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Die erste deftige Hitzewelle 2026 ist über Europa hinweggerollt und hat viele tausend Tote, unzählige verdorbene Früchte, vertrocknete Felder und historische Temperaturen zu Land und zu Wasser hinterlassen. Sie hat selbst den Tram-Verkehr in Leipzig in die Knie gezwungen, was wir sogar deutschlandweit in den zahlreichen Hitze-Tickern lesen durften.
Auch auf der Metaebene hat sich die Landschaft verändert: Wir sind nun endgültig in ein Wetterzeitalter eingetreten, in dem die Klimafolgen nicht mehr punktuell oder situativ erscheinen, sondern über längere Zeiträume großflächig und dermaßen deutlich, dass das Leugnen des Klimawandels (und das politische Festhalten an fossiler Energieerzeugung) nur noch mit bewusster Bosheit oder schweren kognitiven Problemen erklärt werden kann.
Ich habe während der Hitzewelle den Eindruck bekommen – anekdotische Evidenz –, dass der Schock in der Gesellschaft tiefer sitzt, als es an der Oberfläche der weiterhin ziellos vor sich hin tapsenden Klimadebatte sichtbar wird. Und das könnte ein echter Game-Changer werden.
Wäre da nicht … Seit ich „Atlantic Meridional Overturning Circulation“ fehlerfrei aussprechen kann, wird in der Klimabewegung davon geredet, dass es nur dieses eine, massive Klimaevent bräuchte, dann würde die Gesellschaft schon verstehen. Nachdem die Ahrtal-Katastrophe 2021 diese Erwartung nicht erfüllt hatte, setzte sich immer mehr der Gedanke durch, dass unsere Gesellschaft gar nichts begreifen könne, „… wenn sie noch nicht mal durch die Ahrtal-Katastrophe wachgerüttelt wurde!“
Diese Vorstellung ist natürlich Quatsch, denn die Ahrtal-Katastrophe war ein singuläres, lokales Ereignis und konnte in der Fläche gar nicht für ein solches Bewusstsein sorgen. Bewusstsein entsteht nicht vor der „Tagesschau“, es entsteht im unmittelbaren Erleben. Diesmal ist die klimatische Situation eine fundamental andere, denn in ihrer fühlbaren Intensität kann diese Hitzewelle als „Ahrtal in ganz Europa, über einen längeren Zeitraum hinweg“ betrachtet werden: Sie ging verdammt lange und sie war überall zu spüren.
Sinnlose Appelle
Trotzdem haben sich die üblichen Verdächtigen mal wieder als die Speerspitze kommunikativer Ahnungslosigkeit herausgestellt. Da wurde Katherina Reiche in allen möglichen Social-Media-Postings zum Rücktritt aufgefordert, da wurde in dehydrierter Umnachtung von „Merz muss es lernen!“ gefaselt, da wurde Friedrich Merz dazu aufgefordert, Katherina Reiche aus dem Amt zu nehmen – und zwar mit dem erklärten Ziel, dass er das wirklich tut.
Die Grundidee mag so verkehrt nicht sein, doch ohne Rückhalt aus der Industrie („Die Wirtschaft!“) und mit dem üblichen Duktus eines Bittstellers („Sehr geehrter Herr Bundeskanzler…“) ist das ein erwartbar wirkungsloser Schuss in den Ofen. Einer von vielen, by the way. In der Klimadebatte fühlt man sich nicht an den nackten Überlebenskampf erinnert, den wir gerade kämpfen (sollten), sondern an ein evangelisches Zeltlager im Schwabenland der 1980er.
Was könnten wir lernen?
Aber das ist ein alter Hut, der mich zwar den Rest meines Lebens ärgern wird, hier aber nun genügend Raum eingenommen hat. Kommen wir lieber zu dem, was wir aus dieser Hitzewelle und ihrem Nutzen für die Klimadebatte lernen können. Nur. … was könnte das sein?
