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Die stoffreiche Biografie des lange unterschätzten Hans Fallada

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    In Leipzig hat Peter Walther seine Fallada-Biographie schon am 15. Juni vorgestellt. Nicht in der Falladastraße, die es tatsächlich gibt, aber etwas weit ab vom Schuss: in Möckern. Dafür im Haus des Buches. Noch besser wäre ein schöner nobler Saal im Bundesverwaltungsgericht gewesen, denn der Vater des später so berühmten Schriftstellers war Richter am damaligen Reichsgericht.

    Zielstrebig hatte Wilhelm Ditzen auf diese Krönung seiner juristischen Laufbahn hingearbeitet. 1909 hatte er es geschafft und konnte mit seiner Familie von Berlin nach Leipzig in eine durchaus standesgemäße Wohnung in der Leipziger Südvorstadt umziehen. Da war sein Sohn Rudolf gerade 16. Auch damals, im wilhelminischen Kaiserreich, war das ein schwieriges Alter. Wird es wohl immer sein. Denn in dieser Lebensphase drängt all das zum Vorschein, was im Leben zur Passion wird. Oder auch nicht. Viele Menschen erleben das nie. Manchmal möchte man meinen: Die Glücklichen!

    Wer diese zweite große Fallada-Biographie aus dem Aufbau-Verlag liest, bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet, von einer Passion angetrieben zu sein. Was eben nicht nur Begabung bedeutet. Sondern auch Getriebensein. Und die größten Erfindungen und Werke der Menschheit wurden alle von Menschen geschaffen, die getrieben waren, derart schöpferisch zu sein – bis zur Selbstzerstörung.

    Das kennt man heute kaum noch. Das 20. Jahrhundert hat seine Bewohner erzogen und brav gemacht und dem Mittelmaß das Zepter übergeben. Erstaunlich, dass Hans Fallada trotzdem wieder ein Comeback feiert. Richtig weg war er nie. Gerade im Aufbau Verlag wurde sein Werk gepflegt. Aber die Erkenntnis, dass Fallada einer der Größten aus der deutschen Literatur war, die kam eigentlich erst 2002, als die Amerikaner diese Romane entdeckten und Falladas Bücher zu Bestsellern wurden. Ein halbes Jahrhundert musste vergehen, um nicht nur einen großen Erzähler zu entdecken, sondern einen Autor, der so intensiv vom Leben der Menschen erzählen konnte, wie nur wenige seiner Zeit- und Altersgenossen.

    Und das waren Großkaliber, wenn man sie mit all dem vergleicht, was nachher kam – von Heinrich und Thomas Mann über Joseph Roth bis zu Tucholsky und Kästner. Es ist, als kehrte man mit diesem Fallada in ein anderes Deutschland zurück, eines, das gerade in seiner Widersprüchlichkeit Großes hervorbrachte, das sich noch Emotionen zutraute und zu erzählen wagte …

    Es war das Deutschland der Weimarer Republik, in dem Fallada 1920 seine Schriftstellerlaufbahn begann, auch wenn es zwölf Jahre dauern sollte bis zum richtigen Durchbruch mit „Kleiner Mann – was nun?“ im Rowohlt Verlag, einem Buch, mit dem Fallada die Leser und Leserinnen in ihrem Persönlichsten traf. Solche Romane schreibt nicht jeder. Das ist eine Gabe. Und sie ist durch ziselierte Sprache und konstruierte Konflikte nicht zu ersetzen. So schreibt man nur, wenn man sein Leben wirklich erlebt hat und vor allem immer aufmerksam war und alles in sich aufgesogen hat. 1932 – da hatte Fallada schon viele Krisen und Abstürze hinter sich, hatte aber auch Suse kennengelernt, die Frau, die ihn 15 Jahre lang begleiten sollte und in „Kleiner Mann – was nun?“ als Lämmchen auftaucht.

    Und er kannte auch die Abstürze, die seine Sucht mit sich brachte. Denn da war er längst Morphinist.

    Und dieses tragische Kapitel begann wohl in Leipzig, mit einem Fahrradunfall am 19. April 1909, bei dem der 16-jährige Gymnasiast in der Hochstimmung, in Leipzig wieder ins Gymnasium gehen zu können, mit seinem neuen Fahrrad einen brutalen Unfall mit einem Pferdefuhrwerk hatte, der nicht nur körperliche Folgen hatte, sondern auch seelische. Der einen hochsensiblen jungen Mann mitten in seiner Euphorie aus der Bahn warf und bei einem dreimonatigen Klinikaufenthalt auch die Begegnung mit Morphium brachte, das damals noch ziemlich ungeniert als Betäubungs- und Schmerzlinderungsmittel eingesetzt wurde. Rudolf Ditzen, der sich mit seiner ersten Buchveröffentlichung 1920 Hans Fallada nennen sollte, wird sein Leben lang nicht von der Sucht loskommen.

