Zur jährlichen Bürgerumfrage gehört seit einigen Jahren auch die Frage nach der Zufriedenheit mit den Verkehrsbedingungen in der Stadt. Denn diese werden auch im Stadtrat immer wieder zum Streitthema. Immer wieder machen autoverliebte Fraktionen ihren Unmut über den Ausbau von Radverkehrsanlagen deutlich. Aber so ausführlich wie 2024 wurde noch nie zuvor danach gefragt. Denn die Art, wie jeder Leipziger in der Stadt unterwegs ist, bestimmt auch seine Sicht auf den Zustand von Straßen und Wegen.
Jeder schaut aus seiner Perspektive. Und während Autoverliebte gegen jedes neue Stück Radweg polemisieren, attestieren Radfahrer im regelmäßigen ADFC-Radklimatest immer wieder, dass der Ausbau des Radwegenetzes nicht genügt und vor allem das Sicherheitsgefühl in Leipzig sehr gering ist. Und genau an dieser Stelle wird das Problematische der Bürgerumfrage deutlich.
„Werden die Leipzigerinnen und Leipziger danach befragt, ob in der Stadt Leipzig in jüngster Zeit genügend für diverse Verkehrsarten getan wird, geben 17 Prozent der Befragten hinsichtlich des Radverkehrs viel zu viel an, nur 7 Prozent viel zu wenig. Die dazwischenliegenden Meinungen sind mit 21 bis 26 Prozent fast
gleichhäufig vertreten“, liest man im Bericht.
Aber dass die Statistik so allein nicht aussagekräftig ist, wissen auch die Autor/-innen des Berichts. Und sie betonen: „Wird für eine Person ermittelt, wie stark ausgeprägt ihre Nutzung verschiedener Verkehrsmittel ist, zeigen sich auffällige Muster im Antwortverhalten auf die Frage. So geben 72 Prozent der Personen mit häufiger Fahrradnutzung an, dass die Stadt Leipzig eher zu wenig oder viel zu wenig für den Radverkehr macht; bei Personen mit seltener Fahrradnutzung sind dies nur 17 Prozent.“
Pespektivwechsel
Da staunt man, dass die Statistiker staunen. Obwohl auch von ihnen einige ihren Weg täglich zur Arbeit mit dem Rad bestreiten und sehr genau wissen, dass man erst auf dem Fahrrad richtig merkt, wie unfertig, lückenhaft und – gerade an Kreuzungspunkten – gefährlich das Leipziger Radwegenetz immernoch ist.
Und so stellen sie auch fest: „Deutlich wird also, dass gerade die Leipzigerinnen und Leipziger, die regelmäßig Fahrrad fahren, die jüngsten Bemühungen der Stadt Leipzig um den Radverkehr kritisch beurteilen.“
Denn egal, wie tapfer das Planungsdezernat wieder ein Stück Radweg in den Verkehrsraum legt – es ist immer nur Flickwerk und von einem durchgehend sicheren und alltagstauglichen Radwegenetz ist Leipzig noch Äonen weit entfernt.
Dafür ist der Protest gegen die Radwegentwicklung aus der Gegenperspektive in Leipzig laut, hartnäckig und unerbittlich.
„Unter Berücksichtigung der Autonutzung einer Person kehren sich die Trends um: In der Gruppe häufiger Autonutzung geben 68 Prozent an, dass eher zu viel oder viel zu viel für den Radverkehr getan wird, wohingegen bei seltener Autonutzung dieser Anteil auf 19 Prozent schrumpft“, heißt es im Bericht.
Aber auch hier ändert sich ganz sachte die Stimmung: „Die Bewertung der Leipziger Bevölkerung zeigt, dass die Maßnahmen der Stadt zum Radverkehr differenziert wahrgenommen werden. So nimmt im Vergleich zum Vorjahr der Anteil der befragten Personen, die die Maßnahmen für den Radverkehr als viel zu viel (–6 Prozentpunkte) oder viel zu wenig (–4 Prozentpunkte) einschätzen, ab.
