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„Bonn an einem Tag“ – Mit Heine, Beethoven und Willy Brandt beim Vater Rhein

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    Und weiter geht es mit den 2.000 Jahre alten Städten am Rhein. Diesmal Bonn, das seinen 2.000. Geburtstag just im Jahr 1989 feierte. Die Städte am Rhein haben ja Schwein: Die Römer haben oft genug schriftlich festgehalten, was sie da an namhaften Städten und Legionslagern im fernen Germanien gebaut haben – und auch genutzt, durchaus ein paar Jahrhunderte lang. 400 Jahre. Station 24 erzählt davon.

    Station 24 – das LVR-LandesMuseum – ist die letzte Station im ersten Rundgang. Womit Andrea Reidt natürlich auch zugibt, dass auch die 322.000-Einwohner-Stadt Bonn nicht wirklich an einem Tag zu schaffen ist. Wofür es zwei wesentliche Gründe gibt. Der erste ist die enorme Zahl großer und reich gefüllter Museen, die man einfach besucht haben muss. Sie befinden sich – nebst den alten Bonner Kirchen – fast alle im ersten Rundgang.

    Und der zweite Rundgang widmet sich fast ausschließlich dem mittlerweile fast historisch gewordenen alten Regierungsviertel, das heute zum Herzstück eines deutschen Europa-Quartiers geworden ist. Und etliche Ministerien haben auch heute noch ihre Dependancen in Bonn und Regierungsbeamte reisen emsig mit Flugzeug und Bahn hin und her zwischen der alten (provisorischen) Bundeshauptstadt, die sich heute Bundesstadt nennen darf, und der (alten) neuen Hauptstadt Berlin.

    Aber los geht es in Bonn mit Beethoven. Der Komponist empfängt die Spaziergänger gleich vorm Postamt. Sein Geburtshaus liegt natürlich auch an der Strecke. Die große Musikhalle ist als Beethovenhalle weithin berühmt. Und in den Kirchen begegnet man überall den Auftrittsorten, an denen das junge Musikgenie seine Finger übte, bevor es zum berühmten Joseph Haydn nach Wien aufbrach, um das Komponieren zu lernen. Und dann kam Beethoven nicht wieder. Seine berühmten Stücke komponierte er allesamt in Wien.

    Was die Bonner nicht daran hindert, seit 1843 mächtig gewaltige Musikfestspiele in seinem Namen zu zelebrieren. Überhaupt: Man hat ja die ganze Zeit das Bild eines kleinen, piefigen Städtchens vor Augen. So à la Wolfgang Koeppen „Das Treibhaus“. Aber man begegnet einer Stadt, die in manchen Teilen fast wie Frankfurt anmutet – mit berühmten Hochhäusern (Post Tower und „Langer Eugen“), einer berühmten Universität, an der berühmte Leute studiert haben, und dem berühmten Hofgarten, in dem man die Studis liegen und studieren sieht.

    Wo aber auch in den alten Zeiten regelmäßig die Proteste gegen die Regierungspolitik stattfanden – auch der 1968er Marsch auf Bonn. (Das ’68er-Bashing geht ja, wie jeder lesen kann, in allen großen deutschen Zeitungen munter weiter – als müsste der Geist der Rebellion durch eifrige Selbstbezichtigung ausgetrieben werden.)

    Dabei würde Bonn ohne „die 68er“ heute auch nicht so aussehen. Das vergessen unsere Edelfedern in Frankfurt, München und Hamburg gern. 1981 erlebte Bonn auch den größten Protest gegen die Atomkraft – und damit den beginnenden Aufstieg der Grünen. Und damit auch ein anderes Denken über Umweltschutz und Verkehr. Auch die Bonner haben wichtige Plätze in der Altstadt nicht nur emsig wieder aufgebaut, nachdem es auch hier im 2. Weltkrieg ordentlich zur Sache ging, sie haben auch den Verkehr daraus in Teilen verbannt.

    Man kann schlendern und den Tag genießen – auf dem Münsterplatz, auf dem Markt. Freisitze laden ein. Man muss sich ja ausruhen zwischen all den Museumsbesuchen. Was schafft man da an einem Tag? Ägyptisches Museum, Botanischer Garten, Beethovenhaus und LVR-LandesMuseum?

    Bestimmt nicht.

