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„Mainz an einem Tag“: Mit Narren, Römern und Jakobinern im 2.000-jährigen Mainz

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    Städte können richtig unlogisch sein. So wie Mainz, bei dem eigentlich schon vier Namen genügen, um die ganze Widersprüchlichkeit dieser 2.000 Jahre alten Stadt auf den Punkt zu bringen: Schinderhannes, Jockel Fuchs, Georg Foster und Gutenberg. Und da sind die Mainzelmännchen noch gar nicht dabei, die einen daran erinnern, dass das ZDF hier in Mainz auf dem Berge sitzt.

    Jockel Fuchs ist der legendäre, beliebte und volksnahe Oberbürgermeister von Mainz, dessen Namen die Ostrheinischen in der Regel zu hören bekamen, wenn wieder Fastnachtsumzug war und sich tausende Narren durch die Mainzer Straßen wälzten, alles ja breit und ausführlich seit über 50 Jahren im Fernsehen übertragen. Der Mainzer Umzug gehört zu den Dauerbrennern im deutschen Fernsehen und hat jahrzehntelang auch das Bild nicht nur von rheinischer, sondern auch von deutscher Fröhlichkeit geprägt. Auch wenn das – so aus sächsischer Perspektive – immer sehr exotisch wirkte.

    Aber auf diesen exotischen Aspekt ihres seit 1839 gepflegten Karnevaltreibens sind die Mainzer natürlich stolz. Denn was heute so brav und bürgerlich wirkt, hat seinen Ursprung ja mitten in der Metternich- und Preußen-Zeit, als Spott und Spaß dem Volke eigentlich verboten waren. Und wenn dem Volke etwas verboten ist und auch noch mit verkniffener Amtsmiene durchgesetzt wird, dann trinkt sich das Volk erst mal eine rote Nase an, rauft sich zu Haufen zusammen und randaliert trotzdem durch die Gassen, bis sich die pikierte Obrigkeit keinen Ausweg mehr weiß und die Karnevalsumzüge als Ventil erlaubt.

    Das Ganze hat also mittlerweile eine 180-jährige Geschichte, die längst auch ein ganzes Museum füllt. Ein Grund, nach Mainz zu reisen. Natürlich. Während Liebhaber der Schwarzen Kunst natürlich wegen Gutenberg hinreisen, der hier wohl den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand und dann gleich mal die Bibel druckte. Der Mann steht mehrfach am Wanderweg – so, wie wir ihn uns vorstellen heute: mit Bart und Barett. Dabei gibt es kein authentisches Bildnis von ihm. Dafür natürlich ein Museum, das an die große Geschichte seiner Erfindung erinnert.

    Und Schinderhannes? Ist das nicht genauso eine legendäre Gestalt wie der sächsische Stülpner Karl? So ungefähr. Nur dass der Stülpner wohl nicht ganz so brutal war. In Mainz kann man die Orte bewundern, wo der Schinderhannes eingesperrt war und wo er verurteilt wurde. Den Weg in die Geschichten und Legenden hat er trotzdem geschafft.

    Und Georg Forster? Den kennt eigentlich jeder, der sich mit der Geschichte der naturwissenschaftlichen Expeditionen beschäftigt hat, denn er war noch weit vor Humboldt der bekannteste Naturforscher aus deutschen Landen. Am Ende aber war er dann auch noch Mainzer Jakobiner und Vize-Präsident des Mainzer Nationalkomitees. Deswegen darf es durchaus verblüffen, dass das Alte Zeughaus in Mainz nicht so berühmt ist wie die Paulskirche in Frankfurt.