Anstatt die Debattenwirkung einer Hitzewelle als „lautloser Killer“ kleinzureden, sollte man bedenken, dass eine Hitzewelle von allen Menschen im betroffenen Bereich hautnah erlebt wird: Alle schwitzen und schlafen schlecht, der Opa kollabiert im Garten, in Leipzig fallen die Straßenbahnen aus, Kühlregale bleiben leer und vieles mehr. Dieses unmittelbare Erleben ist es, wodurch Themen bei den Menschen verfangen – Studien und Katastrophen an fernen Orten vermögen das nicht.
Das gemeinsame Erleben aller Menschen in einem größeren Umfeld sorgt dafür, dass dieses Erleben nicht verschwiegen wird, sondern zu einem großen, allgemein diskutierten Thema wird – Studien und Katastrophen an fernen Orten vermögen auch das nicht. Mit der ersten Hitzewelle 2026 haben wir nach langem Warten die Unmittelbarkeit für die Klimadebatte also auf unserer Seite. Und es gibt in diesem Sommer mindestens zwei weitere Vorteile, die zwingend für die Klimadebatte genutzt werden sollten:
1. Der diesjährige El Niño, medienwirksam auch als Super oder Godzilla El Niño bezeichnet, hat den Fokus einer breiteren Masse schon früh im Jahr auf die Klimaforschung gelenkt. Wir sehen hier sehr deutlich, dass „Klima klickt nicht!“ eine Halbwahrheit ist, die man besser mit „Klimastudien und die Öffentlichkeitsarbeit der Klimabewegung klicken nicht!“ übersetzen sollte. Wenn Klima fetzig präsentiert wird, dann klickt es sehr wohl.
2. Während mit der Fußball-WM das größte mediale Ereignis des Planeten stattfindet, droht diesem Event (Stand: 29.06.) eine Hitzewelle, deren Ausmaße der europäischen Junihitze 2026 mindestens ebenbürtig sind. Die WM ist schon jetzt ein Kampf mit den Elementen, den z.B. die Klimaforscherin Friederike Otto bereits im Mai vorhergesagt hat. Bzw. Thomas Helmer schon vor Jahresfrist.
Klimakrise wird Alltag
Wir sehen also: Die Zeiten haben sich geändert, die Klimakrise scheint endgültig im Alltag gar nicht mal so marginalisierter Durchschnitts-Europäer angekommen zu sein. Wir springen nicht mehr von Einzelereignis zu Einzelereignis, wir spüren die Veränderung nahezu täglich, wobei auch der Godzilla El Niño in den kommenden Monaten eine Rolle spielen wird. Vielleicht sogar eine Rolle, die als Wegstein in die kurze, aber heftige Geschichte eines kollabierenden Klimas eingehen wird: Ab hier wurde es für alle spürbar.
Lassen wir uns nicht dazu hinreißen, den paar irrlichternden Armleuchtern und boshaften Lobbyisten, die weiterhin versuchen werden, einfach alles zu leugnen, mit gespielter Erschrockenheit mehr Aufmerksamkeit zu geben, als deren kleiner Zeh verdient hat. Bei der AfD funktioniert das elende inhaltliche Stellen genauso wenig, wie bei Klimakrisenleugnern. Hüten wir uns auch davor, in egozentrische Besserwisserei („Seht ihr, ICH hatte Recht!“) und das ewige moralisierende Genörgel zu verfallen.
Sondern nehmen wir die Menschen da mit, wo sie persönlich betroffen sind: bei der Kapitulation des ÖPNV, beim Ärger über ausfallende WM-Spiele oder schlicht beim verbrannten Liebstöckel, der bisher so gut gediehen ist.
Und wer noch nie bei Rekordhitze im Kleingarten freundlich und entspannt mit Diesel-Dieter über die Klimakrise diskutiert hat, sollte dieses für beide Seiten lehrreiche Erlebnis dringend nachholen. Du wirst dabei nicht nur viel über Kommunikation lernen, sondern auch über die Vorzüge von kaltem Eierlikör bei 39° Lufttemperatur.
Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.
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