Der Anteil von genau richtig lag im Jahr 2023 mit 20 Prozent noch 6 Prozentpunkte niedriger (Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 2024). Somit kann eine Steigerung der Akzeptanz für die Maßnahmen, die den Radverkehr betreffen, vermutet werden. Insgesamt ist bei der Einordnung der Ergebnisse zu beachten, dass insbesondere seit der Umsetzung der Mobilitätsstrategie der Stadt Leipzig im Sinne des Nachhaltigkeits-Szenarios die Anzahl der Maßnahmen für den Radverkehr gestiegen ist (Stadt Leipzig, Verkehrs- und Tiefbauamt, 2017; Stadt Leipzig, Verkehrs- und Tiefbauamt, 2021).“
Die Perspektive bestimmt das Urteil
Aber es wurde eben nicht nur nach Radverkehr gefragt, sondern auch nach Autoverkehr, Fußverkehr und ÖPNV.
Und zum Autoverkehr stellt der Bericht fest: „Verglichen mit dem Radverkehr tendieren beim Autoverkehr die Leipzigerinnen und Leipziger dazu, weniger stark zuzustimmen, dass sich die Stadt Leipzig um dieses Verkehrsmittel genügend bemüht.
Und es überrascht nicht, dass 7 Prozent der Befragten tatsächlich der Meinung sind, dass „viel zu viel für den Autoverkehr getan wird – eine Verringerung in der Häufigkeit der Antwortkategorie um 10 Prozentpunkte verglichen mit dem Radverkehr. Der Anteil von viel zu wenig steigt dafür um 8 Prozentpunkte auf 15 Prozent. Auch bezüglich dieser Verkehrsart fallen die Antwortmuster unterschiedlich aus, je nach Nutzungsintensität einzelner Verkehrsmittel.
Bei häufiger Fahrradnutzung geben 13 Prozent der Personen an, dass viel zu viel für den Autoverkehr getan wird, bei häufiger Autonutzung sind es mit gerade einmal 1 Prozent deutlich weniger. So wird erneut deutlich, dass das Urteil über die Bedingungen für bestimmte Verkehrsmittel davon abhängt, wie intensiv das jeweilige Verkehrsmittel genutzt wird. Besonders kritisch fallen die Meinungen aus, wenn das Verkehrsmittel stark genutzt wird.“
Aber wie sieht es denn tatsächlich aus mit dem, was die Radfahrer im Leipziger Radwegenetz erleben? Also dem, was der ADFC in seinem Fahrradklima-Test immer wieder abfragt?
Nicht wirklich einschätzbar
Und das Ergebnis ist eigentlich deutlich, auch wenn der Bericht es erst einmal positiv formuliert: „Die Zufriedenheit der Leipzigerinnen und Leipziger mit verschiedenen Aspekten des Radverkehrs fällt je nach Bereich unterschiedlich aus. Die höchste Zufriedenheit findet sich bezüglich der Wartezeit an Ampeln, der Direktheit der Wege und der Radwegbreite (sehr zufrieden oder zufrieden sind in dieser Reihenfolge 41, 40 und 38 Prozent der Befragten).“
Aber auch das ist nur eine Minderheit. Die meisten Radfahrerinnen und Radfahrer ringen sich nur zu einem „teils/teils“ oder „nicht einschätzbar“ durch. Denn wie will man vergleichen, was wirklicher Fahrradkomfort ist? Die Wenigsten haben die Radwege in den Niederlanden einmal ausprobiert. Man hat nur immer den gestrigen und heutigen Zustand von Leipzigs Radwegenetz vor Augen. Und auch das sorgt nicht für Zufriedenheit. Im Gegenteil.