    Denn im Zeughaus tagte 1793 wirklich das erste deutsche Parlament. Forster trug der damals noch bewunderten Republik Frankreich die Vereinigung an. Und sorgte wohl damit dafür, dass die Preußen kamen und dem Nationalparlament im Rheinland ein Ende bereiteten. Forster musste fliehen. Später kam zwar Napoleon, aber der interessierte sich nicht die Bohne für Republiken, dafür für prächtige Straßen für Militäraufmärsche. Womit sich der Bogen schließt, denn diese Napoleonische Prachtallee nutzen heutzutage die Karnevalisten für ihren Umzug.

    Und da haben wir bei diesem Kurztrip noch nicht einmal die römische Geschichte berührt – wie in Xanten und Trier kann man auch in Mainz die gefundenen Überreste der einstigen römischen Provinzhauptstadt Mogontiacum bewundern – in der Römerpassage ist das alles unter Glas zu besichtigen. Und es gibt noch viel mehr davon, wissen die Archäologen – überall unterm alten Mainz, fünf Meter unterm Straßenpflaster der heutigen Hauptstadt von Rheinland-Pfalz. Und als wäre es nicht genug, stehen natürlich auch lauter Kirchen und Dome am Weg.

    Und man begegnet dem berühmtesten Missionar des Landes: Bonifatius, Apostel der Deutschen, wie er gern genannt wird. Obwohl im achten Jahrhundert noch kein Mensch von den Deutschen sprach. Die Sachsen und die Friesen waren die Völkerschaften, die er erst einmal von der Macht des Christentums überzeugen wollte. Eine friesische Räuberbande hat ihn wohl umgebracht. In Mainz steht sein Denkmal. Natürlich auch schön frei erfunden. Die Deutschen sind gut darin, sich ihre Geschichte zusammenzumalen, bis sie schön theatralisch aussieht. Die Narren der Stadt wissen ja, wie das geht. Bei jedem Fastnachtsumzug ist das zu sehen.

    Dass die Mainzer aber dennoch eine gemütliche Seele haben, kann man am Fleiß bewundern, mit dem sie einen Großteil ihrer im 2. Weltkrieg zerschossenen Altstadt wieder akribisch aufgebaut haben. Die Leipziger kennen das ja: Hinterher sieht das alles so schmuck aus, wie es 1.000 Jahre lang nicht ausgesehen hat. Aber es strömt auch Atmosphäre aus. Erst diese liebevollen Restaurierungen – verbunden in Mainz mit einer wirklich mutigen Verkehrsberuhigung – sorgen dafür, dass unsere Innenstädte aushaltbar und anstrebenswert werden. Gerade da, wo es ganz mittelalterlich und fachwerklich aussieht, sind die gemütlichsten Plätzchen, einen Schoppen Rheinwein zu trinken.

    Das ging jetzt alles bunt durcheinander. Aber genauso geht’s auf der Tour zu, die mit dem Hauptbahnhof beginnt, am Fastnachtmuseum Fahrt aufnimmt und an den eindrucksvollen Rheinuferpromenaden nicht wirklich endet. Denn wie dass so ist an so einer geschichtsträchtigen Stadt: Etliches liegt dann doch außerhalb eines Rundgangs, den man an einem Tag schafft – in diesem Fall die Kunsthalle Mainz, die Neue Synagoge, die Zitadelle (Römer!) und – für die Genießer unter uns Wanderern: die Kupferbergterrasse mit dem Kupferberg-Museum. Natürlich: Hier geht’s um Sekt.

    Und wenn man dann noch geradeaus laufen kann, bleiben nur noch das Römische Theater (jawoll, Mainz hat auch eins), das Museum für Antike Schifffahrt (mit echten römischen Galeeren), das Biebricher Schloss und die Rhein-Main-Insel Maaraue, wo man sich abkühlen kann, wenn man auf der Tour zu sehr gehetzt ist.

    Deswegen wohl auch für Mainz der begründete Tipp: Das Wichtigste beschnarchen kann man sehr wohl an einem Tag. Aber für die Einzelheiten sollte man sich doch ein paar Extra-Tage mitbringen.

    Andrea Reidt Mainz an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, 5 Euro.

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