als Ostsee und Alpen, wo sich wieder alle drängen werden in der unerschütterlichen Überzeugung, dass die anderen alle woanders sind.

    Und natürlich muss einen jemand auch erst einmal auf die Idee bringen, ausgerechnet nach Darmstadt zu fahren. Waren wir nicht gerade erst in Frankfurt und Tübingen? Aber Andrea Reidt erzählt in diesem neuen Stadtführer, warum es sich vielleicht lohnt, in die Stadt am Darmbach zu fahren, den man freilich nicht mehr sieht. Den haben die Darmstädter genauso unter die Erde versenkt wie die Leipziger die Rietzschke.Also kein Bach, kein Fluss und kein Hafen in Darmstadt. Dafür jede Menge alter Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt. Ist ja nicht so, dass nur in Thüringen und Sachsen-Anhalt lauter Kleinfürsten residierten in zuweilen durchaus ansehnlichen Schlössern und Schlösslein. Das haben auch die Hessen fertigbekommen.

    Sodass auch Darmstadt lange Zeit Residenzstadt war. Das Residenzschloss ist die Nummer 18 auf der Route, die Andrea Reidt ausgekundschaftet hat, um Neugierige durch die Stadt zu lotsen – zumindest bis zur Nummer 31, dem Mathildenplatz. Denn danach gibt es noch eine Extra-Tour über die Mathildenhöhe mit der Künstlerkolonie Darmstadt, die auf der Vorschlagsliste für das UNESCO-Weltkulturerbe steht. Das ist ein architektonisches Kleinod, das durchaus Seinesgleichen sucht.

    Aber natürlich kann man auch auf dem Spaziergangsteil durch Darmstadts Innenstadt staunen, bewundern und vergleichen. Hat Darmstadt nicht genau das rekonstruierte Jugendstil-Stadtbad, um das Leipzig nun seit Jahren ringt? Wäre das nicht ein Mutmacher für alle Freunde historischer Jugendstilbäder? Oder zieht es einen doch eher in die Porzellansammlung im Prinz-Georg-Palais oder in den stilecht wieder angelegten Prinz-Georg-Garten?

    Oder doch eher ins Hessische Landesmuseum, in dem man haufenweise Fundstücke aus der nur neun Kilometer entfernten Grube Messel bestaunen kann, die seit 1995 Weltkulturerbe ist, weil nirgendwo sonst so viele gut erhaltene Fossilien aus der Zeit vor 45 Millionen Jahren gefunden wurden und werden?

    Oder zieht es einen doch eher ins Schlossmuseum, wo man die Pracht vergangener Zeiten in ihrer Schönheit bestaunen kann? Im Herrngarten kann man sogar mit Karoline von Pfalz-Zweibrücken einer jener Frauen begegnen, die Goethe einst bewunderte. Kein Wunder, dass die Darmstädter nahebei sogar ein eigenes Goethe-Denkmal aufgestellt haben.

    Wobei wohl eher ein anderer Knabe für den Darmstädter Witz steht: Georg Christoph Lichtenberg, jener berühmte Physiker, der hier geboren wurde und das Pädagog besuchte und dessen Sudelbücher sein Bruder nach Georgs Tod veröffentlichte. Wollte das Georg eigentlich? Aber uns würde natürlich etwas fehlen, ohne diesen Burschen mit seiner ernsthaften Ironie und seinen „hingesudelten“ Aphorismen.

    Mit dem Chemiker Justus Liebig und dem unvergleichlichen Georg Büchner („Woyzeck“) hat diese Schule noch zwei andere berühmte Schüler zu bieten. Wobei ausgerechnet Georg Büchner ja seine Herrschaften in Angst und Schrecken versetze mit seiner Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ (Komisch, dass man dabei sogar an heutige Schlachten auf dem Wohnungsmarkt denken kann …) Dass Georg Büchner freilich auch eine berühmte Schwester hatte, erfährt man auf dem Rundgang genauso wie die Herkunft des Pharma-Konzerns Merck aus einer Apotheke in Darmstadt.

    Es lohnt sich also tatsächlich, auch mal diese hessische Stadt kennenzulernen, wo man schon 1989 wusste, dass auf Deutschlands Straßen wieder vermehrt die Ewiggestrigen versuchen, mit Gebrüll und Angstmache die Zeit zurückzudrehen. Auf dem Marktplatz steht die Figur des „Berserkers“, in der der Bildhauer Waldemar Grzimek die „Bedrohung durch die ewig Marschierenden“ dargestellt hat.