    Aber das ist gerade das Faszinierende an Walthers Biografie, der nun auf deutlich mehr Originalquellen zurückgreifen konnte als noch der Aufbau-Lektor Günter Caspar, der einst das Fallada-Werk betreute, oder die irische Germanistin Jenny Williams: Briefe, Tagebücher und Krankenakten zeigen deutlicher, wie eng verknüpft bei Fallada Getriebensein und Depression waren, das intensive Hineinschlüpfen in seine Bücher, wenn er schrieb, intensiv und spannungsgeladen, und wie heftig der Absturz danach, wenn er doch wieder zu Alkohol und Morphium griff.

    Wobei er – anders als andere Süchtige – wohl sehr genau Bescheid wusste über seine Sucht, seine Depressionen und die Wege, ihrer Herr zu werden. Einen langen Gefängnisaufenthalt hat er sogar regelrecht provoziert, um an einen Ort zu kommen, an dem er allein schon durch die Umstände zum Entzug gezwungen war. Hier sammelte er den Stoff, der später die Keimzelle seines ersten Erfolgs werden sollte. Und der Leser lernt einen Mann kennen, der sich nicht beirren lässt, der um seine Fähigkeit zu erzählen weiß, auch wenn er noch Jahre brauchen wird, um seine eigene, unverwechselbare Sprache zu finden. Die eben nicht nur lebensnah und robust ist, sondern die Leser aufschließt für das Leben der eigentlich gar nicht salonfähigen Helden.

    Der sogenannten „kleinen Leute“ – die überhaupt nicht klein sind, sondern – wie bei Fallada nachzulesen – voller Lebenslust, Überlebenswillen, moralischer Größe, nicht kleinzukriegen, auch wenn sich alles gegen sie verschwört. Es steckt jede Menge Fallada in seinen Helden. Auch das arbeitet Walther akribisch heraus. Er hat all diese Phasen der Armut, der Mühsal, des Scheiterns und Immer-wieder-Aufstehens selbst erlebt.

    Wahrscheinlich ist es genau das, was sich in den üblichen sterilen Dichterstuben einfach nicht herstellen lässt, egal, wie viel Mühe sich die ziselierenden Autoren geben, die Wirklichkeit zu (re-)konstruieren. Wirklich ergreifend (in dem für den Leser besten Sinne) werden Geschichten erst, wenn sie stimmen. Wenn man in jedem Dialog, jeder Beschreibung merkt, dass der Autor das alles wirklich erlebt, erlitten und vor allem auch herausgeschrieben hat aus sich. Von wenigen Autoren kennt man diese radikale Besessenheit vom Schreiben, dieses sich ganz in den Stoff stürzen und ihn mit professioneller Erzähltechnik zum Leben zu erwecken. Denn Falladas Bücher leben. Sie sind getragen von einem Sog, der die Leser mitzieht, die sich – auch heute wieder und noch – gemeint und ertappt fühlen von diesen Geschichten.

    Denn Falladas Helden sind so wenig ganz und vollkommen wie ihr Autor. Sie leben dieselben Brüche und können auch oft genug autobiografisch gelesen werden. In ihnen schildert Fallada auch seine eigenen Schwächen – bis hin zu jener Frage, die immer steht, wenn heutzutage versucht wird, die Biografien jener deutschen Autoren zu schreiben, die nach 1933 in Deutschland geblieben sind und versucht haben, irgendwie anständig zu bleiben – man denke an Erich Kästner und Hans Reimann.

    Aber wohl keiner ist dabei stellenweise so illusionslos mit sich selbst umgegangen wie Fallada, so wissend um seine Feigheit, die so normal ist.

    Man stutzt nur kurz. Aber man weiß, dass er Recht hat. Und dass auch das zur Ehrlichkeit gehört, die selbst die heutige (Literatur-)Kritik meist nicht hat: Dass das Bewahren der eigenen Menschlichkeit nicht immer mit Heldentum zu tun hat, sondern mit persönlichem Scheitern, dem Eingeständnis von Schwäche, mit richtiger Angst und oft auch mit dem Versuch, irgendwie mit den Wölfen zu heulen. Was Fallada auch getan hat. Das gehört zur Biographie. Aber selbst das steht direkt neben seinem Ringen um die Bewahrung eines ehrlichen Blicks auf sich selbst. Die anbiedernden Äußerungen bei seinem Autoren-Einsatz für den Reichsarbeitsdienst (RAD) stehen praktisch gleich neben seiner Generalabrechnung mit dem Nazitum, die er 1944 schrieb.

