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Rudolstadt an einem Tag: Wo Schiller seine Liebe fand und Rudolf Ditzen zum Glück überlebte

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    Es sind nicht nur die großen Städte, die Städtereisenden etwas zu bieten haben. Auch kleinere Städte können richtige Schatzkästlein sein, gerade im Thüringer Raum, wo sich einst die kleinen Fürstentümer aneinanderdrängten, viel zu klein, um in der großen deutschen Politik eine Rolle zu spielen, aber groß genug, um die kulturelle Pracht eines richtigen kleinen Staates zu entfalten. So wie Rudolstadt, wo auch Goethe gern mal zu Pferde hinritt.

    Natürlich wegen der klugen von-Lengefeld-Töchter Caroline und Charlotte, von denen ja bekanntlich eine den Schiller heiratete. Aber den Schiller wollte Goethe gar nicht kennenlernen. Rudolstadt ist ein sonderbares Städtchen. Und vielleicht gerade deshalb so typisch für Thüringen, die deutsche Kleinstaaterei und den Osten. Und damit eigentlich Deutschland, das sich immer so gern einbildet, anders zu sein als die anderen. Und dabei sind doch alle gleich, die Dichter und Denker sowieso. Denn sie ticken nicht anders als die Minister und Richter und Eigenheimbesitzer – jeder ist auf jeden neidisch.Man darf dem Goethe-Schiller-Nationaldenkmal vorm Nationaltheater in Weimar nichts glauben. Es war alles ganz anders. Fahren Sie einfach nach Rudolstadt ins Schillerhaus. Begegnen Sie dort den beiden Schwestern, die sich tatsächlich alle beide in Schiller verliebten. Und alle drei waren bettelarm. Erst zwei Jahre nach Schillers Ankunft konnten Charlotte und Friedrich heiraten. Goethe ließ sich noch sechs Jahre länger Zeit, bevor er sich diesem Räuber-Schiller zu nähern traute. Und auch Caroline wurde eine berühmte Schriftstellerin: Caroline von Wolzogen.

    Schon dafür allein lohnt sich die Reise nach Rudolstadt. Aber Klassik-Kenner werden auch mit den Verlegern Bertuch und Hartknoch etwas anfangen können, die in Rudolstadt ein Stück jener Gedankenfreiheit fanden, die anderswo in deutschen Fürstentümern mit Misstrauen verfolgt wurde. Möglich machten das natürlich die Schwarzburger, die auf der Heidecksburg residierten, die über dem Städtchen trohnt – ein Prachtschloss, das allein den genüsslichen Aufstieg lohnt und das stolze Flanieren durch prunkvolle Säle.

    Das Schloss nimmt fast die Hälfte der ganzen Besichtigungstour ein. Wofür der Schwarzburger Ludwig Friedrich I. eigentlich nichts konnte. Er wollte gar kein Reichsfürst werden, aber 1710 wurden die Schwarzburger trotzdem in den Reichsfürstenstand erhoben, was richtig teuer war. Und was ihn zwang, das alte Schloss so auszubauen, dass es am Ende konkurrieren konnte mit den Schlössern der Wettiner, Hohenzollern und wie die ganzen Prachtburschen sonst noch so hießen.

    Nur waren die Prachtburschen meist nicht so freundlich zu den Dichtern, die deshalb lieber nach Thüringen gingen. Kleine Fürsten sind in der Regel aus ganz natürlichen Gründen viel netter.

    Das war selbst in DDR-Zeiten so, als sich Klaus (Jimmy) Fiedler im Rudolstädter Theater eine kleine Spielwiese der Freiheit erschuf und allerlei Narrenfreiheiten genoss, die seine großen Kollegen an großen ostdeutschen Theatern nicht haben durften. Auch ihm begegnet man auf dieser Tour, genauso wie Carl Christoph von Lengefeld, dem Vater von Caroline und Charlotte, Oberforstmeister und einer der Begründer der nachhaltigen Forstwirtschaft in Deutschland. Auf ihn geht das schöne Wort Forsteinrichtung zurück. Und nur so am Rande: Sein Enkel Karl Schiller wurde ebenfalls Förster, Oberförster gar – aber nicht in Thüringen, sondern in Württemberg.

    Was einen auf eine Idee brächte, wenn die noch keiner hatte: Welche Rolle spielt eigentlich der Wald im Werk Friedrich Schillers? Das wäre mal ein Aufsatzthema für die Schule …

    Eigentlich genauso wie das „Lied von der Glocke“, von dem Stadtverführerin Steffi Böttger sich sicher ist, dass das nur noch die älteren Semester kennen und zitieren können. Dabei war es in Rudolstadt, wo Schiller beim Bewundern der Glocken der Stadtkirche St. Andreas auf die Idee gekommen sein soll, ein Glocken-Lied zu schreiben. Und wie eine Glocke gegossen wird, hat er in der Alten Glockengießerei in Rudolstadt beobachtet, die es heute nicht mehr gibt.