    Heute müsste man wohl auch noch einen bulligen Typen im Maßanzug daneben stellen, denn die Typen haben sich ja derweil wieder in die Parlamente vorgearbeitet. Sie geben sich wieder brav und bieder und verschicken ihre Drohungen per E-Mail. Aber man sieht ja: Den Hessen geht es auch dabei wie den Sachsen. Die meisten sind friedlich und wissen sehr wohl, dass man vor den Ewiggestrigen nie genug warnen kann. Aber irgendwie wird man die Typen nicht los.

    Dass die Leute in Darmstadt bei dem Thema aufmerksamer sind als manche anderswo, liegt auch daran, dass das kleine Darmstadt mit seinen knapp 160.000 Einwohnen gleich zwei große Hochschulen hat, die TH mit 26.000 Studierenden und die Hochschule Darmstadt mit 16.000. Entsprechend imposant sind dann auch die jüngeren und älteren Hochschulgebäude in der Innenstadt.

    Und wenn man auch noch erfährt, dass mehrere Einrichtungen der Europäischen Weltraumagentur ESA hier zu Hause sind, darf man durchaus neidisch werden. Genauso wie auf das Darmstadtium, das nicht nur das Helmholtzzentrum zur Schwerionenforschung beheimatet. So ist auch das in Darmstadt entdeckte Element Nr. 110 benannt.

    Ganz schön viel los in dieser alten Residenzstadt, von der nach den schweren Bombardements von 1944 fast nichts übrig blieb. Aber die Darmstädter haben zumindest die prestigeträchtigen Gebäude fast alle wieder aufgebaut, sodass die Stadt durchaus auch heute noch ihre Herkunft zeigt.

    Sogar mit Teilen der Stadtmauer, einigen alten Türmen, auf die es sich zu klettern lohnt, und einer vom Autoverkehr freigeräumten Innenstadt. Eigentlich ein schönes Beispiel dafür, dass eine City auch ohne Pkws funktioniert. In Halle kämpft ja gerade wieder die alte Autolobby gegen den innigen Wunsch der Hallenser, ihre City endlich autofrei zu bekommen.

    Natürlich hatte die Autofreiheit in Darmstadt einen Preis: Der Kraftverkehr wird in einem großen Tunnel unter der Stadt hindurchgeführt. Aber wahrscheinlich geht es ohne die unterschiedlichsten Ansätze nicht, irgendwann mal wirklich zu Städten zu kommen, wo Straßen und Plätze wieder den Menschen gehören. Spazierenden Menschen zum Beispiel, die einfach ohne Angehuptwerden die Sehenswürdigkeiten vor Ort erkunden wollen.

    Andrea Reidt; Mark Lehmstedt Darmstadt an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2021, 6 Euro.

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      1 KOMMENTAR

      1. Die TH Darmstadt hat sich schon vor einigen Jahren leider in TU Darmstadt umbenannt – mit dem beknackten Argument, sonst mit den THs der DDR in einen Topf geschmissen zu werden.

        Autofreie Innenstädte sind im alten Westen der Normalfall, selbst in Städten mit 50000 Einwohnern. Ausnahmen muss man suchen – zB Offenbach am Main. Leipzig ist 30 Jahre hinterher und sollte sich mit Offenbach verschwistern, denn unfähige Verkehrsämter haben beide Städte. Der zentral gelegene Marktplatz in Offenbach wird gerade umgebaut, aber danach soll immer noch Autoverkehr durchfließen!

        In der Innenstadt von Darmstadt kann man sich richtig verlaufen, und da hat man auch nicht plötzlich eine Stoßstange in den Kniekehlen. Kein Vergleich mit Leipzig mit seinen zwei autoreduzierten Straßen…

        Wäre Leipzig im Westen geblieben, so wäre gerade diese kompakte Innenstadt auch längst autofrei. Ohne so komische Sachen wie Autoverkehr auf dem Neumarkt, x Parkhäuser und Tiefgaragen, Tempo 50 auf der Goethestraße. Und die Straßenbahn würde noch durch die Innenstadt fahren – mit leisen Fahrzeugen auf guten Fahrbahnen wie in anderen Städten auch.

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