In unserer LZ-Klimareihe fragen wir: Wer muss schon heute mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sie Arbeit und Alltag – und wen haben wir dabei bislang zu wenig im Blick? Dafür sprechen wir seit Anfang 2026 mit Menschen aus Leipzig und der Region, die Veränderungen unmittelbar erleben – und mit Fachleuten, die erforschen, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen können. In Folge 7 zeigt Klima-Bürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) auf, wie Leipzig die Klimawende stemmen will.
Wie kann eine Großstadt klimaneutral werden, ohne dass die soziale Balance verloren geht? Und ist eine Demokratie überhaupt in der Lage, eine Krise zu bewältigen, die schnelles Handeln und langfristige Entscheidungen zugleich verlangt? Heiko Rosenthal, Leipzigs Bürgermeister für Umwelt und Klima, steht vor genau dieser Herausforderung. Die Stadt will ihre Verwaltung bis 2035 und das gesamte Stadtgebiet bis 2040 klimaneutral machen. Seit dem Klimanotstand 2019 bündelt Leipzig seine Maßnahmen in einem umfassenden Energie- und Klimaschutzprogramm. Doch zwischen politischen Zielen und dem Alltag der Menschen liegen Zielkonflikte, Kostenfragen und Widerstände.
Klimaschutz muss im Alltag funktionieren
Besonders deutlich wird das beim Thema Mobilität. Für viele Familien sei der Verzicht auf das eigene Auto komplizierter, als es politische Debatten vermuten ließen, sagt Rosenthal. Kita, Schule, Arbeit und Freizeit müssten miteinander organisiert werden. Wer Menschen zum Umstieg auf Bus, Bahn oder Fahrrad bewegen wolle, müsse deshalb zunächst verlässliche Alternativen schaffen.
Auch die soziale Frage steht für Rosenthal im Zentrum. Klimaschutz dürfe nicht dazu führen, dass Menschen mit niedrigen Einkommen überfordert werden. „Die mit höheren Einkommen ausgestattet sind, haben auch einen höheren CO₂-Fußabdruck“, sagt er. Entsprechend müssten stärkere Schultern einen größeren Teil der Kosten tragen. Leipzig bezuschusst deshalb etwa das Deutschlandticket für Menschen mit Leipzig-Pass und will Klimaschutzförderung stärker mit dem sozialen Wohnungsbau verbinden.
Dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammen gedacht werden können, wird auch durch neuere Forschung gestützt. Studien zeigen, dass Maßnahmen wie ein CO₂-Preis auf größere Akzeptanz stoßen können, wenn Einnahmen sozial ausgewogen zurückverteilt werden. Die Klimawende ist damit nicht nur eine ökologische, sondern auch eine Verteilungsfrage.
„Wie wenig aktiv wir werden“
Rosenthal kritisiert zugleich die mangelnde Konsequenz der Politik – in Deutschland wie weltweit. Angesichts der Folgen des Klimawandels empfinde er „Kopfschütteln“ darüber, „wie wenig aktiv wir im globalen Maßstab werden“, obwohl längst bekannt sei, was notwendig wäre.
Auch in Leipzig gibt es politischen Gegenwind. Versuche, den Klimanotstand als „Symbolpolitik“ abzuschaffen, sieht Rosenthal kritisch. Ihm fehle in manchen Debatten das Bewusstsein dafür, dass wohlhabende Gesellschaften aufgrund ihres hohen Ressourcenverbrauchs eine besondere Verantwortung tragen – auch gegenüber den besonders vom Klimawandel betroffenen Regionen des Globalen Südens.
Gleichzeitig stoßen kommunale Klimaziele an Grenzen, die Leipzig nicht allein überwinden kann. Wenn S-Bahnen ausfallen oder verspätet sind, wird der gewünschte Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Verkehr schwieriger. Klimapolitik hängt damit immer auch von Infrastruktur und Entscheidungen anderer Ebenen ab.

Wärme, Haushalt, Infrastruktur
Bei der Umsetzung setzt Leipzig auf konkrete Instrumente. Die kommunale Wärmeplanung soll den Abschied vom fossilen Erdgas beschleunigen. Fernwärme soll ausgebaut, erneuerbare Wärmequellen wie Geothermie sollen stärker genutzt werden. Mit dem Klimahaushalt 2026 will die Stadt zudem erstmals systematischer betrachten, welchen CO₂-Fußabdruck ihre eigenen Ausgaben haben – von IT-Technik bis zur Beschaffung von Möbeln. Klimaschutz soll damit nicht länger nur ein einzelnes Politikfeld sein, sondern in alltägliche Verwaltungsentscheidungen einfließen.
