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Heine, Grabbe, Gründgens: Gleich mal drei Spaziergänge durch die sehenswerten Teile Düsseldorfs

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    Na schau mal an, wenigstens in heimischen Landen dürfen wir alle wieder reisen. Was auch gesünder ist für unsere Umwelt, gesünder als alle diese gedankenlosen Urlaubsflüge. Eine gute Gelegenheit, auch mal Düsseldorf zu entdecken, das Städtchen an Rhein und Düssel, in dem König Armin regiert, der so gern auch deutscher König werden würde im Herbst. Dabei gibt es in Düsseldorf wahrscheinlich Spannenderes zu entdecken.

    Zum Beispiel die faszinierende Hafenlandschaft, von der ein Teil gleich auf dem Cover der Stadtspaziergänge zu sehen ist, die Steffi Böttger hier zusammengestellt hat. Denn Düsseldorf war nun einmal nicht an einem Tag zu erkunden. Also wurden es drei völlig verschiedene Spaziergänge.Was schon mal ein Fingerzeig ist für den kleinen Ausflug: drei Tage sollte man sich wenigstens ein Plätzchen im Hotel oder Herberge buchen. Besser wären auch vier oder fünf, um vielleicht auch mal auszuprobieren, wie es sich auf Deutschlands berühmtester Einkaufsmeile, der Kö spaziert (sie ist wirklich ein Stück länger als die Leipziger Kö).

    Ob man das Geld dort ausgibt, muss jeder selbst wissen. Denn in Düsseldorf kann man es auch schön in der Oper ausgeben, beim  Besuch der Kunsthalle, beim Flanieren auf der Rheinuferpromenade, auf dem Markt auf dem Carlsplatz oder im Filmmuseum.

    Nebenbei kann man den prächtigen Landtag bestaunen oder die erstaunlichen Gehrybauten, zu denen Steffi Böttger wieder so einen schönen Halbsatz schreibt, bei dem man nur nicken kann: „Ein Augenschmaus für den von der üblichen zeitgenössischen deutschen Architektur angeödeten Betrachter.“

    Wobei man ja aus Leipziger Erfahrung hinzufügen kann: Die Architekten sind nicht immer schuld. Meist sitzen die Schuhkarton-Liebhaber in den Jurys und wählen mit gnadenloser Zielsicherheit das langweiligste aller Projekte zur Verwirklichung aus.

    Während die Düsseldorfer zumindest einen Vorteil hatten: einen alten Industrie- und Kohlehafen, der ab den 1970er Jahren schlicht zu groß war, weil keine Frachterflotten mehr den Rhein herabkamen. Da war ein riesiges Areal mit Wasseranschluss auf einmal frei und schrie regelrecht danach, mit kühner Architektur in ein neues Arbeits- und Anguckerlebnis verwandelt zu werden. Der Hafen mit Landtag und Rheinturm ist im Grunde die dritte Tour.

    Die zweite Tour im Norden schlängelt sich eher durch Kunstgefilde mit Kunstakademie, Kunstpalast, NRW-Forum und Schauspielhaus (eine Begegnung mit Gustav Gründgens), zwischendrin natürlich ein langer Spaziergang durch den Hofgarten.

    Wo Hofgärten sind, müssen auch Schlösser sein. Aber in diesem Fall war das Schloss der Herzöge von Jülich-Kleve-Berg der wohl größte aller Pechvögel und brannte immer wieder ab. Warum, das weiß bis heute kein Mensch. Nur der Schlossturm steht noch. Wobei auch Düsseldorf ja nach dem Zweiten Weltkrieg eine Trümmerwüste war. Auch hier musste fast alles wieder aufgebaut werden, meist so, dass es wieder so aussah wie früher.

    Wenn auch nicht immer. Sodass man zumindest hin- und hergerissen ist, wenn man sich auf Spurensuche nach den wirklich berühmten Düsseldorfern macht, Heinrich Heine etwa, der in Düsseldorf geboren wurde und zur Schule ging – von der Düsseldorfer Politik aber bis in die 1970er Jahre heftigst abgelehnt wurde. Da mussten auch die literaturliebenden Düsseldorfer lange kämpfen, bis die Universität Heines Namen bekam, auch wenn er seine berühmteren Studienetappen dann in Göttingen und Berlin hatte.

    Und noch einmal richtig Wirbel gab es 1981 bei der Aufstellung des Heine-Denkmals von Bert Gerresheim, der den Düsseldorfern eben keinen freundlich lächelnden Dichter auf dem Sockel präsentierte, sondern eine zerbrochene Totenmaske. Was man durchaus als künstlerische Kritik an dem jahrzehntelangen Umgang der konservativen Bürger mit diesem im Exil gestorbenen Dichter werten kann.

    Dafür gibt es heute in Düsseldorf das Heine Haus Literaturhaus, das Heinrich-Heine-Institut und auch ein Robert-Schumann-Haus wie in Leipzig. Denn während die Schumanns in Leipzig ihre Musiker-Karrieren begannen, endete diese für Robert Schumann als Kapellmeister in Düsseldorf.

