This article is also available in English: Read this article in English.
Der Begriff der mentalen Resilienz bezieht sich fast immer darauf, aus Krisen gestärkt hervorzugehen (Krisenresilienz), um nach der Krise ein zufriedenes, gestärktes Leben führen zu können. Das ist eine gute und wichtige Sichtweise, die natürlich ihre methodischen Eigenheiten mit sich bringt. So sind viele Methoden darauf ausgelegt, handlungsfähig zu bleiben, den Alltag zu bewerkstelligen, die eigene Familie nicht in einen psychischen Strudel zu ziehen und so weiter – bis zum (absehbaren) Ende der Krise.
Tatsächlich bedeutet Resilienz nicht, eine Krise irgendwie hinter sich zu bringen, sondern beschreibt vielmehr die grundlegende Fähigkeit, unter dem Druck von Krisen mental standhaft zu bleiben. Auch auf Dauer.
In unserer heutigen Zeit stehen wir vor dem Problem, in einer Welt funktionieren zu müssen, die mit Siebenmeilenstiefeln dem Kollaps entgegentstrebt. Da fällt eine wichtige Motivation des üblichen Resilienzgedankens leider weg, denn diese „gute Zukunft nach der Krise“, auf die das Durchhalten oft fokussiert ist, wird zunehmend unwahrscheinlicher.
Das ist eine Situation, mit der wir Menschen nur schwer umgehen können, denn sie widerspricht unserem grundlegenden Verhalten als Homo sapiens – eine Situation, in der Krisen nicht mehr für sich stehen, nicht nur in einem abgesteckten Zeitraum oder in einem begrenzten Teil des Systems geschehen. Mittlerweile sind sie überregional, dauerhaft und verstärken sich gegenseitig. Wer sich gerne seriös gibt, redet von der „Multikrise“, während die lockere Zunge abseits des Auditoriums hierfür einen anderen Begriff verwendet: Clusterfuck!
Wir sehen also, dass Methoden, die die Menschen „nur“ durch eine begrenzte Krise tragen, möglicherweise selbst an ihre Grenzen kommen – nicht alle, aber die gängige „Achtsamkeit der Atemübungen“ auf jeden Fall. Trotzdem muss der Kollaps unserer gewohnten Welt nicht automatisch mit dem Zerfall der Lebensfreude einher gehen, auch wenn diese Zusammenhänge nicht von der Hand zu weisen sind. Von dieser Denkrichtung kommend, will ich hier ein paar Handreichungen geben. Manche kennst du vielleicht schon, andere werden dir eine neue Perspektive eröffnen. Für ein möglichst gutes Leben im schlechten.
1. Akzeptanz des Problems
Das ist bekannt – trotzdem ist diese Akzeptanz die härteste Übung und der häufigste Punkt des Scheiterns. Da der Clusterfuck die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begräbt, gilt es zu akzeptieren, dass das Leben zunehmend schwieriger, bedrohter, schmerzhafter, glückloser und letztlich lebensunwerter wird. Das ist ja der Key-Point des Ringens um eine lebenswerte Zukunft: wenn das nicht klappt, wonach es nun mal aussieht, dann wird das Leben nicht mehr lebenswert sein. Für viele… auch für dich?
Die wichtigste Aufgabe bei der Akzeptanz ist es, jene schmerzhaften Tage oder Wochen zuzulassen, die dieser Schritt anfangs bedeutet. Mit der Akzeptanz des Kollapses verliert die Welt viel Farbe, sie wird trostlos, selbst einfache Dinge verlieren ihren Sinn. Es kommen Gedanke auf wie: „Ich kann doch nicht die Hoffnung verlieren? Wozu soll ich mich dann noch engagieren?“
Das klingt nach einer depressiven Phase – und das ist es auch. Doch für mental halbwegs stabile Menschen ist es eine begrenzte Phase. Keine Sorge, die Farben kommen zurück, teils kräftiger als zuvor. Auch der Sinn des Lebens kommt zurück, meist sogar gestärkt. Die Phrase „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt!“ wird auf einer tieferen, weil bedeutungsvolleren Ebene spürbar.