„Geringer fällt die Zufriedenheit hinsichtlich der Dichte des Fahrradnetztes und der Oberflächenqualität der entsprechenden Verkehrsanlagen aus. Größten Handlungsbedarf gibt es nach Bürgermeinung unter anderem hinsichtlich der Abstellanlagen in Wohngebieten und an Haltestellen des ÖPNV; nur 22 beziehungsweise
16 Prozent sind damit sehr zufrieden oder zufrieden.
Es wird deutlich, dass die Menschen in Leipzig insbesondere den Wunsch nach mehr Abstellflächen für Fahrräder sowie nach besserer Radverkehrsführung an Kreuzungen haben. Gleichzeitig aber geben 36 Prozent an, ihre Zufriedenheit mit den Abstellanlagen an Haltestellen des ÖPNV nicht einschätzen zu können. Ein Hinweis darauf, dass Radverkehr und ÖPNV in Leipzig nicht unbedingt von vielen Menschen miteinander kombiniert werden.“
Was freilich eher ein Thema für die Randlagen der Stadt ist, wo man mit dem Rad bis zur Haltestelle der Straßenbahn fährt.
Aber die Umfrage macht eben auch deutlich, dass von einer Zufriedenheit mit den Radverkehrsanlagen wirklich keine Rede sein kann. Eher herrscht ein großes Rätselraten, ob das, was man als Radfahrer vorfindet nun eigentlich das Gewollte sein soll oder doch nur ein fauler Kompromiss ist, weil die Kraft für ein wirklich einladendes Radwegenetz in Leipzig fehlt.
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Es gibt 18 Kommentare
Hm, könnten also neue Radwege, die vielleicht im Winter sogar geräumt werden, helfen, dass Fußwege von Fahrradfahrern weniger frequentiert werden?
Könnte fast so sein, oder, Urs? Vielleicht entscheiden sich dann noch mehr fürs Fahrrad, damit die Gerontokraten in ihren großen Kisten ihre Bude verlassen können, ohne von den nervigen anderen gestört zu werden.
Wäre ja nicht auszudenken, führen die nicht alle zwei Tage zum Arzt oder jeden Tag einkaufen.
Übrigens sehr mutig von Ihnen, einem Fahrradfahrer keinen Platz zu machen. Chapeau! Launige Geschichte, schön, dass Sie sich wohlfühlen. Habe mal für Sie eine Schenkelklopfer praktiziert, haha, wie lustig.
Wird echt Zeit, dass die ganze Alten abtreten. Nur Grütze im Schädel…
Hallo Kaisen,
wenn ein Radfahrer blinkt, dann warten Sie auch mal ab mit Ihrem Auto? Naja. Wenn der Text jetzt für Sie passt…
Eben, da die Ausgewogenheit wichtig ist, sollte man für beide Seiten Verständnis haben. Ihre Aufzählung triggert zumindest mich im Auto nicht, weil ich im Grunde all das beachte, was sie da aus meinem Text repetieren. Na gut, bis auf das Licht, das kann ich nicht auf “blendend” stellen, da es wie bei den meisten Autos der letzten 10 Jahre automatisch nivelliert wird.
Ich empfehle es immer wieder: Einfach mal auf die Karlbrücke stellen und schauen, wie Viele nicht schieben. Wenn selten mal das Ordnungsamt da ist, wird über die “sinnlose Abzocke” gestöhnt, statt den offensichtlichen Fehler zuzugeben. Ganz so, wie man es von geblitzten Autofahrern hört. Schön ausgwogen, nicht wahr?
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Ansonsten, bei zu viel Freizeit, gern auch am Südplatz an eine beliebige Ampel stellen und die Relevanz der Lichtfarbe auf die Zweiradfahrer beobachten. Gleiches Spiel an der Floßplatzampel oder Einmündung August-Bebel-Straße / Dufourstraße. Die Leute bringen sich zu einem großen Teil selbst in Gefahr, nichts anderes sollte meine Aufzählung der Verhaltensweisen, die Sie etwas antriebslos adaptiert haben, aufzeigen. Das “ungenügende Wegenetz” ist dabei viel weniger entscheidend. Erst recht an schlecht ausgebauten neuen Stellen des Netzes wie der Karli, beispielsweise Höhe Kurt-Eisner-Straße.
