Heidelberg an einem Tag: Die Neckarstadt mit der berühmtesten Burgruine Deutschlands

Für alle LeserWohin fährt man eigentlich jetzt in den Urlaub, wenn so viele Urlaubsländer noch immer mit den Nachwirkungen von Corona zu kämpfen haben? Oder selbst dann, wenn sie wieder einladen wie Italien, dort aber mit einem riesigen Ansturm der befreiten Touristen zu rechnen ist? Vielleicht sollte man die seltene Chance nutzen, einige deutsche Städte zu besuchen, die sonst von ausländischen Besuchern überlaufen sind. Heidelberg zum Beispiel.
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Die Stadt am schönen Neckar hat ja ihren Ruf weg, vor allem als romantische Kulisse für schöne Studentengeschichten. Die Universität ist eine der ältesten in Deutschland und prägt die Stadt natürlich, ihre Atmosphäre und das Leben auf der langen Hauptstraße, wo sich auch graugelockte ältere Semester noch einmal jung fühlen dürfen, so wie man sich fühlt, wenn man noch alles vor sich hat: Doktortitel, Karriere, Nobelpreis. Jedenfalls irgendetwas, was einen stolz macht, wenn man als berucksackter Tourist wiederkommt und inwendig weiß, dass man was geschafft hat.

Bestimmt sind Robert Bunsen, Hermann von Helmholtz, Karl Jaspers und Georg Wilhelm Friedrich Hegel so durch diese Stadt gelaufen, als sie hochberühmt mal wieder vorbeikamen oder selbst die begehrten Professorenstellen besetzten. Wer Universitätsstädte besucht, kommt an den Geistesgrößen gar nicht vorbei. Selbst dann nicht, wenn Hegel und Jaspers einem eigentlich fremd geblieben sind. Wenn man vielleicht lieber den Studienort eines Philipp Melanchton besucht oder das Haus, in dem Friedrich Ebert als Kind lebte, das heute ein Museum ist.

Ein Museum? Ja. Man sollte also vielleicht doch nicht versuchen, dieses Heidelberg an einem Tag zu erledigen. Auch wenn Andrea Reidts ausgewählter Rundgang so einen Sprint durch die einstige Residenzstadt der Kurpfalz möglich macht. Wenn man die Bergbahn benutzt, um auf den Königsstuhl zu kommen, könnte man es schaffen. Wenn man lieber hinaufwandert, wird’s schon eng.

Bei Untrainierten auch mit der Puste. Aber gerade dann lohnt sich der Aufstieg. Dann ist die Aussicht vom berühmten Schloss eine echte Belohnung. Ein Schloss, das an ein Ereignis erinnert, das den meisten nicht mal im Geschichtsunterricht begegnet ist, obwohl es ein nicht unwichtiges Ereignis in der deutschen Geschichte war: der (kur-)pfälzische Erbfolgekrieg.

Angezettelt von keinem Geringeren als dem französischen König Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“, der die riesige Chance witterte, nach dem Aussterben der Kurfürsten in Kurpfalz ein bisschen mitmischen zu können in der innerdeutschen Geplänkelküche und sich vielleicht auch noch ein paar hübsche Ländereien anzueignen. Angefangen hatte alles eigentlich zwei Generationen vorher mit dem berühmten „Winterkönig“, Friedrich V. von der Pfalz, dem absoluten Pechvogel des Dreißigjährigen Krieges, den er mit seinen kühnen Ambitionen auf die böhmische Königskrone erst so richtig ins Rollen brachte.

Und der damit auch das Tor sperrangelweit öffnete, dass Frankreich in dem ganzen Kriegstohuwabohu ordentlich mitmischen konnte. Denn um bestehen zu können, brauchten die ganzen kleinen deutsche Fürsten starke Kriegspartner mit viel Geld und Soldaten. Frankreich war einer der stärksten. Und Friedrichs Sohn Karl I. Ludwig versuchte diese hübsche Partnerschaft dadurch zu festigen, dass er seine Tochter Liselotte ins französische Königshaus verheiratete. Ja, eben jene Liselotte von der Pfalz, die durch ihre deftigen Briefe bis heute berühmt ist.

