In unserer LZ-Klimareihe fragen wir: Wer muss schon heute mit den Folgen der Klimakrise umgehen? Wie verändert sie Arbeit und Alltag – und wen haben wir dabei bislang zu wenig im Blick? Dafür sprechen wir seit Anfang 2026 mit Menschen aus Leipzig und der Region, die Veränderungen unmittelbar erleben – und mit Fachleuten, die erforschen, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen können. In Folge 6 erklärt Thomas Gärtner von der Initiative „LEIPZIG pflanzt“ seine Strategie, mit dem Klimawandel umzugehen.
Thomas Gärtner glaubt nicht daran, dass die Klimakrise allein von der Politik gelöst werden kann. Der 66-Jährige setzt stattdessen auf das, was Bürgerinnen und Bürger unmittelbar tun können: Bäume pflanzen, Flächen begrünen, Gewohnheiten verändern und sich einmischen. Als ehrenamtlicher Projektkoordinator von „LEIPZIG pflanzt“ erlebt er dabei beides – die Grenzen politischer Gestaltung und die Kraft gemeinschaftlichen Handelns.
Als „LEIPZIG pflanzt“ im Januar 2020 an den Start ging, war die Idee ambitioniert: Für jeden Leipziger Einwohner sollte irgendwann ein Baum gepflanzt werden. Aus dem Engagement von fünf Großeltern ist inzwischen ein großes ehrenamtliches Projekt geworden. Nach aktuellen Angaben der Initiative wurden inzwischen 30.963 Bäume und 8.487 Sträucher gepflanzt. Das Ziel von 600.000 Bäumen bleibt damit bewusst langfristig angelegt.
Wie konkret daraus neue Lebensräume entstehen können, zeigt etwa das Gelände des Leipziger Hospizes an der Magnusstraße. Im November 2024 wurden dort gemeinsam mit dem NABU Leipzig, dem Seehaus e.V. und weiteren Beteiligten 23 Bäume und mehr als 1.000 heimische Sträucher gepflanzt. Großkronige Laubbäume sollen künftig Schatten spenden, eine lange Hecke Lebensraum für Vögel und Insekten schaffen. Hinzu kommen eine Streuobstwiese, Wildblumenflächen und weitere Begrünungen.
Für Gärtner ist das mehr als ein Symbol. Es ist ein Beispiel dafür, wie Veränderung funktionieren kann: Menschen organisieren sich, übernehmen Verantwortung und schaffen gemeinsam etwas, das vorher nicht da war.
„Nicht immer nur auf die da oben warten“
Seine Kritik an der großen Politik fällt dennoch deutlich aus. Gärtner sieht einen grundlegenden Zielkonflikt zwischen ökologischen Notwendigkeiten und wirtschaftlichen Interessen. Fossile Energien, eine auf Wachstum und Konsum ausgerichtete Wirtschaft, der Einsatz von Agrarchemikalien und der hohe Fleischkonsum stehen für ihn exemplarisch für eine Gesellschaft, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen übernutzt.
Besonders kritisch sieht er den Einfluss von Lobbyinteressen auf politische Entscheidungen. Aus seiner Sicht wird die Politik ihrer Verantwortung beim Klimaschutz nicht immer gerecht, weil wirtschaftliche Interessen zu viel Gewicht bekommen. Seine Kritik richtet sich dabei weniger gegen einzelne Parteien als gegen ein System, in dem kurzfristige ökonomische Interessen mit langfristigen ökologischen Erfordernissen kollidieren.
Auch die Gesellschaft nimmt Gärtner in die Verantwortung. Eine Konsumkultur, die Menschen ständig zum Neukaufen animiert, hält er für Teil des Problems. Sein Gegenmodell ist vergleichsweise unspektakulär: Dinge länger nutzen, reparieren statt ersetzen, bewusster essen und weniger Auto fahren. Dahinter steckt eine grundsätzliche Überzeugung: Klimaschutz beginnt nicht erst im Parlament, sondern auch bei den alltäglichen Entscheidungen jedes Einzelnen.
Leipzig: Viel Zusammenarbeit – aber beim Hitzeschutz reicht das noch nicht
Mit der Leipziger Stadtpolitik geht Gärtner deutlich differenzierter um. Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung bewertet er positiv. „LEIPZIG pflanzt“ kooperiert mit der Stadt, Oberbürgermeister Burkhard Jung hat die Schirmherrschaft übernommen. Auch beim Klimaanpassungsprogramm der Stadt engagieren sich „LEIPZIG pflanzt“ und die „Omas for Future“.
Gleichzeitig sieht Gärtner angesichts zunehmender Hitzeperioden erheblichen Handlungsdruck. Leipzig müsse mehr Abkühlungsmöglichkeiten schaffen, Flächen begrünen und sich besser auf Starkregen vorbereiten. Entscheidend sei dabei, die zahlreichen Umweltinitiativen stärker zusammenzubringen: „Nur gemeinsam werden wir es schaffen.“
Dass Bäume tatsächlich gegen städtische Hitze helfen können, ist wissenschaftlich gut belegt. Eine 2024 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 182 Studien aus 110 Städten und Regionen aus. Die Forschenden zeigen, dass Bäume die Temperatur auf Fußgängerebene unter bestimmten Bedingungen deutlich senken können – in einzelnen Untersuchungen um bis zu zwölf Grad Celsius. Wie groß der Effekt ausfällt, hängt allerdings stark von Klima, Stadtstruktur, Standort und Baumart ab.
Das ist für die Leipziger Stadtplanung ein wichtiger Punkt: Es geht nicht allein darum, möglichst viele Bäume zu pflanzen. Entscheidend ist auch, wo sie stehen, welche Arten geeignet sind und wie sie langfristig gepflegt und mit Wasser versorgt werden.