    An Station Nr. 8, der Mittelmühle, erinnert Böttger an die einst zahlreichen Mühlen und die Glockengießerei. Da kann man sich einen furios aufdrehenden Deutschlehrer vorstellen, wie er seinen Schüler/-innen zeigt, dass Literatur immer an einem konkreten Ort zu fassen ist: Hier war es! Und man sieht Schiller begeistert in die Gießerei schauen, von den schwitzenden Männern schräg angeschaut: Was guckt der so euphorisch?

    Und wer aufpasst, stolpert gleich ein paar Meter weiter über die nächste literarische Anekdote, ohne die wir einen großen Schriftsteller weniger gehabt hätten: Eine Gedenktafel erinnert daran, dass der junge Rudolf Ditzen nach einer skandalträchtigen Liebesaffäre in Leipzig 1911 nach Rudolstadt in die Verbannung geschickt wurde zum Superintendenten Arnold Braune. Nur ja weg aus dem sündigen Leipzig! Ergebnis?

    Noch mehr Probleme, noch mehr Depressionen und ein vereinbarter Doppelselbstmord mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker, getarnt als Duell, bei dem Necker starb und Ditzen überlebte, der sich 1920 zu Hans Fallada wandelte und als Romanautor berühmt wurde. Tragödie auf dem Steinberg nennt es Böttger. Man kann zum Tragödienort wandern.

    Noch nicht genug der Literatur? Natürlich nicht. Immerhin war in Rudolstadt auch mal die burgart-presse heimisch, der Greifenverlag überlebte hier die „Wende“ und kam dann doch nicht wieder auf die Beine. Und natürlich begegnet man hier Karl Dietz, dem Greifenverleger, dessen Namen sich die SED damals schnappte, um dem berühmten Dietz Verlag der SPD einen eigenen Dietz-Verlag entgegenzusetzen, um die Werke von Marx und Engels unter dem alten berühmten Verlegernamen herausbringen zu können. Nur die Kenner wussten, dass es ein ganz anderer Dietz war. Da konnte die SPD gar nichts machen.

    Und Karl Marx steht sogar wieder in Rudolstadt, wenn auch ein bisschen idyllisch verborgen hinter der Stadtbibliothek. Zumindest in Rudolstadt weiß man, dass Dr. Karl Marx ganz bestimmt nicht schuld war an der DDR. Aber dazu hätte man ihn ja lesen müssen. Wer macht das schon? Auch die meisten Leute, die gern Goethe und Schiller im Mund führen, haben selten mehr von ihnen gelesen als das, was im Schullesebuch stand.

    Auch das ist typisch für das Land der Dichter und Denker. Oder besser: der Leute, die gern welche gewesen wären, wenn das nur nicht so anstrengend gewesen wäre. Wissen wir jetzt alles über Rudolstadt? Natürlich nicht. Die Ankerstein GmbH ist längst genauso zum legendären Reiseziel geworden wie die Porzellanmanufakturen Volkstedt, das Rudolstadt-Festival und die Thüringer Bauernhäuser mit der original erhaltenen Dorfapotheke.

    Jetzt fehlt nur noch eine Gedenktafel, die es noch nicht gibt. Denn in der Schillerstraße, fast in Nachbarschaft zu Charlotte und Caroline und zu Karl Dietz lebte bis zum Frühjahr auch Mathias Biskupek, einer der besten Satiriker im Osten. Sein Tagebuch ist zum Glück noch online. Denn bis in die Corona-Zeit hat er uns noch mit hintersinnigen Notaten zum Tagesgeschehen begleitet. Sein letzter Eintrag vom März: „Es ist ja dringend Mund- und Nasenschutz zu tragen. Vielleicht ist das auch bei Tagebuchtexten so zu praktizieren.“

    Man vergisst ja beinah die Zeitumstände. Aber wir dürfen ja wieder verreisen. Und Rudolstadt liegt quasi gleich um die Ecke, weit genug weg von Leipzig, damit aufgebrachte Väter denken können, der Bub würde sich schon wieder fangen, wenn er bei einem geistlichen Herren in strenges Logis kommt. So, wie Väter nun mal sind.

    Steffi Böttger; Mark Lehmstedt Rudolstadt an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2021, 6 Euro.

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