Wir alle kennen die Beispiele von Menschen, die kurz vor dem Tod standen, und aus diesem Erleben mentale Stärke und eine andere, lebensbejahende Weltsicht zogen. So in etwa kannst du dir diesen Prozess vorstellen: Er ist eine heftige, spürbare Krise, die vorbei geht und deine Sinne schärft. Dinge, Orte, Menschen, Tiere und Erlebnisse werden relevanter, wenn sie bedroht sind. Die Bedrohung zu akzeptieren, stärkt damit sogar die Liebesfähigkeit. Und was, wenn nicht die Liebesfähigkeit, ist der Kern allen Seins? (okay, Fotofinish: Liebesfähigkeit, Katzen und Musik)
2. Menschliches Miteinander
Wir Homo sapiens sind soziale Wesen. Wenn wir Glück verspüren, dann wollen wir es teilen, wenn wir Wut verspüren, dann wollen wir sie teilen (beides heutzutage viel zu oft auf Social Media). Wenn wir Angst haben, dann suchen wir den Schutz der Gruppe. Das ist situativ richtig, wobei manche Menschen nie gelernt haben, zwischen einer oberflächlichen Gruppe und echtem Zusammenhalt zu unterscheiden. Auch hier ist Social Media ein Problem, wenn man sich in Echokammern voller Likes und „Freunde“ zurück zieht, ohne diese Menschen wirklich zu kennen.
Der Regen aus Herzchen und Likes in einer Gruppe auf Social Media fühlt sich zwar sehr gut an – aber so ist das nun mal mit emotionalen Triggern, wenn sie akut befriedigt werden. Das zwischenmenschliche Miteinander macht jedoch erst jenseits kurzatmiger Trigger zufrieden. Das kann die Familie sein, das können Partnerschaften oder Freunde sein. Aber es müssen zwingend Menschen sein, die dich als der Charakter mögen, der du bist.
Nicht unkritisch, wir alle haben schließlich unsere Schwächen, wo aber die musikalischen, kulinarischen, intellektuellen oder gar politischen Differenzen keinen Einfluss auf dieses diffuse Gefühl von Vertrauen und Zusammenhalt haben, da bist du vielleicht besser aufgehoben.
Am Ende der Gedankenkette ist es nämlich die Offenheit, mit der sich der Homo sapiens am wohlsten fühlt. Wenn du dich öffnen kannst, ganz gleich ob du Liebe oder Lasten teilst, dann bist du in guter Gesellschaft. Du bist weiterhin in guter Gesellschaft, wenn diese Menschen auch mal „Stop!“ sagen – denn die Offenheit eines gesunden Miteinanders gilt für alle, die daran beteiligt sind. Du darfst sagen, was ist, die enge Bindung gerät dadurch nicht in Gefahr. Dein Gegenüber darf das ebenso. Begegnungen ohne Reibungspunkte sind deshalb wenig haltbar, online wie offline. Wähle deine engen Kreise also mit Bedacht und ohne dich zu verstellen.
3. Loslassen
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so hält er schon an der gewohnten Vorstellung einer ewig stabilen Zivilisation fest – ein Irrtum, wie wir eingangs bereits erörtert haben. Zu den Gewohnheiten kommen wir später, in diesem Teil soll es nun darum gehen, wie wir das Hirn möglichst frei von Ballast halten – eine elementare Sache in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Dass es wichtig ist, in einer solchen Situation alte Gewohnheiten loslassen zu können, erklärt sich von selbst. Doch die Nützlichkeit des Loslassens sitzt tiefer.
Nehmen wir die Klimabewegung als Beispiel, die es sich seit vielen Jahren zur Kernaufgabe gemacht hat, auf die Drastik der Klimakrise hinzuweisen. Mittlerweile ist die Klimakrise so weit eskaliert, dass sie – heute und in Zukunft – diese Aufgabe selbst übernimmt. Für die Klimabewegung gilt es nun, von ihrer bisherigen Aufgabe loszulassen und diese (wünschenswerte!) Dynamik in der Klimadebatte mit einem neuen, zeitgemäßen Ansatz anzugehen.