Eine weitere aktuelle Studie bestätigt den Nutzen städtischer Begrünung, weist aber auf eine weitere Dimension hin: Grünflächen kühlen Städte, doch die Vorteile sind nicht überall gleich verteilt. Die Forschenden untersuchten die Kühlwirkung in Hunderten Städten weltweit und stellten erhebliche Unterschiede fest. Damit wird die Frage nach Stadtgrün auch zu einer Frage der sozialen Gerechtigkeit: Wer lebt in besonders dicht bebauten und heißen Quartieren – und wer hat Zugang zu schattigen und kühlen Grünräumen?
Bäume helfen – aber sie können die Klimakrise nicht allein lösen
Gerade hier liegt eine Grenze des Ansatzes, die auch wissenschaftlich deutlich wird. Eine 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchte 8.919 große Städte weltweit. Demnach reduziert die vorhandene städtische Baumkrone den potenziellen Wärmeinseleffekt derzeit erheblich. Gleichzeitig reicht die Wirkung bei Weitem nicht aus, um die globale Erwärmung auszugleichen: Selbst eine plausible Ausweitung der städtischen Baumkronen könnte nach Berechnungen der Forschenden nur einen kleinen Teil der erwarteten Erwärmung zur Mitte des Jahrhunderts abfangen.
Damit lässt sich Gärtners Ansatz wissenschaftlich einordnen: Bäume sind ein wichtiger Bestandteil der Klimaanpassung, aber kein Ersatz für Klimaschutz. Sie können Städte kühler, lebenswerter und ökologisch vielfältiger machen. Gleichzeitig müssen fossile Emissionen sinken. Für Leipzig bedeutet das: mehr Stadtgrün und gleichzeitig weniger klimaschädliche Emissionen. Klimaanpassung und Klimaschutz sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Aufgabe.

Kann die Demokratie die Klimakrise lösen?
Interessant wird Gärtners Position bei der Frage nach der politischen Handlungsfähigkeit. Eine grundsätzliche Absage an die Demokratie formuliert er nicht. Vielmehr zweifelt er daran, dass demokratische Institutionen allein schnell genug auf die Klimakrise reagieren können.
Seine Antwort lautet deshalb: mehr Beteiligung und mehr Druck von unten. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen schaffen, gute Projekte ermöglichen und sich gegenüber wirtschaftlichen Interessen behaupten. Gleichzeitig müssten Bürgerinnen und Bürger aufhören, ausschließlich auf politische Entscheidungen zu warten. Ehrenamt, lokale Initiativen und gemeinschaftliches Engagement seien für Gärtner keine Alternative zu staatlichem Handeln, aber eine wichtige Ergänzung.
Darin steckt letztlich ein pragmatisches Demokratieverständnis: Politik soll ermöglichen und steuern, die Gesellschaft soll sich einmischen und mitgestalten. Dass dieser Gedanke nicht völlig losgelöst von wissenschaftlichen Erkenntnissen steht, zeigt auch die Forschung zur Klimapolitik: Gerade bei der Anpassung an lokale Folgen des Klimawandels kommt Kommunen, Bürgerbeteiligung und zivilgesellschaftlichen Akteuren eine wichtige Rolle zu. Zugleich bleiben zentrale Entscheidungen – etwa über Energie, Verkehr oder Landwirtschaft – auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene unverzichtbar.
Vom persönlichen Einschnitt zur politischen Haltung
Gärtners Überzeugung ist auch biografisch geprägt. Eine eigene Krebserkrankung wurde für ihn zu einem Wendepunkt. Er veränderte seine Ernährung, entschleunigte sein Leben und begann, sich stärker ehrenamtlich zu engagieren.
Heute sieht er im Aktivwerden nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen psychologischen Effekt. Wer angesichts von Klimakrise, Kriegen und anderen Krisen ständig schlechte Nachrichten konsumiere, könne leicht in Hilflosigkeit geraten. Engagement biete einen Gegenentwurf: Man kann nicht die Welt allein retten – aber man kann dort anfangen, wo man selbst Einfluss hat.
Zwischen Zuversicht und Warnung
Gärtner ist trotz seiner scharfen Kritik kein Fatalist. Seine Zuversicht entsteht gerade aus den kleinen Erfolgen. Tausende Menschen, die gemeinsam pflanzen, pflegen, gießen und organisieren, zeigen für ihn, dass gesellschaftliche Veränderung möglich ist.
Langfristig fordert er allerdings mehr Konsequenz: Politik müsse sich stärker gegen Unternehmen und Lobbyinteressen behaupten, ökologische Grenzen ernst nehmen und die Rahmenbedingungen für eine nachhaltigere Lebensweise schaffen. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft ihren eigenen Lebensstil hinterfragen. Die Bäume von „LEIPZIG pflanzt“ können die Klimakrise nicht aufhalten. Aber sie machen sichtbar, was Gärtner für entscheidend hält: Handlungsfähigkeit statt Resignation.
Die Forschung liefert dafür eine nüchterne Ergänzung: Bäume können Städte messbar kühler machen, die Lebensqualität verbessern und zur Klimaanpassung beitragen. Sie können jedoch die globale Erwärmung nicht kompensieren. Dafür braucht es weiterhin konsequente Emissionsminderung.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft von Gärtners Engagement: Lokales Handeln ersetzt keine große Klimapolitik. Aber fehlende große Politik ist auch kein Grund, selbst nichts zu tun.
Das Video ist Teil des LZ-Klima-TV und bei der Leipziger Zeitung zu sehen. Dieses Gespräch ist Teil der LZ-Klimareihe mit Unterstützung des KuGel e.V. In den kommenden Wochen erzählen weitere Menschen, wie die Klimakrise ihre Arbeit und ihren Alltag verändert.
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