“Natürlich gibt es unter den Radfahrern auch welche, die sich nicht an die Regeln halten.” bringt mich auf ein Erlebnis von vor vier Tagen: Eine erwachsene Trottoirs-Radfahrerin versuchte es allen Ernstes mit Klingelei, damit ich, in dieselbe Richtung zu Fuß unterwegs, zur Seite treten möge. Ich fand das so drollig, daß ich keinen Zentimeter zur Seite trat. Ubiquitären Radfahrgelüsten – da kann Schnee und Eis liegen wie nur was – soll man auch bei LVB-Streik keinen Vorschub leisten.
Ich sage nicht das die Autofahrenden alle Heilige sind. Meine persönliche Erfahrung ist aber leider das es in den letzten Jahren für mich immer gefährlicher auf dem Fußweg geworden ist und Autos waren (stand nur rum) es in den letzten Jahren nur einer.
@fra
Da haben Sie aber Glück gehabt! Jahrelang die Parkplatzsucher in der K-Heine-Straße. Meist fahren die Autofahrer nicht auf dem Fußweg, es reicht schon wenn Fußwege, Kreuzungsecken, abgesenkte Bordsteinkanten und Radwege durch Autofahrer zugeparkt werden. Sie sollten mal Ihre Scheuklappen abnehmen!
Natürlich gibt es unter den Radfahrern auch welche, die sich nicht an die Regeln halten. Aber Sie tun in Ihren Posts ja gerade so, als ob alle Autofahrer Heilige sind und Sie immer nur von Radfahrern auf dem Fußweg behindert werden.
@Kaisen
Jetzt passt es also, nur leider ist mir auf dem Fußweg noch kein Auto begegnet was sich zwischen Mülltonne und mir sich versucht durchzudrängeln. Man ist ja als Radfahrender ja der Gute, soll der Fußgänger doch sehen wo er bleibt. Wenn man dazu noch den Aufkleber “Ein Auto weniger” sieht, wünscht man sich doch heimlich das die Auto fahren sollten, den die fahren wenigsten auf der Straße.
@Urs P.S. “Nein, nicht “jeder Radfahrer ist ein potenzieller Autofahrer weniger auf der Straße”!”
Doch! Ein Radfahrer kann nun mal nicht gleichzeitig auch in einem Auto sitzen. An dieser physikalischen Tatsache kommen auch sie nicht vorbei.
@Sebastian
Ich habe mir erlaubt, das mal zu umzuformulieren. Der Ausgewogenheit halber 😉 “Ich telefoniere oder schreibe mit dem Handy in der Hand nicht im Auto sitzend. Ich stelle meine Scheinwerfer nichtblendend ein, ich fahre auch nachts umsichtig und rase nicht. Ich drängle mich nicht links an Radfahrern vorbei, weil ich, wie es Urs gut gesagt hat, die Perspektive kenne. Deswegen kann ich im Auto auch mal warten, wenn ein Radfahrer blinkt und abbiegen möchte. Ich fahre auch nicht bei Rot über Ampeln oder rase mit 60 durch 30er-Zonen, weil ich das durch das simple Einhalten der Regeln ein Risiko für mich UND andere senken kann.” Jetzt passt es!
@Urs Eindimensionaler, aufgeplusterter Stuss! Das trifft es ganz gut, wenn ich mal wieder ihre pauschalisierenden Unterstellungen lese. Befassen Sie sich doch mal mit diversen Aufklebern auf Autoscheiben oder der sich in ihren Ansprüchen sakrosankt dünkenden Kraftfahrzeugführerschaft. Da gibt ganz sicher noch einiges mehr an Aufregungspotenzial. Ein Rätsel, warum sie auf diesem Auge blind scheinen.