    Und das ist ja nur der erste Rundgang, auf dem man auch dem berühmtesten Studenten der Uni – Heinrich Heine – begegnet und erfährt, dass das Leipziger Super-Liebespaar Robert und Clara Schumann in Bonn begraben liegt auf dem Alten Friedhof. Was selbst Andrea Reidt nicht geschafft hat: das Bonner Schumann-Haus. Bestimmt, weil es sie einfach die ganze Zeit zum Rhein zog, „unserem Vater Rhein“, wie schon Heine schrieb.

    Und da unsere Deutschlandwächter meist nicht wissen, wo so etwas steht: Es steht in Caput V des „Wintermärchens“. Der nach Paris geflüchtete Dichter hat erstmals wieder deutschen (preußischen) Boden betreten und schaut von der Rheinbrücke auf das große Wasser (freilich der Rheinbrücke in Köln): „Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein, / Wie ist es dir ergangen? / Ich habe oft an dich gedacht / Mit Sehnsucht und Verlangen.“

    Vielleicht meinen das ja die beleibten Herren, die immerzu von Deutschland träumen. Eigentlich ist es nur die gute alte Sehnsucht nach dem Rhein und dem ganz und gar nicht so kleinen Bonn.

    Und nach dem zweiten Rundgang, den Andrea Reidt beschreibt, denn der führt durch das Europaviertel, das so nicht heißt, sondern Bundesviertel, wo man vieles, was einst in gemütlichen schwarz-weißen Fernsehtagen mal als Bonner Regierungsmeile zu erahnen war, wiederfindet in moderner Eleganz. Hier hat das „Haus der Geschichte“ seinen Sitz (dessen Leipziger Ableger das Zeitgeschichtliche Forum ist), und hier steht das „Tulpenfeld“, hinter dem sich die 1964 bis 1969 von der Allianz gebauten Häuser des Regierungsviertels verstecken. Denn in Bonn dachte man die ganze Zeit provisorisch. Deswegen wundert es zumindest, dass die Mehrheit für den Umzug nach Berlin dann 1991 doch denkbar knapp war.

    Worüber man natürlich nachdenkt und das dumme Gefühl bekommt: So richtig haben sich die Westdeutschen auf diese Deutsche Einheit nie eingelassen. Irgendwie ist das eben doch nicht zusammengewachsen. Vielleicht, weil ein Kosmopolit wie Willy Brandt fehlt. Dem man im Geiste natürlich genauso begegnet wie all den anderen Kanzlern, die in Bonn residierten. Der Kanzlerbungalow steht ja noch genauso wie das alte Bundeskanzleramt und der Neue Plenarsaal, den sich die Abgeordneten schon vor 1989 beschlossen, der dann aber erst danach fertig wurde. Knapp bevor alle nach Berlin umzogen.

    Und selbst diese Tour durchs Bundesviertel ist mit Museen gespickt – der Bundeskunsthalle, dem Kunstmuseum Bonn, dem Deutschen Museum (einem Ableger des Deutschen Museums in München, das sich aber vor allem der Technikgeschichte widmet – weshalb man hier auch einen musealen Transrapid besichtigen kann). Und danach ist man garantiert fußplatt. Und noch lange nicht durch.

    Denn außerhalb der beiden Touren lauern noch ganz andere Ziele – wie das August Macke Haus, die Godesburg auf dem Godesberg und ein Ortsteil von Bad Godesberg namens Muffendorf, wo man unverhofft in fränkischer Fachwerkvergangenheit landet – und in einem Gefühl von Altsteinzeit, auch wenn Andrea Reidt mit 2,5 Millionen Jahren Altsteinzeit ein bisschen dick aufträgt. So früh kamen die ersten Menschen tatsächlich noch nicht nach Bonn.

    Aber aus dem geplanten Tagesrundgang sind jetzt schon mindestens drei Tage geworden – wer auch noch die Rheinauen, die Brühler Schlösser, Drachenfels und das Siebengebirge sehen will, macht lieber eine Woche draus. Mit einer Rheinfahrt als Höhepunkt. Das muss sein. Oder mit Heines Worten, denn Vater Rhein war ja einsam: „Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb, / Daß du mich nicht vergessen; / Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht, / Mir ging es schlecht unterdessen.“

    Da kann man nur noch die Bijouterien einpacken und endlich mal hinfahren. Bei so viel Sehnsucht.

    Andrea Reidt Bonn an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, 5 Euro.

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