Hinzu kommen Investitionen in Radverkehr und die Sanierung von Schulen und Kindertagesstätten. Für Rosenthal ist das keine reine Kostenfrage. Er warnt vor den langfristigen Schäden eines zu zögerlichen Klimaschutzes: „Wer heute den Klimaschutz verschläft, zahlt später ein Vielfaches für unproduktive Schadensbeseitigung.“ Sein eigenes Schlüsselerlebnis war das Dürrejahr 2018, als Leipzig zahlreiche Bäume im öffentlichen Raum verlor. Klimawandel, so seine Botschaft, ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr.
Ist Demokratie zu langsam?
Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Demokratie die richtige Staatsform für eine Krise ist, die eigentlich schnelles Handeln verlangt. Rosenthal beantwortet sie mit Zuversicht. Den demokratischen Streit sieht er nicht als Schwäche, sondern als Möglichkeit, Wissen zu vermitteln, Ängste abzubauen und Mehrheiten zu organisieren.
Auch neuere Forschung spricht gegen die einfache Vorstellung, autoritäre Systeme seien für den Klimaschutz grundsätzlich besser geeignet. Demokratien können zwar langsam und konfliktreich sein. Sie verfügen aber über Mechanismen für öffentliche Kritik, Beteiligung und Korrektur. Untersuchungen zeigen zudem, dass liberale Demokratien im internationalen Vergleich häufig ambitioniertere Klimapolitik betreiben als autoritäre Systeme.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Demokratie automatisch gute Klimapolitik hervorbringt. Sie muss ihre Verfahren weiterentwickeln. Eine aktuelle Studie aus Deutschland und den USA zeigt etwa, dass Bürgerräte und Expertengremien die Akzeptanz ambitionierter Klimapolitik teilweise erhöhen können. Sie ersetzen demokratische Entscheidungen nicht, können aber helfen, Wissen, Interessen und gesellschaftliche Perspektiven besser zusammenzubringen.
Politik kann den Rahmen setzen – den Wandel aber nicht verordnen
Genau hier sieht Rosenthal die Aufgabe demokratischer Politik: Sie kann Rahmenbedingungen schaffen, Infrastruktur aufbauen, Investitionen lenken und soziale Härten abfedern. Sie kann aber nicht einfach verordnen, wie Menschen leben sollen. Klimapolitik wird deshalb letztlich daran gemessen werden, ob sie Veränderung mehrheitsfähig machen kann. Dafür braucht es aus Rosenthals Sicht Fakten, Transparenz und positive Zukunftsbilder statt Angst vor Veränderung. Sein Leitbild ist entsprechend kein Verzichtsprogramm, sondern der Wandel vom fossilen Industrieland zum nachhaltigen „Hightech-Land 2.0“.
Die Demokratie müsse die Klimakrise nicht dadurch bewältigen, dass sie Konflikte vermeidet, lautet die Botschaft. Sie müsse vielmehr zeigen, dass sie Konflikte aushalten, Wissen aufnehmen und daraus gerechte Entscheidungen machen kann. Für Leipzig bleibt damit eine einfache, aber entscheidende Frage: Schafft es die Stadt, aus dem Wissen über die Klimakrise rechtzeitig konkretes Handeln zu machen – bevor aus den Warnzeichen unumkehrbare Schäden werden?
Das Video ist Teil des LZ-Klima-TV und bei der Leipziger Zeitung zu sehen. Dieses Gespräch ist Teil der LZ-Klimareihe mit Unterstützung des KuGel e.V. In den kommenden Wochen erzählen weitere Menschen, wie die Klimakrise ihre Arbeit und ihren Alltag verändert.
Wir finden: Solche Gespräche gehören in die Öffentlichkeit. Deshalb machen wir sie. Wenn ihr sie sehenswert findet, gebt ihnen die Reichweite, die guter Journalismus verdient.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:














Keine Kommentare bisher