    Wobei hier ja seine Erkrankung schon mit aller Wucht zuschlug. Aber trotzdem schuf er in seinen letzten Lebensjahren hier ein Drittel seines Werkes. Man kann also schon aus ganz und gar musikalischen Gründen nach Düsseldorf fahren und – wenn man rechtzeitig gebucht hat – vielleicht sogar ein Konzert in der berühmten Tonhalle erleben.

    Wer lieber auf literarischen Spuren unterwegs ist, kann das nicht nur mit einem Besuch bei Heinrich Heine verbinden, denn unterwegs stolpert man auch noch über ein Grabbe-Denkmal, das Steffi Böttger gar nicht besonders erläutert. Dabei war Christian Dietrich Grabbe einer von denen, die in Düsseldorf vergeblich hofften, endlich auf die Füße zu kommen. Man kennt ihn heute noch als Dramatiker.

    Und wenn Regisseure seine Stücke wirklich ernsthaft inszenieren, hat man sehr schnell ein Bild von dem, was auf politischen Bühnen in Deutschland so passiert, wie die großen und kleinen Männer sich um Macht, Anerkennung und Beifall prügeln, koste es, was es wolle. Es geht bei Grabbe immer sehr wüst und chaotisch zu. Und zumeist liegt die Bühne dann voller kühner Recken, die vorher eine große Klappe hatten und hinterher tot sind.

    Auf einer Tafel am Nachfolgebau seines kurzzeitigen Wohnhauses kann man heute lesen: „In diesem Hause Litt und Stritt der Dichter Chr. Dietr. Grabbe 1834 bis 1836“. Gestritten hat er sich da mit seinem Düsseldorfer Verleger. Das sollte man nicht tun, wenn man schon nicht so viele Verbündete hat. Außerdem litt Grabbe nach lauter Abweisungen an Alkoholsucht und den Folgen einer unbehandelten Syphilis. Und starb dann wenig später in seiner Geburtsstadt Detmold.

    Die Herzöge von Jülich-Cleve-Berg aber sind nicht schuld daran, denn als er starb, gehörte das Ländchen schon zu Preußen. Was man als Sachse meist nicht weiß: Es war der Preis für einen Kuhhandel auf dem Wiener Kongress zwischen Österreich und Preußen: Die Preußen bekamen nur ein großes Stück von Sachsen, aber nicht das ganze.

    Sonst wäre Sachsen nämlich schon 1815 von der Landkarte verschwunden. Als Ausgleich bekamen die Preußen das Rheinland und waren später bannig zufrieden, weil sie damit auch den größten Kohlenvorrat Deutschlands bekommen hatten und damit das spätere Ruhrgebiet.

    Und noch ein Mann dürfte reisenden Leipziger/-innen bekannt vorkommen: Felix Mendelssohn Bartholdy, den die Düsseldorfer als erste als ihren Kapellmeister verpflichteten, bevor die Leipziger überhaupt zum Zuge kamen. Und wem das dann doch zu klassisch ist, den verschlägt es bestimmt in die Kunsthalle am Grabbeplatz, einem der vielen Orte in Düsseldorf, wo man Joseph Beuys begegnen kann, dem berühmtesten Professor der Düsseldorfer Akademie.

    Kenner schlendern dort in den „hinteren Bereich“, denn da ist das „Kom(m)ödchen“ zu Hause, selbst Fernsehkiekern bekannt durch Leute wie Jochen Busse, Thomas Freytag oder Harald Schmidt.

    Und die Abende lässt man sowieso bei Altbier ausklingen, vielleicht in der Ratinger Straße oder im Lieferhaus. Nicht zu verwechseln mit Kölsch. Bei Bier gibt es im Rheinland gewaltige Animositäten, bei Karneval eher weniger. Natürlich gibt es in Düsseldorf auch ein Karnevalmuseum, was denn sonst?

    Und mit der Rolle als Landeshauptstadt geht man auch eher locker um, obwohl man zu dem Titel kam wie die Mutter zum Kinde. Aber das fast doppelt so große Köln war 1945 auch doppelt so sehr zerbombt, weshalb die Briten ihr Hauptquartier lieber nach Düsseldorf verlegten. Logisch, dass dann hier auch der Landtag für das neu erfundene Land Nordrhein-Westfalen mit lauter völlig gegensätzlichen Menschentypen seinen Sitz bekam.

    Eigentlich eine ganze Menge Gründe, mal schnell an den Rhein zu fahren, bevor das ganze Bundestagswahlkampftheater beginnt, in dem der Nachfahre Karls des Großen versuchen will, neue Bundeskanzlerin zu werden.

    Steffi Böttger; Mark Lehmstedt Düsseldorf. Stadtspaziergänge, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2021, 8 Euro.

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