Das alles erzählt Andrea Reidt natürlich für alle, die sonst allein wegen des riesigen Weinfasses aufs Heidelberger Schloss geklettert wären. Ein Schloss, das ja seit den Verwüstungen durch die Franzosen eine Ruine ist. Die wohl berühmteste Burgruine Deutschlands. In Sachsen hätte man das Schmuckstück wieder ordentlich aufgebaut, wie sich das gehört. Aber Heidelberg hatte mit Charles de Graimberg schon im 19. Jahrhundert einen Denkmalpfleger, der von solchen Neuerrichtungen nicht viel hielt, obwohl in diesem Jahrhundert alle großen Fürstenhäuser ihre alten Burgen wieder aufpäppelten.

Aber er meinte, es wäre historisch korrekter, die Burg in ihrem zerstörten Zustand zu belassen. Sodass man heute beim Wandeln zwischen Dickem Turm, Ruprechtsbau und Friedrichsbau die ganze Zeit an die sprengwütigen Franzosen denken muss, ein bisschen auch an den glücklosen „Winterkönig“ und natürlich an Liselotte. Was nicht bedeutet, dass man da oben nur lauter Ruinen sieht. Das Schloss beherbergt das wohl eindrucksvollste Apothekenmuseum Deutschlands.

Hier finden die Heidelberger Schlossfestspiele statt. Vielleicht 2021 wieder, kann man zumindest hoffen. 2020 fallen sie erst mal aus. Und auch im gerade so schön modernisierten Stadttheater unten in der Stadt am Theaterplatz ist vorerst einmal Spiel- und Sendepause. Auch die Heidelberger wissen nicht, ob sie im Herbst wieder losspielen können.

Während ja die Museen und Ausstellungen unter Hygiene-Auflagen wieder geöffnet sind, auch die am Neckar. Es kann also ein recht ruhiger und beschaulicher Ausflug werden, gern gespickt mit einem Ausflug in den berühmten Karzer der Universität, ins deutsche Verpackungsmuseum und ins Haus Cajeth mit seiner Ausstellung „Primitiver Malerei“. Zwischendurch lohnt sich immer wieder ein Abstecher zu einer der berühmten Gaststätten auf der Hauptstraße oder zum Brückentor auf der alten Brücke, von der man so schön auf Neckar, Schloss und Stadtkulisse schauen kann und dabei an Mark Twain denken darf, den berühmtesten aller Besucher.

Er war 1878 hier und hat seine Heidelberger Erlebnisse in „A Tramp abroad“ festgehalten. Deswegen nimmt man sich zur Heidelberg-Fahrt am besten den „Bummel durch Europa“ mit, den jeder weltgereiste Mensch natürlich zu Hause im Regal stehen hat.

Es ist eine durchaus amüsantere Lektüre als etwa Hegel oder Jaspers. Und wenn man mit der Weißen Flotte auf dem Neckar fährt, ist man Twain sowieso viel näher als all den Philosophen, für die Deutschland so schrecklich berühmt ist (Max Weber hab ich ja glattweg vergessen), genauso wie für unsere gefühlsüberschäumenden Dichter, von denen einige sich auch in Heidelberg trafen. Um einen kommt man gar nicht herum, weil nach ihm gleich noch der schönste Blick auf das romantische Städtchen benannt wurde: Victor von Scheffel.

Zu seiner Zeit hochberühmt. Damals, als man noch in altdeutscher Romantik schwelgte und Schlossruinen einfach märchenhaft fand.

Twain sah die ganze Sache aus der entgegengesetzten Perspektive und schrieb dafür diese hübschen und treffenden Sätze: „A ruin must be rightly situated, to be effective. This one could not have been better placed.“

Pech für alle Städte, die keinen ordentlichen Berg haben, auf den sie eine gut sichtbare Burgruine setzen können. Schon deshalb lohnt sich die Reise nach Heidelberg. Gerade jetzt, bevor die großen Flieger wieder landen mit den Touristenmassen aus aller Welt.

Andrea Reidt Heidelberg an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2020, 6 Euro.

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