Doch das tut weh, denn der Verlust einer Lebensaufgabe fühlt sich so an, als würde das Leben selbst einen wichtigen Sinn verlieren. Deshalb sieht man zurzeit eine Tendenz innerhalb der Klimabewegung, geradezu krampfhaft daran festzuhalten, dass „wir es sind, die den Menschen die Drastik erklären“. Womit sie selbst in der Frustfalle landen und den Kontakt zu den Menschen verlieren. Bedenke also, dass dein Leben keine festgezurrte Aufgabe ist – es ist ein veränderliches Sein.
Aufgaben fressen viele Ressourcen. Beziehungen fressen viel Lebenszeit. Wenn etwas davon losgelassen wird, dann werden riesengroße Räume frei. Da zeigen sich neue Wege und neue Menschen, Verbindungen und Möglichkeiten. Weil Loslassen oft ein endgültiger Schritt ist, gehe zwar nicht übervorsichtig damit um, aber mit Bedacht. Und vergleiche die Schwere des Festhaltens mit der Leichtigkeit des Loslassens, dann bekommst du ein Gefühl für diese intensive Leichtigkeit, die oftmals im Loslassen verborgen ist.
4. Verluste
Hier kommen wir nun zum konkreten Resilienz-Training. Unterscheiden möchte ich dabei das bewusste Loslassen vom ungewünschten, vielleicht sogar plötzlichen Verlust. Um diesen Verlust soll es jetzt gehen. Übrigens ist der Verlust im Grunde das, worauf wir uns mental einstellen müssen: vom abstrakten Verlust planetarer Grenzen über den konkreten Verlust eines niedergebrannter Wälder oder eines politisch verdrängten Vereins, bis zum persönlichen Verlust der Sandbienen in deinem Garten oder einer Person, die du liebst. Das wird hart – lernen wir also, damit umzugehen.
Verluste erzeugen starke Gefühle: Trauer, Wut, Einsamkeit und so weiter. Auch die Angst ist im Boot, denn wer eine Peer-Group, ein Zuhause oder einen ganzen Landstrich verliert, ist dadurch oftmals existenziell bedroht. Diese Gefühle werden zu Beginn am stärksten sein, doch werden sie nur dann dauerhaft verschwinden, wenn man den Mut aufbringt, durch sie „hindurchzugehen“ (Frank Herbert: „Litanei gegen die Angst“). Verluste sind also nicht nur schmerzhafte Erfahrungen, sie sind auch ein intensives Training für das Nervensystem, mit solchen Erfahrungen umgehen zu können.
Es gibt nun zwei Richtungen: Weglaufen und sich stellen. Beides ist übrigens Training, weil unser Nervensystem viel durch wiederholtes Handeln lernt. Was du immer wieder machst, das verfestigt sich. Suche dir also die Verluste in deinem Leben, mit denen du noch nicht abgeschlossen hast, und gehe diese wichtigen letzten Schritte. Wenn dich ein Verlust akut getroffen hat, dann arbeite damit, aber verdränge deine Emotionen nicht. Hilfreiche Stichpunkte sind u.a. „Rituale“ und „Miteinander“. Unter mfis.wordpress.com/2025/12/26/ein-ritual-fur-die-gruppe findest du ein Gruppen-Ritual zum Thema „Klimakrise und Verlust“.
5. Ausgebrannt sein
Wer ausgebrannt ist – täglich werden es mehr – hat gerade noch die Kraft für das Überleben. Im Alltag, auf der Arbeit, in Familiensituationen und so weiter ist jeder kleine Schritt eine große Anstrengung. Damit ist es keine schöne Situation, ausgebrannt zu sein.