Nein, nicht “jeder Radfahrer ist ein potenzieller Autofahrer weniger auf der Straße”! Dieser Gedanke, den ich auch in den eigentlich unsäglichen Aufklebern “One less car” oder “Ein Auto weniger” fand, die ich sogar an abgestellten Kinderrädern an der Schule unweit meiner Haustür erblickt habe, ist aufgeplusterter Stuß. “Seht her, ich bin (schon als Kind) ein Guter” (m/w/d) soll damit ausgedrückt werden. So leicht wollen wir es den Aufplusterern aber bitte nicht machen.
Dieser Tage auf der unscheinbaren Forststraße: man kann zu zweit nebeneinandergehend nicht den Fußweg passieren, überall angelehnte Velos, was ja noch ginge, aber dann auch Velos paarweise an Laternenpfählen angeschlossen, da kommt man zum Teil auch allein nicht vorbei, ohne mit dem Mantel hängenzubleiben. Man kann über regelwidrig zugeparkte Quartierskreuzungen klagen (mit SUVs oder ohne), aber warum sollte man das Gebahren der sich moralisch sakrosankt dünkenden Radfahrerschaft unkritisiert lassen? Geschätzt ein Prozent der im öffentlichen Raum abgestellten Velos sind Schrott und verharren ewig und drei Tage vor sich hin, bis das Ordnungsamt einschreitet (was oft recht lange dauert). Was ist mit der Verantwortung zum eigenen Velo?
Dass nichts, oder “endlich etwas” für die jungen Menschen gemacht wird, ist nicht zutreffend. Die ganze Diskussion darüber ist sowas von in Schieflage geraten, dass es einen nur noch schaudert. Allerorten wird “etwas” für junge Menschen getan, alles andere wäre auch ein Todesurteil für eine entwickelte Gesellschaft, die natürlich auf Nachwuchs und Erneuerung angewiesen ist.
“Warum die kein Rad fahren können” –> völlige Verallgemeinerung. Genug ältere Menschen fahren Rad, wir reden lediglich von einem Unterschied in der Häufigkeit. Genauso beobachte ich junge Leute, die mit ihren Autos zum Sport kommen und oft genug dieses dem Fahrrad vorziehen. Auch Bockigkeit?
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> “Und vielleicht zur Klarstellung:”
Ach, so unklar war das nicht. Aber so, wie eben nach einem Böllerverbot gerufen wird, weil Leute sich aus Dummheit illegale Kugelbomben besorgen, oder sich die Hand zerfetzen, weil sie Knaller falsch benutzen, so ist es doch auch hier die Eigenverantwortung, die man den Leuten abnimmt, indem man an ihr Radfahrverhalten appelliert. Krasser Fall davon: Andrea Plewig benutzt Feuerwerksbatterien, steht laut ihrem Instagram-Beitrag nach dem Zünden “da noch irgendwie rum” und verliert ihr Auge. Jetzt kämpft sie plötzlich für ein Verbot für alle. Danke Andrea, dass Leute wie Du mit (berechtigtem!) Mitleid Zulauf bekommen, und ich deswegen vielleicht bald Nachteile haben werde.
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Der LKW-Abbiegeassistent ist nicht dafür da, dass weniger Kratzer in Seitentüren kommen, sondern er wird von Manchen herbeigesehnt, weil Radfahrer verletzt werden. Auf unsicheren Infrastrukturen wie der Karli, an den neu gemachten Stellen z.B. Kurt-Eisner-Straße. Es ist nicht klarstellungswürdig an dieser Stelle, wohin das Gefährdungspotential zeigt.