    Fallada ist nicht deshalb groß, weil er den großen Widerstandsroman geschrieben hat, sondern weil er den ganz und gar nicht mutigen Menschen in seiner Verletzlichkeit und in seiner Missbrauchbarkeit zeigt. Genauer als jeder Andere beschreibt er, warum sich so viele „kleine Männer“ nicht wehren konnten gegen das, was da 1933 über sie kam. Warum Anpassung für viele die einzige Option war.

    Was wohl heutzutage nicht die Bohne anders ist.

    Nur dass Fallada eben nicht aus dem Milieu der „kleinen Leute“ kam, sondern aus einer auch nach damaligen Maßstäben großbürgerlichen Familie. Und Walther räumt auch mit dem Märchen auf, Falladas Vater sei mit seiner Strenge verantwortlich für die persönlichen Konflikte des Jungen. Auch wenn er wohl hohe Erziehungsmaßstäbe hatte und beide Elternteile sichtlich ihre Schwierigkeiten, Persönliches auszusprechen. Mit seiner aufkeimenden Erotik blieb Rudolf Ditzen allein – und erlebte gerade in jenem skandalösen Leipziger Vorfall, wie sehr etwas in ihm danach drängte, Dinge bis zur letzten Konsequenz zu treiben.

    Wahrscheinlich haben Psychologen auch einen Begriff dafür. Aber man hat die ganze Zeit das Gefühl: Ohne diesen Antrieb, bis zum Äußersten zu gehen, hätte Fallada niemals diese Romane schreiben können, so rigoros vom Menschlichen schreiben können. Die dramatischen Vorfälle in seinem Leben sind aufs Engste verquickt mit seinem Talent, selbst ganz simple menschliche Begebenheiten in einen packenden Roman zu verwandeln, bei dem die Leser mitfiebern, ob es die ganz und gar nicht „einfachen“ Heldinnen und Helden am Ende schaffen. Es gibt genug – auch berühmte Autoren – die diese Nähe zu ihren Geschichten immer gescheut haben, zwischen sich und dem Leser lauter Wände aufgebaut haben, damit nur ja niemand auf die Idee kommt, in der Geschichte die Rat- und Rastlosigkeit des Autors zu vermuten.

    Peter Walther macht im Grunde sichtbar, wie eng verquickt das bei Fallada alles war. Und wie sehr ihn auch die zunehmend finsteren Zeitumstände bedrückten. Und es waren nicht nur die dummdreisten Angriffe aufgeblasener Nazi-Größen auf sein Werk, die darauf abzielten, auch Fallada aus der „deutschen Literatur“ auszumerzen, die ihn bedrückten, es war auch dieser zunehmende Geist des Proselytenmachens, der ihn in Konflikte stürzte. Denn alle Nazis – daran hat sich bis heute nichts geändert – versuchen mit (versteckten oder offenen) Drohungen, ihr Denken zum Alleingültigen zu machen und jeden, der nicht im richtigen Tonfall heult, zu diffamieren und ans Messer zu liefern.

    Menschliche Ehrlichkeit hat sie nie interessiert.

    Und Fallada war – selbst wenn er wollte – nicht der Mann, der in dieser primitiven Art schreiben konnte. Was dann (auch nach dem Krieg) heftigste Kritiker-Missverständnisse auslöste, die wohl auch ihr Teil dazu beigetragen haben, dass die menschliche Wucht von Falladas Romanen lange nicht gesehen wurde. Und auch so manche Episode aus Falladas Leben falsch interpretiert wurde. Bis hin zur Rolle von Wilhelm Ditzen, der sich am Ende als ein sehr fürsorglicher und mitfühlender Vater erweist. Auch wenn er wohl in Falladas Jugend diese Gefühle nicht zeigen konnte. Was in einer Erinnerung Falladas symptomatisch auf den Punkt gebracht wird, wenn er einen Motettenbesuch in der Thomaskirche schildert und sein ganzes Unverständnis (als Pubertierender) darüber äußert, dass sein Vater, der ehrwürdige Richter am Reichsgericht, im Konzert den Tränen ihren Lauf lässt.

    Da stutzt man auch als Leser und hat so die dumme Ahnung, dass es genau dieser Moment ist, der Vater und Sohn verbindet.

    Und der erklärt, warum gerade dieser Junge mit all seinen Unbeherrschtheiten am Ende solche Bücher schreiben konnte. Konnte, nicht musste. Denn nichts von dieser Art muss einer tun in so einer Gesellschaft, in der gerade die Gefühllosen Karriere machen und am Ende über die Schicksale anderer Menschen entscheiden. Niemand muss Dinge tun, bei denen er ganz und gar lebendig ist und das Lebendige in etwas verwandelt, was noch Generationen von Lesern atemlos macht. Und ihnen auf oft genug humorvolle Weise zeigt: Es ist nicht schlimm, ein Mensch zu sein.

    Peter Walther Hans Fallada, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 25 Euro.

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