Doch auch hierin liegt eine Chance, die weitaus weniger schwammig ist, als der elende Kalenderspruch, dass in allem eine Chance liege. Der Kern dieser Chance ist der, dass sich ausgebrannte Personen auf die elementaren Dinge konzentrieren müssen. Von „Ich brauche mindestens zwei Urlaube im Jahr!“ wird dann schnell: „Ich brauche einfach jemanden, der mir zuhört.“ (Hinweis: Weder Social Media noch KI hören dir wirklich zu.)
Was ist also die strukturelle Veränderung in einer ausgebrannten Situation? Zuerst werden die überflüssigen Lasten abgeworfen, dann jene Lasten, die nur bedingt wichtig sind, bis am Ende der Überlebensmodus übrig bleibt und nur noch das Elementare (Essen, Trinken, rudimentäre Hygiene …) aufrechtgehalten wird. Spätestens danach sollte es allerdings wieder bergauf gehen – jedoch ohne die ganzen Lasten wieder aufzunehmen.
Um manche Lasten kommt man nicht herum (z. B. wenn die Arbeitsunfähigkeit beendet ist), trotzdem ist ein Ausgebrannt-Sein auch ein scharfer Schnitt, der viel Ballast beseitigen kann. Nicht zuletzt: unstimmige Lebenskonzepte, falsche Ziele, toxische Bündnisse und so weiter.
Was ist also in einer ausgebrannten Phase zu tun? Natürlich Ballast abwerfen, aber das geschieht ja mangels Energie ganz automatisch. Was diesen Prozess stützt und für eine langfristig positive Wirkung sorgen kann, ist, diesen Prozess gut zu begleiten. Analysiere, warum du etwas abwirfst, was dir daran fehlen wird und welche Freiheiten dir dieses Abwerfen gibt. Mache z.B. Listen mit den Vor- und Nachteilen jener Sache, und wenn du mehrere abgeworfen hast, sortiere die Dinge nach ihrer Relevanz für dein vergangenes, heutiges und zukünftiges Leben. Denke dabei immer an den Raum, der dahinter frei wird.
Denn: Sehr oft, ganz besonders in einer ausgebrannten Situation, fühlt sich die Welt wie eine kleine, enge Kiste an – jedes abgeworfene Ding kann dabei ein Fenster öffnen, sodass die weitaus größere Welt da draußen (und in dir drinnen) wieder sichtbar wird.
Was noch fehlt
Wenn du aufmerksam gelesen hast, ist dir sicherlich aufgefallen, dass manche Absätze (z.B. Absatz 3 in 5. Ausgebrannt sein) auch an anderer Stelle ihren Platz hätten finden können. Die Themen, die ich hier getrennt aufgeführt habe, sind also gar nicht so scharf trennbar (außer natürlich in der theoretischen Betrachtung). Des Epizentrum liegt im Thema „Verlust“ – und das hat einen klaren Grund, den ich mit folgender Aussage auf den Punkt bringen will:
Wir sind ins Zeitalter der Verluste eingebogen.
Für den Rest unseres Lebens.
Themen, für die hier kein Platz mehr ist, sind z.B. Rituale, Gewohnheiten, Körperwahrnehmung und Trance – wobei mit Letzterem nicht die elektronische Musik gemeint ist, sondern der Bewusstseinszustand. Es wäre jedoch fatal, zu behaupten, dass du nur ein paar Mechanismen bedienen und Verhaltensweisen beachten musst, und dann wird das mit dieser Zukunft schon ganz nett für dich. Wahrscheinlich wird es – wie gesagt – für niemanden nett sein, wenn die Lebensflächen spürbar schwinden und die Bekloppten und die Boshaften weiter an Oberwasser gewinnen. Der Clusterfuck ist einfach kein schönes Szenario.
Gerade deshalb gilt es, sich ein ordentliches mentales Rüstzeug anzulegen. Für sich selbst. Aber auch dafür, dass du stark genug bist, um für andere stabil zu bleiben, wenn eine Situation auf Messers Schneide steht. Man weiß es ja schon lange: „Nur gemeinsam sind wir stark!“
Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:
















Keine Kommentare bisher