Unabhängig von dieser “Klarstellung” bleibt es dabei, dass es extrem dummes Verhalten von Radfahrern gibt, von dem eigentlich nicht abgelenkt zu werden braucht, indem der Absender der Kritik als “Greis” beschimpft wird. Der ein oder Andere mag sich damit abreagieren, aber es ändert an der Sache der Eigengefährdung nichts. Ich telefoniere oder schreibe nicht auf dem Rad sitzend. Ich stelle meine Lampe nichtblendend ein, ich fahre Nachts nur mit Licht. Ich drängle mich nicht rechts an Autos oder LKWs vorbei, weil ich, wie es Urs gut gesagt hat, die Perspektive kenne. Deswegen kann ich auf dem Rad auch mal warten, wenn ein Auto blinkt und einparken möchte, und ich den Schwenkbereich des Kotflügels dabei kenne. Ich fahre auch nicht bei Rot über Ampeln, weil ich das durch das simple Einhalten der Regeln ein Risiko für mich senken kann. Simple, umsichtige Verhaltensweisen, für die, was mich betrifft, zutreffendere Abwertungen als “Greis” oder “Boomer” gefunden werden müssten.
Ich will doch sehr hoffen, dass endlich einmal die Belange der jungen Menschen im Vordergrund stehen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt… Für die Alten wird genug getan bzw. haben die schon “genug” (für sich) getan. Warum die kein Rad fahren können, entzieht sich meiner Kenntnis, sind die doch die gesündesten Alten ever. Haben also keinen Bock?
Und vielleicht zur Klarstellung: wenn ein Radfahrer sich falsch verhält, ist die Gefahr, dass er sich selbst schwer verletzt ungleich höher, als wenn sich ein Autofahrer falsch verhält. Der wird dann nämlich andere eher schwer verletzen.
Und noch was: jeder Radfahrer ist ein potenzieller Autofahrer weniger auf der Straße. Das geht aber in die meisten alten Köpfe nicht rein. Gruß an den Garagenhof…
Aber er hat doch völlig recht damit, dass dieses Verhalten früher eher negativer bewertet wurde, während heute die Abbiegeassistenten als Pflicht erdacht werden. Daran ändert auch kein negatives Framing älteren Menschen gegenüber, und besonders toll Links ist das auch nicht.
Wie leerverkehrig Leipzig früher wirklich war, lässt sich sehr anschaulich im Buch “Leipzig in Farbe” (von den Rössings) ansehen.
Ja, früher war alles besser. Früher war Leipzig leer. Da hatte man gar keine Chance, sich an einem LKW rechts vorbeizuquetschen, weil maximal einer (1) pro Tag an einem vorbeigefahren ist. Und selbst wann man diesen Einen erwischte, war ja massig Platz. Damals konnten auch noch eingefahrene Greise ihren Lebensabend so verbringen, wie gewohnt.
In einer vollen Stadt ist das anders. Die Frage ist nur, ab sich jmd das überhaupt vorstellen kann.
@Usr Anstatt ihres üblichen abschätzigen Framings gegenüber Radfahrenden (halsbrecherisches Vorbeidrängeln an Lkws, ohne Licht fahren, garstige Gesten zeigen, Fluchen … fällt ihnen da nicht noch mehr ein???) sollten sie vielleicht selbst mal einen Wechsel der Perspektive wagen! Zum Beispiel zu der eines Schulkindes, dass seinen Schulweg täglich entlang von Reihen überdimensionierter SUVs, die in den Fußwegbereich ragen, und rücksichtslos zugeparkten Kreuzungsbereichen bewältigen muss. Aber das kommt ihnen natürlich nicht in den Sinn.
Ja, lieber Autor, die Balkendiagramme erscheinen erfreulich konsistent, so daß Sie schreiben “Jeder schaut aus seiner Perspektive.” Tja, es ist aber ein Merkmal der Heutzeit, daß die Perspektiven so auseinandergestrebt sind und weiter auseinanderstreben. Einstmals waren die Perspektiven von weit mehr übergreifendem Verständnis geprägt. Vielleicht nicht vom Raser, den es früher schon gab, auf Fußgänger, aber doch schon von Fußgängern zum heute sog. MIV. Niemand wäre ein Terminus wie “Flächengerechtigkeit” eingefallen, es war klar, daß der Schattenwurf eine Autos größer ist als der eines Schulkindes. Und in der weiterhin klar war, daß Lastwagen bedrohlich sind und bleiben, so daß es als halsbrecherisch angesehen worden wäre, sich etwa als Radfahrer an der Kreuzung rechts an einem zum Halten gekommenen Lastwagen vorbeizudrängeln. Oder ohne Licht zu radeln, dann aber den erschrocken bremsenden Autos auch noch garstige Gesten zu zeigen und Flüche hinterherzurufen. Diese Kompartimentierung der Perspektiven ist das Ergebnis von Verwirrung: es ziemt sich anscheinend heute nicht mehr, einen Perspektivwechsel auch nur zu versuchen. Derlei brauchen menschlich miteinander umgehende Gesellschaften aber.
Daß es den Anschein hat, daß Leute aus der Alterskohorte 60-75 das Fahrrad als solches meiden, war mir selbst bisher nicht so aufgefallen. Ich kenne krasse Gegenbeispiele. Ich weiß aber auch, daß viele Leipzigerinnen und Leipziger (unter bestimmten Voraussetzungen) nur mit Auto “aus ihrer Bude raukommen”, wie ich hier lese. Meine inzwischen nicht mehr sterblichen Verwandten fuhren bis weit über 90 mit dem Opel die nötigsten Wege in einer anderen deutschen Stadt, größer als Leipzig. Na und? Warum sollte man denen die Weise, in der sie jahrzehntelang ein selbstbestimmtes Leben führten, absprechen? Frage ich als notorischer Radfahrer (heute nicht, liegt Schnee).
@Eckart Sackmann
Ganz unrecht hast du nicht. Man sieht überwiegend Menschen u50 auf dem Rad und ü70. Das ist kein Leipziger Phänomen, sondern ein bundesweites.
Vorsicht, Zuspitzung: Die Boomer sind autoverliebt und bewegen sich überwiegend mit dem Auto fort – egal wie die Bedingungen sind. Klar könnten auch die Boomer Rad fahren – ein paar machen das auch im Alltag – aber für die meisten Boomer ist das Fahrrad ein Freizeitsportgerät mit dem man am Sonntag mal um den See fahren kann, bevor man sich ein Eis kauft.
Wenn du in die älteren Bürgerumfragen, in die repräsentativen Verkehrsbefragungen usw. schaust, dann siehst du dort auch immer genau diese Gruppe 1955 – 1970, die bei der Verkehrsmittelwahl einen sehr hohen Anteil MIV hat. Das war auch vor 20, 25 Jahren so, dass diese Gruppe herausstach.
@ Eckart Sackmann
Mit einer ordentlichen und durchgängigen Radinfrastruktur können auch die Alten gut mit dem Rad fahren. Daran mangelt es leider an vielen Stellen. Es ist ein Irrglaube, dass alte Leute unbedingt ein Auto benötigen, “um aus ihrer Bude herauszukommen”. Da gibt es wesentlich mehr Punkte, an denen man ansetzen müsste. Auch die Nahversorgung und ordentliche Fußwege spielen da eine Rolle. Ihre Aussage passt auch nicht zu der Forderung einiger, dass man ab einem bestimmten Alter seinen Führerschein abgeben oder seine Fahrtüchtigkeit überprüfen solle.
So sehr ich auch den Ausbau des Radnetzes begrüße, habe ich doch das Gefühl, diese Politik betrifft nur die junge Generation. Ich sehe jedenfalls nur wenige alte Leute auf dem Rad. Die werden bei der Diskussion übersehen und abgehängt. Ein eigenes Auto ist für viele die einzige Möglichkeit, aus ihrer Bude rauszukommen.